Papercraft: Warum Hacker süße Papiermonster kleben (Spiegel Online, 26.12.2008)

Papercraft

Warum Hacker süße Papiermonster kleben

Schneiden, falten, kleben – Kartonmodellbau war vor Jahrzehnten populär. Nun entdecken Hacker ihre Bastelleidenschaft: Kartonbau heißt Papercraft, Manga-Figuren und Computerspiel-Helden sind die Vorlagen, sogar Künstler entwerfen Bastelbögen – und verschenken ihre Werke im Web.

Spiegel Online, 26.12.2008

Wer lange genug sucht, kann im berüchtigten Webforum 4Chan
Anleitungen für alle erdenklichen Streiche finden: Hier stand während
des US-Wahlkampfs im Sommer, wie man an die privaten E-Mails von Vize-Kandidatin Sarah Palin kommt. Eine anonyme Netzguerilla heckte hier aus, wie man
Googles Rangliste der aktuell häufig gesuchte Wortgruppen manipuliert,
spiegelverkehrte Hakenkreuze und Beschimpfungen wie "Fuck you google"
an die Spitze treibt. In solch einem Umfeld vermutet man alles – aber
wohl kaum Debatten über Kartonmodellbau.


Aber tatsächlich debattieren im zentralen Forum der Netzguerilla zu
jeder Tages- und Nachtzeit Hunderte von Menschen, die sonst wohl eher
Computer, Programme und Webseiten auseinandernehmen, Kartonstärken,
Schneidetechnik und die neusten Modellbausätze.

Da fragt am zweiten Weihnachtfeiertag um ein Uhr morgens jemand nach
einem Papiermodell des Minibusses aus der Scooby-Doo-Zeichentrickserie.
20 Minuten später hat jemand eine einfache Schablone zum Ausdrucken
hochgeladen, etwas später folgt ein Link zum kompletten
Scooby-Doo-Bausatz.

Wer bei Modellbau an biedere Weihnachtsgeschenke denkt, wird die
Vorlagen der neuen Bastel-Fans gar nicht erkennen: Es gibt Modelle von
Computerspiel-Monstern, japanischen Anime-Figuren, Cola-Automaten und
kleinen Kätzchen. Eine krude Mischung von Figuren aus der populären
Kultur, deren Herkunft nur echte Fans entschlüsseln können.

Informatiker und Designer sind die neuen Modellbastler

Wer nie das legendäre Spiel Quake gesehen hat, wird die
Kartonmodelle des US-Grafikdesigner Bhautik Joshi vielleicht für
Monster aus den H.P. Lovecrafts Romanen halten. Aber Figuren wie das
riesige, affenähnliche Ungetüm namens Shambler stammen aus
Computerspielen. Klassische Spiele wie Quake sind für Modellgestalter Bhautik Joshi
ideale Vorlage, wie er auf seiner Kartonbastelseite erklärt: "Das Spiel
ist perfekt für Kartonmodelle, keine zweidimensionalen Modelle mehr wie
im Vorgänger Doom, aber nicht zu viele Details wie in modernen
Spielen."

Joshi ist beispielhaft für die neuen Generation der
Kartonmodellbauer: Der Mittdreißiger hat Informatik, dann
Biomedizintechnik studiert, eine Doktorarbeit über den Einsatz von
Computeranimation bei Operationen geschrieben und arbeitet derzeit als
Forscher bei George Lucas‘ Animationsfirma "Industrial Light and Magic".

Monster und Manga-Helden

Mit dem Kartonmodellbau, wie man ihn in Deutschland kennt, hat das
wenig zu tun. Burgen, Städte, Schiffe und Flugzeuge – das waren einst
die beliebtesten Motive der in den 50er Jahren in großen Auflagen
verkauften Kartonmodellbaubögen. So ist das heute noch, wenn man sich
die Seiten der deutschen "Interessengemeinschaft Kartonmodellbau"
anschaut. Diese klassischen, von Verlagen vertriebenen Bausätze für
Kartonmodelle sind heute allerdings ein Nischenphänomen.

