Flops in Serie: Bill Gates‘ größte Internet-Niederlagen (Spiegel Online, 1.2.2008)

Flops in Serie

Bill Gates‘ größte Internet-Niederlagen

Der Windows-Riese kam im Web immer zu spät. Internet-Browser, Online-Dienste, Webportale, soziale Netzwerke – erfunden haben das andere. Microsoft hechelte hinter, die Aufholjagden waren teuer. Und doch bisweilen erfolgreich für Microsoft.

Spiegel Online, 1.2.2008

Facebook, Myspace, YouTube, Paypal, eBay – bei der Entwicklung der großen Webmarken, die mit einer echten Innovation begannen, hatten weder Microsoft noch Yahoo ihre Finger im Spiel. Die beiden Konzerne sind im heutigen Web Verlierer. Der Unterschied: Yahoo war in den neunziger Jahren einige Zeit die Anlaufstelle für Netzneulinge, profitiert noch heute vom Ruhm und Startvorteil. Microsoft hingegen kam im Web bislang immer zu spät, sprang auf einen fahrenden Zug auf und kämpfte sich dann mit aller Finanzmacht nach vorn. Die ständige Online-Aufholjagd bezahlt Microsoft teuer: Die Online-Sparte des Windows-Konzerns fährt nach wie vor Verluste ein. Silicon-Alley-Blogger Henry Blodget fasste Microsofts Online-Zahlen des vorigen Quartals so zusammen: "Abgesehen vom dazugekauften, profitablen aQuantive, verbrennt Microsoft online weiter Geld: 800 Millionen Dollar im Jahr." Anders sieht es bei Yahoo aus – der Übernahmekandidat machte im vorigen Quartal gut 200 Millionen Dollar Gewinn bei 1,8 Milliarden Umsatz.

Wer im Web zu spät kommt, muss eben tiefe Taschen haben. Microsoft kam bisher immer zu spät – konnte aber mit viel Geld sogar Markführer wie Netscape wegdrängen. SPIEGEL ONLINE zeigt die größten Niederlagen:

Web-Browser – Internet Explorer als Reaktion auf Netscape

Microsofts erster Krieg um die Web-Herrschaft gab das Muster für die folgenden vor: Im August 1995 veröffentlichte Microsoft die erste Version seines Webbrowsers, des Internet Explorers. Im selben Monaten ging Netscape an die Börse, die Firma von Marc Andreessen und Jim Clark, die den ersten erfolgreichen Webbrowser programmiert hatten.

Netscapes erstes Produkt, den "Mosaic Netscape 0.9" konnten die frühen Web-Nutzer schon vom 13. Oktober 1994 an auf ihre Rechner laden, um damit komfortabel Web-Seiten anzuzeigen. Microsoft hatte das Potential dieses Marktes nicht erkannt: Beim Software-Konzern arbeitet schon 1994 ein Programmierer-Team an einem Webbrowser. Doch man hatte es mit diesem Projekt nicht so eilig – angeblich sollte der Microsoft-Browser ein Bestandteil des "Windows 95"-Nachfolger Windows 97 werden. Dann wollten plötzlich alle ins Web und dort unabhängig von geschlossenen Diensten wie AOL und Compuserve mit eigenständigen Browsern Seiten anzeigen.

Microsoft legte nach, brachte den Internet Explorer eher als geplant auf den Markt und setzte alles daran, Netscape zu überholen. Der Internet Explorer wurde zum Kernbestandteil von Windows. Microsoft handelte sich dafür viel Ärger ein, bezahlte Strafen und blieb letztendlich erfolgreich: 1994 gab es keine Microsoft-Browser, 1997 hatte der Internet Explorer weltweit schon einen Marktanteil von ungefähr 20 Prozent, 2000 dominierte der Microsoft-Browser mit 80 Prozent.

Das Ende der Geschichte: Im März wird der Netscape-Browser endgültig sterben, dann stellt AOL die Entwicklung des Programms ein. Microsofts Programm dominiert den Browser-Markt, laut dem französische Marktforscher XiTi Monitor führte Microsoft im vorigen Dezember in Europa mit 66,1 Prozent Marktanteil.

Online-Dienste – MSN als Reaktion auf AOL

Bevor das Internet in Westeuropa und den Vereinigten Staaten zum Allgemeingut wurde, boomten die Online-Dienste. Der erfolgreichste war AOL: 35 Millionen Menschen brachte der Konzern zu seinen Hochzeiten ins Internet, beziehungsweise in eine Light-Version des Webs.

AOL stülpte eine bunte, für Laien einigermaßen einfach zu bedienende Software über technisch komplexe Online-Dienste – und kassierte dafür Abo- und Nutzungsgebühren.

Ein tolles Geschäft, erkannte Microsoft 1995 – sechs Jahre nachdem AOL sich als Online-Dienst neu erfunden hatte. Das "Microsoft Network" (MSN) sollte das Windows-AOL werden.

