Der Speicherwahn (Frankfurter Rundschau, 27.6.2003)

Der Speicherwahn

Unternehmen und Privatleute sammeln mehr und mehr Daten – nicht immer können sie damit etwas anfangen

Frankfurter Rundschau, 27.6.2003

Der Gesellschaft Gedächtnisstützen zu verkaufen, ist schon lange ein gutes Geschäft. Die Nürnberger Stadtkanzlei stellte im Jahr 1363 ihr Meisterbuch, dann die Stadtrechnungen und zuletzt ihr Amtsbuch von Pergament auf Papier um. Dabei wurde der Besitzer der ersten Papiermühle auf deutschem Boden – Nürnbergs Ratsherr Ulman Stromer – ein noch reicherer Mann als zuvor. 1650 lag der jährliche Papierverbrauch bei einem Kilogramm je Einwohner – die Papiermacher kamen dem Bedarf kaum nach. Ähnlich geht es heute den Herstellern digitalen Speichers.

Auf 62 Prozent pro Jahr bis 2006 schätzen die Marktforscher von IDC die Steigerung, die Kollegen von Gartner Dataquest gehen gar von 71,4 Prozent aus. Im Mittelalter schabte man noch mühsam die Tinte von alten Pergamenten, um sie als Palimpseste wiederzuverwenden – heute bleiben die alten Daten im Zweifelsfall erhalten.

Und das meist auf magnetischen Speichermedien: Eine Studie der University of California Berkeley ergab, bis zu 90 Prozent der neuen Informationen werden auf solchen Datenträgern gespeichert. Doch wer analysiert die Datenmassen, mit denen Speicheranbieter ihre Geschäfte machen ? Und woher kommen sie ?

Die größte Datenmenge speichern heute Unternehmen. Mika Kotro, Manager für Produkt-Marketing beim weltgrößten Hersteller von Speicherprodukten für Unternehmenscomputer EMC, geht von einer jährlichen Steigerung des Bedarfs von 50 bis 100 Prozent aus: "In den Unternehmen fallen heute vor allem Detaildaten an. Früher konnte man nur die Gesamtumsätze einsehen, heute kann man zeitlich und regional detaillierte Analysen machen." Deshalb ist das digitale Archiv des Einzelhandelsriesen Wal-Mart so groß: Es enthält zwölf Mal so viel Material wie das der US-Steuerfahndung. In den Vereinigten Staaten hält das Unternehmen die Verkaufsdaten jedes Produkts in jedem Laden und den Bestand zentral verfügbar, um Trends im Kaufverhalten und etwaige Lieferengpässe auszumachen. Diese Informationen nehmen 500 Terabyte Speicherplatz in Anspruch – eine fünf mit 14 Nullen.

Entscheider schaffen aus den Daten mit Statistikprogrammen, Analysesoftware oder Anwendungen zur Visualisierung dann Informationen. Der Modekonzern Benetton, der sich bislang auf das Gespür seiner Designer und provokative Werbung verlassen hat, setzt verstärkt auf zentrale Datenauswertung: "Wir wollen die Informationstechnologie für uns so einsetzen, wie wir es in der Vergangenheit mit den Mitteln der Werbung getan haben", sagt Technikchef Peter Caiazzi. Benetton werde die Verkaufsdaten seiner 5000 Geschäfte weltweit zentral auswerten – bis in Details, wie welchen Einfluss welche Schaufenstergestaltung auf die Umsätze hat.

Die Datenberge bei Unternehmen wachsen auch, weil immer mehr Geschäfte nicht nur digital protokolliert werden, sondern auch digital ablaufen. Ein Beispiel ist der Autovermieter Sixt: Die Kunden unterschreiben ihre Mietverträge in vielen Filialen nicht auf Papier, sondern auf einem Touchpad. Alle vertragsrelevanten Informationen aus mehr als 100 Sixt-Filialen liegen in zentralen Speichern.

