Dominierten am 11. September 2001 in deutschen Onlinemedien Schlagzeilen im Duktus von „5000 Schüsse abgefeuert“ oder „Plötzlich mitten im Anti-Terroreinsatz“ oder „So läuft der Anti-Terror-Einsatz“? Das habe ich mich am Wochenende gefragt und wollte es herausfinden.

Ich habe die Onlineberichterstattung über die Anschläge von Paris habe als sehr actionorientiert wahrgenommen. Mich hat irritiert, dass Live-Berichterstattung über Polizeieinsätze und militärisches Vorgehen dominiert. Vielleicht liege ich mit der Wahrnehmung falsch, vielleicht haben Erzählungen wie diese über Notärzte, Polizisten und Feuerwehrleute immer schon aktuelle Berichterstattung bei solchen Ereignissen dominiert. Um herauszufinden, ob das vor 15 Jahren so war, wollte ich mir die Schlagzeilen, Artikel und Homepages deutscher Onlinemedien vom 11.9. und 12.9.2001 ansehen.

Es ist schlicht unmöglich, jetzt nachzuvollziehen wie am und nach dem 11.9.2001 die Berichterstattung in großen deutschen Onlinemedien wie der Netzeitung und bis heute großen wie Spiegel Online ausgesehen hat. Das liegt an drei Dingen:

1. Komplette Onlinemedien sind verschwunden und wurden nicht archiviert.

Das ist bei der Netzeitung der Fall. Das komplette Archiv aus neun Jahren Berichterstattung ist weg. Und Archive.org hat die Netzeitung im September 2001 gar nicht archiviert.

2. Einzelne Artikel sehen heute ganz anders aus, wurden umgeschrieben oder gar nicht archiviert.

Auch wenn ein Onlinemedium immer noch existiert und gedeiht, heißt das nicht, dass die alten Artikel verlässlich abrufbar sind. Das habe ich bei einigen Artikeln von Spiegel Online bemerkt. So hat der Artikel mit der ID 156883 in heutigen Darstellung einen ganz anderen Inhalt als in den von Archive.org erfassten, offenbar älteren Version.

Das ist immer noch besser als die Tatsache, dass bei vielen heute noch existierenden Onlinemedien die Artikel aus dem Jahr 2001 verschwunden sind. Der Perlentaucher hatte am 12.9.2001 eine Übersicht mit Analysen und Hintergründen zum Attentat veröffentlicht. Von 16 dort einzeln verlinkten Artikeln sind heute noch diese vier abrufbar. Anders gesagt: Drei Viertel sind verschwunden, obgleich die Onlinemedien weiter bestehen, die diese Texte ursprünglich veröffentlicht haben.

3. Homepages sind (noch) die Titelseiten im Netz. Sie werden nicht archiviert.

Wie beurteilt ein Kommunikationswissenschaftler oder Historiker heute, welche Relevanz unterschiedliche Presseorgane im 19. Jahrhundert einem Bergarbeiterstreik in Stadt X beigemessen haben? Wahrscheinlich wird die Methode irgendwie so aussehen: Der Forscher geht ins Archiv, analysiert die Berichterstattung und die Platzierung der Themen und misst dabei, wie weit vorne (Titelseite!) und auf welcher Fläche ein Thema abgehandelt worden ist. Die Annahme wird sein: Je prominenter und größer, desto relevanter.

Bei Onlinemedien war das in den vergangen zwei Jahrzehnten vergleichbar: Da viele Nutzer zum Beispiel von Spiegel Online direkt die Homepage (also Spiegel.de) aufrufen, kann man die einem Thema von der Redaktion beigemessene Relevanz daran festmachen, wie weit oben auf der Startseite es stattfindet. Und – das ist der Unterschied zu Papiermedien – weil es keine abgeschlossene Ausgabe gibt, ist ebenso entscheidend, wie lange im Tagesverlauf dieses Thema diese Plätze einnimmt.

Das heißt: Selbst wenn man heute eine archivierte Version der Homepage von Spiegel Online irgendwann vom 11.9.2001 auf dem Server von Archive.org hat: Wie sich die Gewichtung von Themen im Tagesverlauf entwickelt hat, kann man mit eine solchen statischen Kopie nicht nachvollziehen.

Fazit: All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, so wie Tränen im Regen

Zwei Jahrzehnte Onlinejournalismus sind vorbeigezogen, ohne dass jemand die Datenbasis für die Erforschung dieser Gründerzeit geschaffen hat. All das ist für immer verloren, wir haben heute dank Brewster Kahle immerhin Bruchstücke und Momentaufnahmen. Enorm wichtige Daten für die Erforschung von Themenkarrieren und veränderten Nutzungsgewohnheiten in den 20 Jahren Onlinejournalismus wäre die Abrufzahlen der archivierten Werke. All diese Daten lagen einmal digital in irgendwelchen Datenbanken vor. Vielleicht sind sie noch irgendwo da draußen. Aber wenn heute jemand die Onlineberichterstattung über den 11.9.2001 mit der über den 13.11.2015 vergleichen will, hat er noch viel weniger Material als ein Historiker, der die archivierten Zeitungsausgaben aus dem 19. Jahrhundert für seinen Bergarbeiterstreik untersucht.

Der Aufstieg geschlossener Plattformen macht Archivierung noch schwieriger.

Die Archivierung von Onlinejournalismus könnte noch viel schwieriger werden. Wenn die Homepages von Nachrichtenseiten an Bedeutung verlieren, weil Medienmarken immer mehr Inhalten über Plattformen wie Facebook oder Snapchat ausliefern, hat man in 15 Jahren vielleicht ein noch weit weniger archiviertes Material als wir heute aus den 90ern. Im offenen Netz konnte ein idealistisches Projekt wie Archive.org sammeln. In geschlossenen Plattformen wird das kaum möglich sein.