Jahrzehnt der Musik-Revolution: Du bist DJ (Spiegel Online, 29.12.2009 mit Hannah Pilarczyk)

Jahrzehnt der Musik-Revolution

Du bist DJ

Früher sammelten wir CDs und Platten wie einen Schatz. Jetzt hören wir Songs vom Player oder gleich gestreamt aus dem Netz: Die 2000er haben das Musikhören revolutioniert wie kaum ein Jahrzehnt zuvor. SPIEGEL ONLINE über Technik-Hypes, Stars, die das Internet gebar – und den Sound der Zukunft.

Spiegel Online, 29.12.2009 mit Hannah Pilarczyk

Die Leidenschaft eines Musikfans ließ sich lange an der Größe und dem Ordnungssystem seiner Plattensammlung bemessen. Wer Musik liebte, wollte nicht nur hören, sondern horten.

Im Januar 2001 baute Apple ein sehr cleveres digitales Spielfeld für diese Leidenschaft auf: Es verschenkte die Software iTunes – das „beste und am leichtesten zu bedienende Jukebox-Programm der Welt“, hieß es in der ersten Mitteilung. Was für neue Sortiermöglichkeiten es da plötzlich gab! Denselben Titel in verschiedenen Playlisten speichern, einen Song per Volltextsuche auf verschiedenen Alben finden, alle Titel eines Künstlers mit einem Klick anzeigen. Und vor allem: Die komplette Sammlung digitalisieren.

Mit dem zweiten Produkt erfüllte Apple dann den Traum vieler Musiknerds. Der im Oktober 2001 vorgestellte iPod ermöglichte es, seine komplette Musiksammlung mit allen mühsam eingepflegten Listen, Querverweisen und Untersammlungen überallhin mitzunehmen. 1000 Titel in CD-Qualität fasste der erste iPod auf seiner Fünf-Gigabyte-Festplatte. Apple hatte für den physischen Tonträger ein digitales Gegenstück erfunden, das sich dinglich genug anfühlte, um Sammlerleidenschaft zu entfachen. Man hatte ja schließlich Dateien auf der Festplatte und dieses silbrig-weiße Ding in der Jackentasche, kurz: Man besaß.

Bis zum Ende des Jahrzehnts sollten sich die Speicherkapazitäten auf 160 Gigabyte ver-32-fachen. Doch mit dem Aufstieg von cloud computing veränderte sich der Besitz von Musik ein weiteres Mal.

MySpace, Pandora, Stream – SPIEGEL ONLINE zeichnet nach, wie sich unser Musikkonsum in den 2000er Jahren revolutioniert hat:

Napster – Festplatten voll wie Hamsternbacken

Bis 2003 war das umfassendste, am leichtesten zu bedienende und schnellste Musik-Downloadangebot im Netz mit Diebstahl verbunden. Der bekannteste Datentauschdienst jener Zeit ist bis heute Napster. Mit seiner Hilfe schoben sich bis zu 40 Millionen Mitglieder kostenlos MP3-Dateien zu – weltweit, direkt von Computer zu Computer und illegal. Napster machte Raubkopie-Downloads zum Kinderspiel und dadurch zum Massenphänomen.

Firmengründer Shawn Fanning war 19, als er die Welt im Oktober 2000 etwas verschämt vom Cover des „Time“-Magazins anlächelte – als der Mann, der die „Musikbranche umgekrempelt hat“.

Diese Branche versuchte zunächst, dem illegalen Kopieren mit Klagen und Abmahnungen beizukommen. Statt mit einem legalen und großen Angebot, kinderleichter Bedienung und einfachen Preismodellen dagegenzuhalten, schienen sich die Musikkonzerne vielmehr zu bemühen, ihre legalen Download-Dienste möglichst unbedienbar zu gestalten.

Napster dagegen war kinderleicht – aber technisch letztlich nicht ganz auf der Höhe der Zeit. Denn der Dienst speicherte in einer zentralen Datenbank, auf welchen Teilnehmerrechnern welche Musikstücke lagen. Als wegen dieser Organisationsstruktur (die heutige Tausch-Websites nicht mehr haben) die ersten einstweiligen Verfügungen von US-Plattenfirmen durchkamen, musste Napster seine Server abschalten. Da war der iPod wenige Monate auf dem Markt, und die Revolution ging erst richtig los. Ohne ihren Mitbegründer.

