„Lost“-Blog: Der barmherzige Mörder (Spiegel Online, 4.3.2010)

„Lost“-Blog

Der barmherzige Mörder

„Lost“, letzte Staffel, Folge sechs: Das SPIEGEL-ONLINE-Blog erklärt, was in der Episode passierte, welche Rätsel gelöst wurden und welche hinzu kamen – soweit wir das verstanden haben.

Spiegel Online, 4.3.2010

Staffel 6, Folge 6 „Sundown“

Was ist passiert? Zentrale Figur dieser Folge ist Sayid. Er muss in der alternativen Realität von 2004 und in der Gegenwart auf der Insel sehr ähnliche Entscheidungen treffen: Mordet er, um zu beweisen, dass er ein guter Mensch ist?

In der „Nicht-Absturz-Welt“ besucht Sayid in Los Angeles seinen Bruder Omer, der – Überraschung – mit Sayids großer Liebe Nadia verheiratet ist. Die beiden haben zwei Kinder. Sayid arbeitet als Übersetzer für Öl-Firmen, sein Bruder betreibt zwei Wäschereien. Nach ein paar Minuten liegen die Konflikte in dieser Beziehung offen: Sayid liebt Nadia, glaubt aber, sie wegen seiner Vergangenheit als Folterknecht der Armee nicht zu verdienen. Omer sieht das, artikuliert aber seine Eifersucht nicht offen.

Warum, wird schnell klar: Omer hat Ärger mit einem zwielichtigen Geldverleiher, der seine Expansion finanziert hat. Er bittet Sayid um Hilfe, wobei die Bitte im Grunde genommen eine Erpressung ist: Sayid sorge sich doch um Nadia, um die Kinder – dann solle er auch etwas tun. Omer erpresst seinen Bruder mit dem Risiko, dem er seine Familie ausgesetzt hat. Dann beleidigt er seinen Bruder: Er wisse, was Sayid „für ein Mann sei“.

In der Gegenwart auf der Insel stellt Dogen Sayid vor folgende Wahl: Er erklärt ihm in einem erschreckend flachen Dialog, die „Waage“ haben ermittelt, dass bei Sayid das Gleichgewicht von Gut und Böse nicht mehr gegeben sei und er der falschen Seite zuneige. Aber Dogen hat eine einfache Lösung: Sayid soll beweisen, dass er ein guter Mann ist, indem er dem Mann in Schwarz ein Schwert in die Brust rammt.

Sayid versucht das, scheitert und lässt sich vom Mann in Schwarz beschwatzen: Dogen habe gewusst, dass dieser Angriff aussichtslos sei, er habe Sayid in den sicheren Tod geschickt. Und nun erhält Sayid ein Gegenangebot: Er soll den Anhängern von Jacob im Tempel eine Botschaft überbringen. Als Gegenleistung, deutet der Mann in Schwarz an, würde Sayid seine tote Liebe (es wird nicht klar, ob Nadia oder Shannon gemeint ist) wiedersehen.

Nun passiert recht viel, am Ende läuft es darauf hinaus: Sayid entscheidet sich in beiden Welten fürs Töten. In der „Nicht-Absturz-Welt“ erschießt er den Geldverleiher Keamy (bekannt als Söldner auf dem Widmore-Frachter Kahana), um seinen Bruder und Nadia zu schützen. Auf der Insel mordet er aus egoistischen Erwägungen: Er teilt Jacobs Anhängern im Tempel das Ultimatum des Man in Black mit: Wer bis Sonnenuntergang den Tempel nicht verlässt, wird sterben. Und dann ertränkt Sayid Dogen im Pool des Tempels, so wie der er es in der ersten Folge der Staffel mit ihm selbst getan hat. Der Mann in Schwarz tötet als Rauchmonster die verbliebenen Tempelbewohner und zieht mit Sayid, Claire, Kate und einem Treck von Jacob-Anhängern in den Dschungel.

Wurde ein Rätsel gelöst? Kaum. Ziemlich klar sagt Dogen, dass der Mann in Schwarz das „leibhaftige Böse“ ist, aber das ist weder erhellend noch besonders überzeugend. Kurz vor seinem Tod erhält die Figur Dogens noch einen Hintergrund, der leider zu spät und zu lieblos abgehandelt wird: Er fährt betrunken Auto, verursacht einen Unfall. Dogen überlebt, doch sein Sohn stirbt – und dann kommt Jacob und machte ihm ein Angebot: Der Sohn darf weiterleben, aber Dogen würde ihn nie wiedersehen und müsse auf der Insel für Jacob arbeiten. Interessante Parallele, dass der Mann in Schwarz und Jacob mit denselben Methoden arbeiten, obwohl sie doch so vermeintlich große Antagonisten sind.

Kamen neue Rätsel dazu? Eher offene Fragen, aber davon eine Menge: Warum bekommen die Menschen in der Nicht-Absturz-Welt, was ihnen der Mann in Schwarz in der Gegenwart auf der Insel verspricht (Nadia lebt, Claire hat Aaron)? Warum konnte der Mann in Schwarz erst nach Dogens Tod den Tempel betreten? Hintergeht Jacob seine Anhänger? Warum warnt er sie nicht? Warum hält der Geldverleiher Keamy in der Nicht-Absturz-Welt Jin gefangen? Wo ist Richard Alpert?

Irgendjemand gestorben? Ja – Dogen, Lennon, Martin Keamy, viele Anhänger Jacobs.

Bester Moment: Benjamin Linus betritt den Raum, in dem Sayid die Leichen von Dogen und Lennon betrachtet. Erst ruft Ben Sayid in aller Hektik zu, es sei noch Zeit zu entkommen, dann sieht man seinem Gesichtsausdruck an, wie er begreift, was passiert ist, wie aus Unverständnis Entsetzen wird. Ben weicht langsam zurück. Eine der ruhigsten und stärksten Szenen in dieser Folge: Keine Zeitlupenaufnahmen, keine überbordende Musik, keine Action, nur ein Gesichtsausdruck.

Bestes Zitat: Im turbulenten zweiten Drittel der Folge (Sayid verlässt den Tempel, wird zurückgerufen, geht wieder los, Claire kommt an) kommentiert Miles: „Willkommen zurück im Zirkus.“ Das fasst die Dramaturgie dieser Folge leider ganz gut zusammen.

Gute Folge? Mittelmäßig. Viel Action, viel Handlung, viel zu viel Hektik und sinnlose Reizüberflutung. Als am Ende der Folge die überlebenden Jacob-Anhänger den Tempel verlassen, angeführt vom Mann in Schwarz, empfindet man trotz Zeitlupe und getragener Musik (oder gerade deswegen) nichts. Man hat diese Figuren ja nie kennengelernt – die in wenigen Augeblicken runtergeratterte Geschichte Dogens ist da beispielhaft. Ein Haken schlagender Plot gibt Figuren keine Tiefe.