Einmann-Label Audiolith: „T-Shirts kannst du nicht einfach runterladen“ (Spiegel Online, 17.8.2010)

Einmann-Label Audiolith

„T-Shirts kannst du nicht einfach runterladen“

Sieben Jahre Arbeit, 1200 Euro im Monat: Lars Lewerenz, 33, erzählt, wie er das Elektropunk-Label Audiolith aufgebaut hat. Ohne den Kontakt zu Fans übers Netz hätte das nie geklappt. Audioliths sicherste Einnahmequelle ist der Verkauf von T-Shirts – denn die kann man nicht runterladen.

Spiegel Online, 17.8.2010

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Zum Special auf Spiegel Online (Interaktive Grafik, Statistiken, Hörproben, O-Ton-Protokolle):

musikgeschft

 

Das Label hat nebenbei angefangen: Ich veröffentlichte 2003 eine Single von Freunden. Ich hatte damals einen festen Job als Betreuer, gelernt habe ich Anlagenmechatroniker und Erzieher. Ich betreute damals einen Schwerbehinderten und verdiente 960 Euro im Monat, machte Musik und dann immer mehr Produktionen nebenbei und steckte da mein Geld rein.

Ich hatte nie einen Haufen Geld als Startkapital. Ich hab etwas von meinem Geld genommen, Platten gepresst, CDs gepresst, rumgeschickt, und dann wurde das immer größer. Klar, meine Freundin hat mir auch mal ein paar tausend Euro geliehen, die sie zurückgekriegt hat. Ich habe nie Schulden gemacht. Über die Jahre sind die Stückzahlen gewachsen: Wir legen zwischen 500 und 1000 LPs von jeder Veröffentlichung auf und zwischen 1000 und 6000 CDs. Plus MP3-Verkäufe.

Vor zweieinhalb Jahren habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr vor allem Musik mache, sondern Musik verkaufe. Ich habe da eine Existenzgründung gemacht, mir war da klar, dass das ein Job ist, dass ich mehrere Positionen gleichzeitig habe – A&R, Promoter, Produktmanager, all das, was bei großen Labels aufgeteilt ist. Seit zwei Jahren gehe ich von montags bis freitags fürs Label arbeiten, ich mache keinen zweiten Job mehr. Am Wochenende betreue ich Bands oder lege als DJ auf, die Gagen dafür fließen dann auch ins Label.

Fixkosten: Jeden Monat 2500 Euro reinbekommen

Mein Arbeitstag, das sind Sachen wie Buchhaltung, Steuer, Krankenversicherung, Lizenzabrechnung, Jahresplanung, wann kommt was wie raus, welche Singleauskopplung wird es geben, welches T-Shirt-Design machen wir mit welchem Gestalter, plus den ganzen Wahnsinn, den man sich nebenher ausdenkt, um im Gespräch zu bleiben. Ich zahle mir 1200 Euro im Monat aus. Ich habe einen freien Mitarbeiter, der kriegt 800, der Praktikant kriegt 100, das Büro kostet 300. Internet, Telefon und so was kommt noch dazu. Damit sich das trägt, muss man jeden Monat zwischen 2500 und 3000 Euro einnehmen.

Ich hab Kalkulationen immer Pi mal Daumen gemacht und auch viel Geld in den Sand gesetzt. Bei meinem Vertrieb stehen immer noch 5000 Tonträger von Veröffentlichungen rum. Ich habe 85 Veröffentlichungen gemacht, da bleibt schon was liegen. Das ist das Risiko: Man produziert vorab und hat dann schlimmstenfalls totes Kapital. Wir haben letztens Inventur gemacht, LPs, CDs und T-Shirts. Da hatten wir einen Warenwert von 30.000 Euro, der einfach rumliegt.

Aber CDs und Vinyl muss man machen. Es gibt noch genug Leute, die das gerne kaufen. Bei Vinyl hast du die kleinste Marge, bei CDs ist die besser, bei MP3 sehr gut. Wenn ein Song bei iTunes 99 Cents kostet, schicken die 71 an den Vertrieb raus, und ich krieg dann 50. Das ist bei den Portalen natürlich unterschiedlich, wenn das Flatrate-Dinger sind wie Napster, da kriegst du nur ein paar Cents. Aber das ist ja besser als gar nichts.

