Technik-Legenden: Lederrechner, VW-Computer und Konsolen vom Army-Ausrüster (Spiegel Online, 21.11.2009)

Technik-Legenden

Lederrechner, VW-Computer und Konsolen vom Army-Ausrüster

Die Microsoft-Gründer malochten einst für einen Raketenmodell-Hersteller, Volkswagen baute Heimcomputer und ein Lederwaren-Konzern mischte den deutschen Heimrechnermarkt auf. SPIEGEL ONLINE erinnert an die vergessenen Geschichten der IT-Geschichte.

Spiegel Online, 21.11.2009

Erzählt man die Geschichte der ersten Spielkonsole als Unternehmensstory, beginnt sie mit einem riesigen Lautsprecher. Die Tüftler Peter L. Jensen und Edwin S. Pridham bauten eine Großbox am ersten Weihnachtstag 1915 vorm Rathaus in San Francisco auf und beschallten knapp 100.000 Menschen. Diese Zahl schätzte jedenfalls der Historiker Steven Schoenherr von der University of San Diego.


Die beiden Bastler nannten ihre Firma dann folgerichtig Magnavox – große Stimme. Sie verkauften Lautsprecher, Radios und später Fernseher an Zivilisten und Funkgeräte ans Militär. Mehr als 50 Jahre später sollte ihre Firma den Markt für Videospielkonsolen erschaffen.

An die Urväter von Playstation, XBox und Co. erinnert sich heute kaum noch jemand. Zu Unrecht, immerhin hat Magnavox ein komplettes Unterhaltungsgenre geschaffen. Doch nicht nur die Konsolenschöpfer sind in Vergessenheit geraten, auch andere Vordenker der IT-Industrie und ihre Wurzeln sind heute höchstens noch ausgewiesenen Technologiehistorikern ein Begriff.

Volkswagen-Computer, Videospiele von Rüstungsfirmen und der erste Heimcomputer aller Zeiten – SPIEGEL ONLINE erzählt, was aus Computerpionieren wurde.

Magnavox – wie die erste Konsolen-Firma am Vietnam-Krieg verdiente

Der Lautsprecher-Pionier Magnavox wurde zur Zeit des Ersten Weltkriegs zum Unterhaltungselektronik-Konzern mit angeschlossener Rüstungsabteilung. So erklärt sich vielleicht, dass Anfang der siebziger Jahre die erste Spielkonsole der Welt bei Magnavox landete. Damals suchte eine andere US-Rüstungsfirma, nämlich Sanders Associates, einen Lizenznehmer für die merkwürdige Erfindung ihres Mitarbeiters Ralph Baer.

Baer sollte, so erzählte er SPIEGEL ONLINE (siehe Audiomitschnitt unten), eigentlich Radar-Abwehrsysteme und U-Boot-Elektronik bauen. Aber die Leitung einer riesigen Entwicklungsabteilung befriedigte den Bastler nicht so recht. „Sie bauen etwas, das dauert zwei, drei oder vier Jahre, Sie können mit niemandem darüber sprechen, Sie können es niemandem zeigen, und wenn es fertig ist, ist es weg. Das macht keinen Spaß.“

Vielleicht weil er ausgebildeter Fernsehtechniker war, ließ ihn der Gedanke nicht los, einen neuen Nutzen für die Millionen Fernseher in amerikanischen Wohnzimmern zu finden. Er begann – zunächst hinter dem Rücken seiner Arbeitgeber – Kästchen voller Elektronik zusammenzuschrauben. Mit denen konnte man Quadrate über Drehknöpfe auf einer Mattscheibe bewegen. Hinzu kamen Lichtpistolen, mit denen man diese Quadrate abschießen konnte. Am Ende stand 1969 die „Brown Box“ – das erste Videospielsystem der Welt.

