Amazon gegen Apple: Wer am Bezahl-Web mitverdient (Spiegel Online, 7.1.2010)

Amazon gegen Apple

Wer am Bezahl-Web mitverdient

Wer wird zum Google des Bezahl-Webs? Während Verlage und Medienhäuser über Googles Dominanz und Kostenlos-Kultur schimpfen, haben zwei Firmen den Markt für digitalisierte Musik und Literatur aufgeteilt. Je mehr Menschen unterwegs am Bildschirm hängen, desto mächtiger werden Amazon und Apple.

Spiegel Online, 7.1.2010

Steve Ballmer trug wieder einmal einen roten Pullover, zeigte wieder mal einen Grabschcomputer und lenkte damit das Publikum vom spannendsten Detail seiner Eröffnungsrede bei der Hightech-Show CES in Las Vegas ab: Wer genau hinsah, konnte erahnen, wer in Zukunft am Vertrieb von digitalen Medien mitverdient und welche Probleme auf Verlagshäuser, Fernsehsender, Buchhändler, Zeitungskioske und jedes Unternehmern in den Vertriebsketten von Analog-Medien zukommen.

Ballmer blätterte auf seiner digitalen Schiefertafel, einem neuen Tablet-PC von HP, in einer Digitalausgabe von Stephanie Meyers Bestseller „Bis(s) zum Morgengrauen“. Die Digitalausgabe hatte zuvor jemand bei Amazon gekauft, sie war in Amazons Kindle-Lesesoftware für PC zu sehen.

Für sich genommen ist das keine große Überraschung: Amazon weitet seine Vertriebsplattform seit Monaten mit Hochdruck auf alle erdenklichen digitalen Endgeräte aus: Amazons Digitalbücher kann man dank spezieller Software am PC, auf dem iPhone und den Kindle-Lesegeräten des Herstellers lesen und kaufen.

In fünf Jahren gucken, lesen und hören Menschen Digitales

Dass Amazon mit seiner Plattform auf neue digitale Endgeräte drängt und, wenn nötig, sogar eigene Geräte baut, ist Teil einer größeren Entwicklung: Auch wenn der von Microsoft und HP nun gezeigte Tablet PC kein Erfolg wird, auch wenn heute nur eine Minderheit der Konsumenten ein mit dem iPhone vergleichbares Smartphone immer dabei hat, auch wenn die bei der CES zu sehende Schwemme an neuen Online-Bildschirmen für unterwegs in diesem Jahr nur ein paar Millionen Käufer findet – klar ist, dass in fünf Jahren ein großer Teil der Kundschaft von Buchverlagen, Medienunternehmen und TV-Sendern immer ein Gerät dabei haben wird, mit dem man lesen, gucken, hören und vor allem einkaufen kann.

Wenn die Entwicklung bei Suchmaschinen und Online-Musikhändlern in den vergangenen Jahren eins gezeigt, dann das: Das Web führt dazu, dass sehr wenige Anbieter enorm viel Aufmerksamkeit bekommen (Google, iTunes, Amazon, eBay, Facebook) und enorm viele Nischenangebote vergleichsweise wenig, was aber dank geringerer Kosten oft ausreicht, um ein Geschäft daraus zu machen.

Je präsenter digitale Endgeräte werden, desto stärker wächst die Marktmacht der Vertriebsplattformen. Denn anders als beim Dotcom-Boom vor zehn Jahren will diesmal nicht jeder Hardware-Hersteller und Inhalteanbieter eigene Bezahlangebote und Vertriebsplattformen aufbauen. Die gibt es längst. Und an der Markmacht von Amazon kann nicht einmal Microsoft vorbei und präsentiert statt eines eigenen Downloadshops auf der wichtigsten Messe des Jahres Amazon-Software.

100 Millionen zahlungswillige Kunden weltweit

Es gibt derzeit einige globale Bezahldienstleister, aber nur zwei internationale Vertriebsplattformen. Ein Überblick:

  • Amazon hat weltweit 98 Millionen aktive Kundenkonten (also Konto mit Transaktionen in den vergangen zwölf Monaten) samt Name, Adresse, Bankverbindung oder Kreditkartennummer.
  • Apple Downloadshop iTunes hatte im September 2009 weltweit 100 Millionen Kundenkonten mit aktuellen Kreditkartendaten – die Zahl dürfte seitdem erheblich gestiegen sein.

