Echtzeit-Angebote: Wie Apple und Co. zu Einkaufsberatern mutieren (Spiegel Online, 9.7.2010)

Echtzeit-Angebote

Wie Apple und Co. zu Einkaufsberatern mutieren

Das Angebot der Woche? Das Angebot der Sekunde! Web-Riesen wie Apple, Groupon und Twitter entwerfen neue Werbeformen für Händler. Per Einkaufs-iPhone oder Kurznachricht sollen sie gezielt Kunden ansprechen, die Werbeprospekte nur aus dem Briefkasten fischen, um sie wegzuwerfen.

Spiegel Online, 9.7.2010

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Früher gab es einen Aldi-, einen Real- und einen Tchibo-Tag. Einmal in der Woche landeten in Millionen deutscher Briefkästen die aktuellen Prospekte der großen Handelsketten mit Kurzzeitangeboten. Da wurden italienische oder asiatische Wochen ausgerufen und Themenwelten gebastelt, da gab es besonders günstige Notebooks, Grillgarnituren oder Staubsauger.

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Diese Prospekte gibt es immer noch, auch wenn viele Händler ihre Wochenangebote auch in E-Mail-Newslettern bewerben und in Netzläden vertreiben. Nun drängen neue Akteure in das Vermittlergeschäft: Konzerne wie Apple und junge, aber reichweitenstarke Web-Unternehmen wie Twitter wollen Händlern mit neuen Werbeformen Käufer zuführen. Die Geschäftsmodelle sind unterschiedlich, die Grundvoraussetzung aber immer dieselbe: Die Web-Riesen bieten Händlern Zugang zu potentiellen Kunden, die ein gewisses Grundinteresse an den Angeboten haben.

SPIEGEL ONLINE stellt einige Anbieter vor.

Apples Einkaufs-iPhone

Ein nun beim US-Patentamt einsehbarer Patentantrag Apples beschreibt ein solches Modell sehr anschaulich: Apple will über ein iPhone mit Nahfunk-Technik (RFID) den physischen Verkaufsraum ins Digitale erweitern. Der Patentantrag auf eine Methode „zum Anbieten von Inhalten zu einem Produkt oder Dienst“ geht weit über das bloße Verkaufen hinaus. Da geht es auch darum, dass man im Supermarkt neben dem Gemüsestand Rezepttipps zu den einzelnen Leckereien auf dem iPhone angezeigt bekommt.

Für den Handel beschreibt Apple diese Idee für das iPhone als Einkaufsberater:

  • Ein iPhone-Besitzer läuft an einem Restaurant oder Laden vorbei, sieht auf dem Display ein aktuelles Angebot nur für Nutzer wie ihn – ein günstiges Tagesmenü zum Beispiel, das man gleich per Telefon buchen kann.
  • Der Nutzer hört in einer Bar Musik, die ihm gefällt und kann sie direkt via iPhone erwerben.
  • Wenn der Nutzer mit dem Barcode-Scanner (sprich: der Kamera des Telefons und einer speziellen Anwendung) eine Werbeanzeige aufnimmt, zeigt der Apple-Dienst ihm aktuelle Angebote und Preise zu dem dort beworbenen Produkt.

Diese Beispiele sind – so steht es im Patentantrag – „nicht die einzig denkbaren“. Auf Basis der von Apple beschriebenen Kombination aus Nahfunk und Barcode-Scannern könnte ein völlig neues Werbesystem entstehen. Die Technik ist dabei nicht besonders überraschend. Interessant ist an den Apple-Ideen vielmehr, dass damit eine Kombination aus der nötigen Hard- und Software mit einem Schlag bei Millionen von iPhone-Besitzern verfügbar würde. Diese Echtzeit-Angebotsplattform hätte drei Besonderheiten gegenüber klassischer Angebotswerbung:

  • Die Zielgruppe ist durch das Medium vorselektiert – iPhone-Nutzer dürften für viele Händler interessant sein. Apple dient Werbekunden die iPhone-Besitzer als Zielgruppe mit diesen Worten an: „eine extrem attraktive demografische Gruppe“, sie „setzen Trends in ihrem Umfeld“ – und so weiter. Vielleicht können Einzelhändler über eine solche Echtzeitangebotsplattform Kunden erreichen, die keine Prospekte lesen.
  • Die Angebote erreichen Menschen mit einem Grundinteresse. Wer vor einem Laden steht oder gerade ein Musikstück hört, wird mit höherer Wahrscheinlichkeit auf ein Angebot eingehen als jemand, der in seinem digitalen oder analogen Postkasten eine Werbenachricht findet.
  • Echtzeitangebote können sehr schnell geändert, angepasst werden. Händler können auf aktuelle Ereignisse (und sei es nur das Wetter), auf Kundenströme und Nachfrageschwankungen reagieren.

