Schnatterdienst Buzz: Google fängt sich das Microsoft-Syndrom (Spiegel Online, 10.2.2010)

Schnatterdienst Buzz

Google fängt sich das Microsoft-Syndrom

Erliegt Google dem Größenwahn? Mit seinem neuen Modell Buzz kopiert der Web-Konzern ein paar unfeine Methoden, die in der Computerbranche zum schmutzigen Geschäft gehören: Nutzer bevormunden, andere Anbieter aussperren, sich selbst zum Mittelpunkt der Welt erklären. Ob das gutgeht?

Spiegel Online, 10.2.2010

Der erste Eindruck zählt. Und der ist bei Google Buzz nicht der beste. Klar, der Dienst läuft schnell, die Anwendung für Smartphones ist clever, und viele fehlende Funktionen können noch dazukommen.

Trotzdem: Viele Details der ersten Version des Google-Schnatterdienstes lassen auf eine Geisteshaltung schließen, die schon einige Produkte verunstaltet hat. Denn hier stehen die Interessen des Anbieters im Vordergrund – nicht die der Nutzer.

Aufzwingen, aussperren, nerven – die rohen Botschaften der Buzz-Premiere:

Du willst das!

Buzz leidet unter dem Karl-Klammer-Syndrom. Microsoft-Entwickler hielten die hüpfende, lärmende und besserwisserisch brabbelnde Büroklammer für eine gute Methode, den Office-Anwendern bei der Arbeit an Dokumenten zu helfen. Sie hielten die Idee für so gut, dass standardmäßig beim Tippen im Dokument aus dem Nichts Karl Klammer auftauchte und ungefragt Tipps gab. Doch das digitale Helferlein nervte in erster Linie fürchterlich.

So ähnlich wie Karl Klammer wird Buzz nach und nach in den Postfächern der Nutzer von Google Mail aufpoppen. Google geht davon aus, dass alle Nutzer diesen Dienst nutzen wollen. Man kann jetzt schon allen Menschen mit Google-Mail-Konto in seinem Adressbuch bei Buzz folgen – die nutzen das ja bestimmt. Die wollen das! Das entscheidet Google schon mal vorab für alle Nutzer. Wer anderer Meinung ist, kann Buzz natürlich deaktivieren. Nachträglich. Mit einem Klick auf eine nicht gerade ins Auge fallende Schaltfläche am Seitenende.

Diese Vorgehensweise ist verständlich: Google will Nutzer für Buzz gewinnen – warum sollte man da nicht etwas Werbung machen? Apple wirbt für seinen kostenpflichtigen Mobile-Me-Dienst mit einer Schaltfläche in OSX, Microsoft hat jahrelang seinen Browser und seine Web-Angebote mit jeder Windows-Installation beworben, und Facebook drückt einen Verlust an Privatsphäre standardmäßig durch.

Brechstangen-Marketing machen also alle, es schadet wenigen auf Dauer – aber Google steht das trotzdem nicht gut zu Gesicht. Schließlich empfinden die meisten Nutzer ihr E-Mail-Postfach als einen sehr privaten Raum. Das ist etwas anderes als das Facebook-Profil oder ein Programm. Hier geht es um Nachrichten, die meistens nur zwei Leute etwas angehen. Irgendwie unpassend, wenn dazwischen plötzlich aus dem Nichts Buzz-Nachrichten auftauchen.

Das ist nicht böse, aber schlechter Stil.

Wir sind der Mittelpunkt der Welt.

Google Buzz beruht auf einer interessanten Hypothese: Wer E-Mails schreibt, schart sein soziales Umfeld um sich. Jede Nachricht ist ein Hinweis auf eine wie auch immer geartete Verbindung, das Adressbuch ist eine rudimentäre Freundesliste.

Das ist plausibel, aber nur für Menschen, die im Web von 2005 leben. Wer Facebook und Twitter nutzt und diese Kontaktliste dort mit seinem E-Mail-Adressebuch abgleicht, stellt fest: Es gibt viele Menschen, deren Kommentare man gern liest, mit denen man viel über Netzwerke diskutiert, denen man aber sehr selten oder nie eine E-Mail schreibt. Die online besonders aktiven Netzbürger werden auf Basis ihre E-Mail-Adressbuchs mit Sicherheit in den meisten Fällen kein Netzwerk knüpfen können, das zum Beispiel an Facebook heranreicht.

