Reality-Humor: Darüber kichert das Netz (mit Christian Stöcker, 16.09.2009)

Reality-Humor

Darüber kichert das Netz

Menschen wagen als Brot verkleidet ein Tänzchen, Gorillas halten Vorträge, Verwandte offenbaren auf Familienfotos ihre ganze Hässlichkeit: Wo immer heute jemand etwas Lustiges oder Bizarres fotografiert – es findet seinen Weg ins Web. SPIEGEL ONLINE hat die besten Reality-Witzseiten gesammelt.

mit Christian Stöcker, 16.09.2009

Viele wirklich komische Dinge waren eigentlich nicht als Witz gemeint. Missglückte Tattoos, geplatzte Hosen, versenkte Autos – wenn das Opfer eines Missgeschicks nur ausreichend weit von einem selbst entfernt ist, kann man auch über ziemlich schreckliche Dinge herzlich lachen.


Das Web hat Schadenfreude schon vor Jahren zum Geschäftsmodell erklärt – Seiten wie das „Failblog“ sammeln Fotos von Missgeschicken, seltsamen Konstruktionen und unfreiwillig komischen Beschriftungen und kombinieren sie mit Werbung. Das funktioniert so gut, dass sich rund um die als „Lolcatz“ bekanntgewordenen Bilder von Haustieren mit Bildunterschriften in schlechtem Englisch und der Failblog ein ganzes Seitenkonglomerat entwickelt hat, ein Unternehmen namens Pet Holdings, das heute auf dem besten Weg zu einer Monopolstellung ist, was den schnellen, schmutzigen, nutzergenerierten Witz im Web angeht.

Sogar einen Editor hat Pet Holdings inzwischen ins Netz gestellt, mit dem jeder Nutzer vorgegebene Fotos mit möglichst komischen Beschriftungen versehen kann. Das Prinzip des berüchtigten Bilderforums 4Chan – Fotos beschriften, Witze erzeugen, Meme erschaffen – hat Pet Holdings in eine Miniaturbranche ganz eigener Art verwandelt. Samt eigenem Merchandising: Im „LolMart“ kann man nun für 20 Dollar Lolcat-T-Shirts kaufen, ebenso einen „Fail“-Stempel und „Lolwörter“ mit magnetischer Rückseite, um seinen Kühlschrank damit zu dekorieren.

Aber es gibt auch andere originelle Sammlungen – „PassiveAgressiveNotes“ etwa sammelt lesenswerte Schilderschlachten, „AwkwardFamilyFotos“ Familienbilder, über die man nur lachen kann, wenn man mit den dargestellten Personen nicht verwandt ist.

SPIEGEL ONLINE hat eine Auswahl der lustigsten Seiten im Netz zusammengetragen – der Besuch erfolgt allerdings auf eigene Gefahr. Besonders, falls sie gerade im Büro sein sollten.

Hassbriefe bewaffneter Melonenzüchter

Ein Bürokühlschrank in Tampa, Florida: Drei Dosen Cola Light stehen drin, daneben ein Pappaufsteller mit einem lächelnden Jesus, der sagt: „Jesus schaut dir zu … beim Cola-Klau.“

Die Cola kostet 50 Cent, aber kaum jemand zahlt. Einer der Coladiebe hat einen passenden Pappaufsteller dazugestellt mit diesem Satz aus dem Johannes-Evangelium: „An dem letzten, dem großen Tag des Festes aber stand Jesus und rief und sprach: Wenn jemand dürstet, so komme er zu mir und trinke.“

Fotos solcher Schilderkämpfe sammelt die New-Yorker Journalistin Kerry Miller seit zwei Jahren auf ihrer Web-Seite PassiveAgressiveNotes.com. Laut Miller kam ihr die Idee, als sie bei einer Party mit einer Freundin Horrorgeschichten über die Kühlschranknotizen von WG-Mitbewohnern austauschte („Spül ab!“). Ein paar Tage später hatte Miller ihren ersten WordPress-Blog mit Fotos merkwürdiger Mahnungen. Die erste kam von Millers Oma, als Warnhinweis in einer Schachtel selbstgebackener Kekse: “ Iss nicht zu viele!“. Und dann schickten Menschen aus aller Welt massenhaft Fotos passiv-aggressiver Notizen (Leserfrage: „Kann ich statt einer Notiz auch eine ganze Person einschicken? Zum Beispiel meine Mutter?“)

