Gebraucht und günstig Die schönsten Kamera-Oldtimer für die Fotochemie (Spiegel Online, 29.12.2009)

Gebraucht und günstig

Die schönsten Kamera-Oldtimer für die Fotochemie

Eine Spiegelreflex für den Preis eines guten Abendessens – das gibt es! Wer auf Film fotografiert und Kameras gebraucht kauft, kann für wenig Geld mit Objektiven, Kleinbild- und sogar Mittelformat-Material experimentieren. SPIEGEL ONLINE stellt die Foto-Schnäppchen vor.

Spiegel Online, 29.12.2009

1980 wagte Nikon etwas Ungeheuerliches: Der Kamerabauer verkaufte eine neue Profispiegelreflexkamera, die nur mit Batterie so richtig gut funktioniert und die Belichtung mit Elektronikbauteilen steuerte. F3 hieß das neue, mehrere tausend Mark teure Modell. In den Anzeigen war ein rasender Gepard zu sehen und der Spruch „Neu: Nikon F3. Tempo 100“.

Die Profis waren anfangs skeptisch: Sollte man sich wirklich auf womöglich überempfindliche Elektronik verlassen? Taugt eine Kamera etwas, deren Benutzer zur Sicherheit immer Ersatzbatterien mitnehmen müssen? Die seit Jahrzehnten bewährten, voll mechanischen Spiegelreflexkameras sind doch sicher zuverlässiger, robuster, besser.

30 Jahre später kann man über diese frühe Angst vor Elektronik nur lächeln, schließlich arbeiten heute die meisten Kameras ohne Akku nicht nur eingeschränkt, sondern schlicht gar nicht.

Gebrauchte Exemplare der F3 kosten inzwischen 130 Euro – passende Weitwinkelobjektive gibt es gebraucht für die Hälfte.

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Nikon F3 – eine für fast alle Objektive

Die Nikon F3 wurde trotz anfänglicher Skepsis der Elektronikverächter zu einer der am längsten in Serie gefertigten Kameras. Von 1980 bis 2001 verkaufte Nikon dieses Modell. Wer heute auf Film fotografiert, kann mit einer gebrauchten Nikon F3 noch Jahre lang Kleinbildfilme belichten, zahlt im besten Fall für einen gut erhaltenen Nikon-Oldtimer weniger als für eine neue Kompaktkamera wie die LC-A der Lomographischen Gesellschaft.

Vorteile: Zeitautomatik, Objektivvielfalt

Die Vorteile der Nikon F3: Man hat einerseits beim Experimentieren mit verschiedenen Einstellungen, Filmen (Infrarot!), Objektiven und Filtern einen extrem großen Gestaltungsspielraum, muss aber andererseits nicht alles manuell einstellen.

Die Zeitautomatik der F3 ist zuverlässig und sehr benutzerfreundlich: Am Blendenring des Objektivs stellt man die gewünschte Blendenöffnung ein (kleine Blendenzahl für eine sehr selektive Schärfe, um bestimmte Motive hervorzuheben und den Rest der Aufnahme in Unschärfe verschwimmen zu lassen), die Kamera stellt die passende Belichtungszeit ein. Fokussieren muss man manuell – für Kindergeburtstage, Hochzeiten oder derlei ist die F3 also nicht unbedingt die Kamera der Wahl.

Preis: 130 Euro fürs Gehäuse, 50-mm-Festbrennweiten ab 90 Euro

Die Spiegelvorauslösung der F3 hilft, Verwacklungsunschärfe bei bestimmten Aufnahmesituationen (Makrofotografie zum Beispiel) zu vermeiden. Neben dem großen Angebot an Ersatzteilen (sollten Sie denn einmal nötig sein), spricht vor allem der Objektivanschluss für die F3: An das F-Bajonett kann man so gut wie jedes seit 1959 gefertigte Nikon- oder Nikon-kompatible Objektiv mit Blendenring anschließen. Dank des großen Angebots sind Gebrauchtpreise für die F3 und passende Objektive sehr gut. Ein gebrauchtes, tadellos funktionierendes F3-Gehäuse sollte man bei Ebay für höchstens 140 Euro kaufen, ein Nikon 50mm f/1.8 Objektiv für 90 Euro.

Eine gute Übersicht der Gebrauchtpreise findet man im DSLR-Forum in diesem Thread. Eine Übersicht der komaptiblen Ojektive gibt Fotograf Ken Rockwell – ein paar Tipps für günstige, aber gute Nikon-Objekive findet man ebenfalls auf seinen Seiten. Wer ein Handbuch für die gebrauchte F3 sucht, findet auf Nikonf3.com digitalisierte Anleitungen.

