Technikärger TV-Verschlüsselung: Kaufen Sie die Glotze passend zum Programm! (27.5.2010)

Technikärger TV-Verschlüsselung

Kaufen Sie die Glotze passend zum Programm

Verschlüsselungschaos beim Digitalfernsehen: Jeder Anbieter codiert die Programme mit einem anderen von sechs Systemen. Die versteht nicht jeder Empfänger. Die Folge: Zuschauer brauchen mehrere Entschlüsseler-Kisten – und wer Digitalfernsehen mag, sollte besser nicht umziehen.

Spiegel Online, 27.5.2010

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Dem Kollegen ist die Geschichte etwas peinlich, er möchte nicht, dass sein Name fällt. Der Netzwelt-Redakteur hat einen Kabelanschluss und wollte gerne ein paar Sender in HD-Qualität sehen. Er wechselte zum digitalen HD-Fernsehangebot, bestellte bei einem Online-Shop ein HD-fähiges Empfangsgerät fürs Digitalkabel, das in Tests gut abgeschnitten hatte. Es kam, er schloss es an und merkte: Bei seinem Anbieter kann man damit kein Privatfernsehen empfangen. Weder in HD noch in Standardqualität. Denn die Sender sind verschlüsselt und eine passende Steckkarte zur Entschlüsselung für den HD-Receiver bietet der Kabelanbieter nicht.

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Der Kollege hat das Empfangsgerät zurückgeschickt und viel über Digitalfernsehen gelernt. Das komplizierte Gemisch unterschiedlicher Verschlüsselungsstandards, Kabel- und Satellitenanbieter, Sendergruppen und Gerätehersteller lässt sich mit der einfachen Feststellung beschreiben: Beim Digitalfernsehen kann man nicht mit jedem Fernseher und Receiver jedes Programm sehen. Einen Fernseher mit fest verbautem Digital-Tuner zu kaufen nennt Pit Klein, Herausgeber des Fachmagazins „Sat+Kabel“, deshalb „eigentlich verrückt“.

Denn, so Klein: „Durch das Verschlüsselungswirrwarr ist der Empfänger bei einem Wechsel des Netzbetreibers, bei einem Umzug oder einem Wechsel des Pay-Anbieters sehr schnell unbrauchbar. Flexibler sind externe, billige Receiver.“ Die kann man zumindest einfach austauschen, wenn man den Digitalfernsehanbieter wechselt und plötzlich einen neuen Empfänger braucht.

Nicht jeder Empfänger passt zu jedem Digitalprogramm

Nur ist es gar nicht so leicht, für jedes Programm und jeden Anbieter einen passenden Digitalfernsehempfänger zu finden, wie der Netzwelt-Redakteur erlebt hat, der uninformiert einen Testsieger bestellte. Nico Jurran, Videotechnikexperte beim Fachmagazin „c’t“, erklärt: „Ich kann nicht einfach in den nächsten Laden marschieren und mir einen Empfänger nach meinem Gusto kaufen.“

Um zu erklären, warum das so ist, muss man etwas ausholen: Weil die meisten Fernseher digitale Signale nicht direkt verarbeiten können, brauchen sie einen sogenannten Receiver als Wandler. Diese Digitalreceiver gibt es für Kabel oder Satellit. Die Anbieter verschlüsseln Digitalprogramme mit unterschiedlichen Verfahren – sechs Systeme in diversen Versionen und Abwandlungen sind derzeit in Deutschland im Einsatz. Nicht jeder Digitalempfänger beherrscht jedes Verschlüsselungsverfahren.

Eigentlich gibt es einen Standard, der genau das ermöglichen soll: Es gibt einen genormten Steckplatz namens Common Interface (CI) bei Digitalempfängern, in den man kleine Smartcards mit dem jeweiligen Verschlüsselungsstandard steckt, das sogenannte Conditional Access Module (CAM). Nur halten sich nicht alle Anbieter daran. Pit Klein von „Sat+Kabel“ erklärt: „Dieser Standard wurde in der Zwischenzeit derart verwässert, dass im Grunde jeder Anbieter machen kann, was er will. Nicht jeder Verschlüsseler lizenziert sein System für Hersteller von CAMs oder bietet selbst ein solches CAM an.“

Wer digitales Kabelfernsehen mag, sollte besser nicht umziehen

Stattdessen legen manche Anbieter ihre Kunden auf ganz wenige Digitalempfänger fest, bei denen der Verschlüsselungsstandard eingebettet ist. Oder die Verschlüsselungsspeicherkarte wird fest an die Seriennummer eines Empfängers gebunden. Für diese Knebeltechnik führen die Anbieter verschiedene Gründe an – Jugendschutz, Sicherheit der Verschlüsselung vor Hacks. Die Folgen für die Kunden: Wer nie umzieht, nie den Anbieter oder die Technik wechselt, hat keinen Ärger. Aber wenn sich etwas ändert, kann es Ärger geben. Einige Beispiele:

  • Der Verschlüsselungsstandard ändert sich. Wenn der Standard fest im Empfangsgerät integriert ist, fällt die Umstellung bisweilen arg kompliziert aus. Wenn sie überhaupt funktioniert. Nico Jurran, Videotechnik-Experte beim Fachmagazin „c’t“: „Das klassische Beispiel für solche Probleme: Ein Premiere-zertifizierter Fernseher mit integriertem Kabel-TV-Receiver ließ sich nicht mehr einsetzen, als Kabel BW vor einiger Zeit von Nagra auf Videoguard wechselte.“
  • Ein Kunde nutzt mehrere verschlüsselte Fernsehangebote. Bei vielen Kabelanbietern kann man die verschlüsselten werbefinanzierten Privatsender und Sky über eine Smartcard entschlüsseln. Beim Satelliten-Empfang geht das seltener so einfach. Michael Gundall, Referent für Telekommunikation und Medien bei der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz: „Im Satellitenbereich ist es derzeit nicht möglich, die verschlüsselten HDTV-Sender der HD+ Plattform und das Programmangebot von Sky mit einem einzigen Receiver zu empfangen.“ Man braucht hier tatsächlich zwei Digitalempfänger, obwohl beide Anbieter ihr Programm über Satellit im DVB-S2-Format ausstrahlen, H.264-komprimiert und mit der Auflösung von 1920 × 1080 Pixeln.
  • Umzug. Dieser Hilferuf aus einem Webforum veranschaulicht die Folgen der Verschlüsselungsvielfalt ganz gut: „Wollte von Berlin nach Köln umziehen. Was kann ich sehen, wenn ich eine STB nur mit einem embeded CONAX-CAM und einem SmartCard Reader besitze?“ Nico Jurran von der „c’t“ erklärt: „Vor allem für Kabelkunden kann ein Umzug problematisch werden – beispielsweise, wenn sie mit einem Nagravision-Receiver aus einem ‚KDG-Bundesland‘ nach Baden-Württemberg zu Kabel BW wechseln.“ Dann ist neue Empfangstechnik fällig.

Fernseher verbietet das Vorspulen und Aufnehmen

Die Gerätehersteller preisen nun einen neuen Standard als Lösung für dieses Verschlüsselungswirrwarr an. Die sogenannte CI-Plus-Schnittstelle in Fernsehern soll Standard werden und die Programmanbieter sollen passende Entschlüsselungsmodule liefern. Der Standard könnte sich durchsetzten – allerdings dürfte das den Zuschauern einige Nachteile bringen. Denn die CI-Plus-Empfangsgeräte mit Aufnahmefunktion lassen sich von den Sendern über den TV-Datenstrom steuern. Was das konkret bedeutet, zeigt das Digitalfernsehangebot HD+. Wer hier die HD-Programme von RTL, VOX, Pro7, Sat1 und Kabel 1 mittels CI+ Schnittstelle und HD+ Modul sieht, kann nicht aufzeichnen.

Michael Gundall von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz prognostiziert: „Der Zuschauer wird beim Einsatz dieser Schnittstelle mit erheblichen Einschränkungen in wesentlichen Funktionen zu rechnen haben.“ Mit der CI+ Technik ist eine ganz neue Qualität der Zuschauerkontrolle möglich: Die Sender können nach Belieben das Überspringen von Werbung verbieten, die Aufzeichnungen von Sendungen verhindern oder die Speicherzeit von Aufnahmen einschränken.

Fortschritt sieht beim Digitalfernsehen so aus: Man braucht in der Zukunft womöglich nur noch ein Empfangsgerät für mehrere Sender, aber dafür darf man dann nichts mehr aufnehmen.

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