Computertafel

Hartz-IV-Empfänger brauchen keine Computer, sie haben ja Fernseher: So absurd urteilen deutsche Sozialgerichte. Ausgerechnet die Schwächsten werden von moderner Kommunikation abgeschnitten. Ein Hamburger Ehepaar kämpft dagegen an – und verschenkt selbstgebastelte Rechner aus Elektroschrott.

Spiegel Online, 14.7.2010 (die Reportage wurde 2011 mit dem Sonderpreis beim Journalistenpreis Informatik 2011 das Saarländischen Ministeriums für Wirtschaft und Wissenschaft ausgezeichnet)

Horst Matzen redet sich in Rage. Er greift in eine der vielen Plastikkisten in seiner Werkstatt, nimmt eine Handvoll schwarz-rot-gelber Stromversorgungskabel für Festplatten, fuchtelt damit und sagt: “So was wird weggeworfen. Einfach so, da kostet die Tüte aber auch acht Euro beim Elektroversand!”

Dann geht Horst Matzen an der Regalwand in dem kühlen Kellerlager weiter, nimmt eine Festplatte vom Stapel im mittleren Fach: “Hier: 80 Gigabyte, 120 Gigabyte – funktioniert alles, sollte eigentlich entsorgt werden. Können Sie sich das vorstellen?”

Matzen, 58, sammelt in einem Kellerraum am östlichen Stadtrand Hamburgs Rechner, die andere Menschen wegwerfen wollten. Er schraubt die von Firmen und Privatleuten gespendeten Computer auseinander, sortiert die funktionierenden Bauteile aus, verteilt sie in seinen Kisten und baut neue, schnellere Geräte aus diesem Fundus. Er säubert die neuen Rechner, testet sie, klebt ein Siegel drauf – und dann verschenken er und seine Frau Angelika sie an Hartz-IV-Empfänger.

Die Matzens leben in einer Hochhaussiedlung in Berne. Sie wissen, wie es Hartz-IV-Empfängern geht – sie sind selbst welche.

Gelegenheitsjobs, Teegeschäft, Hartz IV

Im Flur stehen auf einem Regalbrett Blech-Teekisten: Wildkirsch, Chili-Schokolade, Sweet Orange, systematisch geordnet nach Früchte- und Schwarztees. Von Tee haben sie mal gelebt. Horst Matzen, gelernter Sanitärinstallateur, hat mal in Kiel für eine Installationsfirma gearbeitet. Sie schloss, als der größte Kunde Pleite ging. Matzen zog um, arbeitete als Bauklempner, als Bierfahrer, als Friedhofsgärtner. Mit seiner Frau Angelika, die 32 Jahre lang als Bauzeichnerin gearbeitet hatte, eröffnete er einen Teeladen. Das Geschäft war kein Erfolg. 2008 zogen beide nach Hamburg, weil sie in derselben Firma Jobs bekamen. Und wie das so ist: Beide verloren gleichzeitig ihre Stellen, als es nicht mehr so gut lief.

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Jetzt sammelt Horst Matzen in den zerkratzten blauen Teedosen seines früheren Geschäfts Computerbauteile. Er hängt Druckerkabel ordentlich wie Krawatten aufgereiht an ein Regal, steckt Speicherriegel sorgsam in antistatische Tütchen und legt sie in alte Haribo-Dosen. Viele Bauteile liegen noch im ehemaligen Gästezimmer, daneben die Aktenordner, in denen Angelika Matzen die PC-Anträge der Hartz-IV-Empfänger dokumentiert.

Wer einen Computer haben möchte, muss eine Kopie der ersten Seite des Bewilligungsbescheids per Post schicken oder faxen, eine Telefonnummer dazuschreiben und warten. Immer am Freitag ist Ausgabe. Am Mittwoch rufen die Matzens die Menschen an, die nun dran sind. Zehn oder zwölf Rechner geben sie pro Woche ab, je nachdem, wie viele Horst Matzen schafft.

