Technikärgernis Anleitung: „Ziehen sie die Kunststoffösen 23 einfach nach oben“ (Spon, 16.10.2008)

Technikärgernis Anleitung

"Ziehen sie die Kunststoffösen 23 einfach nach oben"

Den Nippel durch die Lasche ziehen – manche Handbücher klingen wie Anleitungs-Satiren. Wer Videorecorder oder W-Lan-Router bedienen will, muss ihre Sprache lernen. Doch die gedruckten Verhaltensregeln passen nie zum beigelegten Gerät. Oder umgekehrt?

Spiegel Online, 16.10.2008

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Wer einen Luxus-Kinderwagen aus der Hartan-Fabrik im oberfränkischen
Sonnefeld besitzt, hat alles richtig gemacht – so steht es in der
Anleitung: "Damit sich Ihr Baby sicher und geborgen fühlt, haben Sie
sich für ein hochwertiges Produkt aus dem Hause Hartan entschieden."
Und so weiter – hochwertige Verarbeitung, strenge Qualitätskontrolle.
Je weiter man aber in der Anleitung blättert, umso unverständlicher
werden die Sätze.

Da steht dann auf einmal:

"Klappen Sie den Tragebügel
24 nach hinten. Dann ziehen Sie die beiden Kunststoffösen 23 innen im
Wagen einfach nach oben und rasten die seitlichen Aluminiumstreben in
die Kunststoffhalter am Boden. Zum Öffnen klappen Sie den Tragebügel 24
nach oben bis er einrastet und drücken nur den Boden der Tragetasche
nach unten."

Das ist ein Abschnitt aus der Erklärung, wie man nun das Oberteil
des Kinderwagens abnimmt und als Tasche trägt. Ein gutes Dutzend
Handgriffe ist nötig, die Anleitung (PDF-Dokument) listet diese in einem Fließtext mit Wortungetümen wie "Fußstützenverstellung" hintereinanderweg auf – ohne Illustration.

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Wer sehen will, was mit Tragebügel 24 gemeint ist, muss ein paar
Seiten zurückblättern, zur einzigen schematischen Darstellung des
Kinderwagens "VIP XL" in der Anleitung. Hier deuten 25 Pfeile an, was
mit Begriffen "Fußstützenverlängerung", "Schutzbügelverstellung" und
"Teleskopschieber höhenverstellbar" gemeint ist. Wer wissen will, was
man damit macht, muss weiterblättern – zur Anleitungs-Textwüste.

Anleitungen klingen wie Handbuch-Satiren

So ähnlich klang die Anleitung für
"Holzwollschnitzelwerk", die 1972 Schobert und Black
sangen – "da jetzt schon von selbst das Überdruckventil in die Nut des
Nippel passt, kurbeln Sie die Kurbel des Kurbellagers, bis der Haken
den Schlepper erfasst". Das war Satire. Warum ist gut drei Jahrzehnte
später eine Anleitung für ein etwa 500 Euro teures Produkt ähnlich
unverständlich?

Das erklärt Hartan-Sprecher Dieter Winkler so: "Eine Illustration
ist aufgrund der Vielzahl von Bedienungsanleitungen nicht zu
verwirklichen. Wir haben 14 verschiedene Modelle, die für 16 Länder in
unterschiedliche Ausführungen gedruckt werden müssen." Die wegen
ständiger Verbesserung nötige "laufende Überarbeitung der
Illustrationen" würde "den Aufwand nicht rechtfertigen".

Andere Unternehmen geben sich da mehr Mühe. Ikeas Aufbau-Anleitungen
zum Beispiel kommen fast ausschließlich mit Zeichnungen aus – und
erklären dabei ganz verständlich und anschaulich, wie all die
Möbelteile zusammenpassen sollten.

Die Linguistin Catherine Badras, Leiterin des Studiengangs
Technikkommunikation an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften
Zürich, beobachtet, dass "die Qualität der Bedienungsanleitungen für
Konsumgüter in den letzten Jahrzehnten generell eher zugenommen hat".
Heute würden nicht mehr Ingenieure nebenher Anleitungen schreiben, das
sei inzwischen ein Vollzeit-Job für Fachkräfte. 70.000 Angestellte
schreiben laut dem Fachverband Tekom in Deutschland hauptberuflich
Technik-Dokumentation.

"Versammeln Sie alle drei Beine!"

Ein wenig geholfen hat das schon. Vor 20 Jahren fanden die Autoren des Fachmagazins "Tekom-Nachrichten" für ihren Artikel über "Gebrechanleitungen" in Anleitungen noch Formulierungen wie diese:

  • "Zeiger auswählbar durch das Eigentümers Operation. – Drückt auf
    den Knopf Set um die gespalte Zeit zu fassen, wenn sie Stille läuft
    innerlich." (aus der Anleitung einer Digitaluhr)
  • "Setzen sie das stereo Kopfphon in Kopfphon Wagenwinde ein, die
    Macht ist an, sonst ist die Macht ab." (aus dem Handbuch des damals
    angeblich kleinsten Radios der Welt)
  • "Befestigen Sie Teil F an Teil E. Versammeln Sie alle drei Beine.
    Befestigen Sie versammelte Beine an C-3 Unterpfahl. Verbrauchen Sie
    zwei Höhlen bei ES und eine Höhle bei FS." (aus der Aufbauanleitung für
    einen Garderobenständer)
  • "Wenn das Wetter kalt ist, wird die Puff Unterlage sich langsam
    puffen." (aus dem Handbuch einer sich selbst aufpustenden Luftmatratze
    mit Schaumstoffkern).

