Ärger mit der Alltagstechnik: Word rät Buchhaltern zum Beischlaf (21.6.2010)

Ärger mit der Alltagstechnik

Word rät Buchhaltern zum Beischlaf

Was meint das Handbuch bloß mit „Unruheschießerei“? Wer hat den Tankdeckel bei meinem Mietwagen versteckt? Und warum fordert Microsofts Schreibsoftware Controller zu sexuellen Handlungen auf? SPIEGEL ONLINE erklärt merkwürdige Fehlfunktionen und Kuriositäten der Alltagstechnik.

Spiegel Online, 21.6.2010

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Regina Rullmann achtet auch bei privaten E-Mails auf perfekte Orthographie. Also wirft die SPIEGEL-ONLINE-Leserin die Rechtschreibprüfung auch im E-Mail-Programm Thunderbird an, wenn sie ein paar Zeilen an Bekannte schreibt. Als Diplom-Übersetzerin weiß Rullmann, dass sich das lohnt. Manchmal landet ja doch ein Buchstabe an der falschen Stelle, zum Beispiel „Zuahsue“ statt „Zuhause“. Thunderbirds Korrektursoftware erkennt den Fehler, hat aber merkwürdige Verbesserungsvorschläge: „Kisuaheli“ etwa, oder „Zuarschen“ oder „Zusahnen“.

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Grund für die exotischen Eingaben: Die Korrekturroutinen wissen dank Wortlisten, welche Ausdrücke richtig sind. Und bei jedem Wort im Text, das nicht in der Liste auftaucht, berechnen sie die Wahrscheinlichkeit, was denn gemeint sein könnte. Wenn „Zuhause“ in der Liste fehlt, ist dann eben manchmal „Kisuaheli“ dran.

Solche Technikmacken können ganz schön nerven. Manchmal aber haben sie auch einen gewissen Unterhaltungswert. SPIEGEL-ONLINE-Leser haben eifrig allerlei Pannen zusammengetragen. Eine erste Sammlung der Fehlfunktionen ist bereits in Buchform erschienen (siehe Kasten links).

Aber es kommen immer noch viele neue, bemerkenswerte Vorschläge von der Leserschaft hinzu. Zeit also für ein kurzes Update der witzigsten Geräte- und Software-Wirrungen.

Versteckte Tankdeckel, verborgene Netzschalter und merkwürdige Lebensweisheiten aus Anleitungen – SPIEGEL ONLINE dokumentiert kuriose Technikpannen:

Warum abgeschaltete Geräte leuchten

In seinem Wohnzimmerregal hat SPIEGEL-ONLINE-Leser Michael Fonfara das ganze Jahr über Weihnachtsbeleuchtung: „Der Blu-ray-Player leuchtet mit einem roten Kreis, der Beamer in Blau, der DVD-Player in Grün.“ Dabei sind alle Geräte nicht in Betrieb. Fonfara fragt sich nun: „Warum haben immer mehr Geräte eine LED, um zu zeigen, dass sie ausgeschaltet sind?“

Die Antwort ist simpel: Es liegt daran, dass die Geräte gar nicht ausgeschaltet sind. Ingenieur Jürgen Ripperger vom Prüf- und Zertifizierungsinstitut des Verbandes der Elektrotechnik und Elektronik (VDE) erklärt: „Die Leuchtdioden an Fernsehern, DVD-Playern und ähnlichen Geräten leuchten, wenn die Geräte im Stand-by-Betrieb laufen.“ So eine Funktion ist vorgeschrieben. Ripperger: „Laut einer EG-Richtlinie muss ein Gerät den Benutzer darüber informieren, wenn es noch am Netz ist.“

Der Vorschrift könnten die Hersteller durch einen Hinweise im Handbuch nachkommen, dass das Gerät Strom verbraucht, solange es am Netz hängt. Oder sie bauen eben ein kleines LED-Signal ein – was zur besagten Weihnachtsbeleuchtung führt.

Eine ganz andere Möglichkeit gibt es natürlich auch: Einen auffälligen Netzschalter an der Unterhaltungselektronik, der das Gerät nicht nur in den Stand-by-Modus schickt, sondern gleich vom Stromnetz trennt.

Sag mir, wo die Netzschalter sind

Nun stellt sich die Frage, ob Hersteller etwas dagegen haben, dass man ihre Fernseher, DVD-Player, Stereoanlagen abschaltet? Den Verdacht hat SPIEGEL-ONLINE-Leser Christoph Lang. Er beklagt, dass viele Elektro- und Elektronikgeräte einen Ausschalter haben, der „so erfolgreich versteckt und so klein dimensioniert ist, dass man ihn nur nach mehrminütiger Suche findet“.

Ingenieur Jürgen Ripperger vom VDE erklärt das mit Designzwängen: „Die Ausschalter werden kleiner, weil die Geräte heute schlanker sind. Unterhaltungselektronik schrumpft, und da ist einfach weniger Platz für Schalter an Fernsehern und DVD-Playern.“ Letzten Endes sei es eine Designentscheidung, wie groß die Schalter werden und wo sie sich befinden.

Aber, das räumt Ripperger auch ein, oft sei es den Entwicklern ganz recht, wenn die Nutzer ihre Fernseher, Set-Top-Boxen, digitale Videorecorder und DVD-Player gar nicht ausschalten, sondern nur zum Schlummern bringen. Bei der Gestaltung der Ausschalter gehen laut dem VDE-Ingenieur die Designer heute „eher davon aus, dass die Geräte regelmäßig im Stand-by-Betrieb laufen, statt ganz ausgeschaltet zu werden“.