Er ist ein Tüftler, in einer Zeit aufgewachsen, in der Computer-Hardware wertvoll und selten war – kein Konsumgut wie heute. 1986 kaufte sich Matzen einen Commodore 64. Der ging nach Ende der Garantiezeit kaputt, und er reparierte ihn. Der C64 steht heute noch im Gästezimmer.

“Wir müssen irgendwo eine Grenze ziehen”

Ende Juli wird der gemeinnützige Verein Computer-Spende Hamburg ein Jahr alt. Gut 600 Anträge haben die Matzens bearbeitet, 215 waren es 2009, 383 in der ersten Hälfte 2010. Auf ihrer Webseite dokumentieren sie genau, wie viele Rechner mit welcher Ausstattung sie wann verschenkt haben.

Wer braucht gespendete Computer? “Die Hälfte der Menschen, die sich melden, offenbar nicht”, sagt Horst Matzen. “Zur Ausgabe am Freitag kommt in Regel nur die Hälfte der Angeschriebenen.” Die anderen sagen meistens nicht mal ab.

Den typischen Hartz-IV-Empfänger gibt es nicht, das macht Matzen klar. Da ist der Vater, der mit seinem jugendlichen Sohn vorbeikommt und Tränen in den Augen hat, als Matzen einen der schnelleren Rechner herausgibt, die er für Jugendliche aufhebt. Da ist das Pärchen, das betrunken lallend zur Computerausgabe kommt. Der großen Unbekannte, der sich so sehr schämte, dass er nach der Computerspende nicht Danke sagen kann – aber im Vorraum ein Paket Kaffee als Geste da lässt.

Bei manchen Menschen habe er das Gefühl, dass die Rechner auf einem Flohmarkt landen, sagt Horst Matzen. Aber wie solle man das kontrollieren? Soll man etwa nach Gefühl entscheiden? Matzen: “Wir müssen irgendwo eine Grenze ziehen.” Wer einmal einen Computer bekommen hat und in der Datenbank steht, bekommt ohne guten Grund keinen weiteren.

Viele von jenen, die sich bei den Matzens einen Computer holen, wollen mit dem Gerät Anschluss halten an die übrige Welt. Ein Fernseher ist nach der deutschen Abgaben- und Zivilprozessordnung unpfändbar, weil er die Grundversorgung mit Informationen gewährleistet – ein internetfähiger Computer dagegen nicht. Die Anschaffung eines solchen Geräts taucht in den Hartz-IV-Regelsätzen nicht auf.

Fernseher statt Internet

In den 359 Euro im Westen sind zwar rein rechnerisch Ausgaben für “Internet/Onlinedienste” (3,18 Euro) und “Datenverarbeitung inkl. Software” (2,62 Euro) enthalten. Wer sich als Hartz-IV-Empfänger aber einen Rechner kaufen will, kommt kaum durch. In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel lehnte ein Amt den Antrag einer Frau auf einen Computer ab. Sie wollte dagegen klagen, beantragte beim Sozialgericht Prozesskostenhilfe – und scheiterte. Begründung des Landessozialgerichts: Die Klage sei aussichtslos, denn ein Haushalt lasse sich “ohne Probleme ohne einen PC führen”. Zur Grundversorgung mit Informationen reichten Fernseher und Radios.

Die Argumentation mag juristisch Bestand haben – aber passt sie noch in diese Welt? “In den meisten Berufen müssen die Menschen mit Computern so selbstverständlich umgehen wie mit der Sprache”, sagt Horst Matzen. “Wie soll das gehen, wenn sie den Rechner nicht im Alltag nutzen?”

Philosoph Christian Dürnberger vom Institut Technik-Theologie-Naturwissenschaften der Ludwig-Maximilians-Universität in München plädiert dafür, Rechner und den Zugang zum Netz nicht auf das Abrufen von Informationen zu reduzieren. Man müsse sie “als Werkzeuge der Netzwerkbildung verstehen”. Für Milliarden Nutzer ist das Web nicht nur ein Informationsspeicher, sondern auch eine Kommunikationsplattform.

