Prominente Web-Tiere: Kater Fatsos weltberühmte Pfoten (Spiegel Online, 10.5.2009)

Prominente Web-Tiere

Kater Fatsos weltberühmte Pfoten

Die Katze am Klavier, das ängstliche Eichhörnchen an der Uni und das Plumplori in Sankt Petersburg – banale Schnappschüssen süßer Tiere werden im Web über Nacht zu internationalen Medienphänomenen mit hundertern von Remixen. SPIEGEL ONLINE zeigt die Tierstars des Webs.

Spiegel Online, 10.5.2009

Kater Fatso aus Spokane im Nordwesten der Vereinigten Staaten geht es wie so vielen verkannten, ja lange gar nicht erst erkannten Genies: Er wird erst nach seinem Tod weltberühmt. Fatso taucht unter dem Pseudonym „Keyboard Cat“ inzwischen in Hunderten von Web-Videos auf, wird auf eigenen Webseiten geehrt, kommt auf gut 70.000 Google-Treffer und schaffte es sogar in einen CNN-Beitrag. Vor ein paar Tagen gab Hollywood-Star Ashton Kutcher Fatso den Ritterschlag mit dieser Twitter-Zeile: „Mein neues Lieblingsvideo“.

Verlinkt hat Kutcher da einen YouTube-Clip, der manchen Webnutzer verwirren dürfte: Zunächst sieht man ein Video, das ein US-Teenager wohl gedreht hat, als er seiner gläubigen Mutter eröffnete, ein Atheist zu sein. Die Reaktion ist unfreiwillig komisch: „Du bist also ein Atheist? Dann bekommt du keine Weihnachtsgeschenke!“

Die Antwort des aufsässigen Teenagers: „Okay.“ Damit hat die Mutter nicht gerechnet, schüttelt ihn außer sich und ruft: „Es ist nicht okay.“ Da Bild wird dunkel, man sieht eine Katze in einem blauen Babystrampler an einem Keyboard und hört, wie sie ein naiv-trashig-anrührendes Liedchen spielt.

Das ist Kater Fatso. Seinen Solo-Clip schneiden Webnutzer seit Wochen in Videos mit peinlichen Augenblicken. „Keyboard Cat“ ist ein Internet-Mem geworden – ein Witz, eine Idee, ein Spruch, der sich im Web fortpflanzt und weiterentwickelt wie die biologischen Gene. Dass das Internet die ideale Überlebensmaschine für Meme ist, sagte Biologe Richard Dawkins vor zehn Jahren im SPIEGEL-Gespräch voraus. Wir recht er hatte, bestätigt die inzwischen CNN-bekannte Keyboard-Katze – und ein gutes Dutzend anderer Tier-Stars.

Der dramtische Präriehund, ängstliche Eichhörnchen und die wahre Geschichte der Keyboard-Katze – SPIEGEL ONLINE zeigt die Tier-Stars des Web.

Fatso – so wurde die Keyboard-Katze zum Mem

Das ursprüngliche Video des Katers im Strampler hat der US-Künstler Charlie Schmidt vor knapp zwei Jahren auf YouTube veröffentlicht.

Schmidt schrieb neben das getrickste Video (seine Hände sind unter dem blauen Strampler versteckt und spielen mit Fatsos Pfoten auf dem Keyboard) einen bissigen Kommentar: „Da sieht man mal, was 1850 US-Dollar für Katzen-Klavierstunden bringen“. Eineinhalb Jahre lang interessierte das Video niemanden, dann schnitt Anfang Februar der New Yorker Brad O’Farrell den Keyboard-Clip zwischen Aufnahmen eines eine Rolltreppe hinabstürzenden Menschen und schrieb darüber „Play him off, keyboard cat.“

Das machen seither Hunderte von Menschen, es gibt sogar ein Werkzeug, das YouTube-Clips automatisch um einen Auftritt des Keyboard-Katers ergänzt. Die Katze am Keyboard begleitet die allerpeinlichsten Momente des Scheiterns: ein Superman-Darsteller fällt nach viel Tamtam im hautengen Kostüm vor Publikum auf die Nase, ein Fernsehreporter flippt aus, als ihm vor laufender Kamera Vogelmist vom Himmel in Mund und Gesicht fällt. Die Keyboard-Katze kombiniert zwei der beliebtesten Internet-Meme überhaupt: kuriose Katzen und Dokumentationen des Scheiterns.

Fatsos Herrchen Charlie Schmidt ist von dem plötzlichen Erfolg des Keyboard-Solos völlig überrascht: „Keine Ahnung, warum das so beliebt ist“, sagte er seinem Lokalsender Kxly. Und CNN musste er erklären, dass Fatso seit Jahren tot ist. Das Keyboard-Video hat Schmidt irgendwann Anfang der neunziger Jahre gedreht.

Sonya, der Plumplori mit den Riesenaugen

Vor einem halben Jahr hat sich Dmitry Sergeyev (37) eine neue Digitalkamera gekauft, die auch Videoclips dreht. Erst filmte er nachts die Straßen von Sankt Petersburg, am edelholzverzierten Steuer seines Honda-Geländewagens, später auch den Bordcomputer (mit Satellitenradio!) des Wagens. Diese Autofilmchen interessieren niemanden, Sergeyevs Haustier umso mehr. Der Mann mit dem Edelholz-Honda hat daheim ein wirklich süßes Lori-Äffchen namens Sonya, das sich sehr, sehr gerne von seinen Besitzern kraulen lässt, was sie Anfang Februar filmten.

And now… at last – Sonya!!!!(slow loris) from Dmitry Sergeyev on Vimeo.

