Touchscreen-Digitalkameras: Taschenkameras mit iPhone-Display (Spiegel Online, 24.10.2008)

Touchscreen-Digitalkameras

Taschenkameras mit iPhone-Display

Kleine Kamera, großer Bildschirm, keine Knöpfe – Sony, Samsung und Nikon verpassen ihren teureren Kompaktkameras Touchscreens wie beim iPhone. Das Versprechen: einfache Bedienung und tolle Bilder. Konrad Lischka hat ausprobiert, was die Anfasskameras können.

Spiegel Online, 24.10.2008

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Immer kleinere Kameras mit immer größerer Auflösung – lange Zeit
haben Hersteller in der Werbung für digitale Kompaktkameras Fortschritt
in Megapixeln gemessen. Die Geräte schrumpften, die Bedienung über zig
Knöpfe und Drehschalter blieb aber Jahre lang gleich. Nun trumpfen die
Kamerabauer mit neuen Modellen auf, die sich mit einem Touchscreen
ähnlich einfach wie das iPhone bedienen lassen sollen.

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Am radikalsten setzt Nikon dieses Bedienkonzept bei der
Taschenkamera Coolpix S60 um: Zwei Knöpfe (Anschalten und Auslösen) hat
das Gerät auf der Oberseite. Fast die gesamte Rückseite nimmt ein
Bildschirm ein – mehr Bedienelemente gibt es nicht. Sony und Samsung
verzichten bei ihren Kompaktkameras mit Anfassbildschirm (T500 und
NV100) nicht ganz auf Extratasten.

Bedienung, Bildqualität, Ausstattung – SPIEGEL ONLINE vergleicht drei neue Touchscreen-Kameras.

Bildschirm – so gut sehen die Touchscreens aus

Weniger Tasten – mehr Platz fürs Display: Die Nikon S60 und Sony
T500 haben beide ein Display mit neun Zentimetern Bildschirmdiagonale,
Samsungs etwas kleinere Taschenkamera NV100 hat einen etwas kleineren
Bildschirm mit sieben Zentimetern Diagonale. Keine der Kameras hat
einen optischen Sucher, man ist also auf die Bildqualität des Displays
angewiesen. Die fällt recht unterschiedlich aus:

  • Nikon Coolpix S60: Die Display-Darstellung wirkt etwas
    verschwommen, detailarm und recht dunkel. Wenn man bei bewölktem Himmel
    oder in der Dämmerung fotografiert, zeigt das Display Bilder mit
    starkem Rauschen.
  • Sony T500: wenig Rauschen, scharf, etwas dunkel.
  • Samsung NV100: kleineres Display als bei der Konkurrenz, aber im Vergleich die beste Darstellung – scharf, hell und kontrastreich.

Auf Berührungen reagieren die Bildschirme von Nikon S60 und Samsung
NV100 sehr schnell. Allein die Sony-Kamera T500 ist manchmal etwas
träge, gerade Berührungen in der obere rechten Ecke muss man ab und an
mit Nachdruck wiederholen, bis die T500 sie registriert.

Einen direkten Vergleich zum Touchscreen des iPhones erlaubt das
Blättern durch Fotoalben: Mit dem Zeigefinger durch die aufgenommen
Fotos blättern, die Bilder über den Bildschirm ziehen, von links nach
rechts und zurück – das klappt mit dem Touchscreen der Samsung NV100
intuitiv am besten (siehe Video unten).

{youtube}YQmvuKP663w{/youtube}

Bei der Nikon Coolpix S60 interpretiert die Software das
Weiterblättern manchmal als Zoomversuch – hier muss man die korrekten
Bewegungen ein wenig trainieren, um die Kamera ohne Missverständnisse
zu bedienen.

{youtube}6fYejOBlu9E{/youtube}

Das Scroll-Prinzip der Sony T500 kann man kaum intuitiv nennen – bei
der Kamera muss man beim Bildergucken vorab angeben, wie die Kamera nun
einen Druck auf den Bildschirm interpretieren soll – als Bild vor oder
Bild zurück. Ist man bei der letzten Aufnahme angekommen, muss man der
Kamera erneut erklären, dass ein Bildschirmtipper fortan als "Bild
zurück" gelten soll – sonst kommt man nicht weiter.

{youtube}4ToTSpBCeDo{/youtube}

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Der Bildschirm der Samsung NV100 – der kleinste im Vergleich – wirkt
im Selbstversuch am angenehmsten: gute Darstellung, fixe Reaktion auf
Berührungen. An die Reaktionsgeschwindigkeit und die Bedienbarkeit des
iPhone-Displays reicht allerdings auch der Bildschirm der
Samsung-Kamera nicht heran.