Im Web boomt das Hobby hingegen – unter einem anderen Namen
allerdings: Papercraft. So heißt Kartonbau in Japan. Von dort ist die
neue Begeisterung fürs Basteln in den Westen herübergeschwappt.

Ein schöne Wendung dieser Erfolgsgeschichte ist, dass ausgerechnet
das Internet und moderne 3D-Aninmationssoftware ein so altes Hobbys
(die ersten Modellbaubögen verkaufte ein Londoner Verlag um 1840) auf
einem so traditionellen Werkstoff wie Papier wiederbeleben. Aber es ist
so: Wer heute unter 30 ist und Kartonmodelle klebt, hat
höchwahrscheinlich die meiste Zeit seiner Jugend vorm Computer
verbracht.

Basteln nach Open-Source-Prinzip

Den Zusammenhang von Kartonmodellen und Computertechnik erklärt der Niederländer Ralf Wigboldus, der ein
Forum für Kartonmodelle von Figuren aus Nintendo-Spielen
betreibt, so: "Dieser Trend nährt sich selbst: Es gibt im Laden kaum
Modellbögen zu kaufen. Wir entwerfen eigene Modelle, natürlich am
Computer. Weil das sehr viel Zeit und Kraft kostet, teilt man seine
Entwürfe mit anderen, was wieder neue Bastler anlockt."

In diesem Kreislauf erhalten die allermeisten Gestalter als Lohn für
ihre Mühe Lob, Bewunderung und ein Verbesserungsvorschläge. Das klingt
ein wenig nach der Idee der "Open Source"-Bewegung (Begriffserklärung bei SPIEGEL WISSEN), die nach einem ähnlichen Muster Software entwickelt.

Wie die Open-Source-Bewegung ist auch die Papercraft-Gemeinschaft
wirklich international – alle verstehen Englisch, besuchen dieselben
Internetforen und laden ihre Entwürfe in universellen Dateiformaten
hoch. Hier entwickelt sich die Gemeinschaft der Kartonbastler ähnlich
wie die große Lego-Hacker-Communit.

Computer-Tüftler
begeistern sich schon seit Jahren für Lego-Bausätze .
In den Vereinigten Staaten gibt es sogar ein Lego-Fachmagazin für
Erwachsene. Chefredakteur Joe Meno erklärte SPIEGEL ONLINE die
Faszination der Computer-Generation für die Dänen-Klötzchen so: "Lego
ist sehr hacker-freundlich. Der Lego-Prozess kommt dem Hacken nahe:
schaffen, tüfteln, testen, verbessern. Jeder kann nach seinen eigenen
Regeln weiterbauen."

Fast alle Vorlagen gibt’s kostenlos im Web

Kartonbau treibt dieses Prinzip auf die Spitze: Alles ist möglich –
ein guter Farbdrucker und Papier in der richtigen Stärke vorausgesetzt.
Anders als bei Lego ist das Baumaterial unbegrenzt und kostenlos
verfügbar, fast so wie beim Programmcode.

Neu ist am Webphänomen Papercraft, dass hier nicht nur Informatiker
und Nerds mitarbeiten, sondern auch Grafikdesigner, die das
Modellbau-Spektrum um ganz neue, manchmal bizarre, manchmal schöne
Figuren bereichern.

Der
Illustrator Eric Wiryanata
aus Jakarta etwa, der eigene Figuren wie "Lemi, den Weltraumtouristen"
oder "Wilson, den Roboter" in surrealen Farben entwirft. Oder die spanischen Comic-Zeichner Sento Llobell und Toni Vaca, die Kartonmodelle von Politiker entwerfen und kostenlos ins Web stellen.

Warum? "Es ist toll, Entwürfe mit so vielen Menschen zu teilen."