Einnahmen: 1700 Euro Gewinn mit T-Shirts

Das Label finanziert sich über die Mischung aus Musikverkauf, Urheberrechtsverwaltung über den Verlag, da versuchen wir das Repertoire der Künstler unterzubringen in Film, Fernsehen, in Werbung als Hintergrundmusik und so etwas. Und das Merchandise-Geschäft, das ist sehr groß. Die Leute kaufen wie wild T-Shirts. Die kannst du auch nicht runterladen, das ist unersetzbar. Da bedrucken wir jetzt so 100 Prozent ökologische Earth-Positive-Dinger, die kosten 5 bis 6 Euro im Einkauf, die verkaufen wir für 15. Nettogewinn von sieben Euro bei den Label-T-Shirts. Von den neuen Audiolith-T-Shirts haben wir in zwei Wochen 250 Stück verkauft. Das funktioniert, weil die Leute sich mit dem Label identifizieren.

Wir machen für Bands auch ungewöhnliche Sachen – Jutebeutel, Aufnäher, Schlüsselbänder, sogar Spiegel. Bei Merchandise wie den Bandshirts und Tonträgern haben wir mit den Bands einen 60/40-Deal nach Break-Even. Wenn alle Ausgaben drin sind, bekommt das Label 60 Prozent, aber nur bei Sachen, die wir über unseren Shop direkt verkaufen. Merchandise für Konzerte kriegt die Band zum Einkaufspreis von uns, und sie behalten den Gewinn komplett.

Live-Auftritte sind heute sehr, sehr wichtig für den Namen, die Verkäufe, Einnahmen. Jeder kann heute ein Album pressen. Es geht nicht nur um die Musik, live ist ein Teil von dem Ding. Die Bands müssen das Commitment geben, dass sie sich den Arsch abspielen. Man muss jedes Jugendzentrum und jede verpisste Matratze gesehen haben. Das muss man stetig aufbauen, das dauert Jahre. Das ist wichtig, auch damit eine Band weiß, woher sie kommt. So war das bei der Band Frittenbude am Anfang, die sind mit der Regionalbahn zu Konzerten gefahren, habe ihre Verstärker in die Bahn mitgeschleppt. Das nimmt denen keiner mehr.

Der Job des Labels ist: gute Leute an den Start bringen und denen den Rücken freihalten. Wenn es heute heißt, jetzt braucht keiner mehr Labels, weil man es ja selbst direkt bei iTunes einstellen kann – ja, dann macht das doch! Mach deinen eigenen Webshop, mach deine eigene Promo, bemustere die ganzen Blogs und Magazine doch, aber schimpf nicht auf die Labels. Und Alter, wenn deinen Scheiß keiner hören will, dann will den auch keiner hören.

Das Netz: „Wir müssen Geld verdienen, um ein gutes Produkt zu liefern“

Das Netz hat uns sehr geholfen, das Label aufzubauen. Die Leute auf dem Land kennen uns aus dem Netz. Ein Album rausbringen, das reicht nicht. Man muss neue, ungewöhnliche Sachen machen, auf die die Leute abfahren, da läuft viel über Mundpropaganda. Wichtig ist das Audiolith-Street-Team-Blog. Das macht eine Kollegin von mir ehrenamtlich, weil sie Bock hat, uns zu unterstützen. Da bieten wir Leuten an: Wollt ihr über ein Konzert schreiben, Fotos machen? Wir setzen euch auf die Gästeliste. Wollt ihr Sticker? Schicken wir. Da gibt’s viel Angriffsfläche zum Mitmachen. Mach ein T-Shirt-Design für uns, komm im Büro vorbei, trink ein Bier mit uns.

Ich kann dieses ganze Krisengerede nicht hören. Jetzt mal ehrlich, die großen Labels haben durch den Formatwechsel von Vinyl auf CD so viel Asche gemacht… Klar, jetzt bricht das alles weg. Aber wenn es einfacher ist, einen Rapidshare-Link anzuklicken, als einen Song zu kaufen, dann ist das so. Da mache ich den Leuten keinen Vorwurf. Andererseits, wenn mir einer erzählt, dass er unser Zeug gut findet und alles gesaugt hat, dann muss man das den Leuten sagen: Wenn ihr denkt, alles ist für alle da und zwar umsonst, dann habt ihr euch geschnitten. Das ist ein Unternehmen, wir müssen Geld verdienen, um euch ein gutes Produkt zu liefern.

„Du musst weniger Geld raushauen als früher“

Aber das geht. Du kann mit No-Budget oder Low-Budget Sachen nach vorne bringen, die die Leute berühren. Man braucht nicht die Plakatkampagne für 20.000 oder so viel Euro. Du musst weniger Geld raushauen als früher und mehr verdienen als du ausgibst.

Klar macht das Netz auch Sachen kaputt. Der stationäre Handel bricht weg. Ich glaube, ein paar kleine gute Plattenläden werden vielleicht überleben, wenn sie Online-Mailorder machen. Das ist schade, aber hey – wenn du 24 Stunden sieben Tage die Woche online Musik hören kannst oder bei Amazon etwas bestellst und das wird dir ab 20 Euro portofrei geschickt – ist doch klar. Das ist halt so.

