Der erste echte Kanon (Bücher Magazin, 5/2005)

Der erste echte Kanon

Dies sind die 50 wichtigsten deutschen Autoren! Es gibt jede Menge Kanons. Aber alle sind geschmäcklerisch und subjektiv. Der von bücher nicht. Lesen Sie, warum.

Bücher Magazin , 5/2005

Woran erkennt man einen relevanten Autor? Daran, dass über ihn geredet wird. Die Leser empfehlen, streiten, analysieren – in Leseclubs, Universitäten, Schulen, Weblogs. Deshalb haben wir für unseren Vorschlag eines echten Kanons gut 1.000 Autorennamen (deutschsprachige Belletristik) gesammelt. Aus allen bisher erschienenen Ausgaben von bücher, den Spiegel-Bestsellerlisten der vergangenen fünf Jahre und einer umfangreichen Liste des Germanistischen Instituts der FU Berlin. Nach diesen Namen haben wir die Suchmaschinen Google, MSN und Yahoo im deutschsprachigen Web suchen lassen. Je mehr Treffer ein Autor bekam, desto weiter oben steht er auf unserer Liste. Man mag uns vorwerfen, dass Masse keine Qualität darstellt. Aber dies ist der erste Kanon, der nicht geschmäcklerisch ist, sondern widerspiegelt, wer die Menschen bewegt. Deswegen, so glauben wir: ein echter Erkenntnisgewinn.

1. Heinrich Heine
1797–1856, Deutschland. Ein Wintermärchen 
Dirty Harry des 19. Jahrhunderts. Mit 28 Jahren wird der jüdische Kaufmannslehrling und Jurastudent Harry Heine zum evangelischen Dr. jur. Christian Johann Heinrich. »Jetzt bin ich als Jude und als Christ verhasst«, sagt er und legt richtig los: witzig und weise, böse und brillant. Folgen: Verbot seiner Schriften in Deutschland, Exil, wichtigster deutscher Dichter laut bücher-Ranking.

2. Friedrich Schiller
1759–1805, Die Räuber
Stürmer und Drängler: Mit 17 veröffentlichter Lyriker, mit 22 gefeierter Dichter – Schiller hatte nicht ewig Zeit. Als sein Herzog ihm verbat, zur Premiere von »Die Räuber« zu reisen, fuhr Schiller trotzdem. So hat er es dann Zeit seines kurzen Lebens (46 Jahre) gehalten. Meist war er krank, todkrank eigentlich. Geschrieben hat er trotzdem, einige der schönsten deutschen Balladen und Dramen. Ein Idealist, der nicht nur glaubte, »dass es möglich ist, die Dinge zu beherrschen statt sich von den Dingen beherrschen zu lassen.« Er hat das gelebt.

3. Karl May
1842–1912, Winnetou I–III
Mit 14 wollte Karl May nach Spanien, ein edler Räuber werden, um den armen Eltern mit seiner Ausbildung nicht mehr zur Last zu fallen. Der Vater holte ihn am nächsten Tag heim, doch 20 Jahre später schrieb May eine seiner ersten Erzählungen über die Abenteuer spanischer Banditen. Und so ging es weiter: May bereiste im Kopf den Orient, Nord- und Südamerika, schrieb darüber. Großes Kopfkino. Und das war gut so: Die Karl-May-Gesellschaft ist heute eine der größten literarischen Gesellschaften Deutschlands. 

4. Thomas Mann
1875–1955, Buddenbrooks
»Wenn nun Niemand das Buch haben will?«, schrieb Thomas Mann 1901, als »Buddenbrooks« erschien, an seinen Bruder Heinrich. »Ich glaube, ich würde Bankbeamter.« Doch er wurde einer der größten deutschen Dichter aller Zeiten.

 

5. Franz Kafka

1883–1924, Der Prozess 
Großer Autor, da großer Pessimist: »Das Gute ist in gewissem Sinne trostlos« (über die Welt). »Ich will niemanden die Mühe des Einstampfens machen« (über seine Veröffentlichungen). Zu Lebzeiten unerkannt.

