Digital-Literatur: Wie Google die Buchverlage retten kann (Spiegel Online, 16.10.2009)

Digital-Literatur

Wie Google die Buchverlage retten kann

Krake, Dieb, Enteigner – deutsche Verlage haben viele böse Namen für Google. Doch ihr ärgster Feind könnte den Schlüssel zur dringend benötigen Online-Strategie in der Hand haben: Google plant einen Digitalbuchladen, der dem geschlossenen Amazon-Konzept Konkurrenz machen könnte.

Spiegel Online, 16.10.2009

Das Internet ist unangenehm und Google richtig böse – so lässt sich das Geschrei deutscher Verlage und Autoren gegen den Web-Werbekonzern überspitzt zusammenfassen. Die Google-Volltextsuche in digitalisierten Büchern sei „Diebstahl geistigen Eigentums“, „Enteignung der Urheber auf kaltem Weg“, „schamlose Enteignung“ gar (letzteres schrieb ausgerechnet der Herausgeber einer Kafka-Ausgabe, in der Texte zu lesen sind, deren Veröffentlichung sich der Autor verbat).


Mit Aufsätzen und Appellen warnten sie vor einer Vereinbarung, die Googles Buchscanprogramm in den USA legalisieren soll. Im Gegenzug sollen Autoren und Verlage an allen Erlösen mitverdienen und bei noch erhältlichen Büchern entscheiden können, was Google mit diesen Werken tun darf.

Der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Alexander Skipis, fand es gar generell anrüchig, dass Google Texte mit abgelaufenem Urheberrecht Web-Nutzern kostenfrei zum Lesen anbietet. Wolle man „Schopenhauer mit Werbebrei“ vermengt lesen, fragte Skipis bei einer Diskussionsveranstaltung in Berlin. Es sei problematisch, dass Google „das kulturelle Gedächtnis der Menschheit“ verwalte. „Google tut das ja nicht aus mäzenatischen Gründen, sondern um die Inhalte zu vermarkten.“

Ein Digitalbuch, nutzbar auf allen Geräten

Geld verdienen mit Werbung ist böse, Verkaufen auf Papier (bekanntermaßen das aktuelle Geschäftsmodell der von Skipis vertretenen Unternehmer) schützenswertes Kulturgut. Vielleicht können sich die Verlage ja mit diesem Kompromiss arrangieren: Digitales zu verkaufen ist nicht ganz so toll wie der Papierhandel, aber besser als Gratis-Inhalte. Denn Google will erklärtermaßen E-Books verkaufen – seit einem Jahr ist das schon bekannt, und den Details nach zu urteilen, die auf der Buchmesse bekannt wurden, könnte Googles Digitalbuchladen („Google Editions“) so etwas wie die letzte Chance der Verlage auf eine brauchbare Online-Strategie sein.

Im kommenden Jahr soll der Buchladen online gehen, berichtet Reuters, im Juni sei es soweit, konkretisiert das US-Magazin “ The Bookseller„. Das könnte die letztmalige Gelegenheit für ein gutes, einfaches, preiswertes und umfassendes Bezahlangebot an Online-Büchern sein. So etwas gibt es in Deutschland bislang nicht. Das liegt am Zögern der Verlage, die ihre Titel kaum als E-Book anbieten, schon gar nicht die aktuellen Bestseller, und die wenigen interessanten per Kopierschutz-Verschlüsselung auf vielen Lesegeräten unbenutzbar machen.

Das liegt aber auch daran, dass die wenigen Digitalbuchläden, die es heute gibt, von Unternehmen betrieben werden, die nicht nur Bücher, sondern auch Lesegeräte verkaufen wollen – praktischerweise gleich ihre eigenen Lesegeräte. Amazons Kindle zum Beispiel kann nur Inhalte aus dem Amazon-Shop abrufen. Titel im weit verbreiteten EPUB-Format beherrscht der Kindle von Haus aus nicht. Mit den Lesegeräten von Sony wiederum kann man nicht im Amazon-Shop einkaufen und so weiter.

Offline-Modus für den Browser-basierten Google-Shop

Google hingegen will seinen Digitalbuchshop nicht an ein bestimmtes Gerät koppeln. Die E-Books sollen über jedes Gerät mit Web-Browser lesbar sein. Das soll auch offline mit einer zwischengespeicherten Version der gekauften Inhalte möglich sein. Ob Google dieses Versprechen einlösen wird und wie das technisch funktioniert, muss sich noch zeigen – das Ziel ist aber auf jeden Fall für die Kunden (und somit für die Verlage) viel attraktiver als ein digitaler Buchladen, der an die Nutzung eines bestimmten Geräts gekoppelt ist.

