Kult ums Ruhrgebiet: Fünf Mythen aus dem Malocherparadies (Spiegel Online, 4.5.2010)

Kult ums Ruhrgebiet

Fünf Mythen aus dem Malocherparadies

Hier treffen sich Kumpel und Kreative, hier tobt das Leben, hier geht es aufwärts: Die Kulturhauptstadt Ruhrgebiet feiert den Pott als Metropolenmodell der Zukunft. Dieses Bild ist falsch, sagt SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Konrad Lischka – und entlarvt einige Lebenslügen des Reviers.

Spiegel Online, 4.5.2010

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Ich bin ein Kind des Ruhrgebiets. Aber Kohle habe ich bis ins Jugendalter allerhöchstens zweimal gesehen. Zum ersten Mal war es im Kindergarten bei einem Ausflug ins Bergbaumuseum. Da bekommt seit Jahrzehnten der komplette Pottnachwuchs in gut 20 Metern Tiefe ein Show-Bergwerk zu sehen. Hier wird jeder Generation schon früh vermittelt: Wir im Ruhrgebiet bauen auf Kohle.

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Ein paar Jahre später erklärte uns die Grundschullehrerin im Gruga-Park in Essen vor der geologischen Wand, wo unter der Stadt die Kohleflöze liegen. Das war 1986, als in Essen die letzte Zeche geschlossen wurde. Kohle interessierte damals niemanden in meiner Klasse. Die Lehrerin erzählte, wie das „schwarze Gold“ entsteht, wir warfen Kieselsteine aufeinander oder auf die Enten im Teich nebenan.

Wenn ich heute durch die Kulturhauptstadt Ruhr 2010 fahre, kommt mir oft die Grundschullehrerin und ihre Kohle-Show in den Sinn. Da erklärt zum Beispiel ein Führer auf Zollverein den Besuchern vorab beinahe entschuldigend, dass er „nie unter Tage“, sondern nur oben auf dem Gelände gearbeitet hat. Er erläutert später, das müsse man sagen, die Leute seien sonst oft enttäuscht. Kohle ist heute im Pott nur noch Folklore. Ein Stoff von gestern – wie so vieles im Revier.

Besucher, Journalisten und auch manche Bewohner der Region pflegen trotzdem immer noch das Bild vom bodenständigen Industrierevier. Die Werkbank Deutschlands, das Biotop der arbeitenden Klasse – neben den Lederhosen-Bayern ist das Ruhrgebiet der kleinste gemeinsame Nenner, wenn es um eine bestimmte deutsche Identität geht: Hier malochen alle, gucken Fußball und trinken nach der Schicht am Eck gemeinsam Bier. Hier kennt man sich, hier hilft man sich, hier ist die Welt noch ehrlich und gut.

Das klingt schön, aber die Realität ist eine andere. Vielleicht ist es an der Zeit, mit ein paar Lebenslügen des Reviers endgültig aufzuräumen.

Lüge Nummer eins – das Ruhrgebiet ist ein Malocherparadies

Die unausgesprochene Annahme bei Touristen, die gern von „echten Bergleuten“ durch Zollverein geführt werden wollen: Authentisch sind im Ruhrgebiet Maloche, Kohle, Industrie. Auch der jungen Ruhrgebietsgeneration, in deren Familien Bergleute nur noch die Ausnahme sind, hat man in der Schule diesen Mythos vom Industrierevier eingeimpft – mit regelmäßigen Ausflügen zu geologischen Wänden und ins Bergbaumuseum.

Mit der Realität hat das kaum noch etwas zu tun. Tatsache ist: 70 Prozent der Jobs im Regionalverband Ruhr stellte 2007 der Dienstleistungssektor. Das liegt etwas über dem Bundesdurchschnitt (67 Prozent).