Magnavox vertrieb Baers Erfindung als „Magnavox Odyssey“ von 1972 an. 1973 kam die Konsole auf den deutschen Markt – umgerechnet knapp 400 Euro kostete das Gerät. Der SPIEGEL beschrieb die Magnavox-Konsole damals so:

„Der Fernseher als Tennisplatz, auch als Fußball-, Hockey-, Volleyball-, Ski- oder Formel-1-Rennpiste, als Flipper-Ersatz oder zum Schiffeversenken – ein neues, elektronisches TV-Zubehör aus Amerika funktioniert den Fernseher um zum Spielzentrum der Familie. Das von der US-Firma Magnavox gebaute Gerät („Odyssee“) wird an die Antennenbuchsen angeschlossen. Beide Spieler haben kleine Bedienungspulte, mit denen sie ihre Figuren über den Bildschirm lenken können.“

Zwei Jahre später übernahm Philips die Unterhaltungselektronik-Sparte von Magnavox. In den Vereinigten Staaten lebt der Name als Marke weiter. Eine Zeit lang hießen einige Philips-Fernseher dort Magnavox, später dann Philips Magnavox.

Eigenständig blieb nur die Rüstungssparte der Firma. Schon kurz nach der Firmengründung hatte Magnavox Funkgeräte an die US-Armee geliefert, aus dem Vietnam-Krieg berichtete der SPIEGEL 1965 über eine Rettungsaktion: „Die Bergungsmaschinen finden automatisch zu abgestürzten Piloten. In der Schwimmweste jedes US-Fliegers befindet sich ein Funkgerät (Typ Magnavox URT-21), das beim Öffnen des Fallschirms automatisch zu senden beginnt und die Peilung der Absturzstelle ermöglicht.“

Tandy Radio Shack – Lederwaren und Heimcomputer

Es ist eine schöne Pointe, dass einer der am häufigsten verkauften Heimcomputer der siebziger Jahre ausgerechnet nach einer Lederfirma benannt wurde: Der TRS-80 der Firma Tandy Radio Shack erschien im August 1977 in den Vereinigten Staaten – einer der ersten Heimrechner neben Commodores Pet und dem Apple II.

Tandy war bis 1962 noch der Name einer Lederwarenfirma. Damals übernahmen die Geldbörsen-Zulieferer die Elektronikhandelskette Radio Shack. Mit der Zeit verkaufte Tandy Radio Shack & Leather die Ledersparte und konzentrierte sich auf Elektronik.

Der recht günstige, Tandy genannte Heimrechner TRS-80 wurde in den Vereinigten Staaten zu einem Verkaufserfolg – etwa eine Viertel Million Computer soll Tandy Radio Shack von dem ersten Modell verkauft haben.

Zum aggressiven Marketing gehörten auch Infoveranstaltungen in den Radio-Shack-Läden, wo Kunden das Phänomen „Heimrechner“ erklärt und das eigene Produkt nahegebracht wurde. Ein kurioses Vermarktungsdetail ist Tandys Comicreihe „TRS-80 Computer Whiz Kids“, die in den Radio-Shack-Läden kostenlos verteilt wurde. Darin besiegt eine Gruppe von Schulkindern mit Hilfe ihres TRS-80-Computers alle möglichen Schurken.

In Deutschland war Tandy Anfang der achtziger Jahre mit Apple die Nummer zwei nach Commodore auf dem Heimcomputermarkt. 1980 gab es in der Bundesrepublik ungefähr „25.000 Kleinsysteme“, schrieb der SPIEGEL damals. 1981 rechnete die Branche mit mehr als 100.000 verkauften Heimcomputern.

Von dem Boom bekam Tandy Radio Shack nicht allzu viel mit – die Firma löste ihre proprietären Rechner mit eigenem Betriebssystem erst Mitte der achtziger Jahre durch neue, zum PC-Standard kompatible ab. Der Marktanteil der Radio-Shack-Eigenprodukte war aber nie wieder so hoch wie beim TRS-80 – die Firma gab in den neunziger Jahren ihre PC-Eigenmarke auf.

MITS – hier arbeitete Bill Gates als Programmierer

Der pompöse Name der Firma führt ein wenig in die Irre: „Micro Instrumentation and Telemetry Systems“ hieß das Unternehmen, das der Ingenieur Ed Roberts mit seinem Kollegen Forrest Mims in Albuquerque gründete, um – nun ja – Bauteile für Raketenmodelle zu verkaufen.

