Samsung NX10 vs. Olympus E-PL1: Billige Foto-Zwerge protzen mit Riesen-Sensor (Spiegel Online, 23.3.2010)

Samsung NX10 vs. Olympus E-PL1

Billige Foto-Zwerge protzen mit Riesen-Sensor

Schlankes Gehäuse, auswechselbare Objektive, Bildqualität fast wie bei der Spiegelreflex: Samsung und Olympus versprechen viel für ihre neuen spiegellosen Kameras. SPIEGEL ONLINE hat ausprobiert, was diese Schrumpf-Kameras wirklich können.

Spiegel Online, 23.3.2010

Kamerakäufer hätten am liebsten das Unmögliche: Einen Fotoapparat, der im Schummerlicht gute Bildqualität liefert, klein genug für die Jackentasche ist, nicht die Welt kostet und nebenbei noch wechselbare Objektive hat. So eine Kamera gibt es bislang nicht – je größer die Bildsensoren, desto besser ist die Qualität auch bei Nachtaufnahmen, umso klobiger werden aber die Objektive. Einige Hersteller mogeln sich mit einem neuen Konstruktionsprinzip um diese Größenprobleme herum: Sie verzichten auf das Spiegel-System, wodurch das Gehäuse kleiner wird.

Seit mehr als einem Jahr gibt es solche spiegellosen Kameras, nun drücken neue Modelle die Preise: Olympus macht mit der Wechselobjektiv-Kamera E-PL1 den teuren Kompaktkameras Konkurrenz, Samsung baut seiner als „Kompaktkamera“ vertriebenen NX10 einen Fotosensor ein, der sonst fast nur in Spiegelreflexkameras zu finden ist. Die NX10 kostet neu so viel wie Einsteiger-Spiegelreflexkameras.

Größe, Bedienung, Bildqualität – SPIEGEL ONLINE probiert die Kompaktkameras Samsung NX10 und Olympus E-PL1 aus.

Format – klein, aber nicht immer kompakt

Samsung nennt die NX10 eine „Kompaktkamera mit Wechseloptik“. Das ist ein wenig übertrieben. Hat man die ach so kleine Samsung NX10 mit dem Dreifach-Zoomobjektiv in der Hand und die Olympus E-PL1 daneben, wirkt die Samsung-Kamera wie eine schlanke Spiegelreflex und die E-PL1 wie eine pummelige Kompaktkamera. Der Grund dafür: In der Samsung NX10 fängt ein erheblich größerer Sensor (3,65 Quadratzentimeter, bei der E-PL1 sind es nur 2,25) das einfallende Licht auf.


Weil der Sensor größer ist, braucht die NX10 ein voluminöseres Objektiv, außerdem versenkt der Dreifach-Zoom der E-PL1 die Linsen beim Einfahren im Gehäuse, was aber auch bedeutet, dass die Kamera nicht sofort einsetzbar ist, wenn man den Objektivdeckel abnimmt und sie einschaltet. Bei der E-PL1 muss man erst noch das Objektiv komplett aus der Ruheposition herausdrehen.

Das klingt nach beckmesserischen Details, aber beim Fotografieren unterwegs wirkt sich das sehr auf die Bedienung aus: Die NX10 trägt man um den Hals – in die Jackentasche passt die Kamera nicht. Die E-PL1 hingegen bringt man schon in einer größeren Jackentasche unter, auch mit Zoomobjektiv. Allerdings ist sie wegen der Einrast-Mechanik nicht ganz so schnell einsetzbar.

So ähnlich die Kameras beworben werden, so unterschiedlich sind sie allein aufgrund des Formats: Die NX10 ist eine Konkurrenz für Einsteiger-Spiegelreflexkameras, die E-PL1 tritt eher gegen Kompaktkameras wie die Canon G11 an, die etwas fülliger sind, aber nur einen sehr kleinen Bildsensor nutzen.

 

Ausstattung – großer Sensor, kleine Nachteile

Die NX10 ist als geschrumpfte Spiegelreflex mit einigen Extras ausgestattet, die der E-PL1 fehlen: Sie hat zum Beispiel einen elektronischen Sucher. Elektronisch, weil die NX10 ja keinen Spiegel hat, der das durchs Objektiv einfallende Licht weitergibt. Man schaut bei der NX10 auf einen Mini-Monitor, der die digitalen Bildsignale reproduziert. Die Auflösung dieses Bildes ist brauchbar, aber nicht hoch genug, um mit dem Sucherbild zu konkurrieren, das man von Spiegelreflexkameras kennt. Von Vorteil ist der fest eingebaute Sucher bei Aufnahmen in starkem Sonnenlicht, wo das Monitorbild an der Kamerarückseite wegen zu starker Reflexionen und zu viel Umgebungslicht schlecht sichtbar ist.

