10.000 Microsoft-Patente: Vögelchen für Mails, Brummbären für Videos (Spiegel Online, 13.2.2009)

10.000 Microsoft-Patente

Vögelchen für Mails, Brummbären für Videos

Jahr für Jahr überschwemmt Microsoft das US-Patentamt mit bis zu 3000 Anträgen. Und das voller Erfolg: Die Behörde hat nun Nummer 10.000 bewilligt. SPIEGEL ONLINE zeigt die kuriosesten Ideen, die sich der Konzern schützen ließ – vom Brummbären bis zum E-Mail-Vogel.

Spiegel Online, 13.2.2009

Für große US-Unternehmen sind Patentanträge so etwas wie Schrotkugeln – man muss möglichst viele abfeuern, dann werden schon ein paar treffen. Wird aus einer Idee einmal eine brauchbare Anwendung, ist der Konzern auf der sicheren Seite, auch wenn eine andere Firma sie umsetzt.


Microsoft feiert gerade, die 10.000. Schrotkugel ins Ziel gebracht zu haben: Die US-Patentbehörde hat Forschern des Software-Riesen ein Patent auf die „Veränderung von mit einem physischen Objekt verknüpften Daten“ zugestanden.

Das Konzept könnte zum Beispiel diese Anwendung möglich machen: Man legt eine Muschel aus dem Strandurlaub auf Microsofts Multimedia-Tisch Surface Table, die Software erkennt das Souvenir wieder und zeigt die Urlaubsfotos, auf denen man die Muschel noch am Strand liegen sieht.

Microsofts Patentchef Bart Eppenauer jubelt darüber im Gespräch mit dem Fachdienst News.com: „Patente sind die Währung, in der Innovationen in unserer Branche gehandelt werden.“

Bis zu 3000 Patentanträge reicht Microsoft inzwischen jährlich ein – eine eigene Abteilung mit 100 Mitarbeitern ist ausschließlich mit der Abwicklung beschäftigt. Wer täglich solche Schrotladungen an Anträgen abfeuert, riskiert natürlich Streuverluste. Weil das US-Patentrecht eine großzügige Auslegung des Innovationsgehalts zulässt, liefern sich IT-Firmen einen harten Wettbewerb um möglichst breit angelegte, früh erteilte und daher oft skurril klingende Patente.

Lesegeräte für Gedanken, brummende Software-Bären und das E-Mail-Vögelchen – SPIEGEL ONLINE zeigt die kuriosesten Microsoft-Patente.

Der surfende Web-Kamerad

Gut zehn Jahre ist es her, da ließ sich Microsoft eine Idee patentieren, die irgendwann die Internet-Suche erleichtern sollte. Microsoft betitelte den Antrag damals als „System zur Verbesserung von Suchanfragen“. Die Antragsteller schreiben, die Menschen hätten angefangen, „Suchmaschinen als Helfer zu nutzen, um das Internet zu durchsuchen“. Das Problem sei, dass es bislang „keine Werkzeuge gibt, die Computeranwendern helfen, die geeignete Suchmaschine zu finden“.

Das war drei Monate, nachdem Google gegründet wurde.

Microsoft wollte die Internet-Suche mit einem Wiedergänger des seit 1996 Office-Anwender nervenden Helfers Karl Klammer (in den USA Clippy genannt) vereinfachen. Ein „Web-Kamerad“ soll als „interaktive Suchhilfe“ agieren – und den Menschen Fragen stellen. Fragen wie: „Wollen Sie eine E-Mail-Adresse finden?“ Oder: „Suchen Sie Fotos eines Prominenten?“

Im Patentantrag sieht dieser Web-Kamerad aus wie eine schwebende Banane über einem Surfbrett. Während Microsoft solche merkwürdigen Suchhelfer fürs Web zeichnete, programmierten die Google-Gründer Suchalgorithmen, die zum Beispiel Fotos von Texten unterscheiden. Man muss dafür auch nicht animierten Bananen und Büroklammern zusehen und antworten, sondern einfach auf Reiter wie „Web“, „Bilder“ und „News“ klicken.

Der Gedankenleser

Wie fühlen sich Anwender, wenn Windows lahmt, Karl Klammer nölt oder Microsofts Online-Dienste im Firefox-Browser nicht funktionieren? Solche Fragen kann nur Gedankenlesen zuverlässig beantworten. Microsoft-Forscher haben vor drei Jahren einen Patentantrag auf eine neue Messmethode für Software-Tests eingereicht. Auf der beigefügten Zeichnung sieht alles ganz einfach aus. Ein Mann sitzt vorm Computer. Vier Kabel an seinem Kopf messen die Gehirnströme. Ein Kasten zeigt, welche Aufgabe er gerade bewältigt.

