Die Diskursräume einer Gesellschaft formen ihre Debatten. Winston Churchill formuliert das im Oktober 1943 vor dem britischen Unterhaus einprägsam:

„We shape our buildings and afterwards our buildings shape us.“ (House of Commons, cc 403)

Damals geht es um den Neubau des von deutschen Bomben zerstörten Unterhausgebäudes. Churchills klare Präferenzen: Der neue Parlamentssaal soll rechteckig und zu klein für alle Abgeordneten sein. Rechteckig, damit Regierungsfraktion und Opposition im klaren Antagonismus einander gegenübersitzen statt im Halbrund nebeneinander. Dass es bei einem vollen Haus nicht genügend Sitzplätze für alle Abgeordneten geben soll, begründet Churchill so: Wenn einmal wirklich alle Abgeordneten zugleich anwesend sind, gehe es um Debatte von großer historischer Bedeutung, dann soll man das am Gedränge spüren. Und, ebenso wichtig: Im Parlamentsalltag sei lebhafter Austausch essentiell, das gehe in einem halbleeren Raum schlecht.

Die Gebäude der digitalen Sphäre formen heute unsere öffentlichen und halböffentlichen Debatten. Hier geht private fließend in öffentliche Kommunikation über. Die Diskussionen in sozialen Medien wirken auf alle dort Aktiven: Bürger, klassische Redaktion-to-many-Medien, Politik, den dritten Sektor. Unabhängige und vielfältige Medien sind Grundpfeiler einer lebendigen und funktionierenden Demokratie – das beinhaltet selbstverständlich alle digitalen Diskursräume. Das sind entscheidende Fragen für Medienpolitik: Wie vielfältig sind die Debattenräume der digitalen Sphäre? Wie formen sie Öffentlichkeit?

Unterschiedliche soziale Medien formen die Öffentlichkeit verschieden. So produktiv die Arbeit an politischen Programmen mit einem Werkzeug wie Liquid Feedback sein kann, so konstruktiv Diskussionen in Foren wie Metafilter oder Quora laufen – es gibt viele andere Beispiele mit anderer Ausrichtung, Moderation und daraus resultierender Öffentlichkeit. Deshalb gilt für die Medien der digitalen Sphäre dasselbe wie für ausschließlich redaktionell gepflegte Angebote: Die Vielfalt ist der Grundpfeiler einer lebendigen und funktionierenden Demokratie.

Das Kernversprechen des Internets ist dieses: mehr Vielfalt und mehr Teilhabe durch leichten Zugang, Dezentralität und Selbstorganisation. Dezentralität und Selbstorganisation im Netz nehmen wieder ab. Das schadet der Vielfalt und mittelbar den Teilhabechancen. Wie Christopher Lauer bilanziert: „Die dominierenden sozialen Medienplattformen eignen sich hervorragend zur Mobilisierung, zur Gruppenbildung und zur blitzartigen Informationsverbreitung – aber nicht zur produktiven, politischen Diskussion; deshalb müssen diese Debattenräume völlig anders strukturiert werden als Twitter oder Facebook, es braucht eigene, funktionierende Plattformen für die digitale Demokratie.“ (Lobo & Lauer, 2014, Loc 2485-2487)

Es ist höchste Zeit, das Kernversprechen zu verwirklichen. Vielfalt und Teilhabe gedeihen im richtigen Rahmen. Es braucht in der digitalen Sphäre ein neues Verständnis von Vielfaltssicherung. Sie umfasst auch die Vielfalt der digitalen Diskursräume und der algorithmischen Prozesse zum Bestimmen von Relevanz und zum Organisieren von Diskursen. Vielfaltssicherung umfasst Code und Kompetenz.

Fünf Vorschläge, wie Vielfaltssicherung in diesem neuen Verständnis praktisch umgesetzt werden kann:

1. Freie digitale Werkzeuge für ehrenamtliches Engagement.

Überall, wo sich Menschen in ihrem Quartier engagieren, kann freie Software vieles zugänglicher, einfacher und effizienter machen. Ein richtig auf die Prozesse abgestimmtes Ticketing-System, ein mit Discourse aufgesetztes Diskussionsforum, ein offener Team-Chat wie Mattermost schlagen jede Whatsapp-Gruppe, wenn es beispielsweise um die Organisation von Flüchtlingshilfe geht. Jede ehrenamtliche Initiative und jeder Verein im Land sind kleine soziale Gemeinschaften mit ganz konkreten Anliegen, bei denen Software helfen kann. Für diesen Einsatz braucht es ein Paket aus Training, Hosting und Anpassung der Software. Das ist Förderung zivilgesellschaftlichen Engagements und neuer Plattformen für vielfältige Diskurse in der digitalen Sphäre.