Den Unterschied zwischen einer MP3 mit 320 Kilobit und einer CD, den hört doch eh niemand. Es gibt natürlich Freaks, die haben den dicken Plattenspieler mit der goldenen Nadel, aber das sind die wenigsten. Die Leute wollen es auf ihrem iPod beim Joggen hören oder mit dem Laptop an der Anlage. Und warum sollte sich jemand ein Album kaufen, der nur ein, zwei Songs gut findet? Das ist natürlich eine Peitsche für den Künstler, der vielleicht ein Konzeptalbum geschrieben hat. Aber das ist Revolution, ne?

Special digitale Musik

Wie sich der Musikkonsum geändert hat, weiß jeder Nutzer aus eigener Erfahrung. Wie sehr die großen Musiklabels über die Krise und Raubkopien klagen, liest man überall. Aber wie erleben Musiker, Labelgründer und Booker den Wandel? Jene Mehrheit im Musikgeschäft, die keine Millionen verdient und unabhängig von Casting-Shows, Marketing-Budgets und Fernseh-Kooperationen Musik macht?

Meine ersten beiden Platten habe ich beim kleinen Independent-Label Hotel van Cleef gemacht. Dann wollte ich meine Studiomusiker bei der dritten Platte auch mal richtig bezahlen, das Album richtig mischen. Die ersten beiden wurden am Heim-Rechner für ungefähr 3500 Euro gemacht. Und dann haben wir die dritte bei der EMI mit vielen Gastmusikern wie zum Beispiel einem 16-köpfigen Streicherensemble für eine fünfstellige Summe produziert. Das ging von meinem Vorschuss ab. Ich fand den Vorschuss ansehnlich, Bands aus den Neunzigern lachen darüber, aber das war eine andere Zeit. Von dem Betrag habe ich meine Musiker bezahlt, den Produzenten und natürlich versuchst du, so viel wie möglich privat zu behalten. Da ist eine kleine Summe übrig geblieben.

Die genauen Verkaufszahlen kenne ich nicht. Die erste Platte wird sich so 18.000 Mal verkauft haben, die zweite und die dritte bei der EMI-Tochter Labels weniger und die vierte bei der Sony Columbia Berlin bis jetzt 10.000 Mal. Und das, obwohl von Jahr zu Jahr mehr Leute zu meinen Konzerten kommen. Es ist halt immer einfacher, eine Tauschbörse anzuwerfen, das ist eine absolute Selbstverständlichkeit.

Live-Auftritte finanzieren den Unterhalt

Gagen für Live-Auftritte sind die wichtigste Einnahmequelle, davon bestreite ich im Moment meinen täglichen Unterhalt. Ich spiele so 50, 60 Konzerte jedes Jahr. Dann gibt es alle drei Monate eine Gema-Abrechnung. Wenn ich Glück habe, sind meine Songs im Radio gespielt worden, dann gibt es dafür Geld.

Wenn du deine Gema-Live-Bögen fleißig ausfüllst, gibt es für Auftritte auch Gema-Geld, und einmal im Jahr kommt noch die GVL-Abrechnung (siehe Glossar links) für die Zweitverwertungen der Aufnahmen, die ich als Musiker im Studio eingespielt habe und für Live-Auftritte, bei denen fürs Fernsehen gefilmt wurde. Das ist vergleichweise wenig. Ich mache auch noch viel kleines Zeug, Radio, Moderationen bei Veranstaltungen, Texte. Du nimmst auch Aufträge für Veranstaltungen an, wo du nicht unbedingt spielen möchtest. Ich habe auch Sachen wie die HR3-Silvesterparty 2008 in Kassel gemacht. Da gab’s eine tolle Gage. Aber du spielst da vor Leuten, die kein Interesse an dir haben.

2008 war extrem, da bin ich sechs Wochen am Stück getourt, weil ich mal in den Urlaub fliegen wollte. Ich hatte diesen Traum, durch die USA zu fahren mit einem Mietwagen für zwei Monate. Das habe ich damit finanziert, Urlaub brauchte ich dann aber auch. Trotzdem immer noch geil, wenn man überlegt: Du geht abends auf die Bühne und hast, wenn es gut läuft 1000 Euro. Okay, 15 Prozent kriegt dein Booker. Wenn du mit Band und viel Zeug unterwegs bist, gehen dann noch vielleicht 200 für den Wagen und so weg, du hast einen Schlagzeuger und einen Keyboarder zu bezahlen und vom Rest die Steuern. Aber was dann übrig bleibt, dafür gehen viele Leute eine Woche lang arbeiten. Deswegen bin ich niemand, der sich darüber beschweren würde. Das ist ein Leben, das man leben kann.

