Computerpioniere: Die Web-Wiedergänger (Spiegel Online, 18.8.2009)

Computerpioniere

Die Web-Wiedergänger

Den einen fand man tot im Motelzimmer, der andere starb in einer Biker-Bar. So unrühmlich ihr Ende gewesen sein mag, Männer wie Phillip Katz oder Gary Kildall schufen Techniklegenden. PKZip, DR-DOS, Sinclair – diese Produkte sind bis heute geläufig. SPIEGEL ONLINE erzählt, was aus den Erfindern wurde.

Spiegel Online, 18.8.2009

In ihren besten Jahren haben sie Millionen verdient, dann kam das große Vergessen: Die Marke Atari kennen heute noch viele, den Schöpfer der Firma und Begründer der Computerspielindustrie, Nolan Bushnell, weit weniger Menschen.

Und geniale Erfinder wie Phillip Katz, Vater des allgegenwärtigen Zip-Formats, oder Gary Kildall, der den Windows-Ururahnen CP/M programmierte, sind fast völlig dem Vergessen anheim gefallen.

Sinclair, Atari, DR-Dos – SPIEGEL ONLINE verrät, was aus den Pionieren der Computergeschichte wurde.

Atari – Spielkonsolen, Heimrechner und Käsepizza

Als Nolan Bushnell 1972 den ersten Pong-Spielautomaten (Joystick-Tischtennis in Schwarz-Weiß) in einer Bar in Sunnyvale, Kalifornien, aufbaute, begann die Geschichte der Computerspielindustrie. Die Firma von Ingenieur Bushnell und Kompagnon Ted Dabney war damals eigentlich noch eine Schrauberbude, trug aber schon den großen Namen Atari.

Der Legende nach rief der Barbesitzer nach ein paar Tagen bei Atari an und klagte, das Gerät sei kaputt. Der Fehler: Der Münzbehälter war voll. Ein beispielloser Siegeszug hatte begonnen.

Firma tot, Marke lebt

Der Name hat die Firma überlebt. Atari machte in den siebziger Jahren aus Videospielautomaten und Spielkonsolen für den Fernseher ein Millionengeschäft, Bushnell verkaufte Atari-Anteile 1976 an den Medienkonzern Warner, später schied er ganz aus. Schuld sei die zunehmende Bürokratisierung des Betriebs gewesen, erklärte er Jahrzehnte später im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: „Das Atari-Management hatte zunehmend erstickende Formen angenommen. Ich habe einfach entschieden, dass ich Unternehmer bin und kein Konzern-Typ. Atari hatte sich von einer vom Ingenieursgeist getriebene in eine vom Marketinggeist getriebene Firma gewandelt. Die Innovation welkte und starb – und daran sind sie gescheitert.“

Pizza-Imperium statt Pong

Bushnell arbeitete Vollzeit für seine Restaurantkette Chuck E. Cheese (Pizza und Spiele), Atari veröffentlichte im Herbst 1977 die Spielkonsole VCS 2600. Das mit Kippschaltern und Holzfurnier ausgestattete Spielzeug wurde nach einem mauem Start zum Welterfolg: 30 Millionen Geräte sollen verkauft worden sein, bis 1991 die Produktion endgültig eingestellt wurde.

Die erste Krise überlebte Atari noch – als der Videospielmarkt Anfang der Achtziger einbrach, machte Atari 1983 mehr als eine halbe Milliarde Dollar Verlust. Warner behielt die Spielhallenautomaten-Abteilung (als Atari Games, 2003 aufgelöst) und verkaufte die Heimrechner-Entwicklung an den Commodore-Gründer Jack Tramiel. Der brachte Ataris Heimcomputer-Reihe ST auf den Markt, die gegen die Konkurrenz von Apple (teurer) und Commodores Amiga mit einer grafischen Benutzeroberfläche ganz gut abschnitt, bis die PC-Technik den Heimrechner-Markt Anfang der Neunziger überschwemmte. Als dann noch 1993 Ataris neue Spielkonsole Jaguar floppte, stand die Firma bald vor der Zahlungsunfähigkeit.

Von Atari bleibt ein Logo

Der japanische Hardware-Hersteller JTS übernahm 1996 Atari, war aber zwei Jahre später selbst insolvent. Seitdem leben die beiden Atari-Überbleibsel – die Reste der Heimkonsolen- und Spielautomaten-Sparte – als bloße Markennamen weiter. Der US-Spielwarenriese Hasbro übernahm die Atari-Rechte von JTS, verkaufte sie 2001 an den französischen Hersteller Infogrames. Seit 2003 heißt Infogrames Atari. Der Spielautomaten-Rest Atari Games landete zuletzt beim Games-Konzern Midway, der die Firma in Midway Games West umbenannte und 2003 auflöste.

