Kleiner Bär als großer Bruder (Die Zeit, 23.5.2001)

Kleiner Bär als großer Bruder

Wie Spielzeug mittels Satellitennavigation und Mobiltelefon über Kinder wacht

Die Zeit, 23.5.2001

Es gibt Teddybären, die lassen sich nach einem verfaulenzten Tag abends von ihrem Besitzer die Treppe hinunter ins Wohnzimmer ziehen, um dort Geschichten über sich und ihre Heldentaten erzählt zu bekommen. Diese Sorte Bär war Pu. Heute gibt es Teddybären, die brechen abends nach 18 Stunden harter Arbeit zusammen, müssen in die Steckdose gestöpselt und aufgeladen werden. Denn tagsüber bestimmen sie per Satellit die Position ihres Besitzers und ermöglichen Telefonate mit Betreuern in einem Call-Center. Diese Sorte Bär hat das Unternehmen Mobile Family Services, eine Tochter von Siemens und der Gap AG, entwickelt. Nach den Sommerferien soll der Kommunikations- und Aufpassbär in München, Hamburg und Berlin angeboten werden.

Aber wohl nicht allein in Bärenform. Das ist eine Konsequenz des in München durchgeführten zweimonatigen Feldversuchs mit 50 Kindern zwischen 4 und 14 Jahren. "Mädchen finden Bären süß, ältere Jungs eher uncool", bilanziert Susanne Müller-Zantop, Geschäftsführerin von Mobile Family Services. Die wollen Technik haben, die auch wie Technik aussieht. Eines der erstaunlichsten Ergebnisse des ersten Feldversuchs ist die Selbstverständlichkeit, mit der die Kinder es akzeptieren, dass ein Satellit ihre Bewegungen überwacht und die Betreuer im Call-Center dank einer Datenbank über sehr persönliche Informationen verfügen. Die Kinder gaben ihren Teddymaschinen sofort Namen und wollten sich von ihnen nach Ablauf des zweimonatigen Versuchs nicht von ihnen trennen.

Das Neue und Faszinierende daran ist nicht die Technologie, sondern die Dienstleistung, die mit ihr geschaffen wird. Im Teddybären befindet sich ein Mobiltelefon, das über ein ebenso normales Funknetz betrieben wird. Dazu kommt ein GPS-Empfänger, der mittels der Satelliten des Global Positioning Systems den Standort innerhalb einer Großstadt auf 3 bis 50 Meter genau bestimmen kann. Die Position kann in beliebigen Abständen gemessen und per SMS an das Call-Center geschickt werden.

Drückt ein Kind auf den Sprechknopf seines Teddys, wird es ebenfalls mit dem Call-Center verbunden. Jeder Anruf wird einem beliebigen Mitarbeiter zugeteilt, und doch kennt jeder jedes Kind sofort gleich gut: In der Datenbank sind nicht nur medizinische Daten, alle bisherigen Kontakte mit dem Call-Center und Informationen über Freunde, Verwandte und Lehrer verzeichnet, sondern auch persönliche Dinge wie der Name des Haustiers oder das Lieblingsgericht.

Beim Feldversuch hatten die Kinder kein Problem damit, mit immer anderen Personen zu sprechen. Im Gegenteil: Sie riefen im Call-Center an, um Witze zu erzählen oder sich Gutenachtgeschichten vorlesen zu lassen. Aber auch, um an der Sekretärin des Vaters vorbeizukommen oder um ihren Eltern ausrichten zu lassen, dass sie etwas länger bei einem Freund bleiben. Es gibt ein Kommunikationsgefälle: Die Kinder können nur im Call-Center anrufen, sind aber für ihre Eltern jederzeit direkt über die Mobilfunknummer zu sprechen.

Daraus ergibt sich auch ein Machtgefälle, weil die Kinder wenig Zugriff auf die Lebenswelt ihrer Eltern haben, während die Eltern jedoch immer in die Lebenswelt ihrer Kinder eindringen können. Susanne Müller-Zantop weist aber den Begriff der Kontrolle zur Kategorisierung ihres Produktes zurück: "Ich habe als Kind auch wilde Sachen im Wald gemacht, dadurch wird man Unternehmer. Mir ist es lieber, dass Kinder mit einem Gerät X in den Wald dürfen als gar nicht."

Es ist keine allzu kühne Prognose, wenn man voraussagt, dass Kinder, die mit einem solchen Gerät aufwachsen, ein gänzlich neues Verständnis von Privatsphäre und Datenschutz entwickeln werden. Die Mitarbeiter des Call-Centers sind ja nicht als Privatpersonen, sondern aus rein beruflichen Gründen nett: Sie wissen viel über einen und werden dafür bezahlt, mit diesem Wissen vernünftige Dinge anzustellen. Es kann sein, dass irgendwann in naher Zukunft Datenschutz ein antiquierter Begriff ist. Das Firmenmotto von Mobile Family Services könnte den alten Spruch vom großen, beobachtenden Bruder ablösen – "It's cool to care".

Das Leben – oder besser seine Widerspiegelung in den Datenströmen – ist schon für heute Lebende schwer zu handhaben. Also wird das Management der persönlichen Daten professionalisiert, so wie einst das Brotbacken. Die "sicheren Datenhäfen" in Romanen William Gibsons sind ein Beispiel, Steuerberater sind ein anderes. Und Unternehmen wie Zero-Knowledge, die für Internet-Nutzer gegen entsprechende Bezahlung verschiedene Identitäten mit unterschiedlichen Anonymitätsgraden schaffen, sind die neuesten. Abgesehen von der konkreten Anwendung ist das Produkt Datenmanagement bei Mobile Family Services in einem solchen Ausmaß der Verfügbarkeit von Informationen neu. Es muss also erst ein Bewusstsein für die Nutzung entstehen. Und hier liegt das Problem: Mobile Family Services definiert als Zielgruppe ausschließlich die Eltern. Sie sollen noch vor den Sommerferien durch Kampagnen in München, Hamburg und Berlin geworben werden.

Offenbar hofft das Unternehmen auf einen guten Start durch die zahlreichen Schulanfänger nach Ferienende. Es soll Geräte und Dienstleistungen in drei Preiskategorien geben: Die teure Variante in Bärenform mit GPS, Handy und Call-Center soll sich beim Gerätepreis an einem Luxushandy und bei den laufenden Gebühren an einem normalen Mobilfunkvertrag orientieren. Etwas billiger ist die Variante ohne GPS und mit dem lustigen Arbeitstitel Gurke. Müller-Zantop will den Eltern einen Zustand des peace of mind verkaufen, wie sie es nennt. Offenbar bedeutet Elternsein in vielen Fällen schlicht Angst. Nicht unbedingt eine gute Ausgangsposition dafür, dass Kinder den Umgang mit Daten erlernen. Sie können bei Mobile Family Services zwar mit ihren Eltern entscheiden, welche Informationen über sie in der Datenbank gespeichert werden, sie können sogar die Standortbestimmung über GPS ausschalten, das aber nur, wenn ihnen die Eltern den Schlüssel für den Teddy überlassen.