Der Malocher-Mythos ist heute dennoch so präsent, weil die Region so sehr nach etwas Verbindendem, Identitätsstiftendem, Gemeinsamem verlangt. Leider ist die Industriegeschichte dafür denkbar ungeeignet. Betrachtet man die Historie des Ruhrgebiets genauer, haben Kohle und Stahl die Region eher in ihre Einzelteile zerlegt, anstatt sie zu verschmelzen.

1818 lebten hier 221.000 Einwohner, 1905 waren es 2,6 Millionen, heute sind es gut fünf Millionen. Die Menschen zogen zum Arbeiten ins Revier. Sie wohnten in schnell errichteten Siedlungen um die Zechen und Werke herum, die Lage der Schächte und Fabriken bestimmte letztlich, wo Arbeitsdörfer wuchsen, die später einmal zu Stadtvierteln wurden.

Die Industrie lieferte die Blaupause für die Besiedelung. Heute ist das Revier eine riesige, chaotische Wahnsinnslandschaft, in der überall Vorstädte, Ortschaften und Stadtzentren auftauchen. Verbindung? Fehlanzeige!

Das Ergebnis dieses Irrsinnsprojekts nannte der Schriftsteller Alfred Kerr einmal „Preußens Wilden Westen“. Kerr war 1928 in Essen unterwegs. Sein Eindruck: „Man hat als Durchwanderer das vage Gefühl, in einer Goldgräberstadt zu sein.“

Genau wie eine Goldgräberstadt hat die Region keine Identität, keine Tradition – alles war auf Zeit gebaut. Die Gebäude der heute als Weltkulturerbe aufwendig erhaltenen Zeche Zollverein wurden in den zwanziger Jahren als Wegwerfarchitektur errichtet: 60 Jahre sollten die elf Zentimeter dicken Ziegelsteinwände zwischen Eisenträgern halten, länger nicht, schließlich waren dann die Kohlevorkommen erschöpft.

Die derzeit in der Kulturhauptstadt zelebrierte Idee der Industriekultur verweist somit eigentlich nur auf eine gigantische Leerstelle, die sie selbst schuf. Die Region ist jünger, unfertiger und entwurzelter als jede Millionen-Gegend Deutschlands. Daran ändert auch der Malocherkult nicht viel.

Lüge Nummer zwei – mit oder ohne Kohle, hier geht es voran

Und die Gegend ist vergleichsweise arm: Das Durchschnittseinkommen im Regionalverband Ruhr lag 2007 bei 17.711 Euro – in ganz Nordrhein-Westfalen waren es 19.290. Die Einkommensstatistik veranschaulicht auch die enormen Unterschiede in diesem Siedlungshaufen. Die Spanne beim Durchschnittseinkommen 2007 reichte von 15.624 Euro in Gelsenkirchen im Nordosten bis zu 21.195 Euro in Mülheim im Südwesten (siehe Tabelle links).

Ich bin in der zerfallenden Goldgräberstadt groß geworden. Meine Kindheit hatte einen prägenden Geruch: das in der Sommerhitze dampfende Teeröl der alten Holzschwellen unbenutzter Gleisanlagen. So rochen Expeditionen nach der Schule auf dem verlassenen Langenbrahm-Zechengelände oder der stillgelegten Güterstrecke nach Mülheim durch den Wald. Es standen überall alte Gebäude herum, die niemand mehr brauchte. Als Kinder haben wir dort gespielt, später machten an solchen Orten Clubs wie das Essener „Baikonur“ auf, oder Investoren setzten Bürobunker hin.

