IT-Legenden heute: DVD-Hacker ärgert Apple (Spiegel Online, 21.2.2008)

IT-Legenden heute

DVD-Hacker ärgert Apple

Neue Mission eines legendären Hackers: Jon Lech Johansen hat die US-Filmindustrie vorgeführt und die DVD-Verschlüsselung geknackt – nun hat er sich Apple vorgenommen. Den Softwareschutz des iPhones hält er für Gängelei – und für Apple findet er harte Worte.

Spiegel Online, 21.2.2008

Die – angebliche – Heuchelei von Apple-Boss Steve Job ärgert den Norweger Jon Lech Johansen seit dem Tag, an dem Apples Online-Musikladen iTunes seine virtuellen Pforten öffnete. Damals schimpfte Johansen über "verschlüsselte" Musik-Daten und "aufgezwungenes" Rechtemanangement und "Mac-Fanatiker", die "schwärmen", wie "großartig" iTunes sei, obwohl der Dienst es Linux-Nutzern verbiete, "legal gekaufte Musik" abzuspielen. Die Kritik könnte Apple egal sein – wäre Johansen nicht der legendäre Hacker DVD Jon, der 1999 die DVD-Verschlüsselung knackte. Denselben Coup hat Johansen, inzwischen 24, jetzt für Apples iTunes-Software vollbracht: DoubleTwist, eine von ihm mitgründete Firma, bietet eine Software an, mit der sich Apples Fairplay genanntes DRM-System aushebeln lässt. Noch schützt Fairplay die Mehrzahl der sechs Millionen Songs im Download-Shop iTunes. Denselben Coup hat Johansen, inzwischen 24, jetzt für Apples iTunes-Software vollbracht: DoubleTwist, eine von ihm mitgründete Firma, bietet eine Software an, mit der sich Apples Fairplay genanntes DRM-System aushebeln lässt. Noch schützt Fairplay die Mehrzahl der sechs Millionen Songs im Download-Shop iTunes.

"Nur" etwa zwei Millionen Songs – rund ein Drittel des Warenbestandes also – kommen bei Apple ohne diese Einschränkungen aus. Die Schranken sind zwar verglichen mit anderen Systemen recht locker, aber manchmal dennoch lästig (siehe Kasten unten). Johansen geht es ums Prinzip. Als Steve Jobs vor einem Jahr seine " Gedanken über Musik" veröffentlichte und die Musikindustrie öffentlich dazu aufrief, Songs online ohne Kopierschutz und Rechtemanagement zu verkaufen, polterte Johansen in seinem Blog: "Taten sagen mehr als Worte, Steve."

Johansens Ziel: Wer Musik- oder Filmdateien gekauft oder aufgenommen hat, soll sich nicht mehr um die korrekten Codecs, Bitraten und so weiter sorgen müssen. Was auf einem Gerät läuft, läuft auf allen – dem Nokia-Mobiltelefon, dem iPod, der Sony PSP, dem PC und so weiter. Die dafür nötigen Umwandelungen soll DoubleTwist erledigen. Ein Beispiel: DoubleTwist läuft parallel zu iTunes und rechnet im Hintergrund die gekauften Songs in das schrankenlose MP3-Fromat um.

Ein Norweger gegen Gängel-Software

Außerdem verspricht Johansen, dass man mit dem Zusatzprogramm "Twist me!" von DoubleTwist den Facebook-Freunden den Zugriff auf die eigenen Musik- und Videobestände erlauben kann. Einschränkung: Eine Datei darf höchstens zehn Megabyte groß sein.

Die Opfer von Johansens Hacks lassen sich alle auf diesen Nenner bringen: Sie entwickelten Software, die es Anwendern unnötig schwierig, wenn nicht sogar unmöglich macht, völlig legale Dinge zu tun. Für viele ist Johansen deshalb eine Art Robin Hood der Datenwelt. Im Gespräch mit dem "Wall Street Journal" erinnerte sich Johansens Vater, wie er sich über ein Programm ärgerte, das regelmäßig abstürzte, wenn er Fotos von seiner Digitalkamera übertrug. Er zeigte dem damals 14-jährigen Jon das Problem und der "schrieb ein kleines Programm", das zuverlässig lief – und für den Bildtransfer nur einen Klick erforderte statt 25 wie das Originalprogramm.

Zum ersten Mal sah Jon Lech Johansen einen Computer kurz nach seiner Geburt, im Dezember 1983 war das. Damals hatte sein Vater – ein informatikbegeisterter Postbeamter – sich einen Sinclair ZX Spectrum gekauft. Ein Foto, das Jon Lech Johansen auf seiner Privathomepage präsentiert, zeigt ihn 1986, mit drei Jahren, ernst dreinschauend vor diesem Sinclair sitzend. Mit zwölf Jahren schrieb Jon die ersten kleinen Programme, mit 14 programmierte er besser als sein Vater.

