Der Star schreibt sich tot (Bücher Magazin, 6/2004)

Der Star schreibt sich tot

Früher waren Stars Götter. Heute schreiben sie ihre Biografien auf, erzählen von gelben Hüfthosen, Amylnitrat und Zwiebelsaft. Auf der Suche nach einem wahren Leben stürzt sich mancher Promi vom Olymp in die Gewöhnlichkeit. Hat er eine Karriere und nichts zu erzählen hat, fehlt der Stoff, aus dem wahre Stars ihr Image formen.

Bücher Magazin , 6/2004

Als Robbie Williams 1995 die Boygroup „Take That“ verließ, fuhr er zu seiner Mutter, ließ die Haustür hinter sich zufallen und heulte dann los. Als Thomas Gottschalk 1973 mit seiner Frau Thea zusammenzog, schnappte er sich heimlich ihr Adressbüchlein und änderte die Telefonnummern hinter allen Männervornamen, machte aus einer Eins eine Sieben, verlängerte manche Null zur Neun. Als Pierre Brice 1945 mit 16 Jahren zum ersten Mal nach Paris kam, führte er eine junge Frau zum Essen aus, aß und trank mehr als er bezahlen konnte und musste schließlich seine goldene Kommunionsuhr im Restaurant lassen. So normal leiden Stars, wenn sie einmal nicht die Träume ihrer Fans leben. Von solchen Momenten erzählen die neuen Promi-Biografien und Autobiografien des Herbstes: Weltstar Williams als Heulsuse, der Moderator der größten Fernsehshow Deutschlands als eifersüchtig-unsicherer Gatte. Aus diesem Stoff sind Erfolgsbücher. Gut 800000 Mal kauften Menschen bislang Dieter Bohlens Autobiografie „Nichts als die Wahrheit“, die natürlich auch sehr profane Peinlichkeiten des Pop-Titanen („Penisbruch“) erzählte. Bohlens Buch war das erfolgreichste der ersten Biografiewelle. Jetzt rollt die zweite: Robbie Williams, Pierre Brice, Udo Jürgens, Franziska van Almsick, Joseph Jackson. Die neuen Geschichten von den Tränen des einsamen Überstars Williams, von der Unsicherheit des sonst immer schlagfertigen Gottschalk, vom vermasselten Date des Charmeurs Brice funktionieren ähnlich wie Bohlens Geständnisse: Sie zeigen die verletzlichen, menschlichen also die unbekannten und echten Seiten der Stars.

Wirklich? „Star-Autobiografien sind nur ein Spiel“, urteilt Harald Martenstein, der vor zwei Jahren als Koautor die Autobiografie des Moderators Ilja Richter verfasst hat. Später beschrieb er die Arbeit so: „Um glaubwürdig zu sein als einer, der seine Vergangenheit durchschaut, durfte er sich nicht schonen. So packten wir auch Peinlichkeiten in das Buch hinein.“ So arbeitet jede Starbiografie am Image ihres Helden. Denn wenn Stars altern, andere Dinge probieren, müssen sie sich neu erfinden, glaubwürdiger, netter, reifer, größer werden. Dabei helfen offizielle Biografien. Dieter Bohlen wollte vor den Kulissen feiern seine Erfolge als smarter Produzent feiern, die er „Hinter den Kulissen“ schon lange hatte (50 Platin-Schallplatten). Dabei half ein Kunstgriff seiner Koautorin Katja Kessler. Ihr Buch zeigt den harten, ehrlichen Pop-Proleten Bohlen: „Früher haben die Leute für die Lügen über mich sehr viel Geld gekriegt, jetzt kassiere ich für die Wahrheit. Hier bin ich, leckt mich alle!“ Ein paar selbst erlebte Peinlichkeiten (Penisbruch) untermauern die Ehrlichkeit des Poptitanen. So funktionieren auch die neuen, menschlichen Geschichten über den Weltstar Williams, den nie verlegenen Narren Gottschalk, den Schönling Brice. Ein wenig widersprechen sie der vertrauten Figur. Doch gerade die leichte Brechung macht das Image glaubwürdiger. Etwas verletzlich strahlt der Star umso heller. Und weil Ausstrahlung der wertvollste Besitz jedes Stars ist, lassen sie meist Profis mit einer offiziellen Biografie als Filter und Linse am Image arbeiten. Der Schriftsteller und ehemalige Präsident des Schriftstellerverbandes PEN Gert Heidenreich („Die Nacht der Händler“) schrieb Thomas Gottschalks Leben auf, der Musikjournalist (unter anderem für den renommierten „Rolling Stone“) Chris Heath inszenierte die Legende Robbie Williams.

