„Erste Frage: Kannst du Kung Fu“ (taz-ruhr 27.05.1999)

„Erste Frage: Kannst du Kung Fu“

In den 60ern warben Zechen aus dem Pott Malocher in Südkorea. Tausende kamen. Einer von ihnen ist Jin Kun Baek

taz-ruhr 27.05.1999

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Auf der Zapfanlage setzt ein Porzellansamurai zum Manöver an. Sein Herr telefoniert hinterm Tresen. Jin Kun Baek, Wirt, Bergmann und Taekwondolehrer, wirkt müde. Er legt den Hörer auf, nimmt am Tisch Platz, fährt sich über die Stirn. Es ist später Nachmittag. Die Einkäufe fürs Restaurant sind erledigt, jetzt warten die Novizen in Baeks Sportschule, morgen die Frühschicht in der Bottroper Kokerei Prosper.

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Das koreanische Restaurant wirkt, als habe es schon in den Zeiten, wo auf Zollverein noch Kohle gefördert wurde, zur Fassade an der Altenessener Straße gehört. In der Nachmittagssonne zieht der Verkehr vorbei. Rechts hat der Zagreb-Imbiß die braunen Rolladen heruntergelassen, im schmutzig- gelben Haus links residiert ein Büdchen und daneben „Aba 2. Hand Möbel“. Dazwischen hat Baek vor zwei Jahren sein Lokal eröffnet. Leichte Verwirrung stiftet die Beschilderung. Neben „Man Nam“ steht da noch „Zum Vater Rhein, seit 1870“. Aber das Vorgängerschild hat seine Berechtigung, werden doch „asiatische und deutsche Speisen“ nebst „Bundeskegelbahn“ beworben.

Drinnen wälzt Baek Akten – statt zu essen. Die Wände hinter dem gemütlichen Eichenholztisch zieren Bierkrüge und Fächer. Baek hat einiges zu tun. Nebenbei ist er noch Vorsitzender der Essener Ortsgruppe des Koreanischen Freundschaftsvereins „Glückauf“. 1973 gründeten koreanische Kumpel im Ruhrgebiet den Verein. Bereits seit 1963 warb die Bundesrepublik Südkoreaner für die Arbeit unter Tage an. So entstanden zuerst in Aachen, Hamm, Dorsten und der Ruhrregion eine koreanische Community.

Auch Baek kam 1971 als Bergmann zur Zeche Jacobi nach Oberhausen. 23 war er da, hatte sein Abitur gemacht, 40 Monate Wehrdienst bei der Luftwaffe abgeleistet. Obwohl Baek es nicht so ausdrücken will, gehörte er mit seinem Schulabschluß zur intellektuellen Elite des Landes. Und gerade die stürzte sich damals auf die Arbeitsangebote des deutschen Bergbaus. „Studenten, Professoren – alle wollten auswandern“, erinnert sich Baek. In Südkorea waren die 60er Jahre durch ein autoritäres Regime geprägt. 1961 hatte die Militärjunta geputscht, der 1963 gewählte Präsident Park Chung ließ die Opposition durch Geheimdienste überwachen und einschüchtern, verhängte 1972 das Kriegsrecht und schränkte die Bürgerrechte weiter ein. Der Bergbau bot eine der wenigen Chancen, abzuhauen. So kamen auf 100 Einfache-Kumpel-Stellen in Deutschland bisweilen 2500 Bewerber. Prüfungen siebten dann aus. „Man wollte eher Leute mit Köpfchen als Muskeln, schließlich muß auch ein Bergmann bald die Sprache können“, erinnert sich Baek.

Etwa 200 Koreaner arbeiteten während Baeks Zeit auf Jacobi. Es war hart. „Wir hatten ja fast alle bis dahin mit dem Bleistift statt mit der Schippe gekämpft“, sagt Baek. Er ist in Gedanken versunken, läßt den Bierdeckel fallen, mit dem er gerade spielte. Gewohnt hat er mit den anderen in einem Heim in Bottrop. „Wir blieben so fast nur unter uns“, erinnert er sich. Durch Fußballturniere, Jahresabschlußfeiern und Gottesdienste begann sich eine koreanische Community zu bilden.