Es gibt heute Millionen Menschen mit einem mobilen Lesegerät, das Inhalte über Browser abrufen kann – iPhone heißt das vielleicht bekannteste dieser Nebenbei-Lesegeräte. Und sollte Apple tatsächlich einmal das schon lange diskutierte Surf-Tablet bauen, dürfte das Lesen langer Texte deutlich angenehmer werden.

Auch die versprochene Verteilung der Einnahmen aus Verkäufen über „Google Editions“ klingt nach einem ordentlichen Geschäft für die Verlage: 63 Prozent sollen sie angeblich erhalten, wenn die E-Books direkt über Googles Buchsuche verkauft werden. Außerdem sollen Buchhändler den Google-Buchshop in ihre Angebote einbinden können. Bei Verkäufen über solche Shops will Google dann eine Transaktionsgebühr verlangen und die übrigen Einnahmen zwischen Händler und Verlag aufteilen.

Mit Google gegen Thalia und Amazon

„Google Editions“ wird auf Googles Partnerprogramm für Buchverlage aufsetzen. Das läuft anscheinend heute schon recht reibungslos (der US-Rechtsstreit betrifft das Bibliotheksprogramm) – laut Google nehmen weltweit 30.000 und in Europa 9000 Verlage daran teil. Sie erlauben Google, Buchinhalte online durchsuchbar zu machen. Potentielle Kunden stoßen bei der Suche im Web oder in Googles spezieller Buchsuche auf Titel, können einige wenige Vorschauseiten durchblättern und die Titel dann gedruckt im Handel bestellen.

600.000 Buchtitel allein von den teilnehmenden europäischen Verlagen hat Google angeblich in dieser Häppchenform im Angebot. Wenn die Verlage (und zusätzlich noch ein paar für Belletristik und Bestseller bekannte Häuser) den Verkauf dieser Titel als E-Book zu vernünftigen Preisen erlauben, hätte „Google Editions“ zum Start ein unschlagbar vielfältiges Angebot.

Auch wenn die bisherige Blockadehaltung der großen Verlage (gerade mal 1,5 Prozent der in Deutschland lieferbaren Titel kann man zum Beispiel bei Libreka als E-Book kaufen) nicht dafür spricht – vielleicht besinnen sich die Verleger doch eines besseren. Denn Google als starker Wettbewerber auf dem derzeit von Amazon dominierten E-Book- und Lesegeräte-Markt kann ihnen nur nützen.

Schließlich klagen Verlage in Deutschland gern und laut (aber meistens anonym) über die Marktmacht der großen Buchhandelsketten. In einem in der „Süddeutschen Zeitung“ erschienen Artikel beschweren sich Branchenvertreter darüber, wie mächtig die Buchhandelskette Thalia ist, wie groß die Preisnachlässe und Geschenke sind, die man Thalia einräumen muss – und wie chancenlos kleine Verlage sind, die mit kleinen, anspruchsvollen Titeln ins Thalia-Sortiment kommen wollen.

Heute entscheiden die Verlage, wie der Buchmarkt aussehen wird

Online arbeiten die Verlage merkwürdigerweise daran mit, diese Strukturen erneut zu errichten. Wer sich Digitalbücher mangels brauchbarer legaler Angebote nicht kriminell anderweitig besorgt, wird bei einem der großen Hardware-Händler mit angeschlossenem Buch-Vertrieb landen. Und wenn es erst einmal einem Händler gelungen ist, einen großen Teil der Digitalbuch-Käufer an sein Gerät und seinen Shop zu binden, wird den Verlagen wenig übrigbleiben, als ihre Titel auch dort zu den vom Händler diktierten Konditionen anzubieten.

Dass wird wohl nicht im nächsten und auch nicht im übernächsten Jahr passieren – so groß wird der E-Book-Markt in absoluten Zahlen dann noch nicht sein. Aber wie konzentriert und wie technisch geschlossen der Digitalbuchmarkt sein wird, entscheiden die Verlage heute. Und da ist der offene Ansatz Googles ein wünschenswertes Gegengewicht zur geschlossenen und erfolgreichen Strategie von Amazon.

Schon klar, dass Google nicht „aus mäzenatischen Gründen“ auf den Digitalbuchmarkt drängt, wie Börsenvereins-Boss Skipis kritisiert. Aber ehrlich gesagt wollen Verlage Bücher ja auch verkaufen, um unterm Strich mit allen Titeln einen Gewinn zu machen. Das dürfte schwierig sein, wenn ein Anbieter wie zum Beispiel Amazon technische Plattform und den Vertriebsweg beherrscht.

Doch um das zu verhindern, müssten sich Verlage und Autoren von ihrem Lieblingsfeindbild Google verabschieden.