Twitters Rabattrampe

Das Prinzip ist simpel und erprobt: Wie beim Angebot der Woche diverser Supermarktketten verspricht Twitter den Nutzern seines “ Earlybird„-Dienstes besondere Angebote, die nur für kurze Zeit gelten und sonst nirgends beworben werden. Wer daran interessiert ist, folgt einfach dem Rabatt-Twitterkonto – drei Tage nach der Ankündigung dieses neuen Vertriebskanals sind das immerhin schon 25.000 Twitter-Nutzer.

Der Vorteil dieses Modells:

  • Anders als bei womöglich einfach so eingeblendeten Werbebotschaften entscheiden sich Kunden bewusst dafür, diese Angebote zu erhalten – Twitter schützt sich damit vor verärgerten Nutzern, die Werbung wird als nützlich, nicht als störend wahrgenommen.
  • Wenn die Leser Angebote weiterempfehlen (per Retweet), gewinnen die werbenden Händler kostenlos Botschafter – ein Angebot, das ein Bekannter empfiehlt, liest man eher als eins, das einfach so irgendwo steht.
  • Bei Erfolg ist der Mechanismus fein skalierbar – bezogen auf bestimmte Regionen oder bestimmte Ereignisse.

Gruppenrabatt-Portale

Die Geschäftsidee ist bestechend simpel: Ein Händler bietet auf einer Plattform ein Produkt zu einem günstigen Preis an. Zu kaufen gibt es die Ware zu dem Betrag aber nur, wenn in einer bestimmten Zeit eine bestimmte Menge an Käufern zuschlägt. Der Vorteil für den Händler: Er kann ohne Risiko ein Angebot kalkulieren, dass sich erst ab einem bestimmten Umsatz rechnet. Außerdem locken solche Aktionen neue Käufer in die Online- oder Ladengeschäfte der Anbieter.

Groupon, der größte US-Betreiber einer solchen Vertriebsplattform, hat im Mai das deutsche Gegenstück Citydeal übernommen, das Unternehmen will den Markt in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien aufrollen. Die Plattform funktioniert nicht nur als Billiggarant. Groupon-Gründer Andrew Mason beschrieb in einem CNN-Interview den Reiz vieler Angebote so: Es gibt nicht nur Rabatte für Dinge, die Nutzer ohnehin haben wollen. Sondern auch für „Dinge, die Kunden immer schon ausprobieren wollten und bei uns zu einem Preis sehen, dem sie nicht widerstehen können.“ Seine Beispiele: Panball, Fallschirmsprünge, Akupunktur.

Vor-Ort-Angebote

Eine Mischung aus dem Apple- und Twitter-Modell für neue Werbewege bieten Dienste wie Foursquare oder Gowalla, bei denen Nutzer sich über eine Anwendung für ihre Mobiltelefone an bestimmten Orten regelmäßig anmelden können. Wer zum Beispiel jeden Tag im selben Café ein Brötchen isst und sich dabei jedes Mal per Mobiltelefon mit einem der ortsbezogenen Dienste dort als Anwender meldet, wird dafür irgendwann mit einem Phantasietitel wie „Bürgermeister“ belohnt. Den behält man aber nur so lange, bis ein anderer Nutzer noch häufiger denselben Ort besucht hat.

Für Händler ist das interessant, weil sie so über besondere Angebote bei Foursquare und Gowalla Nutzer belohnen können, die besonders häufig ihr Café oder Ladengeschäft aufsuchen – ein Freibier für den Bürgermeister!

Facebook fehlt

Diesen Markt könnte Facebook aufrollen. Das soziale Netzwerk soll bald eine Funktion anbieten, mit der Mitglieder in Statusmitteilungen automatisch auch ihren Standort angeben können. Mit seinen mehr als 500 Millionen registrierten und sehr aktiven Mitgliedern, die größtenteils ihren Freundeskreis auch im Facebook-Netz um sich scharen, könnte das soziale Netzwerk leicht eine Kombination der Angebotsformate von Foursquare und Groupon schaffen.

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