Twitter versucht mit dem neuen Angebot Moments, etwas mit Journalismus Vergleichbares zu machen: Die Twitter-Redakteure wählen Material aus und komponieren es zu kleinen, eigenen Geschichten. Interessanter als die ersten zaghaften Versuche der Umsetzung finde ich die Richtlinien, die Twitter sich selbst für diesen Dienst geschrieben hat.

Passagen dieses Dokuments lesen sich, als hätte Twitter den Pressekodex kopiert. Das meine ich nicht despektierlich. Im Gegenteil: Es ist ehrenwert, dass hier einer der großen Plattformbetreiber transparent mit der Rolle als Publikation umgeht und versucht, eine Berufsethik zu formulieren.

Die Twitter-Richtlinien sind ein Meilenstein. Suchmaschinen und soziale Netzwerke funktionieren als Publikumsverteiler ähnlich wie Medien. Sie wählen aus, welche Neuigkeiten aus der Flut an Neuem welche Nutzer erreichen. Die neuen Vermittler verteilen Aufmerksamkeit. Dienste wie Facebook, Google, Twitter sind Gatekeeper und sie können auch Agenda-Setter sein.

Pressekodex vs. Twitter-Richtlinien

Der Vergleich von Twitters Richtlinien und dem deutschen Pressekodex in drei Bereichen zeigt, wie ähnlich die Rollenbild und Schlussfolgerungen sind, aber auch, wo Probleme bei Twitters Do-it-yourself-Berufsethik drohen:.

1. Schutz der Persönlichkeit

Twitter-Richtlinien: „We avoid creating Moments that may invade privacy, encourage illegal activities, exploit or harm minors, or make Twitter, Inc. a focus of the story.“

Pressekodex: „Die Presse achtet das Privatleben des Menschen und seine informationelle Selbstbestimmung. Ist aber sein Verhalten von öffentlichem Interesse, so kann es in der Presse erörtert werden. Bei einer identifizierenden Berichterstattung muss das Informationsinteresse der Öffentlichkeit die schutzwürdigen Interessen von Betroffenen überwiegen; bloße Sensationsinteressen rechtfertigen keine identifizierende Berichterstattung. Soweit eine Anonymisierung geboten ist, muss sie wirksam sein.“

Es ist erstaunlich, dass Twitter keine ausdrücklichen Einschränkungen des deklarierten Primats des Persönlichkeitsschutzes aufführt. Ist ein rassistischer Ausfall oder eine Steuerhinterziehung bei einer Person des öffentlichen Lebens nicht anders zu behandeln als bei jedermann? Der Pressekodex führt viele Einschränkungen auf – der Text zur entsprechenden Ziffer ist noch viel länger. Denn: Es kommt auf den Einzelfall an. Und die Entscheidung in jedem Einzelfall sollte idealerweise dazu dienen, den Kodex zu präzisieren, sofern etwas Grundsätzliches abzuleiten ist. Deshalb ist der Pressekodex so lang. Twitters Richtlinie dürfte in der Praxis schon bald zu Fällen führen, wo auf der Basis keine klare Entscheidung möglich ist.

2. Genauigkeit

Twitter-Richtlinien: „When dealing with news or newsworthy content, we want to highlight quality Tweets that represent accurate information. If we ever highlight content that turns out to be inaccurate, we will retract it and issue a correction in a Tweet.“

Pressekodex: „Veröffentlichte Nachrichten oder Behauptungen, insbesondere personenbezogener Art, die sich nachträglich als falsch erweisen, hat das Publikationsorgan, das sie gebracht hat, unverzüglich von sich aus in angemessener Weise richtig zu stellen. (1) Für den Leser muss erkennbar sein, dass die vorangegangene Meldung ganz oder zum Teil unrichtig war. Deshalb nimmt eine Richtigstellung bei der Wiedergabe des korrekten Sachverhalts auf die vorangegangene Falschmeldung Bezug. Der wahre Sachverhalt wird geschildert, auch dann, wenn der Irrtum bereits in anderer Weise in der Öffentlichkeit eingestanden worden ist.“

Mir erscheint Twitters Richtlinie hier widersprüchlich. Wenn das Ziel korrekte Information ist, sollte daraus folgen, dass bei Korrekturen oberster Ziel sein sollte, den falschen entstandenen Eindruck zu korrigieren. Alle Nutzer, die den fehlerhaften Tweet gesehen haben, sollten die Korrektur sehen. Doch das steht in Twitters Richtlinien nicht. Anders als im Pressekodex, der eine angemessene Richtigstellung als Ziel vorgibt (was mehr ist als ein Korrekturtweet).

