Megapixel-Boom in den 2000ern: Wie die digitale Fotoflut den Film überrollte (Spiegel Online, 15.12,2009)

Megapixel-Boom in den 2000ern

Wie die digitale Fotoflut den Film überrollte

Zur Jahrtausendwende hielt die Industrie Digitalkameras noch für ein Profiprodukt. Heute ist fast jedes Handy damit ausgestattet – und die ehemals dominante Analogfotografie fristet ein Nischendasein. SPIEGEL ONLINE blickt zurück auf die elektronische Bilderrevolution.

Spiegel Online, 15.12,2009

Es war ein großartiges Angebot: Eine Digitalkamera mit 1,4 Megapixeln Auflösung und Dreifach-Zoom – für nur 999 Mark. Die Olympus C-1400L war meine erste Digitalkamera, gekauft kurz nach Weinachten 1998, als der Mediamarkt den Preis senkte. Olympus hatte damals zur Photokina das Nachfolgemodell C-1400XL angekündigt. Diese Kamera konnte im Serienbildmodus drei Aufnahmen pro Sekunde speichern, kostete dann aber auch knapp 2000 Mark.

Zehn Jahre später speichert jedes Handy Fotos in höherer Auflösung. Da fällt es leicht, rückblickend über die unglaublichen Preise zu lächeln, die man damals für vermeintlich rudimentäre Technik gezahlt hat. Wer so denkt, übersieht allerdings leicht, warum Menschen auf neue Technik umsteigen und ganze Branchen sich in wenigen Jahren völlig neu erfinden oder untergehen müssen. Die digitale Fotorevolution in der vergangenen Dekade ist sinnbildlich dafür.

Denn so schlecht die Auflösung und Abbildungsleistung meiner Olympus im Vergleich zu Analogkameras auch war, die Digitalknipse löste zwei Probleme, die man heute nur mit etwas Mühe nachvollziehen kann: Ich fotografierte damals am Wochenende viel für Lokalzeitungen. Die „taz“-Ruhr hatte kein Fotolabor, wenn die Fotos zum Scannen rechtzeitig entwickelt sein sollten, mussten sie vor Ort im Minilab entwickelt werden. Das war teuer, am Sonntag geschlossen und montags musste ich die Filme vorbeibringen und die Abzüge später abholen. Abgesehen davon, dass mir das zu umständlich war, konnte ich nie ganz sicher sein, wie brauchbar die Aufnahmen waren und was zum Text passte.

Digitalkameras? Brauchen doch nur Profis!

Die Digitalfotos waren nicht besser, aber sofort verfügbar. Ich konnte vor Ort die Aufnahmen prüfen, gegebenenfalls neue machen, beim Schreiben zu Hause als Gedächtnisstütze nutzen, sie ohne Scanner bearbeiten und per E-Mail versenden. Fotografieren wurde über Nacht von einem mehrstufigen Gehader zu einem sehr schnellen und direkten Ausdrucksmittel.

„Klar, für bestimmte Nischenanwendungen ist die Digitalknipserei toll – aber wer will das schon in der Freizeit? Die Menschen lieben doch das Gefühl von Papierabzügen, das ist seit Jahren gelernt, niemand gibt Unsummen für neue Kameras und Computer aus, nur um aus dem Urlaub ein paar Fotos mitzubringen, die man gleich am Computerschirm betrachten kann.“ So etwas las man vor der Jahrtausendwende ziemlich oft. Das haben sich damals weniger die Kamerahersteller, aber alle Filmproduzenten und Fotogroßlabore gedacht. Es klang ganz einleuchtend – ähnlich wie das Gerede über die digitalen Bücher heute.

Digitale Spiegelreflex für 30.000 Mark

Es stimmte allerdings nicht. Ich habe sofort angefangen, auch privat mit der Digitalkamera zu fotografieren, weil es so schnell und befreiend war. Ich war nur wenige Jahre schneller als die Masse der Freizeitknipser. Wie schnell das vermeintliche Profiprodukt Digitalfotografie dann zum Massengut wurde, illustrieren diese Zahlen:

  • 2002 verkauften die japanischen Kamerahersteller weltweit mehr digitale (24,55 Millionen) als analoge (23,66 Millionen) Kameras;
  • 2004 wurden in Deutschland gut sieben Millionen Digital-, aber nur 1,3 Millionen filmbasierte Kameras verkauft;
  • 2006 besaßen 47 Prozent der deutschen Haushalte eine digitale Kompaktkamera.