Der Verfall jenes alten Ruhrgebiets, das meine Grundschullehrerin 1986 vor der geologischen Wand heraufbeschwor, begann schon in den fünfziger Jahren mit der Kohlekrise. Von da an schlossen mehr Zechen, als neue eröffnet wurden. Die Irrsinnslandschaft blieb, sie wurde nur nicht mehr so gut gepflegt. DJ Kay Shanghai, der in Essen einen Club betreibt, hat ein großartiges Bild für dieses Ruhrgebiet gefunden: „Das sieht hier aus wie der Todesstern.“

Das ist ein ehrliches Kompliment. Denn das Ruhrgebiet war ein ähnlich größenwahnsinniges Projekt wie der künstliche Mond in den „Star Wars“-Filmen. Wie der Todesstern entstand die Region zu einem einzigen Zweck: Jener sollte Planeten zerstören, der Pott sollte Stahl und Waffen produzieren. Man muss sich nun einmal vorstellen, die Besatzung des Todessterns erhält plötzlich das Kommando: Wir brauchen keine Planetenzerstörer mehr. Ihr könnt ruhig hierbleiben, aber macht mal etwas anderes. Schwer vorstellbar. Und dennoch ergeht es dem Ruhrgebiet genau so.

Lüge Nummer drei – der Pott ist ein Dorf

Ich habe nach fünf Jahren in München wieder eine Zeit lang im Ruhrgebiet gewohnt. Es war schön – aber nur, weil ich ein Auto hatte. Ich fuhr nach Dortmund zu Lesungen, nach Köln zu Konzerten, ins Kino nach Bochum-Langendreer und an den Strand nach Holland.

Im Pott sollen die Wege kurz sein, aber ohne Auto kann man hier nicht leben.

Autoabhängigkeit und Autobegeisterung sind im Ruhrgebiet extrem ausgeprägt – Tuner-Treffen, Oldtimer-Touren und überall Schrauberbuden. Die Motorradbastler treffen sich bei „Karl am Kanal“, am privaten Motorradmuseum des Ex-Bergmanns Karl Rebuschat im Niemandsland zwischen Gelsenkirchen Horst, Heßler und Schalke Nord.

Die Autoliebe ist wohl eine Folge der von Zechenschächten und Fabrikstandorten geprägten Stadtentwicklung, die heute als „polyzentrische Metropole“ beschönigt wird. Die Beschreibung ist richtig, blendet aber völlig aus, dass das auf Dauer kein Zustand ist.

Dass das Ruhrgebiet ein planloses Gewühl aus Feldern, Autobahnen, Kanälen, Siedlungen und Wäldern und Industriebrachen ist, resultiert aus der Geschichte, verdient aber nicht, unter Denkmalschutz gestellt zu werden.

Lüge Nummer vier – im Ruhrgebiet sind alle gleich

Vielleicht ist die Siedlungsgeschichte auch ein Grund für die oft beschworene Gemütlichkeit und Bodenständigkeit im Ruhrgebiet. Die Menschen kamen von überallher in ein riesiges Chaos. Umso größer war der Drang, es sich heimelig einzurichten im Viertel. Das könnte der Grund dafür sein, dass im Ruhrgebiet alle gemütlich nebeneinander her leben, als Werdener, Kettwiger, Rüttenscheider, vielleicht auch als Essener und Dortmunder, aber sicher nicht als Ruhri.

An dieser allen sehr präsenten Zugehörigkeit zu einem Stadtteil lässt sich präziser als kaum irgendwo sonst in Deutschland auf den sozialen Status schließen. Den Unterschied machen oft weniger als hundert Meter Luftlinie aus: Ich bin auf der Essener Neuen Margarethenhöhe in einem Sozialblock aufgewachsen. Die Gegend war kein Brennpunkt, aber mit den Kindern, die ein paar Straßen weiter südlich in Bredeney wohnten, kamen wir nie in Kontakt. Bredeney klang wie Saint-Tropez und wirkte ähnlich weit weg.

Genauso weit entfernt war für mich aber auch der Essener Norden. Da ist, statistisch gesehen, die Arbeitslosigkeit tatsächlich höher und das Durchschnittseinkommen geringer. Aber wie ich erst heute weiß, gibt es da keineswegs nur No-go-Areas.