Die Zeit solcher Übersetzungen neigt sich dem Ende entgegen – so ein
Computer-Deutsch liest man heute eher in Spam-Mails, sogar günstige
Geräte haben nun meist zumindest grammatikalisch größtenteils korrekte
Anleitungen. Das macht sie aber nicht unbedingt verständlicher.

"individuelle SSID und WPA/WPA2 mit Preshared Key"

So erklärt zum Beispiel eine Bedienungsanleitung von T-Online, das
Verbinden eines PCs mit einem W-Lan-Router mit dem Hinweis, man
definiere ein drahtloses Netzwerk, indem man "allen Geräten eine
identische SSID" zugweise. Zu beachten habe man dabei, dass am
"Speedport W 700V" eine "individuelle SSID und die Verschlüsselung
WPA/WPA2 mit Preshared Key voreingestellt" sind. Man müsse auch prüfen,
ober der eigene W-Lan-Adapter eine "WPA2-Verschlüsselung unterstützt".
Dies sei "in der Bedienungsanleitung des W-Lan-Adapters beschrieben". (PDF-Dokument)

Hoffentlich. Vielleicht ist es da einfacher erklärt. Denn die
meisten Menschen, die im Handbuch nachlesen müssen, wie man Router und
Rechner drahtlos verbindet, werden mit SSID und Pre-Shared Key wenig
anfangen können. Natürlich kann ein Router-Handbuch dem Laien nicht die
Grundlagen von Betriebssystem und Netzwerktechnik erklären – aber
Kenntnis von Verschlüsselungsmodi wie WPA oder WEP kann man nicht
voraussetzen.

Gerade das tun schlechte Handbücher, findet
Kommunikationswissenschaftler Clemens Schwender von der Bremer Jacobs
Universität, der zur Geschichte der Gebrauchsanweisung geforscht hat.
Seine Einschätzung: "Es wird zu viel Wissen vorausgesetzt. Zum einen
verstehen diejenigen, die das Gerät beschreiben, es offensichtlich. Und
sie können sich dann nicht mehr in die hineinversetzen, die es nicht
verstehen."

Alles richtig gemacht – und doch daneben

Ein schönes Beispiel für Betriebsblindheit liefert der
Heimelektronik-Konzern Toshiba in seiner Anleitung für den
LCD-Fernseher 32C3030, die sogar Technik-Redakteure in den Wahnsinn
treibt. Die Anleitung beschreibt auf Seite 10 wunderbar detailliert,
wie man eine "Erstmalige Sendereinstellung am digitalen Fernsehgerät"
zu erledigen hat. Schritt-für-Schritt-Anleitung, Fotos, Illustationen –
alles wunderbar. ( ZIP-Dokument)

Die automatisch eingestellten Sender sieht man trotzdem nicht. Auch
wenn man alle Anweisungen auf der wunderbaren Seite zehn wieder und
wieder befolgt – kein Bild. Warum, steht auf Seite sieben, in einer
Randnotiz zu der Erklärung "Wahl des Eingangs für externe Quelle" auf
Seite sechs: "Um das jeweilige externe Gerät wieder aufzurufen, drücken
Sie die Taste SYMBOL. Mit dieser Taste können Sie zwischen DTV, EXT1,
EXT2, EXT3C, HDMI1, HDMI2, PC oder ATV umschalten."

Tja: Wer die automatisch eingestellten Digitalsender auch sehen
will, muss vorher ganz manuell den Fernseher auf DTV umschalten. Das
ist völlig logisch – nur sollte man das Laien vielleicht doch auch im
Kapitel zur "erstmaligen Sendereinstellung" erklären.

Solche Erklärmacken kann man bei Anleitungen für komplexe Geräte
(und das sind Fernseher heute) beim Vorab-Test bemerken. Für die reicht
die Zeit aber nicht immer, wie die Linguistin Badras weiß: "Die
Produktionszeiten werden immer kürzer und die Erstellung der
Bedienungsanleitung ist oft das letzte Glied in der Produktionskette.
Manchmal stehen den Tests auch wirtschaftliche Zwänge im Wege."

"Der Apparat gleicht einem mittelgroßen Fliegenpilz"

Einfach gesagt: Die perfekte Anleitung ist ziemlich teuer. Und weil
die beschriebenen Geräte meistens viel komplexer sind als alles, was es
vor zehn Jahren noch zu kaufen gab, kostet es heute sicher mehr Mühe,
eine nur ordentliche Anleitung zu schreiben als vor ein paar Jahren für
eine exzellente nötig war. Früher waren die Geräte simpel und die
Anleitungen manchmal wunderbar anschaulich.

Im November 1877 zum Beispiel beschrieb Generalpostmeister Heinrich
von Stephan seinem Chef, dem Reichskanzler Bismarck, in einem Brief die
Benutzung des Telefons mit diesem Bild: "Der Apparat gleicht in Form
und Größe einem mittelgroßen Fliegenschwamm [=Fliegenpilz, Anm. d.
Red.]. An dem Stiel faßt man an und spricht da, wo die rote Fläche ist.
Ebendaselbst hört man auch. Es ist kaum etwas Einfacheres zu denken."

In der Tat.

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Versteckte Einschaltknöpfe, verwirrende Anleitungen, verrückte
Automaten – in der Reihe "Fehlfunktion" stellen wir in loser Folge
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