Er kniete sich rein. Eine seiner Lehrerinnen, Mai Grimholt, erinnerte sich im "Wall Street Journal" so an Johansen: "Er wusste mehr über Computer als Informatik-Lehrer." Und, abweichend vom Hacker-Klischee: "Er stand auf und argumentierte bei Sachen, die ihm wichtig waren."

Zum Beispiel für den EU-Beitritt Norwegens. Wenn man genauer hinschaut, passt einiges an DVD Jon nicht ins Hacker-Klischee: Blake Edwards‘ "The Party" nennt er einen seiner Lieblingsfilme und diskutiert die Schwächen der iPhone-Software so detailliert und begeistert wie die Risiken beim Kauf eines 1996er Chassagne-Montrachet Colin-Deleger En Remilly.

Streit um DVD Jons Rolle

Warum er 1999 das DVD-Verschlüssungssystem CSS knackte? Johansens Version und die seiner Unterstützer zum Beispiel bei der US-Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF): Johansen hatte gut 300 DVDs gekauft – viele davon günstig aus den Vereinigten Staaten – und wollte die auf seinem Linux-Rechner sehen. Er programmierte die entsprechende Software mit anderen Hackern, stellte sie als Download auf seine Webseite.

Die Rolle und die Motive Johansens bei dem Hack sind aber umstritten. Die Gerichtsdokumente aus dem Berufungsprozess erzählen laut der englischen Übersetzung auf Wikipedia eine andere Geschichte: Johansen hat den Entschlüsselungs-Code von einem anderen Hacker erhalten, die Benutzeroberfläche programmiert und die Software an einem Teil-Download (200 Megabyte) von "Matrix" ausprobiert. Andere Filmdaten habe die Polizei nicht auf Johansens Rechner gefunden.

Die von der Filmindustrie deswegen angestrengten Prozesse liefen bis 2003. Johansen wurde freigesprochen, die Filmindustrie ruinierte ihr Image, als klar wurde, dass der angebliche Computergangster ein 15-jähriger, anscheinend nicht kriminell aktiver Film- und Computerfan war. Sahen so die vermeintlichen Kriminellen aus, die binnen Wochen knackten, was die Experten der Industrie in Jahren entwickelt hatten?

Johansen verließ mit 16 Jahren die Schule, programmierte für eine norwegische Fernsehfirma, dann für ein Start-up, das einen Handy-Bezahldienst plante, dann arbeitete er freiberuflich für Auftraggeber, die er mit seinem Vater akquirierte. Mit 20 Jahren verdiente er so um die 4500 Dollar monatlich, erzählte er dem "Wall Street Journal". Im Klartext: Das große Geld machte DVD-Jon nicht.

DVD Jons Apple-Zorn

Aber er sammelte Erfahrung. Ein gutes Jahr lebte er in Kalifornien, arbeitete als Programmierer für den legendären Seriengründer Michael Robertson (MP3.com, Lindows/Linspire u.a.). Ihr erstes Treffen beschrieb Robertson in seinem Blog so: "Er hatte Angebote von den größte IT-Unternehmen. Ich fragte, ob er dort arbeiten wolle."

Das habe Johansen mit "nicht wirklich" beantwortet. Warum? Johansens Antwort laut Robertson: "Ich will an offenen Systemen arbeiten." Robertson schwärmte: "Ich habe ihn immer für seine Arbeit bewundert und für seine Kraft, dafür einzutreten, woran er glaubt." Nicht Piraterie, sondern "das Recht der Konsumenten, die von ihnen gekauften Inhalte selbst zu verwalten".

Mitte 2006 zog Johansen von San Diego nach San Francisco, arbeitete an DoubleTwist. Inzwischen lebt er wieder in Norwegen, fliegt nur ab und an die Vereinigten Staaten. Und er ärgert sich wie immer schon über Gängel-Software. Eine nervte ihn besonders – vielleicht als US-Pendler, ganz sicher als iPhone-Besitzer: Apples iPhone-Firmware.

Als die Version 1.1.1. entsperrte iPhones unbrauchbar machte, kommentierte Johansen: "Hat Microsoft jemals das BIOS eines Rechners geschrottet, weil es eine illegale Windows-Installation entdeckte? Nicht, dass ich davon gehört hätte." Sein Fazit: "Apple ist auf dem Weg, eine der verbraucherfeindlichsten Technik-Firmen zu werden."

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