Google-Debatte Der Furor der Schwarz-Weiß-Maler (Spiegel Online, 19.5.2010)

Google-Debatte

Der Furor der Schwarz-Weiß-Maler

Ausspähskandal oder lässliche Panne? Die Debatte um Googles Mitschnitte aus Funknetzwerken und die Lasererfassung von Hausfassaden verläuft nach dem Freund-Feind-Schema: Die einen schimpfen über den Datenkraken, die anderen über die Fortschrittsfeinde – und beide Seiten argumentieren am Thema vorbei.

Spiegel Online, 19.5.2010

{jumi [*3]}

Wer die erbosten Meinungsäußerungen im Streit um Googles digitale Deutschlandkarte liest, muss „FAZ“-Mitherausgeber Frank Schirrmacher Recht geben: Es scheint, als könne das Bewusstsein mancher Informationsverarbeiter nicht mithalten mit der schieren Menge an Neuigkeiten. Da fordert ein Sprecher des Verbraucherschutzministeriums in der “ Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ markig „Aufklärung“ von Google über das Straßenfoto-Vorhaben: „Wir wollen nun genau wissen, welche Instrumente hier wofür im Einsatz sind.“

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Hintergrund dieser Wutbekundung: Die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ hatte berichtet, Google scanne die Fassaden der Häuser zusätzlich mit einem Laser, um sie räumlich darstellen zu können. Das provoziert neuen Ärger, wenige Tage, nachdem Google zugeben musste, Datenverkehr aus ungesicherten Funknetzwerken mitgeschnitten zu haben. Die Lasermeldung kommentierte der Ministeriumssprecher mit der Feststellung, es zeige sich einmal mehr, dass „niemand genau wisse, welche Daten Google noch erhebe“.

Das passt gut ins Bild vom Datenkraken Google, der hortet, schnüffelt, monopolisiert und mehr Geld im Internet verdient als alle deutschen Verlage zusammen. Aber es stimmt nicht. Dass Google mit Lasern Gebäude scannt, wusste jeder genau, der in den vergangen Jahren die „taz“, die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, SPIEGEL ONLINE oder ein Google-Unternehmensblog gelesen hat. Zum Beispiel die Artikel mit diesen Informationen:

 

  • „Der Beginn wird mit San Francisco gemacht. Dazu sollen Trucks, bestückt mit Lasern und Digitalkameras, jede einzelne Straße der Stadt abfahren und mit Hilfe der Laser die Dimensionen aller Gebäude vermessen.“ ( SPIEGEL ONLINE, 9.6.2005)
  • „In Italien und Spanien waren die Google-Fahrzeuge bereits unterwegs, auch in Frankreich waren die mit Laser-Scannern ausgestatteten Vehikel schon zu sehen.“ (“ taz„, 26.05.2008)
  • „Mit Autos, auf deren Dächern Kameras angebracht sind, fahren Google-Mitarbeiter seit vier Jahren umher; Laser vermessen die Dimensionen, die Kameras machen dreißig Bilder pro Sekunde, aus denen das digitale Panorama erwächst, das jeder im Internet ansehen kann.“ (“ Frankfurter Allgemeine Zeitung„, 26.2.2010)

Dass Google diese Daten sammelt, weiß also nur derjenige nicht „genau“, der auf eine Recherche verzichtet. Vielleicht liegt das am Schirrmacher-Syndrom, vielleicht aber auch an dem seit Monaten gepflegten Google-Reflex: Jede Ankündigung, Panne oder Produktvorstellung des Unternehmens wird in der Debatte in ein klares Raster eingeordnet. Böse oder gut.

Viel Wut, wenig Fakten

Eine differenzierte Einschätzung zieht den Zorn beider Fraktionen auf sich. Das hat die Berichterstattung zur Datenpanne des Konzerns gezeigt. Am vergangenen Freitag gab Google zu, jahrelang in den Street-View-Fahrzeugen Fragmente aus dem Datenverkehr ungesicherter Funknetze mitgeschnitten zu haben. Den Artikel auf SPIEGEL ONLINE dazu kritisierten Freunde und Feinde Googles in E-Mails gleichermaßen empört.

Nun hat die Staatsanwaltschaft in Hamburg nach einer Anzeige Ermittlungen aufgenommen. Und das Geschrei geht wieder los, manche Kommentatoren sehen die Aufnahme von Ermittlungen als Beleg für „kriminelle Machenschaften“, die eine Nachrichtenagentur Google unterstellte.

In dieser Hysterie ist die Einschätzung des Hamburger Oberstaatsanwalts Wilhelm Möllers eine wohltuende Ausnahme. Er kommentiert die Lage so: „Wir sind so früh im Fall, dass wir den Anfangsverdacht überhaupt erst verfestigen müssen.“ Eine feste Meinung zu etwas zu haben und sie auf jedes neue Ereignis lautstark anzuwenden, bringt nie einen Erkenntnisgewinn.

Empörung bringt selten Erkenntnisgewinn

Abseits des Freund-Feind-Schemas hat der Berliner Informatiker Kristian Köhntopp Googles Funknetz-Datenpanne nach einer langen Analyse so zusammengefasst: Die von Google zur Erfassung der W-Lan-Daten eingesetzte Software folge „der Struktur, die die Technik und der W-Lan-Standard der IEEE vorgeben“. Das gewählte Vorgehen sei darum logisch und vernünftig, aber zu Googles Pech „in Deutschland illegal“.

Köhntopp: „Die Erklärungen, die Google für das Entstehen des Fehlers gegeben hat, sind im Kontext der Standards und im Vergleich mit anderer Software, die ähnliches leistet, konsistent und schlüssig. Der Fehler, der zu dem Problem geführt hat, ist naheliegend.“

So etwas schreibt ein Informatiker an einem halben Tag. Politiker haben wissenschaftliche Mitarbeiter, die sich tage- und wochenlang mit solchen Fragen beschäftigen könnten. Und doch fällt Amtsträgern von der CSU-Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner bis zum grünen Justizsenator Hamburgs Till Steffen seit Monaten zum Thema Datenschutz und Internet nichts anderes ein, als immer wieder zu betonen, wie gefährlich die Unternehmen Google und Facebook sind.

Darum können sich die Datenschutzbeauftragen sehr gut alleine kümmern.

Für die Politik gibt es viel grundsätzlichere Probleme: Das Datenschutzrecht in Deutschland ist auf Internetgeschäftsmodelle wie soziale Netzwerke nur schwer zu übertragen. Die meisten Paragrafen wurden formuliert, als man unter einem sozialen Netzwerk die Eckkneipe verstanden hat. Es wäre an der Zeit, die Vorteile und Nachteile, die Chancen und Risiken neuer Technik abzuwägen und zu überlegen, welche Regeln da in Deutschland gelten sollen.

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