MySpace – Der Hype aus dem Kinderzimmer

Wer bei Basisdemokratie an Grünen-Parteitage dachte, musste nach „I Bet You Look Good on the Dancefloor“ von den Arctic Monkeys umdenken. Die Single schoss 2005 von null auf eins in den britischen Charts. Die Band war da erst wenige Monate unter Vertrag und hatte noch kein Album fertig, aber schon eine Fangemeinde, wie sie sich andere Bands erst mit fünf Alben und mehrmonatigen Club-Touren erarbeiten. Das Internet hatte seinen ersten großen Musik-Hype geschaffen.

Parallel zu ihrer offiziellen Website waren die ersten Lieder der Arctic Monkeys auf MySpace zu hören, zugänglich für jeden und jederzeit. Ein, zwei Klicks, da liefen ihre kurzen Rockstampfer nicht nur im Stream, da waren sie auch schon an die Online-Freunde weiterempfohlen. So organisierte sich rasend schnell eine neue Fanöffentlichkeit jenseits von Musikpresse, Plattenlabels und Sendern – und lehrte diese gleichzeitig das Fürchten. Sollten sie ihre Deutungshoheit an Teenager mit geschwätzigen Blogs und zweifelhaften Profilbildern verloren haben?

Rund sechs Jahre nach dem Launch ist MySpace, mittlerweile von Rupert Murdoch aufgekauft, längst nicht mehr das beliebteste Social Network der Welt. Doch die Art, wie sich Bands präsentieren und wie man sie entdecken kann, hat sich durch das Web für immer verändert. Das nächste große Ding? Haben wir selbst von unserem Wohnzimmer aus ins Rollen gebracht.

MP3-Blogs – Warum noch Alben machen?

Am Ende gab es null Punkte, und das niedliche Hundefoto, das statt einer Rezension erschien, machte die Sache auch nicht besser: Pitchfork.com, die führende Website für Indie-Musik, hatte die Nase voll vom Debüt-Album der Black Kids. Die ersten Singles der Elektropopper hatte Pitchfork noch hoch gelobt. Als die erste Platte etliche Monate später fertig war, war jedoch alle Begeisterung verpufft, und die Redaktion hatte am Ende nicht einmal mehr Lust, einen Verriss über das Album zu schreiben. „Sorry :-/“ hatte die Redaktion noch auf das Hundefoto geschrieben.

Kurzlebige Hits und ungeduldige Hörer – nicht nur bei Pitchfork hat das Posting einzelner Lieder eine neue Hörkultur geprägt. MP3-Blogs von Discobelle bis Stereogum bieten Songs zum Download an, geordnet allein nach dem Geschmack des Bloggers. Einen Dialog zwischen verschiedenen Stücken eines Künstlers gibt es nicht, auch die Klammer eines Albums fällt weg. Was zählt, ist das schnelle Anspringen auf einen Sound und einen Style. So wird die übliche Veröffentlichungsordnung nach Alben oder EPs zunehmend hinfällig. Billy Corgan von den Smashing Pumpkins war der erste, der das – allerdings eher beleidigt – als die neue Realität für Musiker anerkannte. „Warum sollten wir uns noch reinhängen und Alben machen, Balancen aufbauen und kunstvoll zu den Singles hinführen? Das ist durch.“

Das nächste Werk der Smashing Pumpkins, „Teargarden by Kaleidyscope“, will Corgan Song für Song veröffentlichen – bislang sind 44 Tracks vorgesehen. Nicht jede neue Welt muss eine schöne sein.

Radiohead – Wenn Bands etwas zu verschenken haben

Als jener Tag, an dem die Musik starb, gilt der 3. Februar 1953. Damals kamen die Rock’n’Roll-Stars Buddy Holly, Ritchie Valens und Jiles Perry Richardson alias The Big Bopper bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.

