Dumm-Design: Die größten Technik-Ärgernisse aller Zeiten (Spiegel Online, 10.3.2008)

Dumm-Design

Die größten Technik-Ärgernisse aller Zeiten

Kleine Fehler, großer Ärger: Der Nummernblock tippt keine Zahlen ein, das Apple-@ versteckt sich, die Einfügen-Taste löscht ganze Textabschnitte. Diese Technik-Schlampereien treiben Nutzer seit Jahrzehnten in den Wahnsinn – und kein Hersteller tut etwas dagegen.

Spiegel Online, 10.3.2008

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Das kennt fast jeder: Man tippt eine Telefonnummer mit dem praktischen Nummernblock der Tastatur ein, schaut hoch auf den Bildschirm – und da steht gar nichts. Schuld daran ist die Num-Taste, versteckt oben links auf dem Nummernblock jeder Tastatur.

An der unscheinbaren Num-Taste kommt niemand vorbei: Um Daten mit dem Nummernblock einzutippen, muss man ihn erst über die Num-Taste aktivieren. Sprich: Um Zahlen zu tippen, muss man eine Extra-Taste drücken, denn bei den meisten Windows-Rechnern ist der Nummernblock nach dem Start deaktiviert – standardmäßig kann man also mit dem Ziffernblock keine Ziffern eingeben.

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Microsoft erklärt hilfsbereit in einem Hilfe-Dokument, wie man in Windows XP festlegt, ob "beim Start die Num-Taste aktiviert oder deaktiviert ist". Das Aberwitzige daran: Seit Jahrzehnten gibt es keinen triftigen Grund mehr, die Num-Taste deaktiviert zu halten, sie überhaupt noch auf Tastaturen einzusetzen.

Vor langer, langer Zeit war das anders, da gab es noch Tastaturen ohne die heute standardmäßig vorhandenen Pfeiltasten. Damals konnte man den Nummernblock als Pfeiltasten-Ersatz benutzen und nur so den Cursor durchs Dokument steuern.

Da war die Num-Taste sinnvoll – heute braucht sie kaum noch jemand. Aber sie ist immer noch da, verwirrt Nutzer, verhindert die Eingabe von Zahlen.

Verwirrende Tastaturen, verschwundene Schalter, versteckte Menüs – SPIEGEL ONLINE zeigt die größten der kleinen Technik-Ärgernisse.

Die Einfügen-Taste löscht Textpassagen

Noch eine Gaga-Taste: Die Entf-Taste kennt jeder, sie löscht in Textdokumenten zuverlässig das Zeichen vor dem Cursor. Ihre fiese Schwester liegt eine Reihe weiter oben. "Einfg" steht drauf. Aber als "Einfügen" kann man das Chaos, das die Einfg-Taste auslöst, wirklich nicht bezeichnen. Hat man einmal "Einfg" gedrückt, überschreibt man alle hinter dem Cursor folgenden Textpassagen mit den neuen Eingaben.

Weil die Einfg-Taste genau über der praktischen Entf-Taste liegt, drückt man sie oft aus Versehen. Und dann nimmt das Unheil seinen Lauf: Wer nicht blind tippt, sondern auf die Tastatur schaut, glaubt nach solch einem Vertipper, ein Zeichen gelöscht zu haben, schreibt weiter und ersetzt dabei alle folgenden schon eingetippten Textpassagen – Überschreib-Modus eben. Braucht den jemand? Von den täglich stundenlang tippenden Netzwelt-Redakteuren zumindest keiner.

Anders als die meisten Hersteller von PC-Tastaturen hat Apple das Problem mit der Einfg-Taste erkannt und zumindest etwas gemildert: Bei Mac-Tastaturen prangt an Stelle der Einfg-Taste eine Hilfe-Taste. Unabsichtlich die Hilfe aufzurufen, nervt auch – aber nicht ganz so wie das Überschreiben eigener Texte.

Das Apple-@ taucht ab

Wer vom PC auf ein Mac-System umsteigt, sucht noch Monate später immer wieder nach der @-Taste, dem sogenannten Klammeraffen. Bei PC-Tastaturen mit deutschsprachigem Layout ist der Klammeraffe oben links, bei der Q-Taste zu finden. Drückt man Alt Gr und Q, schreibt der PC ein @. Beim Mac muss man unten rechts suchen – Alt und L zaubert den Klammeraffen auf den Schirm.

