Dürfen Revolutionäre E-Mails schreiben? (telepolis, 1.11.2000)


Dürfen Revolutionäre E-Mails schreiben?

Vor fünf Jahren schien sich ein Aufbegehren gegen die Informationstechnologie abzuzeichnen. Beim Schein ist es geblieben – heute ist kaum etwas von den Neo-Ludditen zu hören.

telepolis, 1.11.2000

15 Monate dauerte der Aufstand der britischen Ludditen am Vorabend der industriellen Revolution. Einige Webstühle haben sie zerschlagen, am 20 April 1812 sogar das Haus eines Spinnereibesitzers in Lancastershire angezündet. Höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen forderten sie, ihre Wut entlud sich an den Webstühlen – ihren nicht zu schlagenden Konkurrenten. Sehr bald waren die meisten Revolutionäre gehängt oder in Haft.

Bei den Neo-Ludditen war dergleichen gar nicht nötig. 1995 verkündete das amerikanische Computermagazin Wired die Rückkehr der Ludditen. Der Wissenschaftler Theodore Roscak empörte sich über den „Kult der Information“, der Publizist Kirkpatrick Sale rühmte sich gar, bei einer Lesung seines Buches „Rebels against the Future“ einen Computer zergeschlagen zu haben. Bei einem zerstörten Computer ist es denn auch geblieben. Heute ist es merkwürdig still um die Neo- Ludditen.

Selbst Sun-Gründer Bill Joy, der mit seinen recht düsteren Prophezeiungen zur Zukunft von Nanotechnologie, Gentechnik und Robotisierung unter dem Titel „Why the future does not need us“ (http://www.wired.com/wired/archive/8.04/joy.html) in diesem Jahr berühmt wurde, gesteht gern ein: „Die Revolution der Informationstechnologie demokratisiert den Zugang zu den Werkzeugen.“ (http://www.salon.com/tech/view/2000/04/10/joy/index.html)

Aber es ist nichts neues, dass sowohl die Befürworter als auch die meisten Gegner der digitalen Revolution sich von der Verbreitung der Informationstechnologie die Emanzipation des Individuums versprechen. Auch der Zorn einiger Ludditen des 19. Jahrhunderts richtete sich im Endstadium nicht so sehr gegen die Maschine an sich, als vielmehr ihren exklusiven Besitz durch die Fabrikeigner. Sie selbst benutzten ja die spinning-jenny ohne Murren. Von der Kontrolle über ihr Werkzeug versprachen sie sich Autonomie.

Die britischen Soziologen Richard Barbrook und Andy Cameron haben in ihrem Essay „Die kalifornische Ideologie“ 1997 sehr schön den gemeinsamen Ursprung der neuen Silicon Valley Yuppies und der Neo-Ludditen beschrieben. Beide entstammen dem Lebensstil der amerikanischen Westküste der 60er Jahre, der sich mit Stichworten wie Betonung individueller Autonomie, Liberalismus, hohe Aufmerksamkeit gegenüber technischer Innovation etwa infolge der Theorien McLuhans beschreiben lässt. Das Individuum gegen die Masse – so kann man Unternehmer wie Steve Case betrachten, der in weiten, beigen Baumwollhosen einen Weltkonzern leitet, oder auch den Unabomber Ted Kaczynski, 18 Jahre lang drei Angehörige der „wissenschaftlich-technischen Elite der Informationsgesellschaft“ mit Paketbomben tötete und 23 weitere Verletzte. Kaczynski lehnte jede Technik ab, weil sie die individuelle Freiheit töte. Hier ist er ein Kind der „kalifornischen Ideologie“ Barbrooks und Camerons. Seine Fortsetzung der Hippieideologie in der Realität ist nicht das neoliberale Unternehmertum sondern der liberale Anarchismus.

