High-Tech-Show CES: Bill Gates‘ faule Vorhersagen (Spiegel Online, 2.1.2008)

High-Tech-Show CES

Bill Gates‘ faule Vorhersagen 

Letzter Auftritt des Orakels: Bill Gates hält am Sonntag zum zehnten Mal die Eröffnungsrede der IT-Messe CES – danach geht er in Vorruhestand. SPIEGEL ONLINE bilanziert, welche von Gates‘ Vorhersagen in Erfüllung gingen und welche Science-Fiction blieben.

Spiegel Online, 2.1.2008

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In Las Vegas zählt die Show, und die lief 2005 schlecht für Bill Gates. Der Microsoft-Boss wollte zum Auftakt der IT-Messe „Consumer Electronics Show“ (CES) in der Kasinostadt 4000 Zuschauern zeigen, wie reibungslos das Wohnzimmer-Windows läuft. Doch dann muckte die Software.

Diese Digitalkamera schickt Fotos drahtlos zum Windows-Rechner, verspricht Gates. Nichts geschieht. Gates: „Hmm, gut, das ist lustig.“ Das Publikum lacht, einige klatschen. Dann will Gates ersatzweise ein paar Fotos vom PC zeigen, drückt auf seine Fernbedienung, wartet, drückt – nichts. Keine Diashow. Nur ein paar Lacher.

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So etwas wird Gates wohl nie mehr durchmachen müssen. Der Microsoft-Gründer zieht sich im Sommer vom Tagesgeschäft zurück. Er spricht morgen zum zehnten und wohl letzten Mal beim Auftakt der CES. Hier hat er schon Windows Vista und die Microsoft-Konsole Xbox vorgestellt – aber auch Flops wie den iTunes-Killer Urge.

Microsoft-Uhren und Kritzel-Computer – SPIEGEL ONLINE bilanziert Bill Gates’ Technik-Versprechen.

2007: Die verspäteten Vista-Wunder

Vor 4000 Zuschauern musste Bill Gates 2007 öffentlich demonstrieren, dass Microsoft sein Vorjahres-Versprechen nicht gehalten hat. 2006 zeigte Gates schon einmal das neue Microsoft-Betriebssystem Vista in Las Vegas und prophezeite: „Wir werden das vor Jahresende herausbringen.“ Das hat dann nicht geklappt – Microsoft verkaufte Windows Vista erst im Januar 2007.

Kurz vor Verkaufsstart schwärmte Gates in Las Vegas also noch einmal von den Vista-Wundern, den „aufregenden“ neuen „Fähigkeiten“ Vistas, in dessen Sicherheit Microsoft „riesige“ Investitionen gesteckt habe. Ein paar Wochen später dämpfte Microsoft-Boss Steve Ballmer die Stimmung, nannte die Erwartungen einiger Analysten an den Vista-Erfolg „zu hoch“, stellte klar, es werde keinen „riesigen“ Umsatzanstieg geben. Ein knappes Jahr nach Verkaufsstart teilte Microsoft dann mit, Vista habe sich „erfolgreich etabliert“ und die – von Ballmer gedämpften? – „Erwartungen erfüllt“.

Vista mag lahm gestartet sein, einen Flop kann man es nicht nennen. Nur: Entgegen den Gates-Versprechen ist Vista keine gefühlte Revolution wie Apples OSX oder Windows XP.

2006: MTV und Microsoft gegen iTunes

Wenn jemand das Beinahe-Monopol von Apples Musik-Downloadshop iTunes knacken kann, dann doch wohl Softwareriese Microsoft und Beinahe-Monopolist MTV. So haben die beiden Konzerne sich das wohl 2006 vorgestellt: Sie nannten ihre Kooperation „Urge“, den „Drang“ also und wirkten auch recht verzweifelt. Microsoft integrierte den Download-Shop fest in den Windows Media Player 11 und MTV lieferte Image, Werbung, Rezensionen, Nachrichten, Startinfos und exklusive Tipps seiner Moderatoren.

Bill Gates schwärmte bei seiner Rede in Las Vegas von einem Dienst, den „Musikfans für Musikfans“ geschaffen hätten. Musik konnten US-Kunden dann tatsächlich im Mai 2007 bei Urge kaufen. Zwei Millionen Songs, versehen mit Microsoft-Kopierschutz. Dumm nur, dass man beim Start Urge-Einkäufe nicht einmal auf dem Microsoft-MP3-Player Zune abspielen konnte, ganz zu schweigen vom iPod. Der Urge-Kopierschutz verhinderte das – und ließ das Angebot scheitern.

Im August 2007 – ein halbes Jahr nach der Urge-Show von Gates, Justin Timberlake und MTV-Managern kündigte der Musiksender an, die Partnerschaft mit Microsoft zu beenden. Neuer Partner ist Real Networks.

Microsoft liefert die Standard-Plattform für Online-Musik, die Heim-Unterhaltung der Zukunft läuft unter Windows und so weiter. Das erzählte Microsoft-Gründer Gates zur CES-Eröffnung 2005 übers vernetzte Wohnzimmer. Nur das Demonstrieren klappte nicht so ganz.

