Eyeclops BioniCam: Spielzeug-Mikroskop fotografiert die Welt 400-fach vergrößert (Spiegel Online, 9.8.2009)

Eyeclops BioniCam

Spielzeug-Mikroskop fotografiert die Welt 400-fach vergrößert

Zuckerstückchen wachsen zu Gletscherlandschaften, Monitorbilder zerfallen zu Punkthaufen und Zwiebeln sehen ganz schön eklig aus: Das digitale Spielzeug-Mikroskop Bionicam fotografiert bis zu 400-fach vergrößert, was immer man unterwegs findet. SPIEGEL ONLINE zeigt die merkwürdigsten Fotos.

Spiegel Online, 25.8.2009

Mhmmmm, so viel roter Lachskaviar! Tausende kleiner Körner leuchten orange bis gelb – zumindest auf dem Foto, das das Spielzeug-Mikroskop Bionicam schießt. Denn was in 400-facher Vergrößerung unterm Mikroskop nach einem Rogen-Festmahl aussieht, ist in Originalgröße ein ganz normales Blütenblatt aus dem Park.


Die Bionicam ist eine Weiterentwicklung des Fernsehmikroskops Eyeclops. Wesentlicher Unterschied: Das neue Digitalmikroskop ist nicht an den Fernseher gebunden. Auf einem kleinen integrierten Bildschirm (sechs Zentimeter Diagonale) sieht man, was immer die Mikroskopkamera aufnimmt. Außerdem kann man Fotos (1024 x 768 Pixel im JPG-Format) und kurze Videos (maximal 30 Sekunden als AVI-Dateien mit 320 × 240 Pixel Auflösung) aufnehmen.

In den Vereinigten Staaten ist die Bionicam seit vorigem Herbst erhältlich, in Deutschland war das Gerät bislang aber nur über Umwege aus dem Ausland zu haben. Von Ende September bringt die Spielzeugfirma Stadlbauer die Mikroskop-Kamera in die Läden hierzulande. Die ersten Preise bei Online-Händlern: knapp 120 Euro.

Die Expedition des Mikrokosmos macht mit dem Testgerät sehr viel Spaß: Obwohl etliche Funktionen dazugekommen sind, ist die Bedienung weiterhin recht simpel. Am längsten dauert es, das Gerät aus der Plastikverpackung zu knibbeln, diverse Drähte aufzudrehen und Klebestreife zu durchtrennen. Dann geht alles recht schnell: Das Batteriefach aufschrauben (mit einem Kreuzschlitz-Schraubenzieher – das ginge auch einfacher), fünf AA-Zellen einlegen und einschalten.

Fünf AA-Zellen, kein Netzteil

Ärgerlich auch, dass man fünf Batterien braucht – in die meisten einfachen Akku-Ladegeräte passen nur vier AA-Zellen. Aufladen kann man Akkus in dem externen Exoten-Batteriefach der Bionicam nicht, also muss man warten oder mischen. Denn ein Netzteil gibt es für die Bionicam auch nicht, das externe Batteriefach ist per Kabel unzertrennlich als einzige Stromquelle mit dem Kamera-Mikroskop verbunden.

Abgesehen von dem Auflade-Ärger ist das externe Batteriefach eine gute Idee: Man kann es mit einem Clip an den Gürtel klemmen, die Kamera an sich bleibt so schön leicht. Wer fünf AA-Zellen griffbereit hat, macht mit der Bionicam nach ein paar Minuten die ersten Fotos. Das Menü ist selbsterklärend: Foto- oder Videomodus aktivieren und auslösen, wann immer man ein schönes Motiv auf dem Bildschirm sieht.

Geduld und Geschick hilft beim Fokussieren

Das größte Problem: Je stärker die Vergrößerung (100x, 200x, 400x), umso schwieriger ist es, ein scharfes Bild zu kriegen. Eigentlich sollte ein tatsächlich angenehm leichtgängiger Drehmechanismus am Mikroskopauge die Distanz präzise verstellen. Aber das funktioniert nur, wenn die Bionicam etwas auf einem harten, ebenen Untergrund vergrößert. Nimmt man ein Haar auf Papier auf oder gar die eigene Haut, muss man sehr vorsichtig mit der Hand die Distanz zwischen Kamera und Beobachtungsobjekt verändern, um ein scharfes Bild zu sehen.

