Analog-Kunst: Polaroid-Künstler malen mit Fön und Schleifpapier

Analog-Kunst

Polaroid-Künstler malen mit Fön und Schleifpapier

Sofortbild, Holzstifte und viel Druck – so funktioniert analoge Bildbearbeitung. Polaroid-Maler arbeiten noch nicht fixierte Aufnahmen zu impressionistischen Gemälden, plakativen Collagen und irren Farbexplosionen um. SPIEGEL ONLINE stellt drei Polaroid-Maler vor – und zeigt die besten Bilder.

Spiegel Online, 8.7.2009

Wenn Filippo Centenari zum Fotografieren rausgeht in seinem Heimatstädtchen Cremona (80 Kilometer südlich des Gardasees), nimmt er seine Polaroid SX-70 in die Hand und packt ein Brettchen, Holz- und Metallschaber und vielleicht noch etwas Schleifpapier ein.

Die meisten Menschen suchen beim Fotografieren ein Motiv und drücken auf den Auslöser. Einige denken vorher noch über Komposition, Licht und Schärfe nach, aber die wenigsten packen danach ihr Werkzeug aus, um aus dem Abzug ein Bild zu gestalten. Der 30-Jährige Künstler und Designer Centenari malt auf Polaroids.

Das ist möglich, weil jedes Polaroid im Inneren ein komplettes Miniatur-Fotolabor enthält: Die Kamera belichtet eine lichtempfindliche Fläche, beim Ausspucken des Polaroids wird Entwicklerpaste aus den Kammern am unteren Rand des Polaroids gleichmäßig über die belichtete Fläche gedrückt. Bis das Bild entwickelt und fixiert ist, kann man mit dem Chemikaliencocktail auf dem Polaroid malen.

Sofortbild-Malerei gab es schon zu Zeiten, als Polaroid-Knipserei noch ein Massenmarkt war. Der deutsche Künstler Herbert Döring-Spengler zum Beispiel fotografierte schon seit den Achtzigern Polaroid-Porträts, die er nachträglich bearbeitet, sie mit neuen Farben und Texturen versieht. Jetzt, wo die analogen Sofortbilder zum Nischenmarkt werden, entdecken junge Designer die Polaroid-Malerei wieder.

Filippo Centenari zum Beispiel hat vor ein paar Jahren ältere Polaroid-Gemälde im Web entdeckt. Er nahm die alte Polaroid-Kamera, die er als Kind im Haus seiner Eltern gefunden hatte, ging nach draußen und fotografierte Cremona, um die Sofortbilder sogleich mit seinen Fingern zu malträtieren. Behalten hat er von den ersten Übungsfotos keins – sie sahen eher verunglückt aus, als gewollt bearbeitet. Seine späteren, gelungenen Fotos erinnern an die mit kräftigen, deutlich sichtbaren Pinselstrichen gemalten Gemälde mancher Impressionisten.

Das liegt daran, dass Centenari die noch nicht fixierten Polaroids mit ganz eigenen Pinseln bearbeitet: Schaber mit abgerundeten Enden aus Holz, Metall, manchmal zieht er die zu betonenden Konturen der Bilder auch nur mit einem Finger nach. Wenn man auf dem Polaroid herumdrückt, solange das Bild noch nicht fixiert ist, verändern sich die Farben, entstehen Malspuren.

Bildbearbeitung auf der Motorhaube

Legt man einen Untergrund mit Struktur (Schleifpapier, geriffeltes Holz oder ähnliches) unter des Polaroid und presst vorsichtig, prägt man dem Bild an den Druckstellen die Struktur des Materials darunter ein. Wichtiges Werkzeug eines Polaroid-Malers wie Centenari: ein Fön. Wärmt man das Polaroid kurz auf, wird das Bild nicht ganz so schnell fixiert und man kann mit der erwärmten Emulsion leichter arbeiten. Arbeitet man draußen am Polaroid, hilft auch eine warme Unterlage (von der Sonne beschienene Motorhaube). Wichtig: Nur drücken, nicht kratzen – sonst tritt die Entwicklerpaste aus.

Es gibt aber Polaroid-Maler, die etwas rabiatere Techniken verwenden. Der in Berlin lebende Simone Frignani (32) zum Beispiel beschränkt sich nicht nur darauf, Aufnahmen zu verfremden. Er fertigt im Polaroid-Rahmen Collagen, indem er die Polaroid-Rückseite ablöst und mit der Emulsion direkt am nicht fixierten Bild arbeitet. Seine Polaroid-Entdeckung machte er an einem heißen Augusttag 2004 in seinem kleinen Heimatdorf bei Mantua: „Ich habe viele Blumen fotografiert, radelte dann in die Wälder an unserem Fluss und fotografierte Baumstämme. Viele Fotos aus dem Wald waren unterbelichtet. Zuhause habe ich dann eines der dunklen Polaroids aufgeschnitten und mit ein paar Stiften und der Emulsion experimentiert.“

„Wie ist das möglich?“

Da merkte Frignani, dass man mit der Emulsion auf dem Polaroid malen kann. „Ich verdanke das wohl einem heißen, langweiligen Tag in meinem Dorf“, erzählt er. Draußen waren es 37 Grad, drinnen experimentierte Frignani mit vorsichtig aufgeschnittenen Polaroids. Er probierte Glasfaserstifte, Wachsmalstifte, Klebestreifen, Acrylfarben und Letraset-Reibebuchstaben aus, brachte Zeitschriften-Ausrisse und Fotos in seine Polaroid-Collagen ein. Heute nennt er die Technik Colorama. Seine Werkzeuge: Glasfaserstift, Wasser, Alkohol, Acrlyfarben, Zeitschriften und ein Teppichmesser.

Der Architekt Paolo Degasperi bearbeitet seine Polaroids in der Dunkelkammer: Den Rahmen um seine Aufnahmen zieht er, indem er auf die Polaroids drückt. Die Negativeffekte und Farbverläufe schafft er in der Dunkelkammer mit einem Durst 35 mm Vergrößerer und Experimenten bei Farbtemperatur und Belichtungszeit: „Mein Ziel ist es, dass die Betrachter sich bei jedem meiner Polaroids fragen, wie das möglich ist.“

Und das gelingt dem Polaroid-Maler sehr gut.