Es ist im Ruhrgebiet keineswegs egal, woher man kommt: Als ich im Gymnasium zum ersten Mal zu einem türkischen Mitschüler nach Hause fuhr, fühlte ich mich völlig fremd in seinem Viertel. Dabei lag es nur ein paar Straßenbahnhaltestellen weiter, als ich je in die Richtung gefahren war. In der Schule hatte ich viel über Kohle gehört, aber nichts darüber, warum in derselben Klasse Kinder mit Eltern aus Polen, der Türkei, Indien und Korea saßen.

Das Ruhrgebiet ist ein Flickenteppich, ein Schmelztiegel, ein Nebeneinander von Arm und Reich. Es ist liebenswert, es ist die spannendste Region Deutschlands. Nur eines ist er sicher nicht: eine homogene Masse.

Lüge Nummer fünf – der Pottler liebt seine Region

Hier bin, hier bleibe ich, hier gehöre ich hin – den Bewohnern des Ruhrgebiets wird stets ein Fable für Regionalpatriotismus nachgesagt. Tatsache aber ist, dass die Menschen hier entweder zum Größenwahn oder zum Fatalismus neigen. Es gibt einen unbändigen Drang, die Region als fertig zu deklarieren, unschöne Folgen des planlosen Wachstums als rauen Charme umzudeuten und zu feiern. Solche Sätze fangen oft mit „Nirgendwo auf der Welt“ an und hören dann irgendwann auf, nachdem der Begriff Ruhrgebiet gefallen ist. Allein für dieses Satzschema gibt es gut 5000 Google-Treffer.

Das kann in einer Gegend nicht funktionieren, wo die Vorfahren der meisten Einwohner erst vor ein paar Generation gestrandet sind.

Hier ist fast gar nichts fertig. Den Nahverkehr hat jede Stadt für sich geplant – wer in die Nachbargemeinde will, fährt viel zu lange. Und egal ob es um Kultur, Wirtschaftsförderung oder Einkaufszentren geht, immer leidet das Ruhrgebiet am Suppen-Syndrom: Überall ist von denselben Dingen gleichmäßig wenig. Jede Stadt ist stolz auf ihr Theater – selten, weil es so phantastisch, meistens weil es ihres ist.

Die am häufigsten zu beobachtenden Reaktionen der Einwohner auf diesen Zustand können einem nach einiger Zeit aber ziemlich auf die Nerven gehen. Die eine ist der Größenwahn, in dem das Ruhrgebiet dann zur Metropole des 21. Jahrhunderts erklärt wird. Der zweite Standpunkt ist die Weigerung, überhaupt einen einzunehmen. Eine Mischung aus Fatalismus und Bequemlichkeit gebiert Sätze wie „Woanders is auch scheiße“. Statt zu benennen, was das Revier ausmacht, wird pauschal rumgenölt.

Beide Reaktionen ignorieren die Probleme der zersiedelten, armen Region völlig. Die Arbeitslosenquote im Ruhrgebiet ist seit Jahrzehnten höher als im Rest Nordrhein-Westfalens, am höchsten im Norden, wo der Bergbau zuletzt angekommen ist (16,9 Prozent im September 2009 in Gelsenkirchen), das Durchschnittseinkommen und die Abiturientenquote mit Ausnahme von Städten wie Essen und Mülheim durchweg geringer.

Die geologischen Wände und Bergbaumuseen nutzen die Reiseleiter heute, um zu erklären, dass der Himmel über dem Ruhrgebiet jetzt tatsächlich blau und die Industrie gar nicht mehr so wichtig ist. Aber was ist die Region dann? 1926 schrieb der Journalist Herbert Iheringer: „Das Ruhrgebiet ist Anfang. Hier hat sich nichts gesetzt. Nichts ist fertig. Nichts abgeschlossen. Nicht übersehbar.“ 80 Jahre später ist viel zu früh, dieses Projekt als abgeschlossen zu feiern.

Hier ist gar nichts fertig. Deshalb mag ich das Ruhrgebiet so sehr.

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