2005: Bill Gates stürzt ab

US-Moderator Conan O’Brian sollte mit Gates auf der Bühne das „Microsoft Media Center“ vorführen, eine aufgemotzte Version des Media Players fürs Wohnzimmer samt Fernbedienung. Gates hob an: „Das ist unser zentrales Produkt, das alles einschließt, es gibt nur eine Fernbedienung, die alles steuert.“

Und dann wollte der Microsoft-Gründer mit so einer Fernbedienung eine Dia-Show im Media Center durchblättern. Gates drückte auf die Fernbedienung, drückte wieder, drückte noch einmal verzweifelt. Keine Diashow. Moderator O’Brian scherzte: „Und jetzt werden neun Leute gefeuert, digital, drahtlos, ohne Verbindung.“

Bill Gates trockener Kommentar: „Das ist das Problem, wenn man die falsche Fernbedienung hat. Aber es ist trotzdem toll, nur eine zu haben.“

Trotz dieser peinlichen Vorführungseffekte ist das Media Center ein Erfolg: Im Oktober 2006, gut eineinhalb Jahre nach der Vorführ-Panne, hatte Microsoft 40 Millionen Media-Center-Lizenzen verkauft. In der Premium-Version des neuesten Betriebssystems Vista ist die Software enthalten.

2004: Das Wohnzimmer-Windows

Die Idee ist bestechend einfach: PCs stehen selten im Wohnzimmer, doch die Musikbibliotheken, Filme, Fotos darauf würde mancher gern auf dem Fernseher sehen, den PC vielleicht als digitalen Videorekorder nutzen…

Die Microsoft-Lösung: Eine kleiner Kasten auf den Fernseher, der übers Drahtlosnetzwerk alle Inhalte vom Computer abruft und im Wohnzimmer abspielt. Diese „Windows Media Center Extenders“ stellte Bill Gates vor vier Jahren in Las Vegas vor, sprach in seiner Rede von „einem neuen Niveau“, auf das man damit den PC als Medien-Zentrale hebe.

So weit die Theorie. Die Praxis sieht heute so aus: Kaum jemand hat die relativ teuren Extra-Geräte fürs Wohnzimmer-Windows gekauft. Kein Wunder: Sie kosten fast so viel wie eine Spielkonsole – und das nur, damit man im Wohnzimmer seine PC-Videothek anzapfen kann? Das Preisproblem hat nach einigen Jahren auch Microsoft offenbar erkannt: Die Microsoft-Spielkonsole Xbox 360 leistet inzwischen dasselbe wie die „Windows Media Center Extender“ – ohne Aufpreis.

2003: Die Windows-Uhr

Jeder US-Bürger besitzt statistisch gesehen drei Armbanduhren, schwärmte Microsoft-Gründer Gates vor fünf Jahren in seiner Eröffnungsrede zur CES. Was für ein Massenmarkt! Wenn auf all diesen Uhren Microsoft-Programme laufen würden…

Gates’ Vision: „Die Uhr wird sich vom Zeitmesser zur Quelle rechtzeitiger Informationen entwickeln.“ Dank Microsoft-Programmen natürlich.

„Smart Personal Object Technology“ (Spot) nannte Microsoft die Technik, die per Funknetz Nachrichten, Wetterprognose, Sportergebnisse und so weiter auf die Displays spezieller Uhren schickte. O-Ton Gates zur Zauber-Uhr: „Das ist eine grundlegende Veränderung.“
Die Windows-Uhr war so wichtig, das Microsoft sich die Entwicklung laut Gates fünf Milliarden Dollar kosten ließ. Gemessen daran ist Spot ein Flop: Es gibt in den Vereinigten Staaten den Dienst noch – als unbeachtete Randerscheinung. Erste Uhrenbauer haben ihre Spot-Reihen schon eingestellt, Suunto zum Beispiel. Dafür ruft nun eine US-Kaffeemaschine von Melitta übers Spot-Netz Wettervorhersagen ab.

2002: Der Kritzel-Computer

In einer Hand hält man den Computer, der kaum größer als ein Din-A4-Blatt Papier ist, mit der anderen tippt, schreibt und malt man per Stift oder Finger auf dem Gerät. Das klingt ein wenig nach XXL-iPhone, war aber schon vor sechs Jahren in Las Vegas auf der CES zu sehen. Bill Gates führte bei seiner Eröffnungsrede solch einen „Tablet-PC“ vor und versprach: „Das ist eine bedeutende Entwicklung.“

Die Idee mit dem berührungsempfindlichen Bildschirm brachte Microsoft also schon Jahre vor Apple als Produkt auf den Markt. Allerdings waren die Tablet-PCs ziemlich teuer, ziemlich schwer und nicht so begehrt wie erhofft.
Die Kritzel-Computer mit dem von Bill Gates so gepriesenen Betriebssystem „Microsoft Windows XP Tablet-Edition“ nutzen heute vor allem Unternehmen – als vernetzte Mischung aus Aktenordner und Klemmbrett von Außendienst-Mitarbeitern und in Krankenhäusern oder Logistikzentren. Als Massenprodukt ist der Kritzel-Computer ein Misserfolg.