3. Eigeninteresse

Twitter-Richtlinien: „Our Moments curation team is not responsible for driving revenue, user growth, or managing Twitter’s partner relationships. We will feature Tweets in Moments and select Moments based on what best serves our audience, and not to benefit advertisers, partners, or Twitter’s business interests. We will generally avoid creating Moments that cover our own industry, our company, or our competitors.“

Pressekodex: „Die Verantwortung der Presse gegenüber der Öffentlichkeit gebietet, dass redaktionelle Veröffentlichungen nicht durch private oder geschäftliche Interessen Dritter oder durch persönliche wirtschaftliche Interessen der Journalistinnen und Journalisten beeinflusst werden. Verleger und Redakteure wehren derartige Versuche ab und achten auf eine klare Trennung zwischen redaktionellem Text und Veröffentlichungen zu werblichen Zwecken. Bei Veröffentlichungen, die ein Eigeninteresse des Verlages betreffen, muss dieses erkennbar sein.“

Auch hier erscheint mit Twitters Richtlinie etwas kurzsichtig. Dient es wirklich der wahrhaftigen Information der Öffentlichkeit, keine Details zu einem Sicherheitsdebakel bei Google zu veröffentlichen? Oder zu einer rechtlichen Auseinandersetzung zwischen Facebook, Twitter und dem amerikanischen Staat wegen des Datenzugriffs? Dient es wirklich dem Interesse der Öffentlichkeit, eine so wichtige Branche komplett aus der Berichterstattung in Moments auszuschließen? Ich finde nicht.

Wie konkretisiert und aktualisiert man solche Normen?

Wenn man sich all die offenen Fragen anschaut, die bei diesen drei Themen in Twitters Richtlinien sofort auffallen, stellt sich die nächste: Wer wird das konkretisieren? Wer wird in unklaren Fällen entscheiden? Der Pressekodex in Deutschland hat da ein gutes Instrument. In der Präambel heißt es: „Die Berufsethik räumt jedem das Recht ein, sich über die Presse zu beschweren. Beschwerden sind begründet, wenn die Berufsethik verletzt wird.“

Der Presserat macht vor, wie sich durch eine praxisorientierte Institution Medienethik weiterentwickeln kann. Gegründet wurde der Presserat 1956 als Reaktion auf ein geplantes Bundespressegesetz. Das Gesetz kam nicht, die Journalisten und Verlage haben freiwillige Selbstkontrolle gemacht. Getragen wird der Presserat von Verleger- und Journalistenorganisationen. Das System ist dynamisch: Jeder Mensch kann online eine Beschwerde einreichen. So muss sich der Presserat mit den Themen beschäftigen, die Menschen wichtig sind.

Der Presserat prüft Beschwerden anhand der Normen im Pressekodex – so werden ständig in Einzelfällen die abstrakten Prinzipien konkretisiert und es entstehen ständig neue Beispiele dafür, wie die Grundsätze in der Praxis helfen. Beschwerden sind begründet, wenn die Berufsethik verletzt wird.

Der Presserat entwickelt den Kodex ständig weiter, wenn Beschwerden neue Fragen aufwerfen. So entstehen zum Beispiel Normen für den Umgang mit Kommentaren im Netz. Eine solche Dynamik und unabhängige Instanz brauchen auch Richtlinien wie die Twitters, um irgendeine Wirkung zu haben. Ach ja, dass eine solche Instanz unabhängig von Unternehmen ist, könnte helfen. Und dass die großen Plattformen in der Branche sich einer solchen Instanz unterwerfen auch.

Was ist mit den anderen kuratierten Tweets?

Und so schön es ist, dass Twitter über die Berufsethik bei Moment nachdenkt, weil hier ausschließlich Menschen auswählen: Was ist eigentlich mit ethischen Grundlagen für diesen anderen großen Informationsfilter, den das Unternehmen betreibt? Den Twitter-Feed selbst. Die Auswahlkriterien dafür, was jeder einzelne Nutzer sieht, legen hier Entwicklern und Management fest. Sie entscheiden, nach welchen Prinzipien Software bestimmte Informationen bestimmten Nutzern anbietet und anderen nicht. Das sind publizistische Entscheidungen. Ich sehe keinen grundlegenden Unterschied zwischen einem Redakteur, der auswählt, und einer Software, die auf der Basis von durch Menschen definieren Vorgaben auswählt.

(Illustration basierend auf diesen gemeinfreien Werken aus den Commons auf Flickr)