Es gibt auf diesem Gebiet keinen Wettbewerber mit einem vergleichbaren Angebot. Google vergrößert gerade mit jedem verkauften Android-Mobiltelefon die Ladenfläche seines App Store ein wenig – als Bezahlverfahren ist hier Googles eigener Dienst Checkout Standard. Aber hier gibt es nur Anwendungen für Mobiltelefone – ob Google je Medieninhalte verkaufen wird, ist fraglich, aber durchaus möglich. Als reiner Zahlungsdienstleister ohne Vertriebsplattform für digitalisierte Inhalte ist außerdem noch die Ebay-Tochter Paypal weltweit aktiv. Der Dienst hat derzeit 78 Million aktive Kundenkonten, die in 19 verschiedenen Währungen abgerechnet werden.

Wie eng mit der Hardware verbundene Vertriebsplattformen für Digitales ganze Branchen durcheinander wirbeln können, hat Apple in den vergangenen Jahren demonstriert. Erst mischte der einstige Computerhersteller mit iPod und iTunes Store die Musikindustrie auf, dann den Softwarevertrieb mit der Verknüpfung von iPhone und App Store. Beim Serien- und Filmvertrieb mischt Apple mit, aber iTunes ist hier noch lange nicht so groß wie beim Musikgeschäft. Das könnte sich in den Vereinigten Staaten in diesem Jahr ändern: Gerüchten zufolge plant Apple eine Art Bezahlfernsehen für iTunes-Kunden (das Unternehmen verkauft heute schon Serien-Abos). Womöglich geht das Unternehmen aber auch den Medienvertrieb mit einem neuen Tablet an, das angeblich Ende Januar vorgestellt werden soll.

iTunes im Browser?

Vergleicht man die großen Vertriebsplattformen für Digitales, fällt auf, dass Amazon derzeit offener ist als Apple: Der E-Commerce-Riese setzt allein beim Kindle-Lesegerät auf eigene Hardware, öffnet seine Plattform an anderen Stellen aber, um neue Kunden zu gewinnen: In den Vereinigten Staaten können Online-Anbieter ihre Waren und Dienstleistungen über Amazon bezahlen lassen oder eigene Amazon-Shops für nicht-digitale Güter basteln.

Apple ist da viel verschlossener: Per iTunes bezahlt man nur von Apple geprüfte und zugelassene Angebote aus dem iTunes-Store. Das Angebot ist nur über Apple-eigene Software verfügbar, aber das könnte sich vielleicht ändern. Im Dezember hat Apple den Musikdienst Lala gekauft – ein aufs Streaming von Musik im Browser spezialisierter Dienst. Ob das nun ein Hinweis auf eine mögliche Öffnung der iTunes-Vertriebsplattform ist, kann man so lange deuten, bis Apple tatsächlich etwas tut.

Das hängt sicher davon ab, wie wichtig in Zukunft die Browser-Nutzung an normalen Büro-PC überhaupt sein wird: Analysten in den Vereinigten Staaten prophezeien auf mittlere Sicht, dass Menschen mit Unterwegs-Geräten mehr Zeit auf Online-Angeboten verbringen werden als am Heim- oder Arbeitsplatzrechner. Vielleicht konzentriert sich Apple lieber auf diesen Mobilmarkt, als eine eigene, Browser-basierte Vertriebsplattform für Musik, Videos und Texte aufzubauen.

Doch ganz gleich, welche Vertriebsplattform nun welche Endgeräte dominieren wird, für Buchverlage und Medienhäuser, die heute über die Kostenlos-Kultur und Google schimpfen, zeichnet sich ein neuer Online-Riese ab, der an Inhalten mitverdienen will und wird: So wie Google die Monetarisierung von kostenlos verfügbaren Inhalten im Web konzentriert hat, sind die Vertriebplattformen von Apple und Amazon gerade dabei, das Bezahl-Web zu übernehmen.