Zurück zur Gegenwart! (Süddeutsche Zeitung, 13.3.2001)


Zurück zur Gegenwart!

Als das Tricksen noch geholfen hat: Warum Filme mit modernster Effekttechnik vollkommen technikfreie Welten produzieren

Süddeutsche Zeitung, 13.3.2001

Es gab eine Zeit, da wurde im Kino modernste Effekttechnik benutzt, um noch modernere Technik zu zeigen. Cyborgs aus flüssigem Metall etwa oder Raumschiffe groß wie Sterne. Technik war sehenswert. Das war auch noch so, als sie sich daran machte, das Kino grundsätzlich zu verändern. Die Darsteller aus dem Computer in „Toy Story“ schauten gerade deshalb so reizvoll aus, weil sie offensichtlich Geschöpfe einer neuen Technologie waren. Die Gesichter dieser Helden waren nicht von Falten, sondern der unwirklich glatten Textur aus dem Rechner gezeichnet. Aber heute, wo das Verhältnis Trick pro Bild dank digitaler Technik ebenso immens wie deren Qualität ist, macht kaum mehr ein Effektfilm Technik sichtbar.

Die filmischen Rechenkraft-Spektakel der kommenden Monate zeigen mittelalterliche Welten, die frei sind von jeder Technik: Verlassene Burgen und berittene Karawanen in „Dungeons & Dragons“, Schwertkämpfer auf Bergkämmen im Fantasy-Epos „Herr der Ringe“. Dieser Film spielt in einer Welt, die auf Pferden durchquert wird. Ein mythisches Jenseits, in dem ein kleiner Mann gegen das Böse kämpft. Doch solche Oasen der Vormoderne wären ohne enormen technischem Aufwand nie zu sehen – 140 Computeranimateure arbeiten etwa an der „Herr der Ringe“ Trilogie.

Auf den ersten Blick funktioniert dieses Verleugnen jeder Technik als einfache Beruhigungsstrategie. Jene diffusen Technikängste, die es zu besänftigen gilt, formulieren beide Filme. In „Dungeons & Dragons“ herrschen Magier – eine kleine Technologenelite also – über den großen Rest der Bevölkerung. Und in „Der Herr der Ringe“ kommt das Böse aus einem Land, das von Asche, Vulkanen und Rauch gekennzeichnet ist; Symptome also für die bedrohlich schwärenden Geschwüre der Technologisierung, die wir aus dem Zeitalter der Industrialisierung kennen.

Wer erzittert nicht angesichts einer Technik, die Bilder ermöglicht, welche keines Verweises in die Wirklichkeit mehr bedürfen? In dem im August startenden Film „Final Fantasy: The Spirits Within“ gibt es keine menschlichen Darsteller mehr. Dass man hier Nullen und Einsen dabei zuschaut, wie sie Menschen darstellen, kriegt man allenfalls bei Nahaufnahmen der Haut mit. Beängstigend ist diese Erfahrung, weil sie eine Entfremdung von der Natur bedeutet. Der Mensch wird in eine optisch mächtige Bilderwelt gezogen, die kein Äquivalent in der Natur braucht, ja hermetisch von ihr getrennt ist. Denn Bilder aus dem Computer muss man nicht einmal aufnehmen, um sie zu verfremden.

Dergleichen gab es nie. Dafür aber Bildtechnologien von ähnlich extremer Suggestionswirkung – für damalige Verhältnisse zumindest – wie die heutigen digitalen. Die Reaktion war immer das Zeigen exotischer, aber ungeheuer naturbelassener Orte: 1900 wurde in Paris zur Weltausstellung ein Cinéorama aufgebaut, das zehn gleichzeitig vorgeführte 70mm-Filme zu einem geschlossenen 360-Grad-Bild vereinigte. Die Leinwand stand zwischen den Menschen und ihrer Umwelt, und auf ihr waren die Naturpanoramen Madagaskars und des Kongo zu sehen.