Als jener Tag, an dem die Musikindustrie starb, gilt der 10. Oktober 2007. Damals boten Radiohead ihr neues Album „In Rainbows“ nicht im Laden als CD an, sondern auf der Bandwebsite kostenlos zum Download. Wer wollte, konnte per Kreditkarte oder PayPal einen Obolus entrichten, wer nicht, saugte die Musik und war glücklich.

Auch wenn sie nicht die ersten waren, die diesen radikalen Schritt gewagt hatten, war das Signal deutlich: Für Künstler sind die Einnahmen aus Albumverkäufen nicht mehr maßgeblich. Und Plattenlabel brauchen sie für den Vertrieb auch nicht mehr.

Einen Tag nach der Veröffentlichung von „In Rainbows“ kündigte Madonna an, ihr altes Label Warner zu verlassen und zu Live Nation zu wechseln, einer Konzertagentur. Nach dem Ende der Albumverkäufe war damit die Zukunft der Künstlereinnahmen aufgezeigt: Live-Konzerte mit deutlich gestiegenen Ticketpreisen und jede Menge Merchandise.

Einen kleinen Gewinner in der Misere der Musikindustrie gibt es trotzdem: die Vinylplatte. Mit ihrem differenzierten und gehaltvollen Klang – der besonders im direkten Vergleich zu breiigen MP3s auffällt – hat sie eine neue Generation von Musikliebhabern überzeugt. Auf niedrigerem Niveau zieht Qualität also weiter.

Die meistverkaufte Vinylplatte 2008 hieß übrigens „In Rainbows“.

LastFM – Was hören meine Freunde?

Gut zehn Millionen Songs – so groß ist die Auswahl in Apples Download-Shop iTunes. Mehr als sechs Millionen Titel kann man bei Diensten wie Spotify hören. Songs sind also leichter verfügbar als je zuvor. Bleibt ein Problem: Was davon würde man gerne hören?

Die immense Vielfalt provoziert bei den Nutzern eine interessante Reaktion: Erst mal werden die beliebtesten Titel noch häufiger gehört als früher. Laut „Ecomist“ machen beim britischen Spotify-Angebot die beliebtesten fünf Prozent des Angebots 80 Prozent der Abrufe aus, bei dem Konkurrenzdienst WE7 machen Titel der 100 beliebtesten Künstler die Hälfte der Abrufe aus.

Dafür haben Marketing-Experte eine recht einleuchtende Erklärung: In einem unüberschaubaren Angebot wählen Menschen das, wovon sie schon einmal gehört haben, dass es ihre Freunde mögen. Ungeteilter Genuss ist eben nicht ganz so befriedigend wie geteilter.

Genau da setzen Online-Dienste wie LastFM an. Das soziale Netzwerk mit Musikangebot, 2002 gegründet, protokolliert, was man wie oft hört (auch auf dem iPod, mit iTunes oder Spotify), was man mag, was man in welche Listen ordnet und so weiter. 2004 war es eine unglaubliche Entdeckung, dass da draußen Zehntausende Pizzicato Five hören. Und es war wunderbar zu hören, was sie außerdem noch mögen.

Trotz dieser verblüffenden Möglichkeiten sind die Musiknetzwerke nie ein Massenphänomen wie Facebook oder StudiVZ geworden. Die unpersönlichen Empfehlungsalgorithmen von iTunes und Amazon werden mit Sicherheit weit mehr Menschen zum Hören eines neuen Künstlers verleiten. Die Musiknetze, bei denen man nicht nur das anonyme Ergebnis einer Höranalyse erhält, sondern auch sehen kann, was Freunde und Menschen mit ähnlichem Geschmack gerade hören, sind in der Nische geblieben.

Das liegt auch daran, dass wenige Menschen wirklich neue Musik suchen. Vor allem aber ist es wohl der Tatsache geschuldet, dass Anbieter von Online-Musik wenig vom Erfolg von Facebook gelernt haben.