Drei Monate nach dem Oma-Eintrag hatte PassiveAgressiveNotes.com drei Millionen Seitenaufrufe im Monat, 2008 gewann Miller einen Webby-Award, ihr Buch mit den besten Polter-Postings ist inzwischen in Australien, den USA und Großbritannien erschienen. Und täglich kommen neue großartige Einträge dazu. Geschrieben von wütenden Menschen, wie dem anonymen, bewaffneten Melonenzüchter aus Georgia: „An denjenigen, der meine Wassermelone geklaut hat. Sie war nicht einmal reif! Aber das hast du sicher nicht mal gemerkt, weil du auf Crack warst. Lass meine Pflanzen in Ruhe!“ Unterzeichnet: „stolzer Besitzer einer 45er und einer 35 special.“

Diese MacGyver-Tricks funktionieren fast

Rücklicht kaputt? Es gibt einfachere Wege, mit dem Problem fertig zu werden als zur Werkstatt zu fahren. Man kann zum Beispiel mit viel Mühe, Farbe und etwas Pappe ein Ersatzrücklicht basteln, das täuschend echt wirkt (solange das Klebeband hält).

Solche Behelfslösungen dokumentiert der Fotoblog ThereIfixedIt.com. Unglaublich, was man mit vielen Rollen Klebeband ersetzen kann: Kühlschrankfächer, Bürowände, Briefkästen, komplette Kotflügel.

Die junge Seite gehört zu einem Mini-Blogimperium namens Pet Holdings aus Seattle, das von merkwürdigen Fotos mit mehr oder minder komischen Kommentaren lebt: Zu der 2007 vom Ex-Journalisten Ben Huh mit zwei Millionen Dollar Risikokapital gegründeten Firma (derzeit knapp 20 Mitarbeiter) gehören Blogs wie IcanHasCheezburger.com (niedliche Katzenfotos, absurde Sprüche, möglichst viele Grammatikfehler) und der legendäre Failblog (Missgeschicke, Peinlichkeiten, Katastrophen).

Das Blog-Imperium ist eigenen Angaben zufolge profitabel, die Seiten sollen im Monat ungefähr 10 Millionen Besucher anlocken. Haupteinnahmequelle ist Werbung, aber Pet Holdings verlegt auch recht erfolgreich Bücher – die „LOLcat Colleckshun“ (Sammlung lustiger Katzenfotos) stand wochenlang in der Taschenbuch-Bestsellerliste der „New York Times“.

Hunde, selbstgestrickte Pullis und viel zu große Brillen

Der Autor Mike Bender hat in seiner Hollywood-Karriere Drehbücher für einige wohl zurecht vergessene Filme geschrieben („Nicht noch ein Teenie-Film“), an vielen „MTV Movie Awards“-Shows mitgearbeitet und nach Jahren derart unglamouröser Arbeit bei einem Mittagessen mit seinem Kollegen Doug Chernack in Los Angeles den größten Erfolg seines Lebens bislang erdacht: AwkwardFamilyPhotos, eine Web-Seite, die peinliche Familienfotos zeigt – sehr angestrengt um Fröhlichkeit bemühte Menschen in lustigen Pullovern, Familien mit viel zu großen Brillen und Hunde, die in schlechte Gesellschaft geraten sind.

Vier Tage, nachdem Bender und Chernack ihren Fotoblog gestartet hatten, meldeten sich die ersten Verlage – im kommenden Mai erscheint das Buch zum Blog. Und zwei Drehbuchautoren in Hollywood feiern nach jahrelanger Arbeit ihren ersten großen Erfolg – mit Fotos anderer Menschen in selbstgestrickten Pullovern.