Der Dienst startete im August 1995 zusammen mit Windows 95 als vorinstallierter Online-Dienst. Einen freien Zugang zum Internet bot das Programm nicht – dafür musste man sich den Internet Explorer aus dem "Windows 95 Plus!"-Paket installieren oder eben gleich einen Netscape-Browser laden.

Microsofts AOL-Imitat konnte das Original nie überholen. Und nach wenigen Jahren waren Online-Dienste ohnehin obsolet – das freie Web war bedienbar genug für jedermann, die geschlossene, kostenpflichtige Light-Version interessierte kaum noch. Und so mutierte MSN vom Online-Dienst zum Webportal.

Webportale – MSN.com als Reaktion auf Yahoo

Als sich die AOL-Attacke mit MSN als erfolglos erwies, erfand Microsoft den MSN-Dienst 1998 neu: Als ein Webportal à la Yahoo. MSN.com war auch ohne Microsoft-Internet-Zugang zugänglich, bot eine Mischung aus Nachrichten, Unterhaltungsangeboten und Webdiensten wie Webmail (1997 verleibte Microsoft sich den Dienst Hotmail ein).

Microsoft versuchte auch, Yahoo Konkurrenz mit eigenen Internet-Inhalten zu machen: 1996 startete der Software-Konzern mit General Electric in einer 50-50-Parntnerschaft den Fernsehsender MSNBC und das dazu gehörende Web-Nachrichten-Angebot MSNBC.com, das MSN.com exklusiv mit Artikel belieferte. Ebenfalls 1996 startete Microsofts ambitioniertes Online-Magazin Slate als Teil von MSN.com. Slate wurde geleitet von Michael Kinsley – Ex-Chefredakteur der angesehen US-Zeitschrift "New Republic".

Zum Marktführer machten diese Mühen MSN.com nicht. Microsoft verkaufte Slate 2004 an die "Washington Post", gab 2005 die Mehrheit an MSNBC ab.

Soziale Netzwerke – 240 Millionen für 1,6 Prozent Facebook

Web 2.0? Mitmach-Netz?

Microsofts Antwort kam spät, Anfang 2004 und hieß Microsoft-typisch mal Windows Live Spaces, mal MSN Spaces. Die Mischung aus Blog-Plattform und Community holte auf.

Im August 2007 hatte Microsofts Mitmach-Angebot laut den Marktforschern Nielsen weltweit mehr Besucher als Flickr oder Googles Dienst Orkut, war weltweit die Nummer drei nach Myspace und Facebook. Mit Abstand allerdings. Den will Microsoft verringern.

Die Strategie ist wie gewohnt brutal und leidlich erfolgreich: Microsoft warf mit viel Geld und Konkurrenten aus dem Feld. Im vorigen Oktober sicherte Microsoft sich für 240 Millionen Dollar einen Anteil von 1,6 Prozent am sozialen Netzwerk Facebook.

Angeblich hatte auch Google mitgeboten – aber offensichtlich war Microsofts Offerte verlockender.

Werbevermarktung – Microsoft kauft sich Profit dazu

Am 13. April 2007 verlor Bill Gates: 3,1 Milliarden Dollar hatte Konkurrent Google für den Online-Werbevermarkter Doubleclick geboten – und gewonnen. 3,1 Milliarden – das ist mehr als zehnmal so viel wie Doubleclick im Jahr einnimmt, das ist mehr, als Microsoft, AOL und Yahoo geboten hatten.

Microsofts reagierte auf die Doubleclick-Demütigung wie üblich beim Web-Wettrennen: Der Windows-Konzern legte massig Geld nach. Ein Monat nach der Schmach kündigte der Konzern die größte Übernahme der Microsoft-Geschichte an: Insgesamt sechs Milliarden Dollar lässt sich Microsoft den Kauf des Doubleclick-Wettbewebers Aquantive kosten.

"Dieser Deal bringt unser Anzeigengeschäft auf ein neues Level", sagte damals Microsofts Spartenchef Kevin Johnson das Vorhaben. "Wir wollen von dem 40-Milliarden-Dollar-Kuchen, der noch wächst, ein größeres Stück abhaben.

Laut dem US-Fachmagazin "Advertising Age" ist der Online-Werbekuchen derzeit so verteilt:

  • Google führt eindeutig: 2006 nahm der Konzern mit Online-Werbung 10,49 Milliarden Dollar ein.
  • Yahoo ist auf Platz zwei: 5,63 Milliarden Dollar verdiente der Konzern 2006 mit Online-Werbung
  • Microsofts Online-Sparte MSN folgt auf Platz 3: Nur 1,53 Milliarden Dollar nahm das Konglomerat 2006 über den Online-Anzeigenverkauf ein, 2007 waren es laut "Advertising Age" dann schon 1,84 Milliarden.

Zusammen würden Yahoo und Microsoft mit Online-Werbung weniger verdienen als Google. Aber das macht nichts – denn Microsoft hat einen langen Atem.

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH