Technik-Zombies: Wie der Koffercomputer fast zum Bestseller wurde (Spiegel Online, 11.11.2009)

Technik-Zombies

Wie der Koffercomputer fast zum Bestseller wurde

Neuer Koffercomputer: nur zehn Kilo schwer! Soundkarte: ermöglicht Musikhören am Rechner! Einheitlicher Druckeranschluss: für alle Systeme! PC-Firmen entwickelten in den Achtzigern revolutionäre Technik – die heute hoffnungslos veraltet ist. SPIEGEL ONLINE zeigt, was aus den IT-Legenden wurde.

Spiegel Online, 11.11.2009

Es ist ein bisschen unfair, Adam Osborne zu unterstellen, er habe 1980 ein Laptop bauen wollen. Der Osborne 1 sollte eher ein tragbarer Computer werden, ein Arbeitsgerät, das man ohne Sackkarre von einem Büro ins andere schleppen konnte. Ans Arbeiten mit dem Rechner auf dem Schoß dachte Osborne nicht – insofern ist Häme über das Gewicht von gut zehn Kilo unangebracht.

Entworfen hat diesen Koffercomputer Lee Felsenstein. Der Ingenieur notierte in seinem Blog Erinnerungen an die Entwicklung des Osborne 1. Adam Osborne habe ihm bei der Gestaltung diese Vorgabe gemacht: „Er wollte, dass der Rechner unter den Sitz im Flugzeug passt.“

Das hat geklappt: Der Osborne 1 war so groß wie zwei Schuhkartons und sah zusammengeklappt wie ein Koffer aus – mit Tragegriff an der Oberseite und einer Ausklapp-Tastatur (69 Tasten!) als Boden, hinter der sich der 5-Zoll Bildschirm verbarg. Der konnte 1248 grüne Zeichen in 24 Zeilen darstellen.

Aber das war nicht die einzige technische Leistung, die aus heutiger Sicht fast schon vorsintflutlich anmutet. Osborne, Adlib, Kaypro – SPIEGEL ONLINE verrät, was aus den Pionieren der Computergeschichte wurde.

Der Osborne-Effekt – mit dem Zehn-Kilo-Laptop in die Pleite

 

Der 1795 US-Dollar teure Koffercomputer (entspricht ungefähr 4200 US-Dollar heute) verkaufte sich überraschend gut: Das Fachmagazin „Creative Computing“ berichtete 1984, Osbornes Firma habe in den ersten acht Monaten nach dem Erstverkaufstag 11.000 Geräte ausgeliefert und für 50.000 Vorbestellungen erhalten.

Der Erfolg war sicher einer genialen Vermarktungsidee Osbornes geschuldet: Der Koffer-Computer war mit einem umfangreichen Softwarepaket kombiniert. Das Betriebssystem CP/M, die Textverarbeitung WordStar, die Tabellenkalkulation SuperCalc und die Datenbanksoftware dBase – die im Paket mit dem Rechner verkaufte Software kostete damals, allein verkauft, so viel wie der ganze Computer samt Software.

Das Ende für Osbornes Computerfirma kam dann aber fast so schnell wie der Aufstieg: Im September 1983 beantragte das Unternehmen Gläubigerschutz. Wie es dazu kam, ist umstritten. In der Betriebswirtschaft ist der „Osborne Effekt“ inzwischen ein Begriff für das, was damals bei Osborne schiefgelaufen sein soll: Adam Osborne soll Anfang 1983 in der Presse vom Nachfolgemodell des Osborne 1 geschwärmt haben, der viel leistungsfähiger als das Ursprungsmodell sein sollte. Das Problem, so die Legende: Der neue Rechner war noch Monate nach der Ankündigung nicht lieferbar, die Nachfrage nach dem Altgerät brach zusammen und damit auch der Geldfluss bei Osborne Computers.

Finnen bauen heute noch Osborne-Rechner

Jahrzehnte später bestritten Ex-Mitarbeiter von Osborne diese Version der Geschichte. Schuld am Umsatzeinbruch sei die Konkurrenz durch besser ausgestattete, aber günstigere Koffer-Computer von Apple und Kaypro gewesen.

Adam Osborne jedenfalls gab das Hardware-Geschäft auf. 1984 gründete er den Verlag Paperback Software, der günstige Computerprogramme verkaufte. 1985 verkaufte in Deutschland zum Beispiel das Fachmagazin „c’t“ das „Dr. Osborne-Kit“ – ein Selbstbau-Bündel samt Hardware zum Selberbasteln eines CP/M-Rechners und viel Software.

Adam Osborne ist 2003 gestorben, die Osborne-Markenrechte hält seit 1986 die finnische Firma Mikrolog, die heute immer noch Computer unter diesem Namen verkauft. So kann man sich heute einen Osborne-Rechner mit Atom-Prozessor kaufen, der weniger als zwei Kilo wiegt.