So ganz überzeugt die Kombination von Sucher und fest verbautem Bildschirm an der Rückseite aber nicht: Wenn man nah am Boden fotografiert oder die Kamera weit über den Kopf hält, hilft bei der NX10 keine der beiden Kompositionshilfen. Man nimmt blind auf. Da machen ähnlich große spiegellose Kameras wie die Panasonic GH1 mehr aus dem beschränkten Platzangebot: Ein dreh- und schwenkbarer Bildschirm an der Rückseite zeigt auch bei ungewöhnlichen Perspektiven dem Fotografen das Sucherbild. Da hätte Samsung sich den Sucher ruhig sparen können – er hilft zu wenig.

Immerhin sind Auflösung und Diagonale des NX10-Displays höher als bei der Olympus E-PL1: Das hilft beim Fotografieren enorm, vor allem, wenn man von Hand fokussiert, weil man die Schärfe auf einen ganz bestimmten Punkt legen will.

Überhaupt, die Schärfe: Die großen Bildsensoren in der NX10 und der E-PL1 geben dem Nutzer mehr Gestaltungsfreiheit als die kleineren bei Kompaktkameras: Man kann nicht nur in der Dämmerung länger ohne Stativ mit höheren ISO-Werten arbeiten, sondern auch gezielter Bereiche einer Aufnahme in Unschärfe verschwimmen lassen. Ein Nachteil des komplett neu entwickelten Kamerasystems der Samsung NX10: Die Kamera hat einen speziellen Anschluss für Objektive. Die Auswahl ist klein, es gibt keine Objektive von Drittherstellern und keinen Gebrauchtmarkt. Da ist die Auswahl schon beim noch recht jungen Standard Micro-Four-Thirds größer, den die E-PL1 nutzt.

 

Bedienung – Rädchen schlägt Vollautomatik

Sobald man Details wie Verschlusszeit, ISO-Empfindlichkeit oder Blendenöffnung selbst festlegen will, fällt der Unterschied zwischen der Olympus E-PL1 und der Samsung NX10 deutlich auf: Bei der E-PL1 ist das etwas komplizierter, es fehlt ein Drehrad zum schnellen Einstellen solcher Details, es fehlen im Vergleich zur Samsung auch einige Sonderschalter, zum Beispiel für die Kontrolle der Empfindlichkeit. Die E-PL1 ist am einfachsten zu bedienen, wenn sie in einem Automatik-Programm genutzt wird.

Bei der NX10 ist die Balance bei der Bedienung ausgewogener: Die Kamera überfordert Einsteiger nicht mit einer Überfülle an Auswahlmöglichkeiten. Aber wer etwas mehr selbst einstellen will, kann das sehr bequem tun. Die Bedienung der NX10 ist mindestens so gut wie die vieler Einsteiger-Spiegelreflexkameras wie zum Beispiel der Nikon D5000.

Beide Kameras bieten sehr komfortable Automatikprogramme. Die NX10 hat eine Motiv-Automatik, wie man sie von Panasonic-Kameras kennt – entweder wählt man selbst aus, ob man nun gerade eine Makro-Aufnahme machen will, den Sonnenuntergang oder derlei fotografiert. Oder aber man lässt die Kamera das entscheiden.

Die Olympus E-PL1 hat ein Automatikprogramm, bei dem man am Display der Kamera einstellt, wie unscharf man den Hintergrund, wie kontrastreich man die Aufnahme insgesamt gern hätte. Eine interessante Bedienungsalternative. Etwas komisch wirken die sogenannten „Art-Filter“ der Olympus, die bestimmte Bildbearbeitungstricks direkt in der Kamera beim Aufnehmern erledigen. Menschen, die gerne am Computer ihre Digitalaufnahmen bearbeiten, werden nicht verstehen, warum man sich die Experimentier-Möglichkeiten derart einschränkt, indem man die Aufnahme gleich in Schwarzweiß, mit einem Miniaturisierungs-Effekt oder einem Weichzeichner versieht. Aber der Mehrheit der Freizeit-Fotografen wird die schnelle Bildbearbeitung in der Kamera gefallen – man sieht, was später rauskommt. und muss nicht am Rechner herumspielen.

