Computerpioniere: Die Technik-Zombies (Spiegel Online, 22.09.2009)

Reality-Humor

Darüber kichert das Netz

Sie waren mal die Größten, bauten die schnellsten, schönsten Rechner, doch heute sind Firmen wie Silicon Graphics und Acorn fast vergessen. Zu Unrecht, denn viele ihrer Innovationen leben weiter – zum Beispiel im Herzen des iPhones. SPIEGEL ONLINE zeigt die Underdogs der Computergeschichte.

Spiegel Online, 22.09.2009

So ganz verschwinden Computerlegenden nie. Auch wenn die einst legendären Namen fast vergessen sind, lebt irgendwo ein bisschen der Technik weiter: In Apples iPhone und Amazons E-Book-Lesegerät Kindle zum Beispiel arbeiten Chips, die auf Entwicklungen der britischen Computerfirma Acorn zurückgehen. An Acorn erinnert sich weltweit kaum jemand, nur in Großbritannien schwelgen technikaffine Lokalpatrioten noch in Erinnerung an das „britische Gegenstück zu Apple“ (O-Ton aus einem Forschungsbericht).

Acorn ist nicht das einzige Unternehmen, dessen Name einst Gemüter und Börsenkurse bewegte, das dann aber fast vollständig von der Bildfläche verschwand. Was ist zum Beispiel aus Cray geworden, dem Hersteller von Superrechnern, dessen Firmenname einst ein geradezu mythischer Ruf anhaftete?

Und was wurde aus Silicon Graphics, dem Unternehmen, das die Dinosaurier aus „Jurassic Park“ zum Leben erwecken half, einer Firma, die immerhin mal als heißester Hardware-Hersteller im ganzen Silicon Valley galt?

Supercomputer, Handychips und viele Pleiten – SPIEGEL ONLINE erzählt, was aus Computerpionieren wurde.

Silicon Graphics – zwei Pleiten, ein Multimillionär

Ach ja, die Dinosaurier. Die computeranimierten Riesen-Reptilien aus Steven Spielbergs „Jurassic Park“ haben den Computerbauer Silicon Graphics berühmt gemacht. Damals, Anfang der neunziger Jahre, rechnete Hollywood damit, dass man Filme in Zukunft auf den Hochleistungsrechnern von Silicon Graphics machen würde. Regisseur James Cameron prophezeite dem SPIEGEL damals: „Der Regisseur wird sich in einen bequemen Sessel setzen und mit den Bildern am Computer spielen.“

15 Jahre später arbeiten sich Computer an fast jedem Film ab – nur werden all die kleinen Korrekturen und großen Spezialeffekte nicht mehr allein von Spezialrechnern der einstigen Vorzeige-Firma Silicon Graphics („the hottest computer company in Silicon Valley“ laut „Wired“, 1994 ) berechnet. Die Folge: Silicon Graphics musste zweimal Gläubigerschutz beantragen, 2006 und 2009.

Gegründet wurde die Firma in einer anderen Zeit: Anfang der Achtziger, als Arbeitsplatzrechner noch selten und leistungsschwach waren. Damals entwickelte der Informatiker James H. Clark – Hochschullehrer an der Stanford University – neue Methoden zur Berechnung und Darstellung bewegter dreidimensionaler Körper auf Rechnern mit spezieller Hard- und Software.

Wie der Silicon-Graphics-Gründer mit Netscape absahnte

1981 gründete Clark mit dem Xerox-Manager Abbey Silverstone und einigen Stanford-Absolventen Silicon Graphics und verkaufte bald die ersten Terminal-Rechner zur Bewegtbild-Produktion. Die Firma verbaute immer neue spezialisierte Chips, so dass die Arbeitsplatzrechner (Grafik-Workstations genannt) schnell genug wurden, um kleinere 3-D-Animationen allein zu berechnen.

Für diese fixen, spezialisierten Workstation war Silicon Graphics berühmt. Als dann billigere Standard-PC und Grafikkarten schnell genug wurden, um solche Jobs zu erledigen, brach der für Silicon Graphics wichtige Umsatz mit Workstations weg. Das Geschäft mit spezialisierten Hochleistungsrechnern und Servern wuchs nicht schnell genug, um die Umsatzverluste auszugleichen.