Plumploris leben eigentlich in den Baumkronen der Regenwälder Asiens und gehen nachts auf Futtersuche. Da sie meistes recht gemächtlich unterwegs sind, essen sie Pflanzen, schnappen sich aber auch das eine oder andere Insekt. Laut der International Union for Conservation of Nature (IUCN) sind die Plumploris eine gefährdete Art – sie werden gejagt, ihre Heimatwälder werden abgeholzt.

Diese Tatsache hat Plumplori-Besitzer Sergeyev auf Vimeo einige Kritik eingebracht – wie kommt man denn bitte zu so einem Tier? Sergeyev antwortet auf YouTube: „Es ist in Russland nicht verboten, solche Tiere zu besitzen. Wir haben Sonya im Zoogeschäft gekauft, sie stammt aus einer Lori-Aufzucht.“

Und Sonya mag Maden:

Bizkit, der schlafwandelnde Hund

Dieser YouTube-Clip ist 20 Sekunden lang, seit drei Monaten online hat er mehr als neun Millionen Zuschauer in Taiwan, Israel, Schweden und dem Rest der Welt gefunden. Zu sehen ist Bizkit, ein Hund aus dem beschaulichen US-Städtchen Arboles in Colorado, der schläft und dabei offensichtlich vom Laufen träumt: Bizkit liegt in einem Zimmer auf der Seite, fängt plötzlich an zu strampeln, rennt in der Luft, springt dann auf die Pfoten und stürmt – wohl schlafwandelnd – auf die Zimmerwand zu. Der Aufprall weckt ihn, verdattert und ein wenig desorientiert schaut Bizkit sich um.

Dieser Bizkit-Clip hat ein kleines Schlafwandler-Mem inspiriert: Auf Youtube kann man sich inzwischen alle erdenklichen Schlafwandler-Videos anschauen, in denen Menschen auf dem Zimmerboden liegen, mit den Beinen strampeln und dann gegen die Wand rennen. Radiomoderator Bubba hat für diesen Auftritt immerhin einen guten Grund – er macht so Werbung für seine Morgenshow im Pittsburgh Sender B94.

Kalifornische Uni-Eichhörnchen

Es ist kaum nachvollziehbar, dass die Eichhörnchen an der University of California in Los Angeles (UCLA) noch keine eigene Webseite haben: Auf dem Campus gibt es eine Menge Stunden mit Kameras, Internet-Wissen und YouTube-Konten. Und es gibt sehr zahme und bisweilen arg freche Eichhörnchen.

Merkwürdigerweise haben es nur wenige von ihnen zu Web-Ruhm gebracht. Eine der wenigen Ausnahmen ist dieses Zwerg-Eichhörnchen, das Ende April an einer Mauer auf dem UCLA-Campus scheiterte: Sein großer Eichhörnchen-Freund läuft vorne weg und springt lässig hoch, der kleine Nachzügler traut sich nicht, auf die Mauer zu springen. Nach ein paar Augenblicken sind die beiden Tiere von neugierigen, filmenden und hilfsbereiten Studenten umgeben, die eine Rucksacktreppe bauen.

Binnen zwei Wochen sah immerhin eine halbe Million Menschen diese Geschichte auf YouTube – es gibt also noch Hoffnung auf etwas Web-Ruhm für die UCLA-Eichhörnchen. Sie sind ja auch wirklich begabt, machen Saltos und attackieren Badelatschen.

Nora, die Klavier-Katze

Keine Tricks: Diese Katze spielt tatsächlich Klavier. Im Haus des Künstlerpärchens Burnell Yow und Betsy Alexander in Philadelphia leben fünf Katzen, eine davon heißt Nora. Vor ein paar Jahren, als Betsy Alexander einer ihrer Schülerinnen Klavierunterricht gab, sprang Nora auf den Klavierstuhl und drückt die Tasten.

Alexanders Musikschülerinnen beobachteten die Katze dabei, schlugen vor, ein Video zu drehen. Und so landete Noras Klavier-Clip Anfang 2007 auf YouTube, sammelte bislang 13 Millionen Aufrufe. Viele Fernsehauftritte später gibt es inzwischen DVDs, Kalender, Bücher und T-Shirts. Die Klingeltöne mit Noras Piano-Improvisationen kann man sich kostenlos von der Seite der Klavier-Katze laden.

Das dramatische Streifenhörnchen

Dieser Clip ist das Twitter unter den Internet-Memen: Fünf Sekunden kurz ist der Clip, der seit zwei Jahren unter dem Titel „Darmatich Chipmunk“ im Web kursiert. Um die 380.000 Fundstellen präsentiert Google für dieses Schlagwort, das im Juni 2007 die Seite „Collegehumor.com“ mit dem so betitelten Clip prägte. Zu sehen ist ein Präriehund, der sich plötzlich zur Kamera umdreht und böse ins das heranzoomende Objektiv starrt.

Das talentierte Tier prangt inzwischen auf Fan-T-Shirt, taucht in Musikclips und natürlich in Hunderten von YouTube-Clips auf.

Aussichtsreiche Kandidaten – Koffer-Kater und stierende Ratten

Zum Schluss zwei Tipps: Diese Kandidaten haben, gemessen an Auftritt und Potenzial, noch viel zu wenig Web-Ruhm. Koffer-Kater Boots aus Kanada zum Beispiel, der wie ein Schachtelteufel aus einem Koffer springt, wenn sein Frauchen Christine dem Deckel mit einem Kuli zu nahe kommt.

Die britische Designerin Carina Campbell aus Norwich hat die Welt im Februar um dieses wunderbare Video ihrer beiden Hausratten bereichert, die sich einen Showdown liefern, der es immerhin schon vor ein paar Wochen in Jay Lenos Late-Night-Show schaffte.