Aus der Ungleichheit, dass die einen Zugang zum Netz haben und die anderen nicht, wird Ungerechtigkeit – nämlich wenn die Benutzung des Netzes einen “exklusiven Zuwachs an zentralen Lebenschancen” mit sich bringt, sagt Dürnberger. Für ihn hat das Internet längst diese Bedeutung erreicht. “Eine Unpfändbarkeit von internetfähigen Computern scheint mir ein sinnvoller, ethisch legitimierbarer Weg zu sein.”

Der Computerspende-Verein von Horst und Angelika Matzen ist da eine pragmatische Lösung eines gesellschaftlichen Problems – über dessen grundsätzliche Lösung niemand öffentlichkeitswirksam debattiert.

Wer zahlt die 60 Euro Lagermiete?

Die Matzens machen ihren Hilfsjob nebenher. Solange niemand die beiden für ihre gemeinnützige Arbeit bezahlt, ist sie in der Verwaltungslogik nicht beachtenswert, sondern lediglich tolerierbar. Als Hartz-IV-Empfänger müssen sie Vollzeit-Arbeitssuchende sein. Wären sie es nicht, würden die Leistungen gekürzt. Angelika Matzen nimmt als Arbeitssuchende selbst an einem Computerkurs teil. Sie hofft auf einen Job; sie ist 53, mit ihrer jahrzehntelangen Erfahrung als Bauzeichnerin gibt es noch eine kleine Chance.

Ob eine Frau, die Hunderte Computerspendenanträge am Rechner verwaltet, so einen Lehrgang wirklich braucht – das ist eine andere Frage.

Horst Matzen will nun den Verein stärken, mehr Mitglieder werben, damit die Lagermiete nicht mehr von Einzelspenden abhängt, sondern aus Beiträgen bezahlt werden kann. Immerhin, eine Zuwendung aus Belgien finanziert gerade die Miete für den Kellerraum bis Jahresende – 60 Euro im Monat.

Matzen gibt sein Wissen weiter. Für zwei Euro im Monat können Mitglieder zur Do-it-yourself-Reparatur zu ihm kommen, so oft sie wollen. Sie reparieren, er erklärt. Ihm gefällt das, was er macht, es hat einen Sinn. Er schaut von seinem Balkon auf die Hochhaussiedlung, blickt auf die Kräne des Hamburger Hafens im Hintergrund. “Es wäre toll, wenn wir mit dem Verein in ganz Deutschland arbeiten könnten”, sagt er.

Und dann, beiläufig: “Ich bin 58. Mich stellt niemand mehr ein. Da muss man so etwas machen, wenn man nicht verdummen will.”

HINTERGRUND: INTERNET, WOHLSTAND, CHANCEN

Netz der Wohlhabenden
Die Statistik zeigt: Je reicher deutsche Bürger sind, desto eher haben sie einen Zugang zum Internet. Diese Tatsache dokumentiert seit Jahren der (N)Onliner-Atlas des Marktforschungsunternehmens TNS Infratest (PDF-Dokument). Die aktuellen Zahlen:

  • 92 Prozent der Deutschen mit mehr als 3000 Euro Haushaltsnettoeinkommen im Monat sind online.
  • 80 Prozent der Einkommensschicht zwischen 2000 und 3000 Euro sind online.
  • 51,5 Prozent der Personen Einkommensschicht unter 1000 Euro nutzen das Netz.

Soziale Vorteile des Internets. Wer drin ist, kann …

  • in soziale Netzwerke gehen – zehn Millionen Deutsche nutzen allein Facebook.
  • billiger einkaufen – viele Produkte sind gebraucht und neu am günstigsten im Internet zu erstehen.
  • …per Elster-System digital Steuererklärungen abgeben – sie werden bevorzugt behandelt.
  • über Politik debattieren – das passiert heute vor allem in Onlineforen von Medien und Initiativen.
  • …zum Beispiel E-Petitionen an den Bundestag schreiben.
  • …in der überschuldeten Stadt Essen zum Beispiel über Sparmaßnahmen diskutieren – der Stadtrat bezieht die Online-Vorschläge ein.

 

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