Wer Aufnahmen doch lieber selbst bearbeiten will, kann bei beiden Kameras Aufnahmen im Rohdatenformat speichern, was sehr viel Gestaltungsfreiheit bei der Bearbeitung eröffnet. Ärgerlich dabei ist, dass sowohl Olympus als auch Samsung nicht Quasi-Standards wie das DNG-Rohdatenformat, sondern eigene Dateitypen verwenden, die derzeit nur mit den – mitgelieferten – Rohdaten-Entwicklern der Hersteller zu öffnen und zu bearbeiten sind. Die Samsung-Software ist brauchbar, das Olympus-Programm ist überladen und recht behäbig, auch weil hier alle erdenklichen Funktionen (Geotagging, Online-Gallerien) in den Rohdaten-Entwickler integriert wurden.

Leistung, Bildqualität und Fazit


Die Geschwindigkeit des Autofokus ist bei spiegellosen Kameras ein heikler Punkt: Diese Geräte müssen eine andere Technik nutzen als Spiegelreflex-Kameras, und dieser kontrastbasierte Autofokus ist manchmal zu langsam. Bei der Samsung NX10 fiel der Autofokus positiv auf: Am Tag und auch in der Dämmerung stellt er recht fix und zuverlässig scharf – im Vergleich zu Einsteiger-Spiegelreflexkameras wie der Nikon D5000 fiel uns beim Testen kein spürbarer Nachteil auf.

Die Olympus E-PL1 brauchte manchmal etwas länger – bei Schummerlicht in geschlossenen Räumen oder Dämmerung im Freien. Aber die Verzögerungen waren nie so extrem, dass ein Motiv nicht einzufangen war. Allerdings darf man gerade bei Situationsaufnahmen auf der Straße das Olympus-Objektiv nicht komplett einfahren. Das umständliche Ausfahr-Prozedere dauert einfach zu lang, als dass Schnappschüsse gelingen können.

Bei der Bildqualität liefern beide Kameras das durch die unterschiedlichen Sensorgrößen zu erwartende Ergebnis: Bei Nachtaufnahmen der Hamburger Speicherstadt schlagen beide jede Kompaktkamera mit kleinem Bildsensor, auch rückbelichtete Spezialmodelle wie die Ricoh CX3 und Sony WX1. Bei der Olympus E-PL1 und Samsung NX10 fallen Bildstörungen auch bei höheren ISO-Empfindlichkeiten wie 800 nicht besonders auf. Man sieht aber durchaus den Unterschied: Die Aufnahmen der Samsung NX10 wirken deutlich störungsfreier als die der E-PL1, auch bei höherer Lichtempfindlichkeit.

Die Messergebnisse des Softwareanbieters DXOlabs (stellt einen Rohdatenentwickler her) bestätigen diesen Seheindruck: Die französische Firma präsentiert Messergebnisse für die Samsung GX20 (die Kamera arbeitet mit demselben Bildsensor wie die NX10) und die Olympus EP-2 (nutzt den Sensor der E-PL1).

Fazit: Die Samsung NX10 ist für Einsteiger durchaus eine Alternative zu Spiegelreflexkameras wie der Nikon D5000. Sie ist etwas leichter und ein wenig kleiner, hat aber sonst keine nennenswerten Vorteile gegenüber der Spiegelreflex-Technik. Allerdings: Für Einsteiger-Spiegelreflexkameras, die seit Jahren weit verbreitete Objektivanschlüsse von Nikon oder Canon nutzen, spricht das enorme Angebot an Objektiven von Drittherstellern, die gebraucht zum Teil im Vergleich recht günstig zu haben sind.

Bei der Olympus E-PL1 fällt die Entscheidung leichter: Wer eine Immer-Dabei-Kamera sucht, die auch in der Dämmerung brauchbare Bildqualität liefert, dürfte diese recht günstige Kamera einer teuren Kompaktkamera mit kleinem Sensor wie der Canon G11 vorziehen. Die Bildqualität ist besser, das Zoomobjektiv allerdings klobiger.


Datenblatt

Datenblatt: Samsung NX10 vs. Olympus E-PL1:
Kamera Samsung NX10 (mit Objektiv NX 18-55mm) Olympus E-PL1 (mit Objektiv M.Zuiko digital ED 14-42mm)
günstigster Preis im deutschen Online-Handel (laut geizhals.at, Stand 19.3.2010) 650511
Maße (cm) 12,3 x 8,7 x 4 cm11,5 x 7,2 x 4,2 cm
Gewicht (inkl. Objektiv in Gramm) 551446
Auflösung (Megapixel) 14,112,3
Sensorgröße (cm²) 3,652,25
Megapixel pro cm² 3,865,4
Display (Zoll Diagonale) / Bildpunkte 3 Zoll, 614.000 Pixel2,7 Zoll, 230.000 Pixel
Dateiformat JPG/RAW (Sasmung-eigenes Format)JPG/RAW (Olympus-eigenes Format)
Video-Qualität 1280×7201280 x 720