Doppelgänger-Blog: Fake-Jobs und wie er die Apple-Welt sieht (Spiegel Online, 5.7.2007)

Doppelgänger-Blog

Fake-Jobs und wie er die Apple-Welt sieht

Ein Blogger mimt den Apple-Chef. Und weil der falsche Steve witziger ist als der echte, zitieren alle sein satirisches Tagebuch: Bill Gates, "Forbes", "Business Week". Sogar der echte Jobs findet seinen Doppelgänger "ziemlich lustig" – offiziell zumindest.

Spiegel Online, 5.7.2007

Mit dem iPhone war das so, schreibt Steve Jobs: Jahrelang haben bei Apple alle hart gearbeitet, "als erstes die Werbeabteilung natürlich". Dann die Feng-Shui-Berater, dann die Designer und irgendwann zuletzt durften auch Ingenieure über die Technik nachdenken. Das klingt völlig überzogen, aber nicht völlig abstrus. Ganz so, wie man es beim Namen des Autors erwartet: "Fake Steve Jobs". Dieser bloggende Widergänger des Apple-Chefs ist ein Star im Silicon Valley.


1229 Blog-Einträge hat der falsche Jobs geschrieben, seit er am 9. August vorigen Jahres loslegte. Und noch immer rätselt die US-IT-Branche, wer hinter dem Pseudonym steckt. Bill Gates hat schon jede Beteiligung dementiert: "Als erstes will ich feststellen: Ich bin nicht Fake Steve", scherzte er Ende Mai vor dem Publikum der Konferenz "All things Digital".

Wer auch immer es ist: Er oder sie kennt Apple und den echten Jobs gut. Viele stimmige Details zeichnen das Bild eines selbstherrlichen, aber irgendwie doch liebenswerten Egomanen. Sein Lieblingsfilme? "Toy Story, Toy Story 2, Findet Nemo" (alle von Jobs‘ Firma Pixar, heute eine Disney-Tochter). Seine Lieblingsbücher? "Alles von Mona Simpson. Sie ist meine Schwester." Was ihn ärgert? "Dass immer wieder andere Leute behaupten, der iPod sei zum Teil auch ihre Idee gewesen."

Spielberg, denk an die Falafel zum Film!

Und immer wieder reibt der falsche Jobs seinen Lesern unter die Nase, wer ihn gerade angerufen hat. Ein gutes Dutzend seiner Beiträge trägt Überschriften wie "Gates hat mich angerufen". Und wenn sich dann mal Steven Spielberg mit einer Film-Idee meldet, erklärt Jobs ihm, wie das Geschäft funktioniert: Eine Geschichte über einen palästinensischen und einen israelischen Jungen? Etwas Ernstes? Oh Gott!

"Und wo ist der sprechende Fisch? Sprechende Autos? Irgendwelche Superhelden?", fragt der falsche Jobs und schlägt vor: "Warum machen wir nicht einen Jungen und ein Mädchen daraus, heben das Alter etwas an, so dass wir eine Teenager-Liebe daraus machen können?" So geht es weiter. Nach ein paar Sätzen ist der falsche Jobs – ein Vermarktungsgenie wie der echte – schon bei der Kooperation mit "Burger King" und den Falafel zum Film.

DIE BESTEN POINTEN DES FALSCHEN STEVE JOBS

IBM zu Gast bei Apple
Der falsche Jobs erzählt, wie eine Delegation des IT-Konzerns IBM bei Apple anreist: "IBMler sind ein wenig wie katholische Nonnen: Sie reisen nie in Gruppen mit weniger als 20 Teilnehmern." Jobs berichtet, dass zwar alle Anzüge tragen, aber ihre Krawatten "abgenommen und in ihre Taschen gesteckt haben, um lässig zu wirken". Dann gratuliert IBM-Boss Sam Palmisano Jobs zum Erfolg des "iPod CD-Players", sieht einen iPod Shuffle und fragt: "Ist das eine Krawattennadel?" Ein Scherz. Aber dann fragt Palmisano: "Nein, ernsthaft, was ist das? Eine Art Maus?"

Das iPhone als Lebensretter
Eine wunderbare Geschichte aus den vielen E-Mails von iPhone-Nutzern hat der falsche Jobs ausgewählt, um zu illustrieren, wie das "iPhone in nur 48 Stunden unser Leben verändert hat". Sein Beispiel: Das iPhone hat das Leben eines Hundes gerettet. Die Besitzerin hatte ihn im Wagen eingesperrt – und ihre Autoschlüssel auch. "Zum Glück hatte sie ihr iPhone dabei, um Hilfe zu rufen", erzählt der falsche Jobs. Der Hund lebt und Jobs zitiert die Besitzerin: "Die Polizisten haben mir gesagt, dass die Sache nicht so gut ausgegangen wäre, hätte ich nicht das iPhone dabeigehabt." Und sie appelliert: "Ich hoffe, Sie werden alle Menschen über die besonderen Sicherheitsmerkmale des iPhones informieren. Und danke, Steve Jobs!"

