Musikvideo-Satire auf YouTube: Verknallt in die Brillen-Bibliothekarin (Spiegel Online, 1.12.2009)

Musikvideo-Satire auf YouTube

Verknallt in die Brillen-Bibliothekarin

Ein Affe im Lesesaal, Tänzer mit Windeln, eine Gothic-Braut in der Einbauküche: Alte Musikvideos strotzen nur so vor bizarren Bildern und unfreiwilliger Komik. Witzbolde vertonen die Clips nun neu und singen, was man da eigentlich sieht. SPIEGEL ONLINE zeigt die witzigsten „Literal Videos“.

Spiegel Online, 1.12.2009

Der Sänger fliegt mit in einem magischen Sessel durch die Bibliothek, ein Affe entleiht Bücher, ein Student schmökert mit einer Gasmaske überm Kopf und alle tragen Vokuhilas – das Musikvideo zu „Head Over Heels“ ist merkwürdig genug – es wurde ja auch 1985 gedreht. Der kalifornische TV-Produzent Dustin McLean hat einen großartigen Dreh gefunden, derart altbackene Werbefilmchen zu extrem lustigen Mini-Filmchen umzubauen: Er singt mit seiner Frau Priscilla zur ursprünglichen Melodie der Achtziger-Jahre-Schnulzen einen neuen, abstrusen Text.

Meistens kommentieren die beiden einfach das Musikvideo – ihr neuer Text zum Tears-for-Fears Klassiker „Head over Heals“ klingt so wie das Video aussieht:

„Der Affe liest / ich helfe dir mit den Büchern / Du trägst eine sehr große Brille / Ich gehe hier nicht weg / Nein, ich gehe nicht weg / Na gut, jetzt laufe ich doch weiter“

Der 29-jährige McLean hat mit diesen Clips ein neues Genre begründet: Als er Anfang Oktober vor gut einem Jahr seine erste Musikvideo-Satire bei YouTube einstellte und „Literal Video“ taufte, sahen in einer Woche gut 800.000 Menschen den Clip. McLean produzierte weiter, fünf Clips bislang, und viele Karaoke-Fans eifern ihm nach.

Abgefahrene Regenbögen, lesende Affen und der Axl-Rose-Tanz: SPIEGEL ONLINE zeigt die besten Musikvideo-Satiren.

Die blonde Bibliothekarin und der Affe (Tears for Fears: „Head over Heels“)

Junger Mann mit Rudi-Völler-Matte verliebt sich in blonde Bibliothekarin mit Riesenbrillen – das ist der Plot des 1985 gedrehten Videos. Trotz Matte und einiger selten dämlicher Auftritte heiratet der Vokuhila-Träger die Frau letzten Endes. Vielleicht fällt so eine Frisur auch gar nicht auf, wenn man jeden Tag sieht, wie Menschen in Gasmasken Bücher lesen. Beste Zeile aus dem Video: „Wenn ich den Zettelkatalog aufmache, fliegen alle Karten raus / Das haben sie bei Ghostbusters nachgemacht.“

Schläge mit Rohrzange (a-ha: „Take On Me“)

Mit diesem Videoclip begann vor gut einem Jahr das ganze Literal-Video-Phänomen: Das extrem aufwendig produzierte Musikvideo zum a-ha-Hit war 1986 MTV einige Video-Music-Awards wert. Nun ja, das ist 23 Jahre her.

Zwei Szenen! In einem Bild! (Red Hot Chilli Peppers: „Under The Bridge“)

Da war 1991 jemand ganz begeistert von den tollen Effekten beim Videoschnitt: Überblendungen! Split-Screen! Lila Licht! Dustin McLean dichtet zu diesem Effektinferno lakonisch: „Manchmal singe ich unter pinkem Licht / Manchmal trage ich kein Hemd und lege meinen Kopf zur Seite / Da unter mir ist ein Foto von Gebäuden!“ Yeah, yeah.

Bitte blondieren (Billy Idol: „White Wedding“)

Gut, es ist unfair, sich über Videoclips zu amüsieren, die vor fast 30 Jahren schockieren sollten. Aber White Wedding kommt man anders nicht bei, der Fremdschäm-Druck ist so groß: Motorräder! Lederklamotten! Blondierte Haare (auch wenn man bei Billy Idol schon den Ansatz sieht)! Und eine Gothic-Braut, die durch eine frisch vom Möbelmarkt gelieferte Küche tanzt.

Axl Rose im Regenbogenraum (The Monkees: „Daydream Believer“)

Daher hat Axl Rose also seinen Tanzstil: Die Monkees führen in diesem Clip aus den Sechzigern einige seltsame Tanzeinlagen auf, doch der Axl-Schlangen-Tanz in Schlaghosen und roten luftigen Zweireiher-Hemden ist die wohl verstörendste Szene in diesem sehr bunten Werk. Neu vertont hat es der Werbefilmer David A. Scott aus New York, neben Dustin McLean der wohl begnadetste Literal-Video-Schöpfer.

Tanzen in Windeln (Bonnie Tyler: „Total Eclipse of the Heart“)

Weiße Tauben in Zeitlupe. Bonnie Tyler in Rocky-Pose. Tänzer, die Windeln tragen (ausschließlich Windeln). Mehr kann man nicht sagen zu diesem wohl (unfreiwillig) lustigsten Video der achtziger Jahre.

Viele Kerzen, keine Maniküre (Meat Loaf: „Anything For Love“)

In seiner Meat-Loaf-Satire hat David A. Scott neben den offensichtlichen Spitzen („Zertrümmere meine Wohnung / Damit alle sehen, dass ich schlecht drauf bin“) einige subtile Gags versteckt: Den Transporter-Klange aus Star Trek zum Beispiel.