Web-Regulierung: So kann das Deutschlandnetz schöner werden (Spiegel Online, 25.5.2009)

Web-Regulierung

So kann das Deutschlandnetz schöner werden

Im deutschen Internet gibt es zu viele Katzenvideos, Rechtschreibfehler und Attacken gegen Intellektuelle. Helfen kann die Nationale Initiative Digitalmedien, mit Strafzahlungen bei Fotoüberfluss, Zuschüssen für lange Texte und dem Bundessmiley – damit Deutschland endlich ein Qualitätsweb bekommt.

Spiegel Online, 25.5.2009

Am besten drucken Sie diesen Text sofort aus und lesen die folgenden Sätze auf Papier. Denn wie Kulturstaatsminister Bernd Neumann bemerkt: „Verleger und Redakteure stehen mit ihrem Namen für die buchstäbliche Qualität des Gedruckten ein. Sie können sich nicht in die Unverbindlichkeit anonymer digitaler Kommunikationsforen flüchten, in der zwar alles kritisiert und besser gewusst, aber nur Weniges belegt und verantwortet wird.“

Das sagte der Kulturstaatsminister bei der zweiten Jahrestagung der Nationalen Initiative Printmedien im Bundeskanzleramt. Nur hat der Staatsminister daraus, nach einem weiteren Jahr mit schrumpfenden Gesamtauflagen, Anzeigenumsätzen und „sinkender Lesefähigkeit und zurückgehendem Interesse an gesellschaftspolitischen Fragen“ (Neumann über die Jugend von heute) die falschen Schlüsse gezogen.

Damit das Internet endlich gehaltvoller, verbindlicher, schöner wird, muss die Regierung eine Nationale Initiative Digitalmedien (NID) starten. Ein paar ganz einfache Regulierungsmaßnahmen dürften die Qualität im Deutschlandnetz erheblich verbessern.

Fürs Kino haben die Bundesländer seit 1951 eine obere Landesbehörde namens Filmbewertungsstelle Wiesbaden, die seit dem Qualität per Verfahrensordnung definiert und die Prädikate „wertvoll“ und „besonders wertvoll“ vergibt. So etwas braucht das Deutschlandnetz für Web-Seiten.

Mehr Fremdwörter, Klick-Ausfuhrsteuer, Prüfstelle – was die Regierung tun muss, damit Deutschland das schönste, hochwertigste, anspruchsvollste Internet weltweit bekommt.

Bewertungsstelle für Digitales

Das Problem am Internet ist ja, dass die Nutzer nicht wissen, was Qualität ist. Bei Zeitungen konnte man das praktischerweise schon am Format erkennen (je größer die Seiten, desto besser die Inhalte), im Internet sind alle Seiten gleich groß. Erste Aufgabe für die Nationale Initiative Digitalmedien (NID): Eine Bewertungsstelle für Digitales aufbauen, die einzelne Internet-Seiten mit Prädikaten („wertvoll“, „besonders wertvoll“) auszeichnet.

Die Deutschlandnetz-Gutachter könnten ein paar Kriterien von der Filmbewertungsstelle übernehmen. Zu prüfen wären also zum Beispiel die „künstlerische Gestaltung im Zusammenhang mit den sittlichen Grundlagen der Kultur“.

Zuvor in einem Printmedium erschienene Artikel, die im Deutschlandnetz zweitveröffentlicht werden, erhalten automatisch das Prädikat wertvoll (wenn sie in einer Zeitung im rheinischen oder Berliner Format oder einem A4-Magazin erschienen sind), beziehungsweise besonders wertvoll (Beiträge aus Zeitungen im Nordischen Format).

Vorfahrt für Qualität

Damit staatlich festgestellte Qualität im Deutschlandnetz eine Chance gegen Katzenfotos und Unfallvideos hat, muss Google den Pagerank von Webseiten mit dem Prädikat wertvoll um zwei, von besonders wertvollen Webseiten um vier Punkte verbessern.

Wie das Privatfernsehen müssen auch Internet-Provider und Videoplattformen wie YouTube verpflichtet werden, Programmfenster für Qualitätsinhalte bereitzustellen. Mit dem Prädikat „besonders wertvoll“ ausgezeichnete Internetseiten müssen Internet-Provider kostenlos an Kunden übertragen, YouTube muss solche Inhalte zu festen Zeiten prominent auf seiner Startseite einbinden und im Ranking generell um 20 Prozent hochstufen.