2. Digitale soziale Kompetenz fördern.

Gute Moderation sichert ein gutes Miteinander in jeder Gruppe, jedem Forum, jedem digitalen Kanal. Software hilft, klare Regeln auch, aber ein guter Moderator braucht Erfahrung, Training und kollegiale Beratung. Schulungen (online und offline), ein Forum für Beratung und Technikkompetenzförderung für alle Ehrenamtlicher, die auch moderieren müssen, legen die Grundlage für einen konstruktiven gesellschaftlichen Diskurs.

3. Die Exekutive kommuniziert über offene Plattformen.

Wo die Verwaltung digital mit Bürgern kommuniziert, muss jede Anstrengung, die in geschlossenen Plattformen investiert wird, auch einem neutralen, öffentlichen Raum zugutekommen. Konkret: Wenn ein Bürger Kontakt zu staatlichen Stellen sucht oder aktuellen Informationen folgen will, muss er die Wahl haben zwischen den dominierenden sozialen Medienplattformen und einer öffentlichen, nicht-kommerziellen, datensparsamen Alternative, zum Beispiel nach dem POSSE-Prinzip: Publish (on your) Own Site, Syndicate Elsewhere.

4. Freiheiten der Software als Kriterien im staatlichen Beschaffungswesen.

Staatliche Stellen müssen Daten in nicht-kommerzielle, der Öffentlichkeit dienende digitale Institutionen wie Wikidata, Openstreetmap, Wikimedia Commons übertragen. Um die Vielfalt in der Softwareentwicklung zu fördern, ist freie Software zu nutzen und zu fördern – etwa durch Security Audits, wie es die Europäische Kommission und das Parlament im EU-FOSSA-Projekt vormachen. Bei Anschaffungen von Software sind die Freiheit der Computernutzer, die Freiheit der Kontrolle über die Software und die Freiheit der Zusammenarbeit an der Software als dem Gemeinwohl dienende Auswahlkriterien einzubeziehen. Bei Entwicklungen muss die Weiterverwendbarkeit des Codes für andere als Kriterium für die Entscheidung einbezogen werden.

5. Kreativen, dem Gemeinwohl dienenden Umgang mit digitaler Technik fördern – zum Beispiel durch Wikipedians in Residence.

Damit mehr Menschen, die digitale Sphäre mitgestalten, müssen mehr Menschen Erfahrungen sammeln, wie kreativ man mit digitaler Technik sein kann. In Makerlabs, in Hackerspaces, im Freifunk und Gedächtnisinstitutionen. Ein Programm für Wikipedians in Residence in Archiven, Bibliotheken und vergleichbaren Einrichtungen könnte ein Anfang sein, um Kulturgüter digital zugänglich machen und so Teilhabe zu sichern. Eine ideale Erweiterung wäre ein Projekt für Heimatvereine, Schulen und Volkshochschulen, das die Arbeit am Mitmach-Lexikon lehrt, fördert und vor allem am konkreten Beispiel mit den Wikipedians in Residence übt. Digitalisierte Exponate werden in Pilotprojekten unter freien Lizenzen der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt und durch Programme wie Wikipedians in Residence für eine breite Öffentlichkeit nutzbar gemacht.

„The Net is of us, by us, and for us“, heißt es in der Neuauflage des Cluetrain Manifests (Searls & Weinberger, 2015). So sollte es sein, im Medienland 2030 – das wir steht für breite, aktive gesellschaftliche Teilhabe. Für Medienvielfalt in der digitalen Sphäre brauchen es mehr Maker, weniger User.

Dieser Text ist eine insgesamt erheblich gekürzte, an einigen Stellen jedoch ergänzte Version. Die Ursprungsfassung erschien im Mai 2017 in dem Sammelband „Medien und Journalismus 2030 – Perspektiven für NRW“ im Klartext-Verlag.


Literatur

House of Commons (1943). Sitting of 28 October 1943, vol 393 cc403-73, http://hansard.millbanksystems.com/commons/1943/oct/28/house-of-commons-rebuilding. Abgerufen am 4.9.2016, archiviert mit WebCite: http://www.webcitation.org/6kGbFOqqF

Lobo, S., & Lauer, C. (2014). Aufstieg und Niedergang der Piratenpartei. [Kindle-Ausgabe].

Searls, D., & Weinberger, D. (2015, Januar 8). New Clues. von http://newclues.cluetrain.com/ Abgerufen am 10. September 2016, archiviert mit WebCite: http://www.webcitation.org/6kQBhzNUm