Bedienung – meistens einfach

Der Anfassbildschirm macht die Bedienung beim Fotografieren in
vielen Fällen wirklich einfacher: Mit dem Touch-Fokus tippt man auf dem
Display einfach den Bildbereich an, den die Kamera fokussieren soll –
das klappt bei allen drei Geräten wirklich gut.

Beim Zoomen zeigt sich aber, dass Anfassbildschirme nicht für alles
die besten Lösung sind: Das Zoomen per Bildschirmdruck wirkt bei Nikons
S60 arg umständlich. Samsung löst das bei der NV100 mit zwei Tasten
(eine zum Heran-, eine zum Wegzoomen), am schnellsten lässt sich aber
der Drehknopf an der Sony-Kamera T500 bedienen – das geht anders als
bei der Nikon und Samsung auch mit nur einer Hand an der Kamera mühelos.

Abgesehen von solchen Unterschieden in Details lassen sich
wesentliche Funktionen bei allen drei Anfasskameras intuitiv finden und
bedienen. Um in den Nahaufnahmemodus zu wechseln, braucht es bei den
drei Kameras zwei Fingerberührungen auf dem Hauptbildschirm. Ebenso
leicht lässt sich bei den drei Kameras der Blitz zwangsweise
abschalten.

Per Fingerzeig ins Motivprogramm

Unterschiede bei der Bedienbarkeit zeigen sich, wenn man zum
Beispiel aus dem Automatik-Modus in ein Motivprogramm wechseln möchte,
um zum Beispiel ein Feuerwerk aufzunehmen. Die drei Kameras haben ein
entsprechendes Motivprogramm mit passenden Voreinstellungen – nur sind
die unterschiedlich gut zu finden.

Bei der Sony T500 findet man das Auswahlmenü mit den Motivprogrammen
schnell, zwei Fingerberührungen genügen vom Hauptbildschirm aus. Danach
wird es aber unnötig kompliziert: Um die Kurzbeschreibung eines
Motivprogramms zu lesen, muss man das Symbol auf dem Bildschirm
berühren und dann loslassen. Es ist nicht möglich, mit dem Finger
einfach (und vor allem schnell!) über die Symbole zu fahren und die
Beschreibungen durchzuscrollen.

Ganz ähnlich funktioniert die Motivauswahl bei der Nikon Coolpix
S60: zwei Klicks und man ist in der Übersicht, kann dann aber schnell
mit dem Finger durch die Kurzbeschreibungen scrollen. Vergleichbar
funktioniert das bei der Samsung NV100.

Bei der Bedienung zeigt sich, dass ein Anfassbildschirm allein nicht
ein durchdachtes Bedienkonzept ersetzt. Die Sony T500 macht die
Bedienung an einigen Stellen unnötig langwierig.


Ausstattung und Fazit

Bei der Bildqualität sind zwischen den drei Kameras keine krassen
Unterschiede zu bemerken. Die Bilder sind ordentlich, aber nicht
überragend – was von Kompaktkameras ja ohnehin niemand erwartet. Bei
Aufnahmen ohne Blitz in der Dämmerung ist bei allen drei Modellen ab
einem ISO-Wert von 400 ein leichtes Rauschen in den Fotos zu sehen
(siehe Fotostrecke unten).

Einen deutlichen Unterschied bei der Bildgestaltung macht das
Objektiv der Nikon S60 – der mögliche Winkel bei Aufnahmen ist nicht so
weit wie der bei der Sony T500 und Samsung NV100, die Fotografen haben
also weniger Gestaltungsspielraum (siehe Fotostrecke unten).

Videos können alle drei Kameras in HD-Qualität mit Stereo-Sound
aufnehmen. Ärgerlich ist dabei, dass keine der Kameras das notwendige
HDMI-Kabel mitliefert, um Fotos und Videos verlustfrei an HD-Fernsehern
zu betrachten.

Noch ärgerlicher ist, dass keine dieser Kameras einen
Mikro-USB-Eingang aufweist, um sie an Computern anzuschließen. Jede hat
einen ganz eigenen Schnittstelleneingang, in den nur die mitgelieferten
Kabel passen. Folge: Wer unterwegs ist, muss entweder das Zubehör oder
einen USB-Speicherkartenleser mitschleppen, um Fotos einzulesen.

Bei den günstigsten Online-Händlern kostet die Sony T500 und die
Nikon Coolpix S60 um die 290 Euro, die Samsung-Kamera NV100 etwa 30
Euro weniger. Perfekt ist keine der Kompaktkameras, die Samsung NV100
überzeugt im Vergleich aber mit dem sehr hellen, scharfen Display und
einer meist intuitiven Bedienung ohne große Ärgernisse.

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