Kaypro – mit diesem Koffercomputer war Arthur C. Clarke online

Der ärgste Konkurrent des Osborne-Koffercomputers war ebenfalls nach seinem Schöpfer benannt: MIT-Absolvent Andrew Kay entwickelte bei seiner Firma Non-Linear Systems jahrelang Instrumente für U-Boote und die Nasa und von Anfang der achtziger Jahre an auch Heimrechner. Der erste Kaypro-Koffercomputer setzte Osborne unter Druck – die Softwareausstattung war üppig, der Bildschirm größer und die Verkaufszahlen entsprechend höher.

Kaypro ist in den Vereinigten Staaten heute noch ein Begriff – in Fernsehserien und Büchern tauchen Kaypro-Rechner als die günstige Gegenmarke zu Macs in den Achtzigern auf, zum Beispiel in Tom Wolfes Roman „Ich bin Charlotte Simmons“. AOL-Gründer Steve Case hat in den Achtzigern mit einem Kaypro gearbeitet und Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke („2001“) auch: Von seinem Wohnsitz in Sri Lanka aus diskutierte er per Kaypro und Modem mit Regisseur Peter Hyams über die Verfilmung von „2010“. Hymans saß in Los Angeles an einem Kaypro, wie der Journalist David Rothman erzählt, der diese sehr frühe Form der Online-Arbeit vermittelte.

Trotz dieser Popularität – Kaypro war für kurze Zeit der fünftgrößte Computerhersteller der Welt – ging das Unternehmen 1990 zum ersten Mal und 1992 endgültig pleite. Vor ein paar Jahren verkaufte der US-Computerhersteller Premio unter der Kaypro-Marke noch Notebooks, inzwischen ist die Marke verschwunden.

Adlib – als Computerspiele Musik abnudelten

Adlib oder Soundblaster? Vor 20 Jahren war das unter PC-Spielern eine echte Glaubensfrage, die gern lange und erbittert diskutiert wurde. Es ging, das kann man sich heute kaum vorstellen, um Erweiterungskarten für den Computer, die Musik und Sprache ausgaben.

Dass man aus Computerspielen ein Geschäft machen kann, entdeckte der Musikwissenschaftler Martin Prevel, damals Professor an der Université Laval in Québec Ende der achtziger Jahre. Er hatte das Unternehmen Adlib gegründet, um Zubehör für Computer-Musiklernprogramme zu vermarkten. Die Adlib-Soundkarte seiner Firma sollte 1987 eigentlich eine Menge musikrelevanter Adib-Software unterstützen: Da gab es den Adlib „Visual Composer“, die angeblich „einfachste Komponiersoftware, die je für PC geschrieben wurde“. So versprach es die Adlib-Werbung. Außerdem verkaufte die Firma auch Pop-Tunes, ein Programm mit dem vor 20 Jahren revolutionären Versprechen, die Lieblingssongs der Besitzer am Computer abzuspielen, während sie arbeiten. O-Ton der Werbung: „Now you can serenade your spreadsheet waltz with your word processor or dance to your database.“

Das war alles nett ausgedacht, doch als Killer-Anwendung der Soundkarte entpuppten sich bald Spiele. 1987 unterstützte Sierra Onlines „King’s Quest IV“ als einer der ersten Titel eine Musik- und Effektausgabe über Adlib-Karten.

Das war bei PC-Spielen bald Standard. Doch Adlib bekam schnell Konkurrenz aus Singapur, wo Creative eine Soundkarte namens Soundblaster herstellte. Ein paar Jahre später waren Soundblaster-Karten dank einiger technischer Vorzüge der De-facto-Standard für PC-Spiele. Adlib meldete 1992 Konkurs an.

Centronics – wie der Entwickler des Druckerkabels zur Küchenfirma wurde

Selbst in den neunziger Jahren, als der USB-Standard sich langsam etablierte, musste man einen Drucker meist noch über einen dicken Stecker in iPhone-Breite mit 25 Pins an den Computer anschließen. Heute noch sieht man an der Rückseite vieler Drucker diese sehr breiten, Parallelport genannten Anschlüsse.

Diese Schnittstelle ist gut 40 Jahre alt. Ende der sechziger Jahre wurde sie in den Wang Laboratories entwickelt, aus denen sich die US-Druckerfirma Centronics ausgliederte. Jahrzehntelang war diese Centronics-Schnittstelle der Standard zum Anschluss von Druckern, später auch von Scannern und sogar externen Laufwerken. Spätestens seit IBM den ersten PC 1982 mit einer solchen Schnittstelle ausstattete, hatte Centronics einen Quasi-Standard etabliert, den auch andere Hersteller unterstützten. Im März 1994 wurde der Centronics-Stecker dann endlich standardisiert (als IEEE 1284).

Die offizielle Standardisierung hat damit länger gedauert als Centronics existierte: Das Centronics-Druckergeschäft übernahm 1987 die Druckerfirma Genicom. Mit dem Erlös kaufte der Centronics-Firmenrest einen Küchenartikelhersteller namens Ecko Housewares. Nach vielen Übernahmen und Fusionen sind die Centronics-Überreste heute Teil der US-Küchenfirma „World Kitchen“.