Da ein scharfes Foto zu schießen erfordert Geduld, Feinmotorik, eine ruhige Hand und etwas Glück. Denn der Auslöseknopf ist etwas schwergängig und liegt so, dass man beim Auslösen das Mikroskop nach vorne drückt – und so die Distanz und Schärfe verändert. Wer da nicht aufpasst, macht sich ein schönes Bild durchs Auslösen kaputt.

Bedienung vorbildlich einfach

Den Dreh hat man bald raus, das Fotografieren und Filmen macht trotz gelegentlicher verwischter Aufnahmen viel Spaß. Ob Kinder aber geduldig genug sind, um damit umzugehen? Als Spielzeug empfiehlt der Hersteller die Bionicam für Über-Achtjährige. Wie frustrationstolerant die eigenen Kinder beim Ausprobieren sind, weiß wohl jeder selbst am besten. Wahrscheinlich wird Kindern die Bionicam den meisten Spaß nicht beim Fotografieren bringen, sondern beim Entdecken und sofortigen Anschauen.

Da ist sie als Gruppenspielzeug wunderbar: Zusammen rausgehen, interessante Objekte suchen, vergrößern, staunen. Das Fotografieren ist eher etwas für Referate – und Erwachsene. Eine Fotoschau der Dinge im eigenen Wohnzimmer in 400-facher Vergrößerung ist wirklich reizvoll. Die Bild- und Videodateien speichert die Bionicam auf einem mitgelieferten USB-Stick, den man an jedem PC und Mac einstöpseln und auslesen kann – ohne Extra-Software. Das Prinzip ist genial einfach: Kein proprietäres USB-Kabel, kein Treiber-Ärger, keine Zusatz-Software.

Ein Foto-Kleinod für Erwachsene

Leider kam das Testgerät mit anderen USB-Sticks als dem mitgelieferten nicht zurecht. Ob das am Dateiformat, der Ordnerstruktur oder Kapazität der drei ausprobierten Fremd-USB-Sticks lag, konnte der deutsche Vertreiber nicht klären, theoretisch soll die Bionicam jedenfalls auch mit anderen USB-Stick zurechtkommen. Das wäre auch besser – denn der Bionicam-Stick ist mit 32 Megabyte lächerlich klein. USB-Sticks mit einem Gigabyte Speicherplatz (dem 32-Fachen also), werden Kunden heute für weniger als fünf Euro hinterher geworfen.

Die Bionicam ist insgesamt ein tolles Spielzeug für Erwachsene, die gern mit Fotos spielen. Man kann mit der Bionicam auch wunderbares Rohmaterial für kreative Geschenke fotografieren – mit etwas Bildbearbeitung wird aus der 400-fachen Vergrößerung von Blütenblättern etwa ein tolles Muster für selbstgedruckte Glückwunsch-Karten, passend zu einem Strauß derselben Blumen. Die Bionicam ist ein tolles Werkzeug, das Bilder liefert, die man so noch nicht gesehen hat.

Ob Kinder so lange Freude an der Bionicam haben, ist fraglich. Der Reiz des Vergrößerns der Umwelt verfliegt schnell, die mitgelieferten „Geheimkarten“ in „Mikrodruck“ sind der etwas hilflose Versuch des Herstellers, hier länger andauernden Spielspaß zu schaffen.

Fazit: Höhere Auflösung bitte

Subjektives Fazit: Erwachsene haben mit der Bionicam längere Zeit Spaß als Kinder. Als kreatives Foto-Werkzeug hat das Spielzeug viel Potential und es bleibt lange Zeit attraktiv. Kinder hätten auch ohne die Foto- und Videofunktion Spaß damit. Diese Extras sind für Schulprojekte nett – und für Erwachsene, die mit interessanten Fotos experimentieren. Doch für Foto-Experimente ist das Gerät nicht konzipiert. Es sieht aus wie ein Spielzeug, die Auflösung ist etwas zu gering, der Speicherplatz zu gering. Für 60 Euro (so viel kostete das Vorgängermodell) würde ich mir eine Bionicam allein zum Mikro-Fotografieren sofort kaufen. Für 120 Euro hätte ich aber gern etwas mehr Auflösung. Vielleicht baut der Hersteller ja einmal ein Foto-Mikroskop für Erwachsene.