Die Mehrheit der Online-Bevölkerung nutzt außerdem nicht Google Mail, sondern die Dienste von Hotmail, Yahoo oder GMX. Yahoo bietet übrigens schon seit einiger Zeit eine Schnittstelle vom E-Mail-Eingang zu diversen Social-Web-Angeboten. Diese wird dem Vernehmen nach aber nicht allzu eifrig genutzt.

Warum macht Google also den eigenen E-Mail-Dienst zu einem zentralen Element von Buzz? Warum vermengt der Webkonzern zwei Dienste, aus deren Kombination die Nutzer auf den ersten Blick keine immensen Vorteile ziehen? Vielleicht aus demselben Grund, der Facebook an E-Mail-Funktionen arbeiten lässt: Man wäre halt gern der Mittelpunkt des gesamten sozialen Online-Lebens.

Dass ein Dienst, der alles kann, so benutzerfreundlich ist wie mehrere Dienste, die sich auf bestimmte Dinge konzentrieren, muss aber erst mal jemand beweisen. Mit solchen All-in-one-Angeboten hatten die Nutzer bei Microsoft und Yahoo bislang nicht besonders viel Vergnügen.

Dummer Anwender, nutze unsere Dienste bitte korrekt!

Wenn es einen Satz gibt, der Anwender wütend macht, dann dieser: „Das Programm funktioniert, Sie benutzen es nur falsch.“ Hört man immer wieder von Menschen, die glauben, ganz genau wissen, wie man ein bestimmtes Programm zu nutzen habe.

Google lobt sich immer dafür, es andersherum zu machen: Gucken, was die Anwender tun, dann die Produkte entsprechend basteln. Bei Buzz muss man sich fragen: Ist niemand auf die Idee gekommen, dass Menschen mehr als ein Konto bei Google haben? Eins für die Arbeit, ein privates?

Sicher, das könnte man auch alles über Labels (Googles Version von Ordnern) organisieren, wenn man mag. Aber das ist für viele Nutzer nicht besonders praktisch.

Weil Buzz der Kontenlogik des E-Mail-Programms folgt, haben diese Menschen nun auch mehrere Buzz-Identitäten – obwohl das bei einem öffentlichen Schnatterdienst wenig sinnvoll ist.

Das ist nur ein Detail, aber ein bezeichnendes: Googles Produkte hat man so zu nutzen, wie es vorgesehen ist.

Du brauchst sonst nichts!

Das größte Manko von Buzz ist, dass man mit dem Dienst kaum Zeit spart. Es ist ja nicht so, dass man nun auf die Kontakte und die Kommunikation bei Facebook, Twitter und Flickr verzichten möchte, nur weil es plötzlich einen Google-Schnatterdienst gibt.

Im Gegenteil: Ideal wäre eine zentrale Anlaufstelle, die alle Konten bei Netzwerken und Mikroblogging-Diensten aktualisieren kann. Das würde Zeit sparen, ähnlich wie es durch den sehr benutzerfreundlichen Anbieter Posterous möglich ist.

Friendfeed, noch so ein sozialer Aggregator, tat übrigens schon seit Jahren etwas sehr Ähnliches wie Buzz – ein Erfolg wurde das Angebot aber nie. Vor einiger Zeit hat Facebook das Unternehmen aufgekauft.

Von Buzz aus kann man bisher keine Konten bei Facebook, Twitter und sonstwo aktualisieren. Das soll sich ändern – und das muss sich ändern, wenn Buzz eine Existenzberechtigung haben soll. Warum sollte man noch mehr Zeit bei noch einem Netzwerk verbringen?

Dass Buzz derzeit nicht in beide Richtungen mit Angeboten wie Twitter und Facebook kommuniziert, sondern nur Inhalte abgreifen kann, ist ein schlechter Start. Wer will schon auf eine Insel ziehen, von der aus man erst irgendwann später mal telefonieren oder gar in Urlaub fahren kann?