6. Wilhelm Busch
1832–1908, Max und Moritz
Enden schlecht, alles gut: Buschs Bildergeschichten beginnen als Idyll, enden im Inferno, verhöhnen die Spießbürger.

7. Hermann Hesse
1877–1962, Der Steppenwolf
Gefühltes Alter all seiner Helden: 16. Höchstens. Der Steppenwolf soll ja 51 sein, aber irgendwie steckt auch er in der Pubertät, reißt aus, reist nach innen.

8. Johann Wolfgang von Goethe
1749–1832, Faust. Der Tragödie erster Teil
Was soll man sagen? Außer: DER Dichter und Denker.

9. Bertolt Brecht
1898–1956, Die Dreigroschenoper
Missverstanden als Ideologe des Theaters. Aber bitte: Man lese: »Im Dickicht der Städte«. Und: einer der größten Lyriker: »An jenem Tag im stillen Mond September …«

10. Erich Kästner
1899–1974, Das fliegende Klassenzimmer
Schöpfer des Rollenmodells einiger Pädagogengenerationen, die Freund, Vorbild und moralische Autorität wie Lehrer »Justus« Böck sein wollten. Daneben Verfasser wunderleichter Romane wie »Fabian«.

11. Novalis
1772–1801, Heinrich von Ofterdingen
Immer von Sehnsucht geplagt. Nach: der Vorzeit (»wo die Sinne licht / In hohen Flammen brannten«), einer poetischeren Welt (»muss romantisiert werden«), dem Tod (»Zuhause«).

12. Heinrich Böll
1917–1985, Billard um halb zehn
Wer Böll heute (wieder) liest, entdeckt ein fremdes Land. Die alte BRD in all ihrer Enge, Piefigkeit und Härte. Böll hat den Geist einer Epoche aufgeschrieben. 

13. Theodor Fontane
1819–1898, Effi Briest
Der große Milde des 19. Jahrhunderts liebte Pferdezucht (in der Mark Brandenburg) und Ordnung (in der Politik), spottete ein wenig über Landadel, neureiche Bürger. Die Zeit hat er umso schärfer eingefangen.

14. Rainer Maria Rilke
1875–1926, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
Natur, Menschen, Gefühle – Rilke schaute genau hin. Denn: »Man wird anders davon und immer wieder anders.« Und manchmal ein großer Lyriker.

15. Günter Grass
*1927, Die Blechtrommel
Wenn Grass sich an Kapitalismus, Braunkohletagebau oder Rechtsextremen abarbeitet, weiß jeder, was drinstehen wird: nichts Gutes. Zum Glück hat er einige großartige Romane geschrieben.

16. Adalbert Stifter
1805–1868, Der Nachsommer
Kaufmannssohn flieht im Gebirge vorm Gewitter in ein Anwesen, bleibt dort für immer. Stifter erzählt das auf gut 700 Seiten. Er beschrieb das vollkommene Leben und wurde dafür gehasst (»Provinzdilettant«, Thomas Bernhard) oder geliebt (»wieder und wieder lesen«, Nietzsche).

17. Max Frisch
1911–1991, Homo Faber
Entspannter Schweizer Moralist mit Faible für menschliches Versagen. Als Stoff. Großer Erkunder des »Was wäre wenn?«

18. Cornelia Funke
*1958, Tintenherz
Mag Harry Potter. Hat den deutschen Harry Potter geschrieben. Gehört deshalb laut »Time Magazine« zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt. Die zwei anderen Deutschen auf der Liste: Papst Benedikt XVI. und Michael Schumacher. 

19. Georg Büchner
1813–1837, Dantons Tod
James Dean des 19. Jahrhunderts: Schreibt im Gymnasium ins Heft: »Lebendiges! Was nützt der tote Kram?«, dann die drei größten Theaterstücke und als Student auf ein Flugblatt die noch immer gern recycelte Parole »Friede den Hütten! Krieg den Palästen!«. Stirbt mit 23 an Typhus.