Von Atari blieb ein Logo, das auf Produkten klebt, die mit der kollektiven Erinnerung zweier Generationen an Konsolen mit Holzfurnier und Heimcomputer wenig zu tun hat. Atari-Gründer Bushnell hat sein Pizza Imperium verkauft und lebt als Millionär und Vater von acht Kindern in Los Angeles. Sein Leben soll verfilmt werden, wie “ Variety“ 2008 berichtete, wird wohl Leonardo DiCaprio Bushnell in der Paramount-Produktion spielen.

 

PKWare – als Zippen noch Zeit sparte

Phillip W. Katz studierte Anfang der achtziger Jahre an der University of Wisconsin-Milwaukee Informatik und verbrachte einen großen Teil seiner Freizeit damit, sich mit seinem Heimcomputer übers Modem bei Mailboxen einzuwählen, mit anderen Teilnehmern online zu plaudern und nach neuer Software zu suchen. Damals waren die Datenverbindungen langsam – jedes bei der übertragenen Datenmenge eingesparte Kilobyte verringerte die Wartezeit und die fälligen Telefongebühren.

Informatiker Katz war mit dem damals gängigen Komprimierungs-Programm ARC unzufrieden – er schrieb die Software um, machte sie schneller und effizienter. Von 1985 an vertrieb Katz das Programm als Shareware über Mailboxen, 1986 gründete er seine Firma PKWare. Nach einem Copyright-Streit mit dem ARC-Hersteller schrieb Katz ein völlig neues Komprimierungs-Programm – PKZip, das den Zip-Standard etablierte. Katz vertrieb PKZip als Shareware und gab das Zip-Format als public domain für alle Entwickler frei, so dass auch andere Programmierer Zip-Packer entwickeln konnten.

Packen spart Telefongebühren

Das Kommandozeilen-Programm PKZip wurde schnell zu einem der beliebtesten Packer schlechthin, bis Windows-Zipper mit grafischer Benutzeroberfläche wie Winzip vorbeizogen. Katz konnte sich erst spät dazu durchringen, eine Windows-Version zu entwickeln. Das Unternehmen lief dennoch, Gründer Katz kämpfte aber mit persönlichen Problemen: Mehrmals geriet er wegen Alkohols am Steuer mit dem Gesetz in Konflikt. Er machte einen Entzug, blieb aber nicht trocken. Im April 2000 wurde Katz tot in einem Motelzimmer gefunden. Er starb mit 37 Jahren an den Folgen einer Alkoholvergiftung.

Eine Investorengruppe übernahm PKWare, die Firma konzentriert sich auf Geschäftskunden, entwickelt und installiert in großen Firmennetzen Verschlüsselungsprogramme. 30.000 kleine und große Unternehmen nennt PKWare als Kunden, darunter die US-Luftfahrtbehörde FAA. Das Unternehmen entwickelt PKZip noch weiter, ist aber nur wenigen Menschen bekannt. Das Zip-Format kennt jeder, den ursprünglichen Entwickler Phillip Katz leider nur noch wenige.

 

Kildalls DR DOS – das Genie in Bill Gates‘ Schatten

Es gibt nicht allzu viele Bücher und Artikel über den Informatiker Gary Kildall. Die wenigen, die es gibt, zählen gern auf, was er nicht geschafft hat. „Businessweek“ titelte gar 2004: „The Man Who Could Have Been Bill Gates.“ Nun mag Kildalls Leben unzweifelhaft von großer Tragik umweht sein – die Botschaft ist nicht ganz richtig: Kildall promovierte 1972 in Informatik, als Bill Gates noch gar nicht studierte, wenn er auch schon seine erste Firma gegründet hatte.

Gates ist ein guter Geschäftsmann, Kildall war ein brillanter Informatiker. Er programmierte 1974 eins der ersten Betriebssysteme für Heimrechner: CP/M („Control Program/Monitor“). Es lief 1975 auf dem Altair 8800, einem der ersten Heimcomputer und Ende der Siebziger auf den meisten der neuen Heimrechner mit den Intel-Prozessoren 8080, 8085 und Zilogs Z80.

Microsoft gewinnt, Kildall schweigt

1981 hatte Kildalls Firma Digital Research 75 Mitarbeiter und eigentlich die besten Voraussetzungen, von IBM als Betriebssystem-Lieferant für den neuen IBM PC ausgewählt zu werden. Woran das scheiterte, ist unklar. Fest steht, dass IBM der kleinen und mit Betriebsystemen bis dahin nicht gerade vertrauten Firma Microsoft den Zuschlag gab.