Nun kann man bei diesem Ärgernis natürlich auch den Herstellern von PC-Tastaturen vorwerfen, dass sie nicht dem Apple-Standard folgen. Allerdings haben PCs einen größeren Marktanteil. Und sie hatten früher einen noch viel größeren, als Apple die Belegung des Klammeraffens auf seinen Tastaturen änderte. 1999 war das, als Mac OS 9 erschien. Bei den vorigen Mac-Systemen tippte man den Klammeraffen mit der Tasten-Kombination Shift, Alt und 1 ein. 1999 führte Apple dann die Alt-und-L-Regel ein, statt einfach dem Standard von PC-Tastaturen zu folgen und Neu-Mac-Nutzern viel @-Ärger zu ersparen.

Zum Einschalten des PCs bücken

Wer Strom spart und seinen PC ausschaltet, statt ihn nur schlafen zu schicken, muss sich für jedes Einschalten zum PC hinunterbücken – es sei denn, das Gerät steht auf dem Schreibtisch. Die meisten Arbeitsplatz-Rechner stehen aber unter den Tischen und die meisten Büroarbeiter beugen sich morgens unter eben diese, um ihre Computer einzuschalten.

Warum nur? So aufwendig kann es doch nicht sein, einen Einschalt- und vielleicht auch einen Ausschalt- und Einschlafknopf auf der Tastatur unterzubringen. Für knapp 15 Euro bietet zum Beispiel der taiwanesische Hersteller Sharkoon einen "PC Jump Start" getauften Schreibtisch-Einschaltknopf. Mikrofon, Kopfhörer und zwei USB-Geräte kann man außerdem noch in das kleine Kästchen mit dem großen Einschaltknopf stöpseln. Nachteil: Zur Montage muss man seinen PC öffnen und die Kabel des Verlängerers in die richtigen Buchsen auf der Hauptplatine des Rechners stöpseln – das wird wohl kaum ein Laie wagen.

Aber Computer-Bauer könnten ihre Rechner mühelos mit diesem Extra ausliefern. Das tun sie aber seit einem Vierteljahrhundert nicht – warum also nun damit anfangen?

Die Akku-Artenvielfalt

Vor vielen Jahren konnte man in alle möglichen Unterwegs-Geräte Standard-AA-Batterien stecken: Sie trieben den Walkman und den Minidisc-Rekorder an, Diktiergeräte und sogar einige der frühen Digitalkameras. Alle möglichen Hersteller produzierten AA-Batterien und -Akkus, sie waren zwar nicht universell einsetzbar, aber schon recht nahe dran.

Heute baut jeder Hersteller eigene Akku-Modelle für seine Digitalkameras – Panasonic-Akkus passen nicht in Sonys Kameras und der Sony-Akku eines Sony-Modells passt schon längst nicht mehr in alle anderen Kameras des Herstellers. Natürlich verlangt fast jeder dieser Sonderakkus ein spezielles Ladegerät. Wer eine neue Kamera kauft, muss nicht nur das gesamte Zubehör der alten Digitalknipse wegwerfen – es ist heute auch unmöglich, unterwegs einfach mal eben ein paar neue Batterien zu kaufen, wenn die Akkukraft zur Neige geht.

Eine löbliche Ausnahme bildet der Kamerahersteller Canon. Viele Canon-Kameras der Powershot-Serie lassen sich wahlweise mit Akkus oder Standard-Batterien betreiben.

Lahmer Rechnerstart: Viele Minuten booten

"Bill-Gates-Gedenkminute" nennen Zyniker die Zeit, die ein Computer nach dem Einschalten braucht, bis er einsatzbereit ist. Die Zwangspause bei den meisten Windows-Arbeitsrechnern reicht aus, um einen Kaffee zu kochen, mit Kollegen zu tratschen oder sich wartend und auf den Rechner stierend wieder einmal aufzuregen. Zwei durch diese Hochfahrpause verlorene Minuten an jedem Arbeitstag summieren sich im Jahr zu gut acht Stunden. Der PC lädt in der Zeit Programm-Elemente von der Festplatte in den Arbeitspeicher.

Das dauert eben.

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