Solche offiziellen Starbiografien haben immer eine bestimmte Aufgabe: „Für den Star ist es lebensnotwendig, das eigene Image zu formen“, sagt der Biograf Martenstein, „diesem vitalen Interesse kann sich keine in Harmonie geschriebene Biografie entziehen.“ Wer diese Funktion kennt, hat mehr Spaß beim Lesen von Starbiografien. Denn sie mögen Selbstinszenierungen sein, doch Betrug sind sie nicht. Schließlich interessiert jeden Leser vor allem der Star. Robbie Williams hat das Autogrammjägern einmal sehr charmant vorgeführt: Wenn er in „Take That“-Zeiten an einem freien Nachmittag einfach mit Freunden Fußball spielen wollte, sagte er zu den wartenden Fans: „Robbie Williams hat heute frei.“

Wenn Williams im Dienst ist, inszeniert er sich perfekt. Seine neue Autobiografie „Feel“ ist ein ideales Beispiel für Imagestärkung über das Medium Buch. Der „wahre Robbie“ sei irgendwo da drin, hat Williams bei der Buchvorstellung gesagt. Verletzlich und einsam war der wahre Robbie, deshalb wurde er süchtig nach Alkohol, Kokain und Sex: „Ich fühlte mich geil und einsam.“ Doch die Sucht ist schon längst auch Teil der Legende Robbie: als junger Boygroup-Star einsam in die Drogenhölle gestürzt, durch Entzugskliniken gequält, dann gereift zum Weltstar aufgestiegen. Das Leid gibt seinem Image Tiefe, macht aus Prominenz Persönlichkeit.

Das krasse Gegenteil ist Thomas Gottschalk: seit fast 30 Jahren verheiratet, trotz seltsamen Kleidungsstils ein Traumschwiegersohn. Mehr Tiefe konnte diesem Image nur ein besonderer Biograf geben, einer wie der Schriftsteller Gert Heidenreich. Er parallelisiert in der offiziellen Gottschalk-Biografie die Geschichte des schlesischen Flüchtlingskinds Thomas mit Joseph von Eichendorffs Erzählung vom „Taugenichts“. Bei Eichendorff zieht ein rastloser Müllersohn mit seiner Geige aus dem Heimatdorf in die Welt, wandert von einer unbestimmten Sehnsucht und dem Zufall getrieben nach Wien und Rom. Gottschalk zog es im bayerischen Kulmbach zuerst in die Disko „Old Castle“ unterhalb der Plassenburg, dann nach München, Düsseldorf, London, Malibu. Heidenreich beschreibt die spitzen Stiefel, engen Hosen und bunten Sakkos Gottschalks als Fortsetzung der Verkleidungslust des Jugendlichen Thomas, der sich vor der Pubertät als Jerry Cotton kostümierte, dann mit 17 Jahren in Russenmütze und gelber Hüfthose Platten auflegen ging. Doch Mutters Haus verließ der junge DJ ordentlich, zog sich erst hinter einem Baum um. Aus dieser Lebensgeschichte des Stars erklärt Heidenreich das Phänomen Gottschalk schlüssig: Der junge Gottschalk versöhnte früh seine Sehnsucht nach Glamour mit dem bürgerlich-katholischen Elternhaus. Die große Konfrontation gab es nie, nach München zog der Junge mit Mutters Segen. Sein Konsensgeschick, seine Lust an der Selbstinszenierung, sein Bedürfnis gemocht zu werden machten Gottschalk zum „Mann für die Arena“ mit „Witterung für die Manege, für den Zucker des Beifalls“.