2001: Das teure Xbox-Abenteuer

Durchbruch – so nannte Gates in seiner Rede zum Auftakt der CES 2001 die lang erwartete Microsoft-Spielkonsole Xbox immer wieder. Die Allianz an Partnerfirmen nannte Gates „phänomenal“. Das Gerät habe die dreifache Grafik-Rechenkraft der bisher erhältlichen Videospielkonsolen.

Im Prinzip stimmte das sicher alles – doch gegen bereits ein Jahr zuvor veröffentlichte Playstation 2 von Sony gelang es der Xbox nie, wirklich Fuß zu fassen. So zahlte Microsoft beim Verkauf jeder einzelnen Xbox drauf, weil es der Firma nicht gelang, genügend Geräte unters Spielervolk zu bringen. Ob die Xbox gemessen an Microsofts eigenen Zielen ein Erfolg ist, kann man nicht sagen. Gates hat sich da nie konkret genug öffentlich geäußert. Die Wirtschaftswissenschaftler David J. Bryce und Jeffrey H. Dyer machten im vorigen Jahr im Harvard Business Manager diese Rechnung auf: Fünf Jahre nach dem Verkaufsstart hat Microsoft ihrer Schätzung nach 4,5 Milliarden Dollar Verlust gemacht, um auf dem Markt für Spielekonsolen einen Anteil von 15 Prozent zu erreicht.

Das Fazit der Forscher: „Es ist gut möglich, dass die Xbox eines Tages Gewinn abwirft, aber selbst wenn Microsoft 2006 Sonys Rentabilitätsniveau erreicht hätte, würde es zwölf Jahre dauern, bis die bisherigen Verluste wieder aufgeholt wären.“

Besser läuft es, seit Microsoft Ende 2005 als Nachfolgemodell die Xbox 360 einführte. Diesmal gelang es Microsoft, gut ein Jahr vor Sony auf dem Markt zu sein – mit ähnlichen Effekten. Den Streit der zwei Branchengrößen scheint nun aber ein Dritter zu seinen Gunsten zu entscheiden: Nintendo feiert mit seiner Wii nicht nur kommerziell die größten Erfolge, sondern bescherte der Spielebranche damit tatsächlich auch einen Durchbruch und zeigte so, dass die Konzepte von Sony und Microsoft nicht unbedingt absolute Erfolgsrezepte sind.

Die Wii setzt anders als die Konkurrenzprodukte nicht auf immer mehr Rechenkraft und Ausstattung, sondern auf ein einfaches, bezahlbares und spaßiges Grundkonzept. Mit der per Bewegung intuitiv steuerbaren Wii erschloss Nintendo völlig neue Zielgruppen für Konsolenspiele. Die Vision, mit hochpreisigen Technik-Boliden konkurrenzlos erfolgreich zu werden, erwies sich als Halluzination.

2000: Der E-Book-Markt explodiert angeblich

Dieses Versprechen ist bis heute nicht wahr geworden. Tollkühn orakelte Bill Gates auf der CES vor acht Jahren: „Wir haben eine Vereinbarung getroffen, die den Markt für E-Books explodieren lassen wird.“

Gates‘ Schlachtplan damals: Der US-Buchhandelsriese Barnes and Noble richtet auf seiner Internetseite einen Downloadbereich für digitale Bücher ein und wirbt aggressiv in seinen gut 1000 US-Filialen für diesen neuen „eBookstore“.

O-Ton Gates 2000: Der Markt werde „explodieren“. Die Realität 2008 klingt auf der Webseite von Barnes and Noble so: „B&N.com verkauft und unterstützt eBook nicht länger. Wir entschuldigen uns für alle Unannehmlichkeiten, die das verursachen mag.“

1998: Das Unterwegs-Windows

Das Betriebssystem mit dem etwas sperrigen Namen „Windows CE 2.0“ sollte vor zehn Jahren in etwa das schaffen, was man heute dem iPhone nachsagt. Bill Gates versprach 1998 in seiner Eröffnungsrede der CES in Las Vegas: „Menschen wollen Informationen überall verfügbar haben, wo sie sind. Sie wollen sie auf kleinen Geräten haben – im Auto, auf drahtlosen Telefonen.“

Die „Schlüsseltechnologie“ dafür sei Windows CE, versprach Gates. Man habe das Betriebssystem völlig neu entwickelt, damit es „auf sehr kleinen Geräten“ laufe, es sei „unglaublich flexibel“.

Durchgesetzt hat sich die „Schlüsseltechnologie“ dann langsamer als erhofft. Bei Smartphone-Betriebssystemen war im vorigen Jahr laut der Marktforschungsfirma Canalys Microsoft die Nummer drei. „Windows Mobile“, der Ur-Enkel von „Windows CE“, ist noch lange nicht so verbreitet wie Linux- und Symbian-Betriebsyssteme. Beim PocketPC sieht es viel besser aus für Microsoft. Trotzdem: Erfolg in einem Teilmarkt für Unterwegs-Geräte ist einer „Schlüsseltechnologie“ nicht würdig.

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