Als in den USA in den zwanziger Jahren zweifarbige Lichtprojektionen räumliche Eindrücke ermöglichten, wurden Lager der Hopi-Indianer und die Rocky Mountains gezeigt. Im Imax betrachten die Zuschauer heute den „Grand Canyon“, das „Königreich der Elefanten“ oder „Delphine“.

Nicht nur die Bilder, auch die Geschichte, die „Herr der Ringe“ erzählt, will uns mit der Natur versöhnen. Es ist die Geschichte eines Manns, der aus seiner gesicherten Existenz herausgerufen wird, Abenteuer erlebt und zum Helden reift, um dann in die durch seine Taten gesicherte Existenz zurückzukehren. Die Story ist bekannt. Odysseus verbrachte die Zeit nach seinen Heldentaten mit Thoas Tochter in Ätolien zu, Luke Skywalker versöhnt sich mit dem Vater und rettet das Universum. Um mit C.  G. Jung zu sprechen: Dies sind Materialisationen der Psyche, Archetypen, die unabhängig von Zeit und Raum ihren Weg in Mythos und Kunst finden.

Aber ein paar Naturbilder und Archetypen können nicht vom unbehaglichen Erschauern angesichts der vom Computer bis in die Unendlichkeit verlängerten Armeen in „Der Herr der Ringe“ ablenken. Das Bild entspricht zu sehr dem Ersehnten, es ist eine zu perfekte Befriedigung. Suggestive Kultgegenstände waren Bilder immer schon. In Pompeji bedeckte 60 vor Christus ein Fries die Wände eines Kultraumes der Dionysosgemeinde. Das Blickfeld des Betrachters war vollkommen vom Festzug des Dionysos ausgefüllt, um ihn mit der mythischen Szene zu verschmelzen. Ganz ähnlich ist die Funktion von Himmelspanoramen an den Decken von Barockkirchen gewesen: Kirchraum und Himmel wurden eins. Der Film führte diese Bildertradition fort. Sergej Eisenstein schrieb, der Raumfilm wurzele in der rituellen Vereinigung von Akteuren und Zuschauern und folge einem archaischen Drang nach Wiedervereinigung von Schau und Zuschauermasse zu einem organischem Ganzen.

Der heutige Bilderkult unterscheidet sich in einem wichtigen Punkt von dieser Tradition. Der Macht des Dionysosfries entsprach ein ganz realer Kult außerhalb von ihm, auf den es letztlich nur verwies. Auch die Sehsucht nach den Naturbildern der Panoramen war die Befriedigung einer anderen Sehnsucht. Jener nach einer Rückkehr zur Natur aus den Großstädten Paris, London, Berlin und New York. Die heutige Sucht ist eine andere. Als „Star Wars Episode I: The Phantom Menace“ in die Kinos kam, campierten Tausende auf den Straßen, um als erste die Bilder zu sehen. Diese Zelebrierung des gemeinsamen Bilderrausches erinnert vielleicht an die Riten des Dionysoskults. Doch ist das Objekt solcher Begierde heute das Bild selbst. Es gibt nichts, worauf es verweist, es befriedigt allein durch Betrachtung.

Das süchtige Publikum verlangt ein sicheres kollektives Bildererlebnis. Denn mit Bildern ist es wie mit Heroin: Mit der Zeit muss die Dosis erhöht oder die Qualität gesteigert werden. In den vergangenen Jahrzehnten ist die Dosis explodiert. Die Qualität des Stoffs ist leicht zu definieren: Zu sehen, was noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Auch hier gab es eine stetige Verbesserung. Es begann 1895 mit einem in drei Dimensionen auf die Zuschauer zufahrenden Zug und ist heute bei vom Computer zu Zwergen geschrumpften Darstellern in „Der Herr der Ringe“ angelangt. Allein die Digitalisierung kann heute noch die erforderliche Qualität des Stoffs Bild garantieren.