Rentner der Rennbahn (Jungle World 19.05.1999)


Rentner der Rennbahn

Mit Programm-Peter, Fettolle und den Kumpels von Zollverein beim Pferdewetten

Jungle World 19.05.1999

Der Dresscode scheint alten Herren beim Pferdewetten Hut, zu enges Polohemd und Schlabberbundfalten vorzuschreiben. Eine Stunde vorm ersten Start. Die ergrauten Hasardeure rücken in der späten Nachtmittagssonne an. In beigem Parka, oder mit lässig über den Arm geworfener Strickjacke passieren sie den Parkplatz der Gelesenkirchener Trabrennbahn, ständig in Gefahr vom Mofaschüler erwischt zu werden, der hier noch seine Runden zieht. Alle umklammern irgendwelche Papiere, Zeitungen, Täschchen. Da müssen sie sein, die geldschweren Tips der Altzocker. Nur wo krieg ich meinen her – ohne Polohemd, Papier und Jahrzehnte auf der Rennbahn?

Hinter dem rotzgelb gekachelten Eingang knubbeln sich die Leute um den Wagen mit den Rennprogrammen. Schließlich wollen sie ihre Kohle mit einem wissenden Gefühl setzen. Gut 200 Millionen Mark verwetten bundesdeutsche Pferdefreunde im Jahr. Heat "die Fachzeitung für Trabrennsport und -Zucht" versorgt im handlichen, täschchenkompatiblen A4-Format mit Voraussagen und allerlei nützlichen Zahlen über die startenden Gäule. Zum Beispiel erfährt man da, wer heute geimpft wird. Was mich aber den Favoriten nicht sonderlich näher bringt.

Wissend wirkt der Verkäufer. Ein netter, leicht angejahrter Kumpel. "Hasse was Peter", meint ein Großvater mit Sonnenbrille zu ihm. Dann drückt er dem Programm-Peter noch einen Schokoriegel nebst kleinem Feigling in die Hand. Dieselben Fragen von denselben Leuten seit 26 Jahren.

Damals hat sich Peter in den Job eingeheiratet: "Meiner Frau ihr Vater und der Opa haben das schon gemacht." Über 60 Jahre lang. Vor 86 lief das erste Rennen am Nienhausen Busch. Manchen verkauft der Programm-Peter seit 26 Jahren Woche für Woche ihr Programm. Zu den Wettveteranen hat er eine eigene Theorie: "Jeder zweite von den alten Bergleuten hatte ja Tauben. Und wenn die bei schlechtem Wetter nicht starten konnten, kamen die Kumpels zum Trabrennen."

Peter muß es wissen, schließlich war es selbst bis vor fünf Jahren auf Schlegel und Eisen in Herten unter Tage. Wo die Meister ihren Riecher herkriegen? "Die alten Hasen kommen morgens mit der Stoppuhr, wenn die Pferde gehen." Was ich nicht getan habe. Aber Peter orakelt zu mir und dem Sonnenbrillenopa: "Schaut mal im sechsten Rennen die fünf. Man hört ja schon mal was beim Pläuschchen an der Bahn." Und dann lacht er noch hinterher: "Macher ist hier reich geworden. Und die Verlierer haben es irgendwann gelassen."

Im Untergeschoß der Tribüne brüten die Poloträger schon über Papieren, Heat und den gelben Wettscheinen. Die Halle verströmt mit ihren kalkigen Wänden, grün- weißlichen Kunstofftischen und Neonröhren ein wenig vom Volkskammerflair des realexistierenden Sozialismus. Noch hat der Bitburger "Treffpunkt am Ziel" geschlossen. Ebenso die köstlichen Fritierfettduft verströmende "Bratwurst- Ecke". Zeit, sich Gedanken übers Wetten zu machen. Geraune hallt durch den Raum: "Die Hildebrandt braucht nur mal nen guten Tag" und immer wieder "Wewering". Heinz Wewering ist Weltmeister der Profitraber, und fährt mit dem Nimbus von 13000 Siegen im Sulky. Wer das mit dem Sulky noch nicht mitgekriegt hat: Beim Trabrennen trabt das Pferd und der Jockey sitzt im Wagen hinten drin, beim Galopprennen galoppiert er oben drauf.

Aber statt einer Siegwette auf das As, setzte ich eine simple Platzwette auf die Heat- Favoriten Campo Express und Kinsey Flait. Da gibt es eine miese Quote, aber immerhin etwas, wenn die unter den ersten dreien sind. Und schließlich waren beide vergangenen Donnerstag "turmhoch überlegen", wie die Fachpresse zu berichten weiß. Über so wenig Wagemut können zwei Ruheständler neben mir nur den Kopf schütteln. Karl mit goldener Uhr und Herztatoo auf dem linken Arm, Hans leutselig und rund wie Pu den Bär. Beide schwören auf die Dreierwette: Geringe Chancen, die drei Sieger in richtiger Reihenfolge vorherzusagen, dafür eine hohe Quote. Die ist hin und wieder fünf- bis sechsstellig. Trifft keiner auf der Bahn die Dreierwette, gewinnen alle, die wenigstens auf die drei ersten Pferde in beliebiger Reihenfolge getippt habe. Bei der Zweierwette gilt ähnliches – nur kriegt man als Gewinner bloß den zehn- bis fünfzigfachen Einsatz zurück.