Das habe gerade bei modernen Fernsehern und Zubehör Geschwindigkeitsvorteile, weil so zum Beispiel die „elektronische Programmzeitschrift EPG im Hintergrund geladen wird und dem Nutzer sofort bereit steht“. Außerdem können im Stand-by-Modus wichtige Software-Updates geladen werden, so dass „der Nutzer nicht lange darauf warten muss, wenn er fernsehen will“.

Wer seine Unterhaltungselektronik komplett vom Stromnetz trennt – das geht zum Beispiel mit einer Steckdosenleiste mit Netzschalter -, hat noch ein anderes Problem: Hochmoderne HD-DVD- und Blu-ray-Player brauchen oft eine knappe Minute bis zum Filmstart, ältere DVD-Abspieler nur 15 Sekunden. Die modernen Abspieler laden beim Start nämlich ein oft vergleichsweise umfangreiches Betriebssystem.

Der Fluch des Tankdeckels

Linke Seite, rechte Seite – wo kommt bloß das Benzin rein? Wer häufig mit Mietautos unterwegs ist, kennt das Problem: Tankdeckel sind bei manchen Modellen links, bei anderen auf der anderen Seite. Das Durcheinander folgt einer verborgenen Systematik. Die Positionierung hängt oft davon ab, für welchen Markt das Modell zuerst entwickelt wurde. Die Frage ist: Wurde das Auto für Fahrer in einem Land mit Linksverkehr (Japan, Großbritannien) gebaut oder für eines mit Rechtsverkehr.

Arnulf Thiemel von der ADAC-Fahrzeugtechnik erklärt: „Die Rechtslenker-Ausführungen dieser Fahrzeuge werden aufgrund des damit verbundenen Aufwands meist nicht umkonstruiert.“ Dass der Tank in Staaten mit Linksverkehr links ist, hat einen Grund: Wenn der Wagen am Straßenrand liegenbleibt, kann er mit dem Reservekanister auf der ungefährlicheren, dem Verkehr abgewandten Seite betankt werden.

Das kann man sich gut merken. Schwieriger ist es indes, den Tankdeckel zu öffnen, wenn man das Fahrzeug nicht kennt. SPIEGEL-ONLINE-Leser klagen über verschiedene Verstecke für die Entriegelung, die alle nur eins gemeinsam haben: Sie sind ohne Handbuch kaum aufzuspüren.

ADAC-Experte Thiemel kennt das Problem: „Der Mechanismus zum Entriegeln des Tankdeckels ist bisher nicht genormt.“ Und er kennt alle Verstecke: „Fummelige Hebel im Fußraum oder an der B-Säule oder unter dem Lenkrad oder versteckte Taster in der Mittelkonsole oder in der Türverkleidung.“

Es gibt auch eine sehr einfache und intuitive Lösung: Tankdeckel, die man nur ein wenig hineindrücken muss, so dass sie aufspringen, die aber trotzdem beim Absperren von der Zentralverriegelung miterfasst werden.

Schlüpfrigkeiten bei der Word-Korrektur

Die eingangs beschriebenen seltsamen Vorschläge der Rechtschreibkontrolle kennen auch die meisten Word-Nutzer. Auch SPIEGEL-ONLINE-Leser Michael Fischer hat damit seine Erfahrungen gemacht.

Wenn er das Verb kontieren, das in der Buchhaltung bedeutet, dass man eine Buchung einem bestimmten Objekt zurechnet, in Word eintippt, rät ihm die Software zu dieser vermeintlich richtigen Alternative: koitieren. Beischlaf statt Buchung, danke Word!

Es droht eine Unruheschießerei

Einige Leser mögen sich noch erinnern: Früher sorgten mies übersetzte Bedienungsanleitungen für Frohsinn und allerlei Lacher. Heute passiert es nicht mehr so oft, dass ein Unternehmen die Handbücher für seine Produkte von einer Übersetzungssoftware ins Deutsche übertragen lässt ohne dass ein Sprachkundiger den Text liest und korrigiert.

Schade eigentlich, denn nun mangelt es am unterhaltsamen Maschinengestammel. Zum Beispiel diese Anleitung für ein Kühlaggregat, die Michael Wahl entdeckt hat (siehe unten). Das Handbuch rät zum Thema „Unruheschießerei“ zum Beispiel dies: „Unverbinden sofort den Stecker vom Normalsteckdose und prüfen!“ Zwei allgemeine Lebensweisheiten stehen noch im Handbuch: „Die Steckdosen kann sehr gemein mit dem verbrennten Tabak werden.“ Und: „Wenn sein Kühlschrank-Stecker sehr warm in der Feuerzeug-Steckdose bekommt, braucht die Steckdose den Putz.“

Was damit im englischen Originaltext einmal gemeint sein mag – wortwörtlich ist das nicht mehr zu rekonstruieren. Außer bei der „Unruheschießerei“. Die soll wohl das deutsche Gegenstück zum „Troubleshooting“ sein – also eine Anleitung zum Abstellen von Technikärger. Der Rest bleibt ein wohl nie lösbares Rätsel.

{jumi [*5]}