15 Prozent Anteil für die Booking-Agentur, 40 für den Musikverlag

Man darf sich heute nicht zu lange ausruhen auf einer erfolgreichen Tour. Du musst rechnen, was du machen willst, wie viel du investieren musst für Projekte, wie viel du zum Leben brauchst und woher du das Geld bekommst. Dieses Jahr wollte ich eigentlich komplett aussetzen. Man braucht mal eine Pause, das geht den Leuten ja auch irgendwann auf die Nerven, wenn man immer und überall ist. Aber ich mache doch ein paar Konzerte.

Ich bin Vater, ich hab eine kleine Tochter, ich muss mit den Einnahmen zurecht kommen wie jeder Freiberufler. In Berlin, wo ich wohne, geht das noch alles. Ich habe eine günstige Miete, ein günstiges Auto, für meine Krankenversicherung zahle ich bei der Künstlersozialkasse. Ich habe Sehnsucht nach Hamburg, ich bin hier in Eimsbüttel groß geworden, voriges Jahr habe ich eine Wohnung gesucht, aber nichts Bezahlbares gefunden.

Ich habe ein professionelles Booking, die kriegen 15 Prozent meiner Gagen. Und einen Verlag, der verwaltet meine Urheberrechte an den Songs und Texten, macht meine Gema-Abrechnung und kriegt dafür 40 Prozent der Einnahmen. Das ist eine leichte bürokratische Sache für die, aber du selbst würdest das nicht hinkriegen, so genau deine Gema-Bögen für jeden Auftritt auszufüllen. Die machen auch noch Radio-Promo, die kümmern sich darum, dass die Sachen gespielt werden, damit Gema-Geld rumkommt. Bei meinem Verlag ist das sehr individuell: Neulich brauchte ich schnell Geld, weil mein Wagen total kaputt war. Der Verlag hat mir binnen einer Woche genug für einen Gebrauchten überwiesen und das mit der nächsten Gema-Abrechnung verrechnet.

Produktionskosten: acht Songs auf eigene Rechnung

Die neue Platte habe ich erstmal auf eigene Rechnung angefangen. Ich weiß nicht, ob das auf dem Label etwas wird damit. Ist eine schwierige Situation gerade für so ein Album. Ich mache Gitarrenmusik. Keine Ahnung, wohin der Zeitgeist geht, aber viele fahren jetzt mehr auf Elektro ab als auf Gitarrenmusik, da musst du auch immer gucken, ob du im Zeitgeist deine Nische findest bei einem Label.

Wir machen eine Low-Budget-Platte. Akustikgitarre, Schlagzeug, wir spielen noch einen Bass ein. Da wirst du durch die wirtschaftlichen Zwänge und die technischen Möglichkeiten auch erfinderischer. Ich habe mir überlegt, ob ich die Platte komplett allein rausbringe. Da musst du Promo machen, da musst du dir ein Presswerk suchen, da musst du die Finanzierung machen. Du grübelst und denkst irgendwann: Ich will Musiker sein, nicht so sehr Geschäftsmann. Ich versuche das so weit wie möglich abzustoßen und mich auf die Musik zu konzentrieren. Wenn ich als Künstler jetzt ständig überlege: Wo bringe ich denn meine Platte raus? Was könnte jetzt ein massentauglicher Song sein? Das führt nirgends hin.

Beim Musikmachen versuche ich mir etwas zu bewahren, was mich als Kind und Jugendlicher glücklich gemacht hat. Auf Tour hast du die Gelegenheit: Da machst du eine Mix-CD für den Bus, dann hängst du ab, hörst Musik, quatschst darüber. Das kann dir schnell kaputt gemacht werden, wenn du ständig daran denkst, wie du damit Geld verdienen kannst.

Du musst pragmatisch sein, Sachen angehen, die dir vielleicht nicht so viel Spaß machen. Man kann ja nicht erwarten, dass der Traum wahr wird, einfach nur Musik zu machen. Man muss die Zeichen der Zeit erkennen. Ich liebe Musik, das ist meine Berufung, aber ich habe da auch keine Skrupel, einen anderen Job zu machen, wenn ich einmal merke, jetzt wird es wirklich gefährlich, jetzt kann meine Familie nicht mehr davon leben.

Ein alter Freund von mir, mit dem ich gestern was trinken war, ist Hörgeräte-Akustiker. Der ist glücklich, verdient gutes Geld. Wenn mir jetzt einer einen Job als Hörgeräte-Akustiker anbietet – ich weiß nicht. Würde ich vielleicht machen.

Audiolith by Audiolith 

SPIEGEL ONLINE hat die Kleinen und Mittelgroßen der Branche gefragt, was sie aus der Krise machen und protokolliert, wie man heute von Musik lebt.