Neue Lesegeräte und Preise: Sony bringt den Billig-Lesezwerg (Spiegel Online, 5.8.2009)

Neue Lesegeräte und E-Book-Preise

Sony bringt den Billig-Lesezwerg

Machtkampf auf dem US-Digitalbuch-Markt: Sony attackiert Amazon mit neuen, günstigen Lesegeräten und will die Preise für E-Books drücken. Das Problem der beiden Hardware-Riesen: Die Verlage murren wegen allzu günstiger Digital-Angebote.

Spiegel Online, 5.8.2009

Sommerschlussverkauf im US-Digitalbuchmarkt: Sony senkt die Preise für neue Lesegeräte um ein Viertel und hofft, dass die Nachfrage endlich steigt. Der Elektronikriese verkauft ein neues kleines Einstiegsgerät für das Lesen von elektronischen Büchern (PRS 300 Pocket) für 199 und eine größere Version mit Touchscreen (PRS 600 Touch) für 299 US-Dollar.


Die Konkurrenz-Geräte das Webhändlers Amazon sind teurer: Die Einsteigerversion seines Lesegeräts Kindle verkauft Amazon derzeit für 299 US-Dollar, der Kindle DX mit fast doppelt so großem Bildschirm (24,64 cm Bildschirmdiagonale) kostet 489 US-Dollar.

Der PRS-300 und PRS-600 lösen in den Vereinigten Staaten die älteren und erheblich teureren Sony-Lesegeräte 505 (269 US-Dollar) und 700 (399 US-Dollar) ab – die Nachfolgemodelle sind somit ungefähr ein Viertel billiger als die Vorgänger.

Der Lesezwerg PRS 300 ist somit 100 Dollar billiger als Amazons günstigstes Kindle-Modell – allerdings kann man mit den Amazon-Geräten über eine integrierten Mobilfunkanbindung überall (Netzabdeckung vorausgesetzt) in den Vereinigten Staaten E-Books und Digital-Ausgaben von Zeitungen und Zeitschriften kaufen, ohne für die Datenübertragung zu zahlen. Sony bietet diesen Service nicht. Außerdem ist der Bildschirm des Sony-Readers kleiner als der des günstigsten Kindle.

Um die Nachfrage für die neuen Lesegeräte anzukurbeln, will Sony zudem die Preise für das Herunterladen von Buch-Bestsellern und Neuerscheinungen auf 9,99 Dollar von 11,99 Dollar senken und Amazon damit ebenfalls Konkurrenz machen. Steve Haber, Leiter der Abteilung E-Lesegeräte im Sony-Management, rechnet damit, dass die Nachfrage nach den digitalen Lesegeräten in diesem Jahr die Marke von zwei Millionen Stück in den USA überschreiten wird.

Konkret verspricht Sony in seiner Pressemitteilung, man werde Titel der „New York Times“-Bestsellerliste für 9,99 US-Dollar verkaufen. Bislang kosten Bestseller-Titel im Sony-Digitalbuchladen 11,99 US-Dollar. Amazon verkauft E-Books für seine Kindle-Lesegeräte seit 2007 zum Standard-Preis von 9,99 US-Dollar. US-Buch-Verlage sind aber offenbar nicht bereit, ihre Bestseller parallel zum Verkaufsstart der Hardcover-Ausgaben zu diesem Preis als E-Books anzubieten. Die „New York Times“ beurteilt die Lage so: „Einige Verlage denken darüber nach, die Veröffentlichung der Digitalausgaben sehr populärer Titel hinauszuzögern, damit die teureren Hardcover-Ausgaben über einen längeren Zeitraum verfügbar sind.“

Konflikt zwischen Hardware-Herstellern und Verlagen

Dieser Konflikt könnte der Verbreitung von Lesegeräten und E-Books erheblich schaden. Der Verteilungsstreit zwischen einigen Verlagen und den wenigen Anbietern von digitalen Lesegeräten spitzt sich in den Vereinigten Staaten zu. Das “ Wall Street Journal“ fasste im Juli die Stimmung in der Verlagsbranche so zusammen: „Die Verleger sind besorgt, weil so viele erfolgreiche für 9,99 Dollar oder weniger als E-Book bei Amazon verkauft werden.“ E-Book-Chef Haber sagte dem „Wall Street Journal“, viele US-Verlage würden inzwischen die Verkaufspreise der Digitalausgaben so hoch wie die der gedruckten Hardcover-Versionen ansetzen.

Der Geschäftsführer des Verlags Sourcebooks zum Beispiel kündigte im „Journal“ an, man werde keine Digitalausgaben der Herbsttitel zum Verkaufsstart der gedruckten Version anbieten. Der Literaturagent Robert Gottlieb polterte im „WSJ“ gegen Amazon: „Das ist so wie die DVD-Ausgabe am Tag der Kinopremiere eines Films zu verkaufen. Warum sollte man das tun?“

Vielleicht, weil die Vertriebs- und Produktionskosten bei digitalen Inhalten niedriger sind, weil die Kunden bereits Geld für die Hardware ausgegeben haben. Der Wunsch einiger US-Verleger, E-Books zum Hardcover-Preis zu verkaufen, ist ein Problem für Sony.

Manchen Verlagen sind Digital-Ausgaben zu billig

Diesen Konflikt zwischen Hardware-Herstellern, die geschlossene Download-Shops betreiben und den Verlegern, werden die neuen Lesegeräte kaum lösen.

Die neuen Sony-Lesegeräte sollen von Ende August an in den Vereinigten Staaten erhältlich sein. Ob, wann und zu welchem Preis die Geräte in Deutschland erhältlich sein werden, konnte Sony auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht beantworten. Sollten die Preissenkungen im Vergleich zu den Vorgänger-Modellen in Deutschland ähnlich hoch ausfallen wie in den Vereinigten Staaten, müsste der Lesezwerg PRS-300 ungefähr 190 Euro kosten.

Wenige Tage vor Sony hatte auch Samsung ein erstes Lesegerät vorgestellt (siehe Bildergalerie). Daten, Preise und Verfügbarkeit in Europa sind aber unklar, ob und wann das Gerät nach Deutschland kommt, konnte die hiesige Dependance nicht beantworten. Das ist typisch: Alle E-Reader-Geräte erreichen den europäischen Markt mit erheblicher Verzögerung – auch Amazons Kindle ist hier nach wie vor nicht zu haben, Sony verkauft in Deutschland nur die vorletzte Gerätegeneration seiner E-Reader.

Dieses Trauerspiel bei der Hardware und Software ist symptomatisch für die Buchbranche: Die Zukunft des Lesens findet nicht statt und niemand aus den Verlagen stört sich weiter daran. Die Entwicklung erinnert an die Strategie der Musikindustrie zwischen 1995 und 2000 – man tut alles, um den eigenen Erfolg zu verhindern.