Datenbilanz verbessern

Das Deutschlandnetz hat eine negative Datentransferbilanz: Es werden erheblich mehr Gigabyte qualitativ minderwertiger Inhalte (vor allem US-Pornografie, Videoclips niesender Katzen und zugedröhnter, minderjähriger Zahnarztpatienten) eingeführt als an heimischen, qualitativ hochwertigen Inhalten abgerufen werden.

Natürlich sind staatliche Verbote der falsche Weg, um die negative Datenbilanz Deutschlands abzustellen. Aber man kann ja positiv fördern: Damit Anbieter gestärkt werden, die im Inland hochwertige Webinhalte fertigen, sollten im Deutschlandnetz monatlich 100 Abrufe inländischer Webseiten kostenlos sein, bei jedem Provider.

Lange Texte belohnen, Bilder bestrafen

Zwangsabgaben sichern Qualität – das demonstriert Jahr für Jahr der Vergleich zwischen dem gebührenfinanzierten GEZ-Programm und dem des Privatfernsehens. Auf lange Sicht kommt man um eine vergleichbare Umverteilung wohl nicht herum, wenn man Qualität im Deutschlandnetz fördern will. Eine Qualitätsermöglichungs-Zentrale (QEZ) könnte man mit einer moderaten Abgabe (ein Euro monatlich) auf Lesegeräte für Webinhalte (funktionstüchtige Augen aller alphabetisierten Bundesbürger) finanzieren.

Mit den Einnahmen könnte man gezielt Internetinhalte fördern, die anstelle von Informationshäppchen hochwertige Texte anbieten. Förderungswürdig sind zum Beispiel Angebote, die vorwiegend (mehr als 50 Prozent) Artikel von mehr als 10.000 Zeichen Umfang veröffentlichen und einen Bild- und Videoanteil von weniger als zehn Prozent am Gesamtangebot haben.

Eine QEZ-Gebühr müssen auch alle Anbieter zahlen, deren Angebot im Durchschnitt mehr als zehn Rechtschreibfehler auf 100 Zeichen Text enthält – ein Cent pro Fehler über der zulässigen Grenze dürften ein Anreiz sein, sich aktiv um Sprachqualität zu bemühen und anonymes Gepöbel-Gestammel zu unterbinden (sogenannter „user-generated content“).

Anonymität abschaffen

Viele Köche verderben den Brei, das gilt auch im unregulierten Internet, wo sich viele in die Unverbindlichkeit anonymer digitaler Kommunikationsforen flüchten, antiintellektuelle Hetze ablassen und Unsinn in die Wikipedia schreiben.

Um diesen Sturm auf die letzten Bastionen der Qualität im Netz zu unterbinden, muss man die Meinungsfreiheit gar nicht unterbinden. Nur: Warum muss jeder anonym sagen dürfen, was er will? Öffentliche Kommentare sollten nach einer Übergangsfrist nur nach erfolgreicher Identifizierung per Biometrie-Personalausweis abgegeben werden dürfen.

Wer nicht nur kommentieren, sondern auch eigene Blogs betreiben und Artikel auf Seiten wie Wikipedia schreiben will, könnte sich freiwillig einem Test der Bewertungsstelle für Digitalnutzer unterziehen (Orthografie, staatsbürgerliches Selbstverständnis, Allgemeinbildung, Latein). Wer besteht, erhält ein Prädikat (besonders wertvoller Internet-Nutzer), mit dem die eigenen Kommentare und Blogs beworben werden dürfen.

Satire kennzeichnen

Lustig gemeinte Beiträge sollten im Deutschlandnetz klar als solche gekennzeichnet sein. Ein von der Bewertungsstelle für Digitales betreutes, humoristisches Logo (schwarz-rot-gelber Smiley?) könnte auf freiwilliger Basis von Autoren eingebunden werden. Grundsätzlich sollten Satiren nur für das Prädikat wertvoll in Betracht gezogen werden – vorausgesetzt, sie sind mit dem Bundessmiley gekennzeichnet und verletzten nicht das sittliche oder religiöse Gefühl.

Dieser Artikel würde in einem solcherart aufgewerteten Qualitätsnetz also aufgrund des signifikant satirischen Gehaltes als „wertvoll“ klassifiziert. Abstriche gebe es wegen mangelnder Länge (nur rund 6650 Zeichen) und Fremdwort-Dichte, punkten könnte er aber wegen des erfrischenden Bildermangels (Pluspunkte in der B-Note).