Betrachtet man allein die Kameraverkaufszahlen, war der Wandel von der Analog- zur Digitalchemie gar nicht so schmerzhaft – ein paar neue Anbieter wie der Elektronikriese Sony kamen dazu, die Verkaufszahlen verschoben sich von Analog zu Digital. Die Menschen knipsten einfach digital weiter, mehr als je zuvor, wenn die Zahlen des Photoindustrie-Verbandes stimmen. Zur Photokina 2006 erklärte der Verband, die Menschen würden digital mehr fotografieren – im Durchschnitt 500 Aufnahmen pro Jahr, doppelt so viel wie noch wenige Jahren zuvor.

Immer mehr Aufnahmen, immer weniger Abzüge

Nur ließen sich nicht alle Geschäftsmodelle aus dem analogen ins digitale Zeitalter übertragen. Eines davon war das der Fotogroßlabore: Die Menschen fotografierten mehr, entwickelten aber immer weniger Aufnahmen. Im Jahresabschluss der Fujicolor-Fotogroßlabore fürs Geschäftsjahr 2007 heißt es über den deutschen Markt: „Der gesamte Bildermarkt sank somit von 4 Milliarden Bildern in 2006 auf 3,6 Milliarden Bilder im Jahre 2007.“ Die Hälfte dieser entwickelten Bilder wurde 2007 auf Film, die andere als Datei aufgezeichnet.

Während die Zahl der Digitalabzüge nicht so schnell wuchs wie die der Analogabzüge abnahm, kamen viele neue Produkte und Konkurrenten dazu: Fotobücher, per Laser auf Fotopapier belichtete Digitalvorlagen, die auf Alu-Trägerplatte kaschiert werden, Leinwanddrucke, Kalender. Es gibt heute viel mehr Möglichkeiten, Digitalfotos auf Papier zu bringen, als vor zehn Jahren.

Die Entwicklung könnte vielleicht ein Lehrstück für andere Branchen sein, die heute noch mit analogen Trägermedien arbeiten: Die meisten der großen Hardware-Hersteller haben den Digitalwechsel in der Fotobranche überstanden, ein Problem hatten Dienstleister, die sich nicht schnell genug dem neuen Kundenverhalten anpassten. Fotobücher, Kalender, Lambda-Prints – der Markt hat sich aufgefächert und es ist für große Unternehmen immer schwieriger geworden, auf die Entwicklungen zu reagieren und mit den seit Jahrzehnten auf einen Massenmarkt ausgerichteten Firmenstrukturen genügend Geld zu verdienen. Polaroid schloss 2008 seine letzte Filmfabrik, der Insolvenzverwalter verscherbelte 2006 bei Ebay die Reste von AgfaPhoto.

Dabei ist es gar nicht so, dass niemand mehr auf Film fotografiert. Im Gegenteil: Eine sehr aktive, kaufkräftige und junge Gemeinde arbeitet mit gebrauchten Kameraklassikern und Analogkameras wie der Holga und LC-A (die Lomo-Firma hat gerade eine Galerie in Berlin eröffnet) – und eben auch mit Polaroid-Kameras, weil Analogfotos einen ganz eigenen Retrocharme haben. Für Konzerne, wie Polaroid es einst war, sind diese Nischenmärkte allerdings wenig interessant. Die Umsätze sind klein, da können die Gewinnmargen noch so verlockend sein.

Filmkorn per Software

Vor zehn Jahren war die Unmittelbarkeit der Digitalfotografie befreiend, heute stört viele Freizeitfotografen die Flur uniformer Digitalbilder im Netz. Bei Tageslicht liefert jede digitale Kompaktknipse im Automatikmodus technisch ordentliche Bilder – durchgehende Schärfe, keine Überbelichtung, natürliche Farben, kein übermäßig hoher Kontrastumfang. Aus dieser perfekten Gleichförmigkeit stechen Analogaufnahmen mit sichtbarem Filmkorn und knalligen Farben heraus. Eine kleine Industrie bedient den Analog- und Retromarkt: Polaroid-Fans basteln am Comeback des Sofortbildfilms, die Lomographische AG aus Wien verkauft seit Jahren neue Analogkameras nach sowjetischer Bauart – mit deutlich zweistelligem Zuwachsraten 2007 und 2008. Mit 16 Millionen Euro Umsatz rechnen die Kameraverkäufer 2009.

Es gibt sogar Spezial-Software, die Digitalaufnahmen Filmeigenschaften verleihen soll. Menschen verwenden viel Geld und Zeit darauf, Pixel mit Filmkorn zu verschönern – eine schöne Liebeserklärung eigentlich.