Microsoft wurde nach diesem Erfolg über die Jahre zum Beinahe-Monopolisten bei Betriebssystemen, Digital Research veröffentlichte interessante Produkte (zum Beispiel 1984 die grafische Oberfläche GEM – Graphics Environment Manager für den Atari ST), konnte sich aber nicht gegen Microsoft durchsetzen. 1989 versuchte Digital Research es noch mit einem eigenen Betriebssystem, dem zu Microsofts MS-DOS kompatiblen DR-DOS.

1991 kaufte der Software-Konzern Novell Kildall Digital Research ab, fünf Jahre später gingen die Reste an Caldera Systems, aus dem später die Firma SCO wurde. SCO meldete 2007 Konkurs an.

Bill Gates vermiest Kildall das Jahrgangstreffen

Ein trauriges Ende für eine Firma, die ein Gigant wie Microsoft hätte werden können. Kildall hat sich öffentlich nie groß beklagt, aber die auf Interviews mit vielen seiner Vertrauten und Bekannten beruhenden Artikel in „Businessweek“ und “ Dr. Dobb’s Journal“ kommen zu dem Schluss, dass Kildall sich durchaus betrogen sah. Er sei der Überzeugung gewesen, das von Microsoft nach dem IBM-Deal von einem Zulieferer gekaufte Dos habe Elemente aus CP/M übernommen. Vor Gericht wurde das nie geklärt.

Sicher ist, dass Kildall die Dos-Niederlage auch Jahre später noch wurmte. 1992 hatte die University of Washington ihn zum 25. Jubiläum des Informatik-Studiengangs geladen. Die Eröffnungsrede hielt allerdings nicht Kildall – einer der besten Absolventen des Studiengangs – sondern Bill Gates, der sein Harvard-Studium bekanntlich abgebrochen hat. Kildall begann nach dieser Episode, seine Erinnerungen zu schreiben, die nur wenige Freunde gelesen haben. „Businessweek“ zitiert daraus diesen Satz über die Gates-Rede: „Nun, mir scheint, er hatte eine Ausbildung, um dorthin zu kommen. Nur war das meine, nicht seine“ – eine Anspielung auf die nie geklärten Vorwürfe, das Ur-Dos sei zum Teil kopiert.

Kildall starb 1994 nach einem Sturz in einer Bar. Er soll Alkoholprobleme gehabt haben, schreibt „Businessweek“, laut „Forbes“ ging Kildall mit Harley-Davidson-Aufnähern in die falsche Biker-Kneipe und starb, nachdem er bei einer Rangelei auf den Kopf fiel, in anderen Nachrufen ist von einer Herzattacke die Rede. Niemand wurde angeklagt, es gab keine Ermittlungen und so bleiben die Details von Kildalls Tod so unklar wie die seiner größten Niederlage.

 

Sinclair – Taschenrechner, Heimcomputer und das 5-Kilo-Klapprad

Sir Clive Sinclair hat nicht studiert, er begann gleich nach der Schule mit dem Erfinden und Firmengründen: Ende der Fünfziger verschickte der Brite von zu Hause aus Elektrobausätze, 1961 gründete er seine erste Firma Sinclair Radionics. Sinclair verkaufte allerlei interessante Elektroprodukte wie kleine Taschenrechner, Digitaluhren, Spannungs- und Strommessgeräte.

Berühmt und reich wurde er Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre mit den Sinclair-Heimcomputern wie dem ZX80 und ZX Spectrum, die an Fernseher angeschlossen wurden und in Großbritannien bis dahin nicht erreichte Verkaufserfolge schafften. Sinclair verkaufte die Computersparte nach einigen Produktflops 1985 an die britische Computerfirma Amstrad, die heute dem Bezahlfernseh-Konzern BSkyB gehört und vor allem Settop-Boxen für Fernseher herstellt.

Clive Sinclair entwickelt seither Elektrofahrzeuge: Sein Elektrodreirad Sinclair C5 floppte 1985, obwohl es beachtliche Spitzengeschwindigkeiten von 24 Stundenkilometern erreichte. Nach dem ebenfalls nicht besonders erfolgreichen Elektrofahrrad Zike (1992) vermarktete Sinclair einfachere Erfindungen wie Rollstuhlantriebe, das kleinste Radio der Welt und zuletzt das Klapprad A-Bike (kein Elektronantrieb, gut fünf Kilo leicht).

Der Erfinder hat noch immer große Ideen. 2008 sagte Clive Sinclair im BBC-Sender Radio 4, es sei „wirtschaftlich und technisch machbar“, fliegende Autos für den Privatgebrauch zu bauen.