Auf drei Jahre waren die Verträge der koreanischen Kumpel befristet. Baek hat in der Zeit seine erste Frau kennengelernt – als frisch verheirateter Familiengründer durfte er bleiben. Und er arbeitete sich hoch. Zum Schweißer unter Tage auf Prosper III in Bottrop 1975, dann nach einer Fortbildung zum Meß- und Regeltechniker 1979 über Tage auf der Kokerei Zollverein, schließlich ab 1986 nach erneuter Fortbildung als Elektromeister auf der Kokerei Prosper.

Nur wenige koreanische Kumpel sind wie Baek in Deutschland geblieben. In den 60ern wanderten sie nach ihrer Zeit unter Tage oft nach Kanada oder in die Vereinigten Staaten aus. Die zweite Arbeitergeneration in den 70ern kehrte zum größten Teil nach Südkorea zurück. So wurde „Glückauf“, einst Verband der koreanischen Bergleute, zum „koreanischen Freundschaftsverein in der BRD“. Etwa 35.000 Koreaner leben heute in Deutschland, gerade noch 1500 sind aktive oder ehemalige Kumpel. In 34 Ortsvereinen des Freundschaftsverbandes trifft sich die Community zum Grillen, Fußball, Jahresabschluß und -wie alljährlich in Bottrop- zur 1. Mai- Feier.

Jetzt muß Baek aber los zum Taekwondo. Kurz noch Frau Kyu Yon gedrückt, ist er sogleich im Renault unterwegs zur Sportschule. Mit 14 stand Baek zum ersten Mal auf der Matte, heute hat er den achten Dan – die dritthöchste Auszeichnung. Zum Trainer wurde er Ende der 70er in Bottrop. „Wenn ich zum Tanzen ging, war die erste Frage der Leute, ob ich als Schlitzauge Kung Fu kann“, erzählt Baek. Damals gab es im Pott zwar Bruce-Lee- Filme, aber keine Sportschulen. Von Taekwondo hatte Baek die Interessenten bald auch überzeugt: „Wir trafen uns beim Kollegen im Keller, haben uns etwas gekloppt, und dann wollten sie Taekwondo lernen.“ So wurde ein Verein und dann eine Schule draus.

Wir fahren auf einen Hinterhof im grüneren Teil Altenessens. Hinterm blau getünchten Gebäude von „Reifen Schons“ erhebt sich im zweiten Stock des dahinterliegenden Anbaus „Baeks Sportschule“. Hinauf geht’s über eine Stahltreppe und das Dach vom Reifenladen. Der Vorraum entpuppt sich als Cafeteria. An den Tischen sitzen schon einige Eltern, beobachten durch die Scheiben, wie ihr Nachwuchs im Saal auf der Matte herumtollt. Eine kleine Kämpferin tapst barfuß auf Baek zu und ruft „Hallo“. An den weißgetünchten Wänden hängen Fächer, Urkunden, Medaillen und Wimpel. Darunter Baeks Industriemeisterbrief und sein „International Referee“- Zertifikat. Baek war als Kampfrichter schon bei den Weltmeisterschaften in Korea, Rußland und Frankreich. Vielleicht wird er gar 2000 in Sydney auf der Matte stehen, wenn Taekwondo das Licht der olympischen Welt erblickt.

Derweil zieht der Meister sich in seinem Büro um. Eine alte Schreibmaschine steht auf einem Tisch vorm Waschbecken, daneben Akten- und Papierberge, darauf Baeks schwarzer Gurt. „Ich kann 24 Stunden arbeiten, und es ist noch zuwenig“, lacht er. Vielleicht klappt es mit der Frührente. Wo er dann leben will, weiß Baek nicht. In Deutschland hat ihn vor allem der Job gehalten. Und seit seine Eltern gestorben sind, fährt er nur noch selten nach Südkorea. Zwei seiner Brüder leben in New York, die Familie seiner Frau auf Hawai. Mit der Insel könnte Baek sich anfreunden: „Ich bin doch überall gleich fremd.“

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