Web-Experiment: Google will Übersetzer vermitteln (Spiegel Online, 5.8.2008)

Web-Experiment

Google will Übersetzer vermitteln

Neuer Dienst im Netz: Google testet intern ein Portal, das die Leistungen menschlicher Übersetzer im Web bündelt. Der Konzern will so Übersetzungen hoher Qualität in mehr als 40 Sprachen erreichen. Doch mit der Teilnahme würden die Profis sich womöglich langfristig selbst überflüssig machen.

Spiegel Online, 5.8.2008

Manchmal arbeiten Menschen doch besser als Computer. Googles kostenloser Automatenübersetzer macht aus der Überschrift "
Teure Tickets, miese Bewertungen (mehr…)"
im Englischen ganz passend "expensive tickets, rotten reviews". Beim
Schritt zurück stolpert der automatische Google-Übersetzer dann aber
gewaltig und interpretiert recht frei "Teuren Tickets, morsch
Bewertungen".

Das könnte in ein paar Monaten anders werden.


Die Autoren des Watchblogs "
Google Blogoscoped"
haben Seiten eines neuen Google-Dienstes namens "Google Translation
Center" entdeckt, der einige Zeit lang offen zugänglich war. SPIEGEL
ONLINE konnte am Montagabend kurz hinter die Kulissen schauen – am
Dienstag dann leitete Google alle Zugriffe auf das Angebot zu seiner
Startseite weiter.

Hinter dem "Translation Center" verbirgt sich eine Web-Vermittlung
für menschliche Übersetzer, die derzeit eine frühe interne Testphase
bei Google durchläuft. Der Web-Konzern beschreibt das Prinzip des
Dienstes auf den gestern zugänglichen Seiten so: 

  • "Fordern Sie Übersetzungen an, finden
    Sie Übersetzer – ein Dokument hochladen und Übersetzungen in mehr als
    40 Sprachen anfordern."
  • "Übersetzen Sie und prüfen Sie übersetzte Dokumente mit Googles kostenlosen, leicht bedienbaren Online-Übersetzungswerkzeugen."

Die Screenshots der Web-Software zeigen eine recht ausgetüftelte
Maske zur Auftragsvergabe und einige für Übersetzer sicher interessante
Werkzeuge wie ein Archiv aller zuvor geschriebener Übersetzungen, ein
Glossar, eine automatisch aufgearbeitete Übersicht aller
Bearbeitungsschritte. Die wichtigsten Fragen lässt Google in dem ( von Blogoscope in Auszügen archivierten) Hilfedokument allerdings offen:

  • Wie werden Übersetzer bezahlt, oder sind
    es Freiwillige? Googles Antwort: "Wir bieten die Werkzeuge allen
    Übersetzern an." In den Geschäftsbedingungen ist ausdrücklich auch von
    "Zahlungen" unter den Nutzern des Dienstes die Rede. Wie die Preise
    aber zustande kommen sollen, ist derzeit unbekannt.
  • Wie verdient Google Geld damit? Wenn
    eine Bezahlfunktion (oder gar ein Auktionsdienst oder Ähnliches)
    integriert wird, könnte Google einfach einen kleinen Teil der Honorare
    als Kommission abgreifen. Allein – Google Blogoscoped zitiert einen
    Passus aus den Geschäftsbedingungen, in dem Google angibt, an der
    Abwicklung von Zahlungen und Dienstleistungen zwischen den Nutzern der
    Plattform "nicht beteiligt" zu sein.

Wie ein Geschäftsmodell für eine solche
Online-Arbeitskraftvermittlung aussehen kann, macht der Web-Gigant
Amazon vor: Das vor Jahren einmal als Buchversand gestartete
Unternehmen betreibt die Minutenlöhnervermittlung "Mechanical Turk" (mehr…).
Hier bieten Unternehmen Jobs an, die "Menschen besser beherrschen als
Computer" – so stellt Amazon den Dienst dar. Für jede Aufgabe gibt es
ein Honorar, zwischen wenigen US-Cent und 30 US-Dollar, je nach
geschätztem Zeitaufwand und Anspruch.

Amazon benutzt diese Plattform selbst, um Minutenlöhner anzuwerben –
auch für Übersetzungen. Derzeit läuft ein Qualifizierungstest, für
anstehende Übersetzungsarbeiten aus dem Englischen ins Französische.
Simplere Amazon-Jobs gibt es auch, zum Beispiel die "Korrektur
deutscher Suchbegriffe". Als Beispiel führt Amazon auf:

"Stellen Sie sich vor, Sie
und ein Freund kaufen auf einer Shopping-Website wie Amazon.de ein. Ihr
Freund steht ein bisschen auf Kriegsfuß mit der Rechtschreibung und
bittet Sie, ihm beim Tippen zuzusehen und seine Fehler zu korrigieren.
So ist zum Beispiel ‚Timberland‘ die korrekte Schreibweise einer
Bekleidungsmarke, während ‚Timbaland‘ die korrekte Schreibweise eines
Musikernamens ist."

Mit 60 Sekunden veranschlagt Amazon den Zeitaufwand pro Suchbegriff,
2 US-Cents gibt es dafür – macht rein rechnerisch einen Stundenlohn von
1,20 US-Dollar, umgerechnet also nicht einmal einem Euro.

Googles Minutenlöhner-Portal ist gescheitert

Google ist schon einmal mit einem Portal zur Vermittlung
menschlicher Arbeitskraft gescheitert. Der Dienst Google Answers wurde
Ende 2006 nach gut vier Jahren des Dahinsiechens eingestellt. Bei
diesem Web-basierten Rechercheangebot ließ Google ein paar Hundert
freiberuflich arbeitende "Google Answers Researchers" Anfragen
beantworten. Die Auftraggeber legten fest, wie viel sie für eine
befriedigende Auskunft bezahlen wollten (zwischen 2,50 und 200
US-Dollar).

Schlossen Kunde und
Researcher die Transaktion ab, behielt Google ein Viertel der
überwiesenen Summe. In Russland und China betreibt Google noch einen
vergleichbaren Dienst. "Questions and Answers" ist dort aber eher als
Community angelegt: Nutzer beantworten hier Fragen kollektiv, ohne
Bezahlung. So ähnlich wie bei anderen Diensten wie Yahoo Answers oder
Lycos IQ.

Was treibt Google nach diesem Misserfolg dazu, sich noch einmal an
einer Arbeitskraftvermittlung zu versuchen? An einer, bei der bislang
keine Erlösquelle zu erkennen ist?

Die überzeugendste Erklärung formuliert der US-Technikblogger
Brian McConnell bei GigaOM:
"Google Translation Center wird Google nützen, wenn hier ein Reservoir
an hochwertigen Übersetzungsalternativen entsteht, das in Googles
Software-Übersetzer eingespeist werden kann."

In der Tat sieht das, was vom Google Translation Center bislang zu
sehen war, ganz danach aus, dass Ursprungstexte und Übersetzungen
zwingend auf Google-Servern gespeichert werden müssen. Weiter gedacht
könnte das bedeuten: Wenn Übersetzer Aufträge über Googles Dienst
abwickeln, bringen sie mit jeder Übersetzung der Google-Software ein
wenig mehr Sprachgefühl bei. Bis der Google-Roboter dann irgendwann
selbst merkt, dass die Schlagzeile "Teuren Tickets, morsch Bewertungen"
so gar nicht deutsch klingt.

Und eines Tages vielleicht komplett auf menschliche Hilfe verzichten kann.