Die Rache an John Sculley
1985 drängt der Apple-Manager John Sculley den Firmen-Gründer Steve Jobs aus dem Unternehmen. In einem Blog-Eintrag beschreibt der falsche Jobs heute genüsslich seine Rache: Er habe Sculley angerufen und ihm einen Job angeboten. Und dann kommt der Manager "aufgebrezelt in seinem todschicken Anzug für den großen Moment" bei Apple an – nur um von den Sicherheitsleuten am Eingang zu erfahren, dass er "nicht erwartet" werde. Der falsche Jobs beschreibt genüsslich, dass er mit der Überwachungskamera heranzoomt und beobachtet, wie Sculley zehn Minuten lang zusammengesunken in seinem Mercedes auf dem Firmen-Parkplatz sitzt.

Der Kopierschutz
Warum regen sich Menschen eigentlich über Kopierschutz auf? Der falsche Jobs versteht es nicht: "Niemand wird gezwungen, DRM zu nutzen. Man kann immer noch die CD kaufen. Die gibt es auch online. Da ist so ein Laden, der Amazon heißt. Schon mal davon gehört?" Und wer sich immer noch darüber aufregt, dass er seine iTunes-Lieder nicht auf einem Microsoft-Gerät abspielen kann, der solle doch bitte "seinen Ärger für eine würdige Sache verwenden und den Krieg im Irak beenden", schlägt der falsche Jobs vor.

Mit solchen bitterbösen Seitenhieben ist der falsche Jobs zum US-Medienstar geworden. Das Magazin "Business 2.0" hebt ihn in der aktuellen Ausgabe auf Platz 37 der 50 "einflussreichsten Menschen in der US-Wirtschaft".

Wer steckt dahinter?

US-Magazine und Technik-Blogs spekulieren, wer denn nun hinter dem Pseudonym steckt. Als erster war der Journalist Leander Kahney im Gespräch, Apple-Kenner und geschäftsführender Redakteur des Fachmagazins "Wired". Aber diese Behauptung musste das Branchen-Blog "Valleywag" nach zwei Tagen zurückziehen. "Business Week" vermutet einen Apple-Insider – die Vertrautheit mit der berüchtigten PR-Maschine der Firma sei verblüffend.

Die Pointen sind so treffend, die Sprache so gut, dass "Forbes" hingegen einen engagierten Profi-Schreiber hinter dem Pseudonym wähnt, den womöglich ein hochrangiger Apple-Mitarbeiter mit Firmen-Interna füttert. Andererseits: Der Autor lebt womöglich gar nicht im Silicon Valley, vielleicht gar nicht einmal in Amerika. Dafür spricht, so die Auguren, dass der falsche Jobs seine ersten Beiträge immer sehr, sehr früh – 5 Uhr morgens nach kalifornischer Zeit – veröffentlicht. In Europa wäre es da Nachmittag, eine wesentlich angenehmere Zeit zum Schreiben als der frühe Morgen, spekuliert "Forbes". Außerdem: Ab und an tauchen britische Slang-Ausdrücke wie "Chav" in den Blog-Einträgen auf. Dafür spricht auch, dass der falsche Jobs eine E-Mail-Anfrage von SPIEGEL ONLINE mittags binnen einer Stunde beantwortet hat (siehe Kasten unten).

Im Oktober kommt das Buch zum Blog

Sogar der echte Steve Jobs hat sich schon gegen den Verdacht, er stecke hinter dem Blog, verteidigen müssen: Auf die Publikumfragen dazu antwortete Jobs auf der Konferenz "All things Digital" mit einem klaren, ein wenig entnervten "Nein". Und dann fügte er hinzu: "Ich habe einige dieser Fake-Steve-Jobs-Einträge gelesen und finde sie ziemlich lustig."

Das könnte sich im Oktober ändern, wenn das Buch zum Blog des falschen Jobs erscheint: "Options" soll es heißen. Vermutlich arbeitet der falsche Jobs gerade daran – seine Blog-Einträge jedenfalls verloren zuletzt an Biss. Der Buchtitel spielt auf ein Thema an, bei dem der echte Jobs keinen Spaß verstehen und nicht einmal vorspielen dürfte: die Ermittlungen der US-Börsenaufsicht wegen falsch verbuchter Aktienoptionen bei Apple.

KURZINTERVIEW MIT DEM FALSCHEN JOBS

Haben Sie ein iPhone?
Wo ich lebe, wird das iPhone noch nicht verkauft.

Und, wie finden Sie es?
Es ist das erstaunlichste Gerät, das jemals in der Geschichte der Menschheit erschaffen worden ist. Viel bedeutender als die Polio-Impfung oder das Penicillin – oder haben Sie das nicht gehört?

Wie war das, als Bill Gates auf einer Konferenz sagte, er sei nicht Sie?
Wunderbar, ich war Bill so dankbar! Vorher hatte es da wirklich viel Verwirrung gegeben.

Was sehen Sie, wenn Sie von Ihrem Schreibtisch aufblicken?
Ein Foto des wahren Steve Jobs mit hypnotisierenden Kreisen um sein Gesicht – das bringt mich in meine "Apple-Trance".

Dümmste mögliche Frage an Sie?
Wer sind Sie?

Und, wer sind Sie?
Bill Gates.

Nein, wirklich – wer sind Sie?
Otto Waalkes. Ernsthaft.

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