Die beiden expandierten, von 1971 an verkauften sie einige Jahre lang erfolgreich Taschenrechner. Als die Kalkulator-Preise 1974 stark fielen, suchten sie sich ein neues, lukrativeres Produkt. Ed Roberts entwarf den ersten kommerziell vertriebenen Heimrechner der Geschichte: der Altair 8800. Der Bausatz zierte Anfang 1975 die Titelseite der von US-Elektronikbastlern gelesenen Zeitschrift „Popular Electronics“. Mangels echter Konkurrenz war die Nachfrage entsprechend hoch.

Bill Gates, damals Student in Harvard, und sein Schulfreund Paul Allen, damals ganz in der Nähe angestellt bei Honeywell in Boston, lasen von dem Rechner und entschlossen sich dazu, einen Interpreter der Programmiersprache Basic für den neuen Bastelcomputer anzupassen.

Sie waren schnell genug, um einen Vertrag mit MITS zu ergattern: Die Firma vertrieb Altair Basic und bündelte die Software mit den Bastelcomputern. Für jedes verkaufte Paket wurde Gates und Allen ein fixes Honorar vertraglich zugesagt. Die beiden Programmierer zogen nach Albuquerque, um dort mit MITS an der Basic-Software zu arbeiten. Hier gründeten sie im Frühjahr 1975 dann auch ihre Firma Micro-Soft. Auf den Bindestrich verzichteten sie im Folgejahr, als sie Microsoft als Markenzeichen registrierten.

Die Wege von MITS und den Microsoft-Gründern trennten sich bald wieder: Gates und Allen stritten mit den Altair-Bauern um die Details ihres Software-Vertrags. Sie wollten ihre Basic-Interpreter auch selbst verkaufen dürfen. MITS interpretierte den Vertrag anders und glaubte, Exklusiv-Rechte zu haben. Der Streit zog sich bis 1977, als ein Gericht im Sinne von Gates und Allen entschied.

Die Heimcomputer-Pionierfirma MITS gehörte da längst nicht mehr den Gründern. Ed Roberts hatte das Unternehmen 1977 an den Bandlaufwerks-Hersteller Pertec verkauft, der wiederum 1979 von der deutschen Schreibmaschinen- und Kleincomputerfirma Triumph-Adler übernommen wurde.

MITS-Gründer Roberts studierte nach dem Verkauf seiner Firma Medizin und ließ sich im Städtchen Cochran im Südosten der USA nieder, wo er als Internist praktizierte.

Triumph-Adler – Die Volkswagen-Computer

Schreibmaschinen, Autos, Motor- und Fahrräder – die deutschen Traditionsunternehmen Adler und Triumph haben vor 1957 sogar Serienwagen hergestellt. Dann übernahm Grundig bei beiden Firmen die Mehrheit, verschmolz sie zur Triumph-Adler AG und modelte die Gesellschaften zum Schreibmaschinen- und Bürotechnikkonzern um. 1979 übernahm dann der Autobauer Volkswagen das Konglomerat.

Das Unternehmen hatte damals, wie der SPIEGEL 1980 prophezeite „im harten internationalen Wettstreit um den zukunftsträchtigen Bürocomputermarkt gute Erfolgsaussichten“. Vom „Volkscomputer TA 10“ (Werbung) verkaufte Triumph-Adler 30.000 Stück. Firmenkunden, die Bundesbahn zum Beispiel, orderten 5500 Datenstationen für ihr „integriertes Transport-Steuersystem“. Und auch viele der beim Dienstleister Datev angeschlossenen Steuerberater arbeiteten Anfang der achtziger Jahre an Triumph-Terminals.

Den Heimrechnern der US-Konkurrenz von Commodore, Apple und Tandy waren die Triumph-Adler-Produkte aber nicht gewachsen. Die Deutschen verlieren Marktanteile, Volkswagen verkauft den Hersteller 1986 an den italienischen Büromaschinenhersteller Olivetti. Inzwischen gehört Triumph-Adler zum japanischen Kyocera-Konzern und verdient vor allem mit Wartungs- und Beratungsaufträgen fürs Dokumentenmanagement in Unternehmen.