Wie es ihm dabei geht, möchten Microsoft-Forscher per Elektro-Enzephalographie (EEG) messen. Der Konzern will sich das Verfahren schützen lassen, das Software-Forschern erkennen helfen soll, was sie eigentlich messen. Der Antrag behauptet, mit der Filtermethode könne man zuverlässig aus Messdaten Nutzerreaktionen auf die Software wie „Überraschung, Befriedigung und Frustration“ ableiten. Bei den heutigen Verfahren (Befragen und Beobachten) könne man Verhaltensweisen leicht übersehen oder falsch interpretieren.

Das E-Mail-Vögelchen

Den Titel dieses Patentantrags muss man im Original genießen: „Modulating the Behavior of an Animated Character to Reflect Beliefs Inferred About a User’s Desire for Automated Services“. Zu deutsch heißt das ungefähr „Das Verhalten einer animierten Figur anpassen, um die angenommenen Bedürfnisse eines Anwenders nach automatisierten Diensten widerzuspiegeln“.

Konkret heißt das: Wenn jemand eine E-Mail liest und nebenher ein Programm zur Terminverwaltung läuft, berechnet eine Software „die Wahrscheinlichkeit, dass der Anwender einen Termin im Zusammenhang mit der E-Mail einrichten will und entscheidet dann, ob ein Dienst automatisch gestartet oder der Anwender zunächst in einen Dialog verwickelt werden soll“.

Wenn die Software dann ausknobelt, dass ein Dialog sinnvoll ist, erscheint ein Agent zum Beispiel in „Form eines Vogels“ sowie ein Kalender-Fenster. Der Vogel soll fragen, ob man vielleicht einen Termin anlegen will. Der Anwender „darf Zustimmung oder Ablehnung signalisieren, indem er in ein Mikrophon spricht“.

Das Patent wurde Microsoft 2003 zugestanden. Bislang wurden keine E-Mail-Vögelchen in Microsoft-Programmen gesichtet.

Totalüberwachung für Büroarbeiter

Acht Microsoft-Forscher beschreiben ihr System zur „Überwachung von Gruppenaktivitäten“ in einem Patentantrag als ideales Werkzeug, um „automatisch Frustration oder Stress bei Computeranwendern auszumachen“. Dazu soll ein Programm kontrollieren, was der Anwender am Computer gerade tut. Gleichzeitig soll ein Schwarm drahtlos mit einem Zentralrechner vernetzter Sensoren Blutdruck, Mimik und Körpertemperatur überwachen. Software werde diese Beobachtungen dann mit Standardwerten abgleichen und Abweichungen erkennen.

Eingereicht wurde der Antrag Mitte 2006. Wenn das US-Patentamt dem Antrag stattgibt, müssen Unternehmen, die Mitarbeiter ausspionieren, demnächst vielleicht nicht nur die Datenschützer fürchten, sondern auch Microsofts Anwälte.

Der Brummbär

Was für eine Idee! Fast 15 Jahre ist es her, da ließ sich Microsoft einen Teddybären patentieren, der passend zu Szenen auf einer Videokassette brummen oder herumfuchteln sollten. In Patentsprache heißt so ein Tier „per Video und Funk kontrollierter Bewegungs- und Sprechapparat“.

Die Idee: Auf einer ungenutzten Datenspur von Video-Kassetten sollte abgespeichert werden, wann ein an den Videorekorder angeschlossenes Gerät (eine Art Fernbedienung) Funksignale aussendet. Diese Signale sagen dem Bären – oder einem anderen Spielzeug -, wann es zu brummen, tanzen, blinzeln oder sonst etwas zu tun hat, was zum Geschehen im Fernsehbild passt.

Aus der Idee ist tatsächlich ein Produkt geworden: Ende 1997 verkaufte Microsoft die ersten Actimate getauften Kuscheltiere in den USA, die sich passend zu auf speziellen Videokassetten verkauften Fernsehserien bewegten.

Drei Jahre später beerdigte Microsoft die Actimates wieder.

Geblieben sind bis heute sehr lustige, von Microsoft maschinell übersetzte Hilfetexte wie dieser: „Actimates Character stottert oder wenn Worte häufig bei dem Computer verwandt werden, fehlt Worten Actimates Character.“