Firmengründer Clark stieg 1994 aus, um eine neue Firma zu gründen. In einer E-Mail an die Mitarbeiter sprach er damals von „großen unternehmerischen Chancen bei Software für interaktives Fernsehen“, die er verfolgen wolle. Im selben Jahr gründete er mit Marc Andreessen das Unternehmen Netscape – die Firma, die den Browser-Krieg mit Microsoft ausfocht und lange Zeit führte.

Stammplatz für Clark auf der „Forbes“-Liste

Der Netscape-Börsengang 1995 machte Clark und Andreessen zu Multimillionären – Clarks Firmenanteile sollen zu Hochzeiten des Aktienkurses zwei Milliarden Dollar wert gewesen sein, 1999 übernahm AOL Netscape für 4,2 Milliarden Dollar. Wie viel Clark für seine Anteile erhielt, ist nicht klar – sein Name steht jedenfalls seit Jahren auf der „Forbes“-Rangliste der 400 reichsten Amerikaner. Clark spendet immer wieder Millionenbeträge an US-Unis (1999 zum Beispiel 150 Millionen Dollar an Stanford) und besitzt mehrere Yachten. Seine Tochter ist mit dem YouTube-Gründer Chad Hurley verheiratet.

So gut es dem Firmengründer Clark ergangen ist, so schlecht lief es für Silicon Graphics in den vergangen Jahren: Nach dem zweiten Antrag auf Gläubigerschutz übernahm der erst 1999 gegründete Server-Bauer Rackable die Firma für gerade mal 42,5 Millionen US-Dollar.

Rackable macht Verluste und erwirtschaftete im ersten Halbjahr fast die Hälfte seines Umsatzes mit Server-Lieferungen an zwei Firmen (30 Prozent Amazon, 13 Prozent Microsoft). Es könnte also besser aussehen für den Grafik-Dinosaurier. Aber SGI versucht es noch einmal, ausgerechnet mit dem Workstation-Konzept: Der neue Arbeitsplatz-Rechner Octane III ist laut SGI ein „personal supercomputer“. Preis: mindestens 8000 US-Dollar.

 

Cray Research – die Megaflops

Anfang der fünfziger Jahre begann der Ingenieur Seymour Cray Supercomputer zu bauen. Cray hatte mit seinen 25 Jahren ein Ingenieurstudium hinter sich und Erfahrung als Funker und Codeknacker bei der US-Marine. Er plante Supercomputer bei der Firma „Engineering Research Associates“ (die im Zweiten Weltkrieg Codes für die US-Marine knackte), er wechselte zur Control Data Corporation (CDC) und baute dort die damals schnellsten Supercomputer der Welt (den CDC 7600).

Crays Entwicklungsarbeit kostete CDC viel Geld, die Investitionen für die Entwicklung des CDC-7600-Nachfolgers sollte gesenkt werden, da ging Cray und gründete 1972 seine eigene Firma – Cray Research. Der erste Rechner der Firma erschien 1976 (siehe Fotostrecke in der linken Spalte). Der Cray-1 war laut „Science“ fünfmal so schnell wie der CDC 7600, von dem innerhalb von acht Jahren immerhin 85 Exemplare verkauft wurden. Den ersten Cray-1 bestellte für acht Millionen US-Dollar das US-Atomwaffenlabor Los Alamos. Das US-Verteidigungsministerium orderte auch Cray-Rechner.

Auf den falschen Halbleiter gesetzt – und einen Flop produziert

Zwei Jahrzehnte lang machte Cray gute Geschäfte mit den Mammutrechnern – Militärs, Geheimdienste, Universitäten kauften die Maschinen, und die werden über die Preise wohl nicht allzu rabiat verhandelt haben. Anfang der neunziger Jahre verzettelte sich Cray Research bei der parallelen Entwicklung mehrerer teurer Technologien, 1996 kaufte Silicon Graphics die Firma, 2000 übernahm der Supercomputer-Hersteller Tera Cray. Heute tauchen auf der Top-500-Liste der Supercomputer immerhin 20 Cray-Rechner auf (Platz 3 hinter HP mit 212 Vertretern und IBM mit 188) – die sind aber allesamt unter den 100 schnellsten.

