Der Politiker und die Plural (taz, 21.5.2001)

Der Politiker und die Plural

Eckart Werthebach schützt die deutsche Sprache – leider nicht vor Berlins Innensenator

taz, 21.5.2001

Eckart Werthebach ist Berlins Innensenator. Zur Erinnerung: Das ist jener Mann, der stets eine Staubschutzbrille auf der Nase hat und für die Reinheit der deutschen Sprache kämpft. Jetzt hat er eine neue Geschäftsordnung für die Berliner Verwaltung durchgesetzt, die den 140.000 Landesbeamten den Gebrauch fremdsprachlicher Ausdrücke grundsätzlich untersagt. So viel Wille zur Reinheit wirft Fragen auf: Wie sieht Werthebach ohne Staubschutzbrille aus? Was passiert, wenn der Innensenator sich der deutschen Sprache bemächtigt? Hat Werthebach überhaupt Sprachgefühl? Und hat die Berliner Verwaltung für Innereien welches?

Lassen wir den Innensenator selbst sprechen: „Unsere Verfassung schützt nur friedliche Demonstrationen und ohne Waffen“, erklärte Werthebach während einer Rede im Abgeordnetenhaus von Berlin zum Thema „1. Mai 2001“. Die Verfassung schützt also ohne Waffen. Dass ist natürlich dann dumm, wenn jemand friedliche Demonstranten angreift. Aber da kann man nicht viel machen, denn so steht es ja in der Verfassung. Oder meint Werthebach, bewaffnete Demonstrationen seien verfassungswidrig?

„Es ist mir eine Ehre, hier zu dem Gesetzentwurf zur Änderung des Versammlungsgesetzes sprechen zu dürfen“, sprach es aus Werthebach – wieder während einer Rede, diesmal im Deutschen Bundestag am 16. 3. 2001. Und das geht dann wohl so, das Sprechen zu einem Gesetzentwurf: „Lieber Gesetzentwurf, schön, dass Sie so zahlreich erschienen sind.“ Wobei sich das Problem stellt: Singular oder Plural? Kleiner Tipp an den Senator – denn sonst spricht wohl niemand zu Gesetzentwürfen: Auf der sicheren Seite ist man mit dem Plural, den kann man dann als majestätischen ausgeben.

„Wenn die Mütter und Väter unseres Grundgesetzes die jüngsten Aufzüge der Neonazis am Brandenburger Tor sehen müssten: Sie würden sich im Grabe herumdrehen!“, wütete Werthebach ein andermal die deutsche Sprache in Grund und Boden: Wenn die Mütter und Väter unseres Grundgesetzes die Umzüge sehen könnten, würden sie sich nicht herumdrehen können, auch nicht umdrehen, wie die Redewendung eigentlich lautet. Denn könnten sie die Nazi-Umzüge sehen, wären sie nicht mehr im Sarg, sondern am Brandenburger Tor. Es sei denn, es gibt Fernsehgeräte in Särgen oder Gräber mit Fenstern unter dem Brandenburger Tor.

„Wenn zukunftsweisende Erfindungen wie das Internet allen Bevölkerungsschichten nahe gebracht werden soll, kann das nur in der Landessprache erfolgen“, ließ sich Werthebach am 31. 12. 2000 in der Berliner Morgenpost zitieren. Auch die Politiker muss der Plural achten. Leider auch, wenn Angst vor Sprachüberfremdung essen Seele auf.

Freuen wir uns auf den Tag, an dem George W. Bush und Eckart Werthebach sich treffen und plaudern. Werthebach könnte Bush, der ja nicht einmal des Englischen mächtig ist, berichten von seiner Sprachaufsehertätigkeit in der Senatsverwaltung für Inneres, deren Behörden gern Selbstverständliches verlautbaren: „Die Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege Berlin (FHVR) ist eine staatliche Hochschule mit dem besonderen Profil einer Ausbildung für die Funktionen der Beamtenlaufbahnen des gehobenen Dienstes der Berliner Verwaltung und Justiz sowie für verwaltungsnahe Dienstleistungen im weiteren öffentlichen Sektor.“ Es ist also ein besonderes Profil einer Fachhochschule für Verwaltung, dass sie das Verwalten lehrt? Von außen betrachtet, ließe sich sagen: Das ist pupsnormal.

Aber auch das Landesverwaltungsamt Berlin hat ein Faible fürs Verwalten: „Das Landesverwaltungsamt Berlin ist die zentrale Serviceverwaltung für die Dienststellen des Landes Berlin, sowie Dienstleister für die Beschäftigten des Landes Berlin. Das Landesverwaltungsamt Berlin erledigt Verwaltungsaufgaben . . .“ Tatsächlich? Aber ist schon okay, Verwaltung ist ja ein klasse Wort. „. . . die ihm von der Senatsverwaltung für Inneres und mit deren Zustimmung von der zuständigen Senatsverwaltung.“ Allerdings auch klasse genug, um sechsmal in zwei Sätzen aufzutauchen?

Was an Schreibaufwand hier zum Fenster hinausgeworfen wird, muss an anderer Stelle eingespart werden, zum Beispiel an Satzzeichen und Verben: „Grundstücks- und Gebäudeverwaltung Allgemeinen Angelegenheiten der Verwaltung der Dienstgebäude Für weitergehende Informationen wenden Sie sich bitte an folgende eMail-Adresse . . .“ Man wendet sich an Personen und schickt ihnen Post an ihre Adressen.

Hätte Eckart Werthebach Sprachgefühl – er wüsste, wem er ein paar aufs Maul zu geben hat. Ganz ohne Zusammenhang, allein um des lustigen Schlusses und Namens willen sei hier noch ein Teil der Mündlichen Anfrage Nr. 15 des Abgeordneten Fritz Niedergesäß (CDU) über „Kanalisation für alle Berliner“ zitiert: „Wie will der Senat das Vakuum der Auftragslage der Tiefbauunternehmen ausgleichen, das infolge der Rückführung der Investitionsrate der Wasserbetriebe entstanden ist?“ Was auch immer das heißen soll – es sei drauf geschissen.