Eine Geschichte und ihre Meldung

Gorillas aus Ruanda halten einen Vortrag im Museum für Naturgeschichte, ein Obdachloser darf sein Haus nicht mehr verlassen, die Bewohner des österreichischen Dorfes Fucking sind es leid, dass ständig ihr Ortsschild geklaut wird. „Criggo“ ist eine Mischung aus internationalem Hohlspiegel und einer Presseschau des Absurden. Manchmal ist die Meldung selbst der Witz, manchmal die Überschrift – und manchmal wird auch eine besonders gelungene Anzeige eingestreut. Zum Beispiel diese:“Dank der Hilfe meines Zahnarztes kann ich meine Lieblingsjeans jetzt wieder tragen!“

Die komischsten Geschichten bei Criggo sind meist die, die das Leben selbst geschrieben hat – etwa die von der Polizeistation in Texas, die künftig für über 100.000 Dollar im Jahr von einem privaten Sicherheitsdienst bewacht wird.

Kostüm-Horror aus aller Herren Länder

Ein Elefant auf Wasserskiern, eine einsame Schneeflocke in freier Wildbahn, eine Fliege mit eigenem Schwimmring – bei „Picture is Unrelated“ („Kein Zusammenhang zum Bild“) werden Absurditäten aus aller Herren Länder gesammelt – die oft erst durch die Überschrift so richtig komisch werden (der Name der Seite bezieht sich auf eine beständig ignorierte Konvention aus dem 4Chan-Forum, derzufolge jedes gepostete Bild eigentlich einen Bezug zum Thema des Diskussionsthreads haben soll – „pic related“).

Die besondere Spezialität der Bildersammelseite aber sind seltsame Kostüme: Ein Sado-Maso-Lederanzug, komplett mit überdimensionaler Hello-Kitty-Maske, ein Rock aus Bockwurst, ein zwergenwüchsiger Greis mit Quetschkommode in einem pinken Häschen-Kostüm – Picture is unrelated macht deutlich, welchen Aufwand und welches Ausmaß an Selbstentäußerung manche Menschen für ein bisschen Aufmerksamkeit auf sich nehmen.

Eine Art Meta-Kostüm trägt der Herr in diesem Bild zur Schau – von Kopf bis Fuß in ein knallgrünes Gewand gehüllt (Gesicht inklusive) ist er mit jeder handelsüblichen Bildbearbeitungs-Software problemlos zu entfernen. Die Überschrift lautet dementsprechend: „Ehemann ihrer Wahl aus dem Katalog ganz einfach einfügen.“

Ist doch bloß eine kleine Delle

Versunkene Polizeiautos, Sportwagen auf Dächern, übereinander geparkte Autos, Kollisionen mit allzu großen Gegnern – vom Schulbus bis hin zum Kampfflugzeug. „That Will Buff Out“ bedeutet übersetzt in etwa „das beult sich wieder aus“ – besser wäre aber als Titel vielleicht doch „Das tritt sich fest“. Denn die Fahrzeuge, die auf den hier gezeigten Fotos zu sehen sind, haben ihre aktive Zeit in den allermeisten Fällen definitiv hinter sich.

Auch ThatWillBuffOut gehört zum „Cheezeburger“-Netzwerk – Ben Huhs kleines Foto-Sammel-Unternehmen ist auf dem besten Weg zu einer Monopolstellung in Sachen Schadenfreude-Humor im Netz. Sogar einen Editor haben die Cheezeburger-Köche inzwischen gebastelt – täglich stehen auf einigen ihrer Seiten seltsame Fotos zum Betiteln bereit. Jeder Nutzer, auch wenn er selbst kein Bild beizutragen hat, kann sich jetzt als Unterschriftendichter versuchen.

ThatWillBuffOut ist nicht die einzige Seite für Menschen mit einem unterschwelligen Hass gegen alles Automobile. Bei „WreckedExotics“ etwa kann man sich, wenn einem so etwas gefällt, an Bildern zerstörter Luxuswagen erfreuen – High-End-Schadenfreude wenn man so will. Sortiert nach Marken. Wenn Sie also gerade das Bedürfnis nach dem Anblick eines völlig zerstörten Ferrari haben sollten – klicken Sie bitte hier.