20. Elfriede Jelinek
*1946, Die Klavierspielerin
Leidliteratin (Österreich, Männer, Rechtschreibreform, katholische Kirche). Dafür mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

21. Thomas Bernhard
1931–1989, Auslöschung
Kein Autor (am wenigsten Mitösterreicherin Jelinek) kann so komisch und stilistisch perfekt schimpfen. Über Österreich, die Kirche, Stifter und den »nationalsozialistischen Pumphosenspießer« Heidegger.

22. Theodor Storm
1817–1888, Der Schimmelreiter
Mit 35 musste er die geliebte Nordsee verlassen, seine Geschichten aber blieben für immer dort. Sie erzählen von der Sehnsucht (meist nach Vergangenem). Fast jede Novelle Storms beginnt mit einem Versinken im Meer der Erinnerung.

23. Wolfgang Hohlbein
*1953, Märchenmond
Gut 150 Bücher habe er bislang geschrieben. Das erzählt Wolfgang Hohlbein seit Jahren. Es werden einige mehr sein, aber als kommerziell erfolgreichster (30 Millionen Gesamtauflage) deutscher Autor kann man schon den Überblick verlieren.

24. Erich Fried 
1921–1988, Liebesgedichte
Seine »Liebesgedichte« wurden zum Bestseller. Seine politische Lyrik brachte ihn nur in die Schlagzeilen und vor Gericht. Nach dem Urteil gegen Ulrike Meinhof fragte er: »Wieviel tausend Juden / muss ein Nazi ermordet haben / um heute verurteilt zu werden / zu so langer Haft?«

25. Gerhart Hauptmann
1862–1946, Die Weber
Der Nobelpreisträger schrieb über die Leidenden, Unterdrückten, Scheiternden. Worüber sonst als Schlesier?

26. Robert Musil
1880–1942, Der Mann ohne Eigenschaften
Musil über sich: »Eigensinnig, energisch und schwer umgänglich.« Und: Vielleicht größter Schriftsteller des 20. Jahrhunderts – aber konnte er das damals wissen? 

27. Ernst Moritz Arndt 
1769–1860, Geist der Zeit
Mochte das Vaterland (»muss größer sein«), Juden nicht (»passen nicht in diese Welt«) und nur eine bestimmte Art Demokratie (Zensuswahlrecht). Folgen: Wird heute von den einen mit Büsten geehrt, die andere später in Flüssen versenken.

28. Gottfried Keller
1819–1890, Der grüne Heinrich
Schmerzensmann. Bekam den ersten Korb von Luise Rieter: »Er hat sehr kleine, kurze Beine, schade!« Mit Frauen hat’s nie geklappt, mit dem Malen auch nicht. Also wohnte Keller bei Mama, litt und dichtete.

29. Michael Ende 
1929–1995 Die unendliche Geschichte
Seine Botschaft: Die Welt ist schlecht, aber es gibt irgendwo eine bessere. Wer die nicht findet, singt mit der Band »Tocotronic«: »Michael Ende nur du bist schuld daran/ Dass aus uns nichts werden kann.«

30. Jean Paul 
1763–1825, Siebenkäs
Goethe und Schiller lächelten über ihn: nicht klassisch, nicht romantisch, also nix. Doch Massen und Majestäten gefiel’s. Und den Armenadvokaten »Siebenkäs« werden wir immer lieben.

31. Heinrich Mann
1871–1950, Der Untertan
»Wer treten will, muss sich treten lassen.« Republikaner, Satiriker und Kritiker des Wilhelminismus. Stand zeitlebens im Schatten seines kleinen Bruders (4). 

32. Stefan Zweig
1881–1942, Die Schachnovelle
Bewunderte und beschrieb »Heldentum in einer inneren Überzeugung« (etwa Maria Stuart). Zerbrach am Untergang seiner geistigen Heimat Europa.

33. Friedrich Dürrenmatt
1921–1990, Die Physiker
Wer von der Notwendigkeit konstruktiver Kritik faselt, hat Dürrenmatt nicht (richtig) gelesen: Gerechtigkeit, Empathie, Humanität? Gibt’s dort nicht. Große Ideen als Polster für Desillusionierte? Auch nicht.