Heidenreich erzählt das überzeugend, weil er dem Star, seiner Familie und seinen Freunden sehr nah ist. Das ist der Vorteil jeder offiziellen Biografie: Ihr Autor kann Lebensgeschichten aus stimmigen, exklusiv für ihn ausgewählten Details formen. Doch dieses Privileg ist auch eine Gefahr: Niemals wird ein Star seinem offiziellen Biografen Details anvertrauen, die nicht zum gewünschten Image passen. Und wenn der Autor solche Details anderswo recherchiert, werden sie nie in der offiziellen Biografie erscheinen. „Wer wirklich etwas über eine Person erfahren möchte, greift besser zu Büchern, die aus einer größeren Distanz geschrieben wurden als der, die man zu sich selber hat“, bilanziert Biograf Martenstein. Das stimmt – wenn man sich wirklich für die Person allein und nicht vor allem für den Star interessiert. Doch wie Erich Maria Remarque in seinem Hollywood-Buch „Schatten im Paradies“ schrieb: „Wirklichkeit und Schein vermischten sich hier so vollkommen, dass sie zu einer neuen Substanz wurden.“

Aus dieser Substanz formen offizielle Biografien ihre Protagonisten. Ihre Story ist so gut wie das Image, das sie transportieren soll. Beispiel Paris Hilton: Wer sie immer schon für so verwöhnt, maßlos und dumm hielt wie ihr Image, wird genau das in ihrer offiziellen Biografie lesen. Denn die Erfolgs-Tipps in „Confessions of an Heiress“ (Geständnisse einer Erbin) sind so überzogen wie „Trage nie zweimal dasselbe Kleidungsstück“. Klar, so etwas kann nur das Partygirl, Millionen-Luder schreiben, das Klatschpresse und Publikum so belächeln. Nur: Das Luxus-Luder hat sich genau so als Markenartikel inszeniert. Mit ihrem Namen und Image hat Paris Hilton etwa zehn Millionen Dollar im vergangenen Jahr verdient. Sie mischt Wirklichkeit und Schein zum Millionen-Gör, über das alle sprechen, das alle kennen, das überall ist, wo Glamour strahlt. Dass sie so mit einem Augenzwinkern posiert, steht in Paris Hiltons „Geständnisse“ zwischen den Zeilen.

Das Gegenteil bietet Franziska van Almsicks neue Autobiografie. Ihr Buch spielt nicht so elegant mit dem Image wie Paris Hilton. Van Almsick spielt überhaupt nicht. Sie nimmt sich todernst: „Es liegt mir am Herzen, viele Dinge mal aus meiner Sicht zu erzählen.“ Franzis Wahrheit könnte ein großer Autor als Drama aufschreiben: mit 14 Jahren Olympiazweite und Medienstar, zu jung für diese Rolle und den Druck. Sie leidet und verliert. Um eine ganz Große zu werden, fehlt ihr die Goldmedaille. Doch wer van Almsicks öffentliches Web-Tagebuch kennt, weiß, dass ihre Erzählung dieses Drama nur beiläufig erfasst. Die Einträge variieren seit Jahren die drei Themen: Training, Krankheit, selten ein freier Tag. Mal lief das Training „in den letzten Wochen ganz gut“, mal hängt Franzi „über einem Kamilletopf“ und inhaliert gegen die Erkältung oder schluckt „Zwiebelsaft“ gegen eine Grippe. Ein Leben voller Größe.

Zwiebelsaft und Kamillentopf sind eines Stars unwürdig. Zu viel Nähe, zu viel Menschlichkeit und er verliert seinen Glanz. Das trennt gute von schlechten Promi-Biografien: Wenn der Star vor lauter Belanglosigkeiten zum Menschen wie du und ich wird, hat er keine Geschichte, keine Aura, keine Identität. Van Almsicks Biografie erzählt von Arbeit, Erkältungen und freien Tagen – also von nichts. Robbie Williams hingegen erzählt die Geschichte eines Weltstars: Vor sieben Jahren kritzelte er auf einen Zettel in der Entzugsklinik Stoffe, die er zum Leben brauchte: „Heroin, Ecstasy, Marihuana, Kokain, Alkohol, Amylnitrat, Speed.“ Dieselbe Hand unterschrieb fünf Jahre danach einen Plattenvertrag über 80-Millionen-Pfund. Größer war nur Michael Jackson.