Drahtlos-Internet: Der Traum von der Wifi-Stadt (Spiegel Online, 8.6.2007)

Drahtlos-Internet

Der Traum von der Wifi-Stadt

In Blanquefort können die Bürger fast an jeder Ecke drahtlos ins Internet – und das obwohl die französische Kleinstadt keinen einzigen Cent in den Aufbau einer Wifi-Infrastruktur investiert hat. Clevere Geschäftsmodelle und neue Funkstandards beflügeln das Web.

Spiegel Online, 8.6.2007

Blanquefort ist grün: Das kleine französische Städtchen liegt im Weinbaugebiet Bordeaux. Grün sind nicht nur die Hügel im Norden der 15.000-Seelen-Gemeinde, grün leuchten auch die drahtlosen Internet-Zugänge auf der Übersichtskarte: Sucht man auf der Seite des W-Lan-Anbieters FON nach Hotspots in Blanquefort, sind vor lauter grünen Standort-Markierungen kaum noch die Straßennamen auf der Landkarte zu erkennen. Der Grund: Blanquefort ist weltweit die erste FON-Stadt.

Vorigen Dezember schenkte das spanische Unternehmen FON der Stadtverwaltung von Blanquefort 1.000 W-Lan-Router. Die kleinen Sendestationen machen aus einem gewöhnlichen Internetanschluss – egal ob Kabel, DSL oder Glasfaser – einen drahtlosen Hotspot, über den sich jeder in Reichweite ins Internet einwählen kann.
Das hat die Stadt mit ihrem eigenen Breitband-Zugang an 20 Stellen im Stadtgebiet getan. Im Umkreis des Rathauses, der Schule, des Kulturzentrums und weiterer kommunaler Einrichtungen können die Bürger nun drahtlos surfen – vorausgesetzt wie haben einen W-Lan-fähigen Laptop dabei.

Die übrigen FON-Router verteilt die Stadt an Bürger, die ihren Breitband-Internetanschluss mit anderen teilen wollen. Mit dem FON-Router können die Inhaber zum einen mit ihrem Laptop daheim drahtlos surfen. Zum anderen können sie unterwegs kostenlos über andere FON-Hotspots surfen – vorausgesetzt sie öffnen ihren eigenen Internet-Zugang für FON-Surfer. Ingesamt gibt es für FON drei Nutzungs-Modelle mit den putzigen Namen Linus, Bill und Alien (siehe Kasten).

Seit Mai sucht FON auch in Deutschland Gemeinden, die zur FON-City werden wollen wie Blanquefort. Bisher sind etwa 400 Anfragen und Bewerbungen angekommen, sagt FON-Europachef Robert Lang: "Von Bürgern, aber auch von Gemeinden – vor allem solchen aus Gebieten ohne DSL-Versorgung."

Europachef Robert Lang wirbt damit, dass Gemeinden mit dem FON-City-Kozept Kosten sparen und bürokratische Hürden umgehen könnten. Seine Argumentation: Es wird keine neue städtische Infrastruktur aufgebaut, für die eine EU-weite Ausschreibung notwendig wäre. "Außerdem konkurrieren Gemeinden, die FON-City anbieten, nicht mit privaten Internet-Anbietern, was ihnen das EU-Recht verbietet." Vor Gericht ist Langs Argumentation allerdings noch nicht geprüft worden.

Das Besondere an dem Modell: Das Wachstum nährt sich selbst. Die Stadt schafft mit ihren FON-Hotspots den ersten Anreiz für Nutzer, ihre Breitband-Zugänge zu teilen. Und je mehr Nutzer ihre eigenen Zugänge öffnen, desto attraktiver wird das Netz für neue FONeros – und natürlich für FON selbst. Das Unternehmen verdient daran, dass Surfer die nicht zur FON-Gemeinde gehören einen FON-Hotspot benutzen und für diese Benutzung bezahlen.

Das größte W-Lan-Netz der Welt

Binnen zwei Jahren hat FON das größte W-Lan-Netz der Welt aufgebaut. "Es gibt 150.000 Hotspots und 400.000 Nutzer weltweit. Und jeden Tag kommen weltweit Hotspots im drei- bis vierstelligen Bereich hinzu", sagt FON-Europachef Lang. Vom neuen Funkstandard 802.11n erhofft er sich einen weiteren Schub. Lang: "An diese Router können Sie bis zu drei Antennen anschließen, damit werden Reichweiten von bis zu einem Kilometer möglich – auch aus geschlossenen Räumen."