34. Heinrich von Kleist
1777–1811, Das Käthchen von Heilbronn
Suchte das ideale Glück, fand es sein kurzes Leben lang nur in der Dichtung. Einer der großen Modernen.

35. Peter Weiss
1916–1982, Die Ästhetik des Widerstands
»Der Sinn meines langen Wartens aber würde ja sein, von den künftigen Einsichten her das früher Aufgenommne zu klären«, schreibt er in seinem Hauptwerk, das genau das leistet.

36. Ingeborg Bachmann 
1926–1973, Die gestundete Zeit
Von ihren »radikal poetischen Mitteln« schwärmt Elfriede Jelinek. Das liest sich dann so: »Mit meiner verbrannten Hand schreibe ich über die Natur des Feuers.«

37. Arthur Schnitzler
1862–1931, Traumnovelle
Großer psychologischer Erzähler, perfektionierte den inneren Monolog. Freud sagte mal, er habe Schnitzler in Wien »gemieden aus einer Art Doppelgängerscheu«.

38. Joseph von Eichendorff
1788–1857, Aus dem Leben eines Taugenichts
Halbwüchsiger zieht mit der Geige durch die Welt, findet die Liebe. Selbst Thomas Mann »summte« nach der Lektüre »vor poetischer Verzauberung« der Kopf.

39. Gottfried Benn 
1886–1956, Morgue und andere Gedichte
Pathologe mit Hang zu düster-dräunender Lyrik: »es gibt nur zwei Dinge: die Leere / und das gezeichnete Ich«.

40. Elias Canetti 
1905–1994, Masse und Macht
»Ich habe es satt, die Menschen zu durchschauen. Es ist so leicht, und es führt zu nichts«, sagte der Literaturnobelpreisträger. Leicht für ihn, der mit einem Buch ein Zeitalter erklärt hat.

41. Christian Morgenstern 
1871–1914, Galgenlieder
Lebte für einen Dichter gänzlich unskurril. Hat er mit seinen Gedichten kompensiert. Zum Beispiel: »Kroklokwafzi? Semimimi!«

42. Fritz Reuter 
1810–1874, Ut mine Stromtid 
So klingt niederdeutsche Heimatliebe: »Un sei was ok ’ne Ehfru, as sei in ’n Bauk steiht.« Zum Glück übersetzt als »Das Leben auf dem Lande«. 

43. Peter Handke
*1942, Mein Jahr in der Niemandsbucht
Freund (Serbiens, Katja Flints, »andersfarbiger« Belgrader Bonbons) und Feind (der USA, der Nato, der »Medienmaschine«).

44. Martin Walser
*1927, Halbzeit
Wer Walser trifft, wird gut möglich zur Figur in einem seiner Romane. Hat dieser »Proust vom Bodensee« (Enzensberger) eigentlich noch Freunde?

45. Paul Celan
1920–1970 Todesfuge
Dichtete in der Sprache der Mörder über die Shoa: »Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends …«

46. Gotthold Ephraim 
Lessing
1729–1781, Nathan der Weise
Schrieb über die Freiheit, als man damit noch nicht brennende Feuerzeuge, sondern Aufklärung assoziierte.

47. Wolfgang Borchert 
1921–1947, Draußen vor der Tür
Der Trümmerliterat.

48. Arno Schmidt 
1914–1979, Seelandschaft mit Pocahontas
Er schrieb »maulhängkolisch« statt melancholisch, »sex & firz ich« statt 46. Begeistert hat das lange Zeit vor allem Germanisten und Jan-Philipp Reemtsma. Wird langsam anders.

49. Hermann Löns
1866–1914 Auf der Lüneburger Heide
Arno Schmidt (48.) hat die Heide fotografiert. Löns hatte keine Kamera, bedichtete also die geliebte Heideheimat. Für jede Menge Straßennamen hat’s gereicht. 

50. Christa Wolf
*1929, Der geteilte Himmel
Umstritten wegen ihrer Stasi-Kontakte, weniger wegen Sätzen wie: »Als meine Keuschheit seiner Scheu begegnete, wurden unsre Körper toll.«