LastFM funktioniert als Entdeckungs- und Empfehlungssystem toll, wenn man ein paar Leute mit ähnlichem Geschmack kennt und Musik aus den richtigen Quellen hört. Und wer viel Musik hört, kommt nicht umhin, in iTunes, auf LastFM, bei Spotify und vielleicht noch ein paar anderen Diensten Playlisten und Lieblingslieder zu haben. Vernetzen, übertragen, synchronisieren kann man all die Entdeckungen und Vorlieben aber kaum.

YouTube – Video is the Reality Star

Henne oder Ei, Plattenlabel oder Musikfernsehen? So ganz lässt es sich im Rückblick nicht mehr klären, an wem es liegt, dass Musikvideos fast vollständig aus dem Fernsehen verschwunden sind.

Waren es die Labels, die aus Geldnot die teuren Videodrehs absagten? Oder hatten MTV und Viva schon vorher aufgegeben und sich auf billige Castingshows und Dokusoaps verlagert?

Als die US-Band Weezer 2008 ihren Clip zu „Pork and Beans“ veröffentlichte, war wenigstens die Frage geklärt, wo die neuen Videostars entstehen: nämlich auf YouTube.

In „Pork and Beans“ hatten Weezer kleinere und größere Berühmtheiten des Portals wie den Amateursänger Tay Zonday („Chocolate Rain“) oder Britney Spears‘ Exmann Kevin Federline versammelt und erreichten mit ihnen, wovon MTV mittlerweile nur noch träumt: ein internationales Millionenpublikum, das sich über alle Kontinente erstreckt. So gewinnt Musik zumindest einen Teil ihrer visuellen Präsenz zurück, die sie durch das Ende der analogen Datenträger und des Musikfernsehens verloren hatte.

Spotify – Musik aus der Wolke

Bei Napster, iTunes/iPod und vielen Musikdiensten aus der ersten Hälfte der 2000er Jahre war das Anhäufen von Musikbesitz die treibende Kraft. Die Datensauger wollten Alben vervollständigen, das Gesamtwerk ihrer Lieblingsmusiker herunterladen, organisieren, die Dateien umbenennen und sie immer ganz nah bei sich haben. Seitdem hat sich nicht nur die Art verändert, woher Menschen Musik beziehen – sondern auch, wie sie sie hören.

Unterhält man sich über Musik, gibt es immer noch die Experten, die Unterschiede zwischen Alben erklären und ihre vier Lieblingslieder eines Künstlers aufzählen können. Immer häufiger findet man aber andere Menschen, die beim Hören erkennen, dass sie diesen Song lieben – aber den Namen der Band nicht sofort wissen. Und schon gar nicht, wann und auf welchem Album er erschienen ist.

Ein bestimmtes Album oder eine besondere Single sind längst nicht mehr das Objekt der Begierde, für dessen Besitz Kunden von Musikdiensten zahlen. Bei Anbietern wie Spotify, WE7, Napster (der neu gestartete Dienst natürlich) und Nokia Comes With Music stehen nicht mehr einzelne Titel im Mittelpunkt, die man für immer besitzen kann. Stattdessen erhält man gegen einen Pauschalbetrag Zugriff auf den gesamten Musikbestand.

Man besitzt keine Kopie seiner Lieblingssongs mehr. Stattdessen kommt bei Bedarf alles von den Servern des Anbieters, aus der Datenwolke. Von Serverfarmen überall auf der Welt werden bei jeder Anfrage die Daten übers Internet an die Rechner der Nutzer gesendet. Es gibt auch Cloud-Computing-Angebote, die lokale Kopien erlauben, so dass man ohne Internetanbindung seine Lieblingsalben am Computer oder auf Smartphones hören kann.

Doch bei all diesen Mischformen von Streaming- und Download-Diensten haben die Musikdateien ein Verfallsdatum. Wer keine Abo-Gebühren mehr zahlt, wird auch bald nicht mehr seine lokale Musikdatenbank nutzen können. Man besitzt nicht, kann aber alles hören – solange man zahlt.

Und so verschwindet am Ende eines Jahrzehnts nach dem Album, dem Booklet und der CD auch die Datei als letztes Stück Musikbesitz.