Seymour Cray hatte Cray Research schon 1989 verlassen – er wollte den Cray-3 und Cray-4 in Eigenregie für seine neue Firma entwickeln, die Cray Computer Corporation. Das Ende des Kalten Krieges kam ihm dazwischen: Crays Ziel war, dass jede von ihm entwickelte Superrechner-Generation zehnmal schneller als die vorangegangene ist. Um diesen Leistungssprung beim Cray-3 zu schaffen, wollte Cray auf das bewährte Silizium als Halbleitermaterial verzichten und das erheblich teurere, weniger erprobte aber theoretisch mit weniger Energieaufwand leistungsfähigere Galliumarsenid nutzen. Da die Militärbudgets sanken, schien es aussichtslos, die erheblichen Entwicklungskosten für diese Technik je wieder von Kunden einzunehmen. Cray Computer Corporation meldete 1995 Konkurs an. Seymour Cray starb 1996 an Verletzungen, die er sich bei einem Autounfall zugezogen hatte.

Acorn Computers – britische Chips im iPhone

1978 gründeten der britische Ingenieur Chris Curry und Hermann Hauser, Erbe einer Tiroler Weinhändler-Dynastie und Physik-Doktorand in Cambridge, ein Computer-Start-up. Sie entwickelten Steuerungs-Hardware für Spielautomaten und allerlei Auftragsarbeiten, bis sie den Heimcomputer-Markt aufmischten. Ihr erster Heimrechner, der Atom, war ein kleiner Erfolg, ihr zweiter eine Sensation: Der BBC Micro entstand infolge einer von der Regierung unterstützten Kampagne zur Informatik-Weiterbildung. Die BBC-Fernsehserie „Wie man das meiste aus dem Mikro-Computer herausholt“ demonstrierte anhand des BBC Micro, was man mit Heimrechnern alles machen kann. 1981 erschien der Heimrechner (eigentlich Acorn A getauft), bis 1983 hatten Hauser und Curry 240.000 Stück verkauft. Als die Firma im September 1983 an die Börse ging, waren Hauser und Curry auf dem Papier Multimillionäre.

Der Erfolg war allerdings recht bald wieder vorbei – beim Nachfolgemodell Electron verrechnete sich das Unternehmen: Acorn hatte bei Zulieferern auf lange Zeit nicht anpassbare Mindestabnahmemengen garantiert, technische Probleme führten zu Lieferverzögerungen, im wichtigen Weihnachtsgeschäft 1983 konnte die Firma nur einen Bruchteil der bestellten Rechner verkaufen. 1984 brach die Nachfrage ein, und Acorn hatte einen Lagerbestand von angeblich einer Viertelmillion nicht verkaufter, aber beim Lieferanten bezahlter Rechner.

1985 übernahm Olivetti die Firma. In den neunziger Jahren scheiterte Acorn mit Versuchen, ein großes Geschäft mit Set-Top-Boxen zu machen. Da damals niemand für Video-on-Demand bezahlen wollte, wurde die Hardware nicht gebraucht. Nach einigen arg komplizierten Finanzmark-Transaktionen ist das heute bekannteste Überbleibsel von Acorn die Firma ARM Holdings. ARM ist die Abkürzung für „Acorn-RISC-Machine“, ein Prozessor-Design, das Acorn von 1983 an entwickelte.

Diese Chips sind einigermaßen schnell und sehr sparsam. ARM Holdings verkauft Lizenzen für die Fertigung von Chips mit dieser Technik. In den meisten Mobiltelefonen und PDAs arbeiten heute noch ARM-Chips. So zum Beispiel in Apples iPhone, in Amazons Kindle und in sehr vielen Nokia-Handys. Allein 2008 sollen 2,5 Milliarden Prozessoren auf ARM-Basis hergestellt worden sein.

Das Apple-Mobiltelefon arbeitet also mit dem Chip-Design einer britischen Firma – die dort schon seit vielen Jahren „the British Apple“ genannt wird.