Allerdings ist die FON-Infrastruktur für Anwendungen wie die Vernetzung von städtischen Mitarbeitern, Parkleitsystemen, Überwachungskameras oder Wasserzähler kaum brauchbar – da fehlt die garantierte Abdeckung. Und: FON arbeitet inzwischen weltweit mit Internet-Anbietern zusammen. Bei denen, die nicht Kooperationspartner sind, stellt sich aber die Frage, ob ihre Vertragsbedingungen es den Kunden erlauben, ihren Breitbandanschluss per FON-Router mit unbekannten FON-Nutzern zu teilen.


Drahtlos-Komplettversorgung in Friedrichshafen

Das FON-Modell ist wahrscheinlich die einzig praktikable Methode, mit der W-Lan-Technologie ein einigermaßen engmaschiges, refinanzierbares Drahtlos-Stadtnetz zu schaffen. Aber neue Funktechnologien dürften die Infrastruktur-Kosten erheblich senken. Die Telekom baut seit Februar in Friedrichshafen in einem Modellprojekt – der sogenannten T-City – die erste flächendeckende Drahtlos-Komplett-Versorgung einer deutschen Großstadt auf. Dafür nutzt der Konzern das auf dem UTMS-Mobilfunkstandard aufbauende Übertragungsverfahren HSDPA.

Die Telekom plant, bis zum Jahresende mit 24 Funkmasten das komplette Stadtgebiet Friedrichhafens mit einem HSDPA-Signal zu versorgen. Laut Telekom-Sprecher Hans-Martin Lichtenthäler soll im Sommer die Bandbreite von derzeit 3,6 Mbit/s auf 7,2 Mbit/s verdoppelt werden. Zum Vergleich: Bei DSL-Anschlüssen sind derzeit Bandbreiten zwischen 1 und 6 Mbit/s gängig. 24 Masten für 70 Quadratkilometer Stadtfläche – das ist effizienter als die W-Lan-Technologie. In Heidelberg versorgt der Anbieter "Heidelberg Mobil" drei Quadratkilometer der Innenstadt über 14 Hotspots mit einem W-Lan-Signal.

Der UMTS-Konkurrent WiMax

Doch der UMTS-Standard hat einen starken Konkurrenten: den Funkstandard WiMax. Die Vorteile dieser Technik beschreibt der Medieninformatik-Professor von der Hochschule der Medien Stuttgart Johannes Maucher gegenüber SPIEGEL ONLINE: "Die Mobilfunkoperatoren haben sehr viel in UMTS und die Erweiterung HSDPA gesteckt. Die Lizenzen waren teuer, die Technik ist es noch immer." Das ist bei WiMax anders, weil die Lizenzen fast umsonst zu haben waren und die Technik deutlich günstiger ist. Der Grund dafür laut WiMax-Experten Maucher: "WiMax basiert auf dem Internet Protocol IP – eine wegen der starken Konkurrenz und der hohen Stückzahlen sehr günstige Technologie."

WiMax ist Experten zufolge ideal für die Versorgung großer Flächen mit Drahtlos-Internet. Professor Maucher: "Der WiMax zugrunde liegende Standard schafft in Stadtgebieten Reichweiten von etwa ein bis zwei Kilometern Zellradius, auf dem freien Land bis zu fünf." Welcher Standard sich durchsetzt, hängt nun davon ab, wie viele mobile Endgeräte WiMax beziehungsweise HSDPA unterstützen werden.

Die mächtigen WiMax-Freunde

WiMax hat gute Chancen: Mehr als 400 Branchengrößen wie Intel haben sich im WiMax-Forum zusammengeschlossen, Nokia will im kommenden Jahr die ersten WiMax-fähigen Endgeräte ausliefern. Wenn eine kritische Masse an WiMax-fähigen Mobiltelefonen, Kleinstcomputern, Digitalkameras und MP3-Spielern ausgeliefert ist, könnte sich der Betrieb stadtweiter WiMax-Netze lohnen. Professor Maucher jedenfalls ist sicher: "WiMax kann den Mobilfunkoperatoren das Leben sehr schwer machen." Das sehen einige Mobilfunkbetreiber ähnlich. In den Vereinigten Staaten baut zum Beispiel der Anbieter Sprint-Nextel ein landesweites WiMax-Netz auf.

WiMax könnte auch eine Lösung für vom Breitband-Netz ausgeschlossene Gemeinden auf dem Land sein: Eine WiMax-Funkverbindung bindet sie ans Breitband-Netz an. Vor Ort verteilt eine W-Lan-Infrastruktur das Signal weiter. FON-Europachef Robert Lang: "WiMax ist keine Konkurrenz für unser Geschäftsmodell, sondern eine schöne Ergänzung." Und vielleicht ist es dann überall auf dem Land so grün wie im französischen Drahtlos-Paradies Blanquefort.