„Lost“-Blog: Der Locke-Ersatz (Spiegel Online, 17.2.2010)

„Lost“-Blog

Der Locke-Ersatz

„Lost“, letzte Staffel, Folge sechs: Das SPIEGEL-ONLINE-Blog erklärt, was in der Episode passierte, welche Rätsel gelöst wurden und welche hinzu kamen – soweit wir das verstanden haben.

Spiegel Online, 17.2.2010

Was ist passiert? Die erste Folge mit einer starken Geschichte aus der Nicht-Absturz-Welt: John Locke verzweifelt an seinem Leben. Eigentlich ist alles besser: Helen hat ihn nicht verlassen, sie wollen heiraten, er hat Kontakt zu seinem Vater. Doch Locke kann nicht akzeptieren, dass er querschnittsgelähmt ist. Er träumt nur von Dingen, die seine Behinderung sehr schwer machen, er stellt Helens Liebe in Frage und glaubt, sie warte auf den Tag, an dem er wieder gehen könne.

In Lockes Leben ohne Absturz auf der Insel tauchen bekannte Figuren auf: Hurley ist der Chef der Verpackungsfirma, in der Locke arbeitet, und verschafft ihm einen anderen Job. Rose berät ihn bei der Arbeitssuche, in seiner neuen Stelle als Aushilfslehrer trifft er Benjamin Linus, der Europäische Geschichte lehrt und sich darüber ärgert, dass im Lehrerzimmer niemand frischen Kaffee kocht .

Auf der Insel steht der namenlose Mann in Schwarz, der John Lockes Gestalt angenommen hat, im Mittelpunkt der Handlung. Er „rekrutiert“, wie es Ilana ausdrückt: Erst versucht der Namenlose es mit Richard Alpert: Warum Locke so nah an Jacob herankam? Er war ein Kandidat! Richard ist verwirrt, der Namenlose ist amüsiert. Er würde seine Jünger nie so unwissend lassen. Er verspricht Richard die Antworten auf alle Fragen, er müsse ihm nur folgen. Richard lehnt ab, dann passiert etwas Merkwürdiges: Der Namenlose sieht im Wald einen blonden Jungen stehen, dessen Unterarme blutbedeckt sind. Der Namenlose ist verwirrt, Richard sieht den Jungen nicht.

Der Namenlose geht und versucht es bei Sawyer, der sich in Dharmaville verbittert vollaufen lässt. Der Namenlose nimmt ein Glas Whiskey an (aber er trinkt nicht!) und hat Sawyer nach einigem Hin-und-Her so weit, dass er ihm an den Ort folgen will, wo es die Antwort auf die „wichtigste“ aller Fragen gibt: Warum ist Sawyer auf der Insel?

Auf dem Weg zu diesem Ort taucht der blonde Junge wieder auf. Der Namenlose ist erschüttert, weil Sawyer ihn offenbar auch sehen kann. Der Namenlose rennt dem Jungen hinter, stolpert und muss sich von dem Kind sagen lassen: „Du kennst die Regeln. Du kannst ihn nicht töten.“ Überraschende John-Locke-Reaktion des Namenlose: Er schreit wütend und verzweifelt: „Sag mir nicht, was ich nicht tun kann.“

Der Ort der Antworten, zu dem der Namenlose James führt, ist eine Höhle an der Steilküste der Insel, in deren Wände Jacob viele Namen geritzt hat: 8-REYES (also Hugo/Hurley) zum Beispiel und 15-FORD (also James/Sawyer). Viele Namen sind durchgestrichen, zum Beispiel Lockes. Es sind die Toten. Die Erklärung des Namenlosen: Jacob sucht Kandidaten für seine Nachfolge als Beschützer der Insel. Er manipuliert Menschen in einem entscheidenden Moment ihres Lebens, so dass sie irgendwann auf der Insel landen. Wovor sie die Insel schützen? Der Namenlose sagt: Vor nichts. Er sagt außerdem, dass er die Insel verlassen will und dass er das nur mit James kann. Sollen sie zusammen aufbrechen? James: „Hell yes.“ Ende.

Wurde ein Rätsel gelöst? Gelöst wäre zu viel gesagt. Etwas klarer ist nun, dass der Namenlose vor langer Zeit einmal ein Mensch war, bevor er irgendwie auf der Insel gefangen blieb. Zum ersten mal stellt der Namenlose auch die Nachfolger-Theorie in den Raum – Jacob suchte angeblich jemanden, der seinen Platz auf der Insel einnimmt.

Kamen neue Rätsel hinzu? Eine Menge: Die Nicht-Absturz-Welt wird in dieser Folge spannender und geheimnisvoller. Viele Klänge erinnern hier an die Insel (Lockes Wecker klingt wie der Alarm in der Swan-Station), Figuren wie Ben tauchen auf, und in dieser alternativen Realität scheint einiges fundamental anders zu sein: Locke zum Beispiel versteht sich offenbar so gut mit seinem Vater, dass Helen ihn zu ihrer Hochzeit einladen will.

Neue Fragen: Wer ist der blonde Junge – eine Wiedergeburt Jacobs, die Insel, ein vollig neuer Mitspieler? Wer war der Namenlose und was hat ihn verändert? Warum suchte Jacob Nachfolger? Warum sehen wir Kates Namen nicht auf in der Höhle? Wie lauten die Regeln, von denen der Junge spricht und wer hat sie aufgestellt?

Irgendjemand gestorben? Nein.

Bester Moment? Als James dem Namenlosen im Dschungel hinterher eilt, spielt der Drehbuchautor mit der Karottentaktik, die so viele „Lost“-Staffeln vorangetrieben hat. Der Namenlose verspricht James „Antworten auf alle Fragen“ und sagt, jetzt könne er doch nicht umkehren, wo er „so nah dran“ sei. So ähnlich geht es den Zuschauern schon fünf Staffeln lang – und in dieser doppelbödigen Szene natürlich auch.

Bestes Zitat? Benjamin Linus spricht auf der Beerdigung des wahren John Locke ein paar Worte: „Er war ein besserer Mensch als ich es je sein werde.“ Und murmelt: „Es tut mir leid, dass ich ihn ermordet habe.“

Gute Folge? Ja. Der Plot in der Parallelwelt ohne Absturz interessiert den Zuschauer zum ersten Mal. Nicht nur, weil ein paar Geheimnisse auftauchen, sondern auch, weil Lockes Geschichte anrührt. Der Insel-Plot funktioniert zudem ohne allzu viele Kaninchen-aus-dem-Hut-Tricks.