Der dritte Grund für die wachsenden digitalen Unternehmensarchive sind juristische Auflagen. Zuletzt forderte die US-Börsenaufsicht, dass Unternehmen Protokolle elektronischer Chats drei Jahre lang archivieren müssen. Bereits heute sind an US-Börsen notierte Unternehmen verpflichtet, E-Mails drei Jahre lang zu archivieren. Chris James, europäischer Marketing-Chef beim Softwarehersteller Fujitsu Softek, beschreibt die Schwierigkeiten: "Dieselbe E-Mail wird in einem Unternehmen an bis zu sieben Stellen gespeichert und verarbeitet. E-Mail hat sicherlich am stärksten zum Wachstum des Speicherbedarfs beigetragen." Hinzu kommen gerade bei Autobauern und Pharmaunternehmen Entwicklungsunterlagen, die für die Prozesse nach etwaigen Produkthaftungsklagen archiviert werden müssen.

Privatanwender kommen bislang nicht in die Nähe solcher Datenmengen. Obwohl auch ihr Speicherverbrauch steigt – vor allem, weil Unterhaltungselektronik und Computer zusammenwachsen. Der Festplattenhersteller Seagate sieht für die kommenden Jahre die größten Wachstumschancen bei Spielekonsolen, MP3-Spielern und auf Festplatten basierenden Video-Rekordern. Sie verschlingen einiges vom im Durchschnitt jährlich um 55 Prozent wachsenden Speicherplatz bei privaten Computernutzern. Doch auch die vielen, seit Jahren nicht mehr geöffneten Dokumente mit Briefen, Notizen und Protokollen, die fast jeder Anwender auf seinem Rechner hortet, verlangen Ressourcen.

Wie der Sammeltrieb – und die neuen Möglichkeiten zu seiner Befriedigung – auf lange Sicht die Kultur beeinflussen, ist offen. Wahrscheinlich werden die Menschen bald lernen müssen zu löschen, statt nur neuen Speicherplatz zu kaufen. Denn die Wahrnehmungseffizienz lässt sich nicht beliebig steigern, wie Philosophie-Professor Manfred Sommer von der Universität Kiel betont: "Grotesk ist die Diskrepanz zwischen der Unmenge an Zeichen, die ich in kürzester Zeit präsent haben kann, und der Langsamkeit, mit der meine Augen sie erkennen und mein Geist sie verstehen kann. Das gilt – obschon nicht so extrem – schon für jedes Buch, das ich lese. Im 19. Jahrhundert nannte man das die Enge des Bewusstseins."

Längst versuchen Informatiker diese Enge zu erweitern – mit Software. So genanntes Knowledge Management ist ein Umsatz versprechendes Schlagwort bei Unternehmenssoftware. Es geht dabei nicht nur um die Organisation digitaler Archive. Das US-Unternehmen Tacit bietet eine Software an, die in einem Unternehmen, basierend auf den ein- und ausgehenden E-Mails, Profile der Mitarbeiter erstellt. Textanalyse soll Spezialisten auf bestimmten Wissensgebieten ausmachen und die Informationen in einer Datenbank abrufbar machen. Informationstechnologie vermittelt so als Filter den Kontakt zu besseren, da menschlichen Wissensfiltern. Die Anwendungen sind kaum erprobt. Das große Geld in solche Entwicklungsprogramme fließt in den Vereinigten Staaten erst seit dem Versagen bei der Datenauswertung vor dem 11. September 2001.

Bibliothekswissenschaftler Ralph Schmidt von der Fachhochschule Hamburg ist sich nicht sicher, wie viel der heutigen Datenbestände die Zeit überdauern wird: "Es ist nicht so, dass wir nicht vergessen können – wir können uns nur nicht von vermeintlich Wertvollem und Nützlichem trennen. Doch könnte das Ausdruck einer junginformationellen Sturm- und Drangphase sein, in der auf Grund unzureichend entwickelten Urteilsvermögens alles Selbstgeschaffene gehortet wird."