Eine erfolgreiche Dreierwette haben die zwei Gelsenkirchener mit kühnen Plänen nötig: "Dann können wir auf dem Ballermann so richtig einen loslassen", träumt Karl. Seit zehn Jahren wohnt der pensionierte Dachdecker mit Hans zusammen. Der hat "aufm Büro gearbeitet", wie er stolz verkündet. Als die Gemahlinen von ihnen geschieden waren, gründeten die Herren ihre Alters-WG. Hans linst zum immer noch geschlossenen "Treffpunkt am Ziel" und ärgert sich: "Ich hab Brand und die Alte macht die Bude nicht auf!" Macht sie dann doch, was Hans mit zwei Bitburgern zurückkehren läßt.

Eine Minute bis zum Start. Vorne an der Bahn steht neben mir ein Typ mir roter Birne und Fettolle, pfeift die Melodie von Rivalen der Rennbahn, und hofft, daß Wewring Erster wird. Seinen Kumpel hat er schnell noch mit Wettscheinen losgeschickt, nun glotzt er das Fieldboard an. Die Eventualquote auf Wewerings Mähre steht derzeit bei 38. Siegt das Tier, gibt es nach derzeitigem Wettstand für einen Zehner Einsatz 38 Märker. 

Der Start ist dann recht unspektakulär. Von wegen alle auf einmal losrennen. Beim üblichen Autostart laufen die Pferde hinter einem Startwagen her, der beschleunigt bis zur Startmarke auf Renngeschwindigkeit und dann geht es los. Wann das nun genau ist, kriegt keiner so richtig mit. Irgendwann laufen die Tiere halt.

Eigentlich ist das Pferdegerenne auch egal. Die Profis sitzen eh drinnen und schauen sich alles auf dem Fersehschirm an. Virtuell wie der Golfkrieg wird hier mit Quoten, Kommentaren und schönen Bildern geliefert, was draußen passiert. Nur Frauen, Kinder und Anfänger stehen für die Cracks an der Bahn. Meine zwei Mähren werden erste, Wewering nur Dritter und infolgedessen Fettolle noch röter: "Scheiße, der Drecksack Wewering!" Der Wutschweiß glänzt und perlt. Für meine zehn Mark Einsatz kriege ich zwölf raus. Es wetten halt zu viele auf die Favoriten.

Bei den nächsten vier Rennen läuft es ähnlich, obwohl ich jetzt bei den wirklichen Profis drinnen am Schirm weile. Sechs emeritierte Kumpel von Zollverein sitzen an einem weißen Campingtisch in der Ecke der DDR-Halle. Einer der Kohleschürfer kommt seit 1958 zum Wetten. "Aber nur Donnerstags. Sonntag muß ich mit der Frau spazieren", betont Alfred Schwieger. Im Campingstuhl sitzt der 84jährige in seinen grauen Parka eingemummelt. Ab und zu beugt er sich auf den Gehstock gestützt zum Fernsehschirm vor. Schwieger rückt den Hut zurecht und erzählt von der Zeit als Vorarbeiter auf Schacht 12. Ja, Zollverein. Das waren Zeiten. Heiße Tips hat er nicht. Wichtiger als das große Geld sind ihm die alten Kumpel: "Mal geh ich mit mehr, mal mit weniger als vorher nach Hause." Aber fürs Taxi hat er immer eine eiserne Reserve.

So wie es aussieht, werde ich wohl mit dem erspielten Gegenwert einer Currywurst samt Bitburger abziehen. Caspar, Programm-Peters Tip und Nummer Fünf im sechsten Rennen, startet nicht. Bevor der Fatalismus überhand nimmt, setzte ich einen Zehner auf Sieg und Leone, den Gaul der Drecksau Wewering. Kaum zu erkennen, wer gewonnen hat. Leone zieht Kopf an Kopf mit Graf Santana durchs Ziel. Ich sehe Fettolle wieder, diesmal ruft er was von "Totes Rennen". Heißt: Mehrere Pferde gleichzeitig auf der Ziellinie und unentschieden. Und wieder irrt sich der Rotkopf mit dem Fetthaar: Einen Sieger gibt es doch. Und zwar Wewering. Was Fettolle wohl ärgert und noch mehr schwitzen läßt, mir aber 25 Märker bringt.

Mit einem leichten Siegesgefühl ziehe ich von dannen, obwohl ein Gutteil des Nettogewinns für Currywurst und Bitburger draufgegangen ist. Programm-Peter meint am Ausgang zu meinen 15 Mark: "Ist doch auch Geld." Er wettet übrigens nie.