Die Kritik der Neo-Ludditen stand auf einem wackeligen Fundament. Die wenigen, die Technologie vollkommen ablehnten, taten dies nicht aus einer wirklich durchdachten Theorie sonder eher einem romantischen Lebensgefühl und dem liberalen Ideal des selbstgenügsamen Individuum heraus. Nur leider speist sich der Silicon Valley Neoliberalismus aus eben diesen Quellen.

Die meisten Neo-Ludditen glauben jedoch wie ihre Gegner an das emanzipatorische Potential der Informationstechnologie. Folglich gibt es sogar zahlreiche Internet-Angebote von Ludditen. Selbst der radikale Computerzerstörer Sale fragte: „Aber wie werden wir den Computer gebrauchen? Wozu verwenden wir die Technik? Beherrschung und Ausbeutung der Natur für unseren Vorteil.“ Wird Technik also anders angewandt, ist sie zu befürworten. Nur leider sind die Neo-Ludditen dem Gedankengang kaum nachgegangen, wie Informationstechnologie anders zu verwenden sei. Der Kampf zwischen Aversion und Befürwortung stand im Vordergrund. Auf einer Ludditen-Seite im Netz wurde gar diskutiert, ob denn E-Mail als Kommunikationsmittel in Ordnung gehe. Offenbar waren die vermeintlichen Revolutionäre von einem nicht näher definiertem Glauben beseelt, aus dem Netz würde einst von selbst die Agora als Treffpunkt autonomer Individuen hervorgehen.

Dafür gab und gibt es einige Anzeichen. Kleingemeinschaften – Keimzellen der Gesellschaft in der anarcho- primitivistischen Theorie – bilden sich im Netz: Homosexuelle Teenager, die ihre Probleme mit den Mitschülern diskutieren, Luddisten, die über die Verwendung elektronsicher Post streiten, Gruppen ganz unterschiedlicher Menschen, die sich regelmäßig in einem Chat treffen.

Aber diese Anfänge einer elektronischen Agora sind Anfänge geblieben. Dem Internet an sich ist keine Zielrichtung in die Technologie eingebrannt, diese wird allein durch den Code bestimmt, wie es Lawrence Lessing ausdrückt. Und in den vergangenen Jahren definieren mehr und mehr Unternehmen, die im Netz Geld verdienen wollen, den Code des Internets. Die Prioritäten bei der Entwicklung liegen nun nicht mehr beim möglichst leichten und anonymen Zugang zu Information und Gemeinschaften, sondern eher beim effektiven Schutz von Information vor unerlaubter oder unbezahlter Nutzung und der sicheren Identifizierung von Anwendern zum Ziele der Abrechnung.

Ludditen und Neo-Ludditen machten hier den selben Fehler. Beide glaubten, der Technik sei ein unveränderbarer Sinn eigen. So schrieben die Berliner Drucker nach Jahrzehnten des Protestes gegen mechanische Druckmaschinen: „Wir haben Ruhe und Ordnung gehabt lange Jahre, und haben gearbeitet wie die Maschinen. Aber die Maschinen, die kein Brot essen und des nachts nicht schlafen, haben noch mehr gearbeitet, und wir wurden überflüssig und brotlos.“ Doch das wirkliche Problem ist nicht die Technik sondern die Definitionsmacht über sie. So lag man am verzweifelten Ende der Revolution in Großbritinnen gar nicht so falsch, als man die Aufmerksamkeit auf die Maschinenbesitzer richtete.

Weder die ideologischen Sklaven der industriellen Revolution wie Herrn Grandgrind („Facts alone are wanted in life. Plant nothing else, and root out everything else.”) in Dickens „Hard Times“ noch die Sklaven der Informationstechnologie in Couplands “Microserfs” sind Opfer einer Technik. Vielmehr sind sie die einer Denkrichtung, hier des Utilitarismus, dort der kalifornischen Ideologie. Weil die Neo-Ludditen ihre eigene Verstrickung nicht erkannten – weder den falschen Glauben an den unveränderbaren Sinn der Technik noch den an das liberale Ideal des selbstgenügsamen Individuums – ist es heute so still um sie.