Günstiger, aber genauso flexibel – Ricoh KR-10X, Nikon FE

Zeitautomatik, enorme Auswahl an Gebrauchtobjektiven und alle Einstellmöglichkeiten, die sich ein Hobbyfotograf wünscht: Was die Nikon F3 bietet, bekommt man bei der kleinen Schwester Nikon FE für weniger Geld (Gebrauchtpreise um die 70 Euro). Dass man bei dieser Nikon-Spiegelreflex die Sucher nicht auswechseln kann, werden die wenigsten Analogfotografen vermissen.

Um die 50 Euro kostet der Einstieg in anderes, aber ähnlich großes und vielfältiges Objektiv-Universum: Die Spiegelreflex Ricoh KR-10X ist leichter als die Nikon F3 (gut 500 Gramm im Vergleich zu mehr als 700) und hat ein sogenanntes Pentax-K-Bajonett, für das im vorigen Jahrhundert gut 60 Hersteller passende Objektive fertigten. Einen guten Überblick gibt Bojidar Dimitrov.

Pentacon Six – der Mittelformat-Einstieg

Ein belichtetes Stück Rollfilm im Mittelformat ist um ein Vielfaches größer als Kleinbildmaterial und alle Sensoren in erschwinglichen Digitalkameras. Genau gesagt: sechs mal sechs Zentimeter groß. Den Vorteil dieses Filmmaterials sieht man auf Abzügen und Scans: Farbsättigung und Schärfe sind beeindruckend anders als bei den meisten Digital- und Kleinbildaufnahmen.

Ein günstiger Einstieg fürs Fotografieren auf Mittelformatmaterial ist die DDR-Kamera Pentacon Six. Bis zum Ende des VEB Pentacon wurde in Dresden Schätzungen zufolge etwas eine Viertelmillion dieser Modelle gefertigt. Heute kann man regelmäßig gebrauchte, aber gut erhaltene Modelle der robusten DDR-Vorzeigekamera Pentacon Six für weniger als hundert Euro ersteigern.

Die recht hohe Verbreitung der DDR-Kamera hält nicht nur die Gebrauchtpreise auf einem akzeptablen Niveau, sondern hat auch dazu geführt, dass man bei Problemen mit dem Gehäuse im Netz eine Menge Anleitungen und Ersatzteile, bei größerem Ärger auch spezialisierte Kamerahandwerker findet. Für das Bajonett der Pentacon Six gibt es auch eine große Auswahl an Objektiven diverser Hersteller.

Bevor man sich für eine Pentacon Six entscheidet, sollte man aber die bekannten Schwachstellen des Gehäuses studieren. Der Filmstransport ist anfällig, beim Einlegen muss man genau nach Bedienungsanleitung vorgehen, bei Problemen mit der Mechanik vielleicht eine Filmtransportkontrolle nachlegen, damit die Belichtungen sich nicht überlappen. Gute Erklärungen und Tipps findet man im Netz zum Beispiel bei Dresdner-Kameras.de (hier stehen auch praktische Hinweise zum Gebrauchtkauf) und Baierfoto.de.

Eine günstigere Alternative zur Pentacon (mit dem gleichen Bajonett) kann die bis 2009 in der Ukraine gefertigte Kiev 60 sein. Seltener findet man Verkaufsangebote von Exakta 66 Gehäusen. Dieser Nachbau der Pentacon Six wurde in Nürnberg herstellt. Einen Vergleich der drei Gehäuse findet man hier.

Yashica 124-G – die Günstig-Rolleiflex

Die japanische Mittelformat Yashica Mat 124 kam 1970 als günstige Kopie des Kameraklassikers Rolleiflex auf den Markt. Das Prinzip ist dasselbe: zweiäugige Mittelformatkamera mit Lichtschacht und fest verbautem Objektiv. Die Verarbeitung ist gut – bei dem Modell 124-G gibt es kaum Probleme mit ungewollt ins Kameragehäuse dringendem Licht. Die Kamera sind gebraucht recht günstig zu haben – ein tadellos funktionierendes Exemplar kann man für knapp 100 Euro kaufen.

Der Nachteil gegenüber der Pentacon Six liegt auf der Hand: Man kann die Objektive nicht wechseln. Dafür ist das Risiko geringer, mit mechanischen Problemen beim Filmtransport kämpfen zu müssen. Wer ein Modell ohne Anleitung erwischt: Kamerafan Mike Butkus hat eine digitalisiert.

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